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»Ich hin doch kein Selbstdarsteller«

aus DER SPIEGEL 53/1979

Eigentlich ist er einer dieser Erstens-, Zweitens-, Drittens-Männer, ein Klardenker, erfolgsgewohnt, ein »Mit-aller-Härte«-Formulierer. Aber unlängst, als der Abgeordnete Wolfgang Roth in einem Zeitungsartikel seine politische Position umreißen sollte, da ist ihm dann doch ein vages Wort in die Diktion gerutscht: irgendwie.

Natürlich hat er es gleich gemerkt und sich mit Anführungszeichen davon distanziert. Aber so wirkt es noch auffälliger: »Am Ende des Jahrzehnts wissen wir alle »irgendwie«, daß wir uns ändern müssen.«

Und ob er das weiß. Denn mit Sicherheit kommt er anders in die achtziger Jahre, als er sich das ausgemalt hatte. Auf dem Berliner SPD-Parteitag nämlich, wo Wolfgang Roth schon vorbereitend zum irgendwann geplanten Sprung auf den Geschäftsführersessel Egon Bahrs ansetzte, fiel er bei der Wahl zum SPD-Vorstand durch. Der rauhbauzige, kaltschnäuzige, unendlich alte Junggenosse von 38 Jahren weinte.

Seither analysiert der Ex-Juso-Chef in Bonn trübe vor sich hin. Mißmutig beantwortet er an seinem Schreibtisch im zwölften Stock des Hochhauses Tulpenfeld Abgeordneten-Post, die ihn jetzt »einen Scheiß« interessiert. Larmoyant und beleidigt bestreitet er, larmoyant und beleidigt zu sein. Mit greisen Schritten stapft er durch das Parlament, zu dem er »keine innere Beziehung« hat, und zeigt sich den »verbiesterten Typen« dort, gemeint sind die Kollegen Abgeordneten und die Genossen.

Irgendwie gerät ihm die Reaktion auf die Niederlage aus den Proportionen. Auf einmal steht mehr für ihn in Frage als die konkrete Fortsetzung seiner Arbeit.

Er erzählt, daß der inzwischen verstorbene Carlo Schmid -- selbst einmal, und nicht zuletzt mit Roths Hilfe, unter Tränen aus dem Parteivorstand abgewählt -- in Berlin zu ihm gekommen sei mit der Tröstung: »Das war nicht das Jüngste Gericht, Wolfgang, das war nur der SPD-Parteitag, der gesprochen hat.«

Aber das mochte Carlo Schmid sagen, weise wie er war, und in der Partei erst seit seinem 49. Lebensjahr. Für Wolfgang Roth ist der Unterschied so groß nicht.

Denn Roth ist Genosse von Beruf, Politik ist sein Leben -- Familie hin, Freizeit her. Wollte ZDF-Carlheinz Hohmann ihn einmal in seiner Sendung mit seinem Lebensweg konfrontieren, er brauchte bloß »die gute alte SPD« (Roth) zu porträtieren. »24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche« gibt er sich mit ihr ab, sagt er.

Geprägt wurde er da wohl von seinem Vater, einem Postsekretär und Gewerkschafter in Schwäbisch Hall. »Gewerkschaftskumpel« und »Genossen, die schon in den dreißiger Jahren dabei waren«, sind ihm heute noch die liebsten Gesprächspartner.

Schon in der Schule war er als Sozi bekannt. Daß er 1962 in die SPD eintrat, »war logisch« und dennoch nicht selbstverständlich. Statt in den SDS einzutreten, was seinem jugendlichen sozialistischen Rebellentum entsprochen hätte, entschied er sich »mit großen Skrupeln« für den damals parteifrommen Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB), den er aus dem Hintergrund auf parteierträglich links zu trimmen half. Mit dem SDS, sagt er, »wäre ich ja doch gleich wieder aus der SPD rausgeflogen«.

Ob er es wußte oder nicht, schon damals begann er, sein Leben auf die Partei zu reduzieren; begann er, auch seine Gefühle zugunsten der Partei-Vernunft zu unterdrücken. Seine halbherzige Entscheidung stilisierte er später zur »Doppelstrategie« um -- mit dem Her-

* Nach der verlorenen Vorstandswahl beim SPD-Parteitag im Dezember, links der Staatsminister im AA, Klaus von Dohnanyi.

zen bei der Apo an der Basis, mit dem Kopf in der Partei.

