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»Ich hatte Todesangst«

Der von amerikanischen Agenten gekidnappte Imam Abu Omar, 47, über den Mailänder Prozess gegen seine Entführer
aus DER SPIEGEL 12/2007

SPIEGEL: Sie waren Opfer einer Entführung durch die CIA. Gegen die Agenten, die Sie in Italien geschnappt haben, beginnt Anfang Juni in Mailand ein Prozess. Sind Sie bereit, dort auszusagen?

Abu Omar: Ich würde in Mailand sogar gern auf der Klägerbank sitzen. Bisher sieht es aber nicht so aus, dass Ägypten mich ausreisen lässt.

SPIEGEL: Was könnten Sie denn aussagen?

Abu Omar: Die CIA-Leute waren sehr professionell, nicht ein Wort haben sie in meiner Gegenwart fallenlassen. Ich habe sie nur einmal gesehen: Nach der Autofahrt von Mailand zum Flughafen stellten sie mich auf die Füße, weil ich gefesselt war, schnitten mir meine Kleidung vom Leib, zogen mir eine Windel an. Dann steckten sie mich in eine Art Anzug und rissen mir kurz die Mütze vom Kopf. Ich sah acht Männer in beigefarbenen Kampfanzügen und schwarzen Tarnmasken. Es war nur eine Sekunde, dann blitzte ein Fotoapparat, und sie umwickelten meinen Kopf mit dickem Klebeband. Identifizieren könnte ich keinen von ihnen. Die wussten genau, was sie taten.

SPIEGEL: Wie haben die mutmaßlichen US-Agenten Sie behandelt?

Abu Omar: Für sie war nur wichtig, dass ich nicht sterbe, ansonsten behandelten sie mich wie ein Tier. Schon in dem weißen Kleinbus bekamen sie am Anfang Panik, dass sie mich durch ihre heftigen Schläge und Tritte zu sehr verletzt haben könnten. Ich lag röchelnd am Boden, verlor immer wieder das Bewusstsein. Sie wurden hektisch, einer inspizierte sogar meine Pupillen. Später im Flugzeug traten sie mich, als ich das Wasser, das sie mir eintrichterten, ausspuckte. Sie ließen mich die sieben oder acht Stunden auf dem Rücken gefesselt auf dem Flugzeugboden liegen. Ich hatte Todesangst.

SPIEGEL: Gefoltert wurden Sie von den Amerikanern nicht?

Abu Omar: Die Drecksarbeit haben die Ägypter übernommen. 14 Monate quälten die mich, legten mir Elektrokabel an die Genitalien, hängten mich in einer Einzelzelle tagelang an der Wand auf, trieben mich mit unerträglich lauter Musik fast zum Wahnsinn. Ich sah dort nie Amerikaner.

SPIEGEL: Im Mailand-Prozess werden nur Ihre Entführer angeklagt sein.

Abu Omar: Die werden wohl nicht kommen. Trotzdem wäre es ein wichtiges Symbol, wenn sie und ihre Vorgesetzten verurteilt werden. Was mit mir passiert ist, darf nie wieder geschehen. Sowohl Italien als auch die USA werde ich zudem von meinen Anwälten verklagen lassen. Ich will eine Entschuldigung und ein Schmerzensgeld von 20 Millionen Dollar.

SPIEGEL: Das Flugzeug, mit dem Sie entführt wurden, landete auch in Deutschland. Haben Sie davon etwas mitbekommen?

Abu Omar: Ich war die ganze Zeit gefesselt, mein Gesicht war mit Klebeband umwickelt, sehen konnte ich nichts. In jedem Fall aber trägt Deutschland eine Mitschuld an meinem Schicksal, schließlich hat die Regierung den CIA-Jet in Ramstein landen und wieder abheben lassen.

SPIEGEL: Wollen Sie zurück nach Italien?

Abu Omar: Selbst die Hölle in Italien wäre für mich besser als jeder Platz hier in Ägypten. Soweit ich weiß, ist mein Asylstatus noch gültig. Italien hat zwar bei meiner Entführung mitgeholfen, doch dort gibt es eine unabhängige Justiz, die den Fall nun aufklärt. Ich bezweifle aber, dass Ägypten mich je wieder herauslässt. INTERVIEW:

MATTHIAS GEBAUER

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