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»Ich halte mich nicht für bedeutend«

aus DER SPIEGEL 32/1972

SPIEGEL: Was verspricht sich der sozialdemokratische Bundestagskandidat Conrad Ahlers vier Monate vor Neuwahlen von seinem Privatkrieg gegen die Jungsozialisten?

AHLERS: überhaupt nichts -- auch keine Profilierung. Ich habe diese Konfrontation weder gesucht noch gewollt, und das ist auch der Grund. weshalb ich sie jetzt nicht fortsetzen will. Sie ergab sich ja einfach daraus. daß die Jungsozialisten in meinem Wahlkreis in Abstimmung mit dem Bundesvorstand der Jusos -- meine Kandidatur blockieren wollen. In einer solchen Lage ist man gezwungen, zu reagieren und sich zu wehren.

SPIEGEL: Aber es geht doch uni die Art und Weise, wie Sie reagiert haben. Sie haben die Jusos »Spätentwickler« genannt, die »das Stadium des Erwachsenseins nicht rechtzeitig erreicht haben«, ihnen »mittelalterliche Inquisition« bei der Kandidatenaufstellung vorgeworfen und die frage gestellt, ob die Jusos überhaupt an einem Wahlsieg der SPD interessiert seien.

AHLERS: Ich habe auf die noch sehr viel härteren Attacken der Jusos und ihrer Hintermänner reagiert. Erst hat man mich einen unsicheren Kantonisten genannt, und dann hat man in bezug auf mich die Frage gestellt, ob nun nicht Gefahr bestehe, einen neuen Günther Müller oder Herbert Hupka in den Bundestag zu bekommen. Davon kann nun wirklich keine Rede sein. Ich werde die SPD nicht verlassen, was auch passieren möge.

SPIEGEL: Und was ist mit der »mittelalterlichen Inquisition«?

AHLERS: Da kann ich nur auf den Fragenkatalog der Jusos zur Kandidatenaufstellung verweisen. Das sind ja alles Fragen nut einer ganz bestimmten Tendenz. nämlich, daß derjenige, der nicht im Sinne der Fragesteller antwortet, für diese nicht akzeptabel sei, Ich bedaure. daß die Jusos zu meinen sachlichen Antworten auf ihre Fragen, in denen die unterschiedlichen Standpunkte deutlich wurden, keine Stellung genommen haben, sondern daß beide Seiten. und ich nehme mich da gar nicht aus, in eine etwas überzogene Polemik abgeglitten sind.

SPIEGEL: Was wollten Sie eigentlich mit der Auseinandersetzung erreichen? Wollte sich der Kandidat Ahlers auf Kosten anderer Genossen profilieren, oder glaubte er. damit seiner Partei angesichts der Wahlen nützen zu können?

AHLERS: Ich halte mich nicht für bedeutend genug, um sagen zu können. ich wollte der Partei nützen. [ch halte es allerdings für gut. daß auf diese Weise sichtbar geworden ist, wie reichhaltig heutzutage in der SPD die öffentliche Diskussion ist, Nur die Bandbreite der Meinungen bei der Aufrechterhaltung einer gemeinsamen politischen Grundeinstellung macht eine Volkspartei mit einer großen Breite an Mitgliedern und einer noch größeren Breite an Wählern vor der Öffentlichkeit attraktiv, Dies gilt insbesondere wegen der scharfen Generationsunterschiede in unserem Land,

SPIEGEL: Nun machen Sie es sich doch wohl zu einfach. Sie haben doch der Opposition hochwillkommene Wahlkampfmunition geliefert,

AHLERS: Dem kann ich nicht zustimmen. Die Argumentation der CDU/CSU läuft ja darauf hinaus. daß die SPD in Gefahr wäre, von der Strömung. die die Jungsozialisten verkörpern, übermannt zu werden. Gegenüber dieser Argumentation kann meine Position nur abwehrend wirken. Im übrigen besteht eine solche Gefahr nicht. Die inneren Auseinandersetzungen in der SPD haben ihre Wahlchancen nach meiner festen Überzeugung keineswegs gefährdet.

SPIEGEL: Trotz Schiller«?

AHLERS. Trotz des begrenzten Rückschlages durch den Fall Schiller besteht angesichts der Leistungen der Regierungskoalition kein Anlaß zur Depression. denn erfahrungsgemäß ist das Wählerverhalten über eine längere Strecke hinweg wesentlich stabiler als das, was man die öffentliche Stimmung nennt. Aber sicher ist das Bild einer mit sich ringenden Partei im Vorfeld eines Wahlkampfes nicht das richtige. Deshalb sollte man sieh nun auf den Kampf gegen die CDU/CSU konzentrieren.

SPIEGEL: Bleiben Sie bei dem Vorwurf. daß die Jungsozialisten nicht sonderlich am Wahlsieg der SPD im Herbst interessiert sind?

AHLERS: Ich habe diesen Vorwurf so nicht erhoben. Ich habe in einem Artikel die Frage gestellt, ob eine Gruppe. die im Vorfeld des Wahlkampfes gegenüber den eigenen Kandidaten oder Bewerbern für eine Kandidatur so operiert, wie die Jusos es tun, nicht in Wirklichkeit ein anderes strategisches Ziel verfolgt. Solche Überlegungen sind legitim. Der Juso-Vorsitzende hat das klar abgestritten, und das ist ein Wort, das auch ich respektiere.

SPIEGEL: Nun zanken Sie sich ja nicht nur mit Jungsozialisten. Sie gehen auch keinem Krach mit Kabinettskollegen und Parteifreunden aus dem Weg. Gehört das zu den Tagesgeschäften eines Regierungssprechers. oder steht da nicht vielleicht der SPD-Bundestagskandidat dem Regierungssprecher im Wege?

AHLERS: Ich glaube nicht, daß das eine das andere ausschließt. Ich bin -- auch im Interesse meiner Mitarbeiter -- den Weg der offensiven Verteidigung gegangen und halte ihn auch für richtig.

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