Fortan lief ihm der Ruf eines Opportunisten nach, der ihm angeblich nie etwas ausmachte, den Juso-Chef Karsten Voigt gar dialektisch einzusetzen wußte, als Roth 1972 zu seinem Nachfolger gewählt wurde: »Gerade deshalb wird er beweisen, daß er keiner ist.« So war es, und auch wieder nicht.

Als Juso-Chef wurde er zum Bürgerschreck, kaum ausgeschieden, kritisierte er die Jusos aus dem Blickwinkel des Parteiestablishments, immer taktisch geschickt und durchsetzungsfähig. Vernünftig eben.

Seine Parteikarriere verlief gradlinig aufwärts: 1972 Juso-Vorsitz, 1973 SPD-Vorstand, Bundestagsmandat 1976. Als Diplom-Volkswirt war er in Partei und Fraktion ein gesuchter Fachmann.

In Bonn kam er schon als Politstar an -- harte Arbeit, Wendigkeit und Zielstrebigkeit machten ihn bald zu einem Mann, dessen Namen sich »Bayernkurier« wie »Vorwärts« merken zu müssen meinten.

Je mehr er freilich die Helmut Schmidts und Willy Brandts als seine eigentlichen Gesprächspartner zu betrachten lernte, desto verschlossener wurde der Linke seinen früheren Weggenossen gegenüber. Die klagten bald über Arroganz, taktische Tricks und Selbstgefälligkeit -- er war zu schnell zum Ober-Bonner geworden.

»Neider«, »Spinner« und »Stammler« ignorierte er. Er hatte -- trotz Imker ökonomischer Antipositionen zum Bundeskanzler -- von seinen parlamentarischen Vorbildern Horst Ehmke und Rainer Barzel gelernt, sich immer stärker »einzubinden« in Sachfragen -- von Ost-West bis Nord-Süd. Was Wunder, daß dem Wolfgang Roth die SPD der achtziger Jahre immer undenkbarer ohne Wolfgang Roth in einer Spitzenposition erschien.

Je unzugänglicher er als Mensch wurde, desto mehr fühlte er sich als Kopf. Er gab kein Bild mehr ab, statt dessen entwarf er Orientierungsrahmen. Wenn er »Solidarität« sagte, raschelte das Programmpapier.

Den Genossen, rechten wie linken, fehlte da was. Er sollte besser erst mal im Berufsleben seinen Mann stehen, fanden altgediente Spitzensozis. Aber das sind in Roths Augen die Neider und Stammler -- »Karrierekanaler«.

Vielleicht sollte er besser nicht so großzügig über die Bedürfnisse und Empfindlichkeiten ehemaliger Mitstreiter hinweggehen, mahnten Genossen von links. Aber das sind die »ohne Machtperspektive«, die schon zufrieden sind, wenn sie Menschen »beglücken« und im Gespräch »beseelen« dürfen. Da kann Wolfgang Roth, was er sonst kaum noch kann -- nämlich lachen.

Daß er sich bei alledem nicht wohl fühlte in seiner Haut, wer hätte es ihm nicht angesehen? Aber das, glaubt er -- und der Kanzler, sagt er, sagt das auch -, gehört dazu: »Pflicht -- ist denn das nicht etwas Schönes?«

So dachte er bis Berlin. Bis er merkte, wie sehr er im Bonner Polit-Alltag -- »da lebst du gar nicht in einer wirklichen Welt« -- vor lauter »Sachen machen« und »Inhalte darstellen« und »Strukturen verändern« seine Beziehungen zu den Genossen verloren hatte und damit sich selbst. Daß die Genossen als »Kungelei« verachteten, noch dazu »im Stil der Kanalarbeiter« (Johano Strasser), was er für realen Umgang mit Mehrheiten hielt.

Im Grunde glaubte er sich dank seiner Sachkompetenz längst über jede Diskussion um seine Person erhaben. Gehört man erst mal zum Vorstand, sagte er einmal, »wird nicht mehr über dich diskutiert«.

Deshalb hat er auch in Berlin die Zeichen nicht gesehen, hat er Warnungen mißachtet.

Inzwischen ist er soviel klüger auch nicht geworden. Mit dem Instrumentarium des Apparatschiks weiß er die Situation noch am sichersten einzuschätzen: Er hätte mehr »im Vorfeld klingeln müssen«, sich im »linken Ambiente tummeln«, ein »paar so Scherze ablassen wie Henning Scherf« -- und schon wäre alles anders gewesen.

Aber dafür hatte er eben keine Zeit. Statt dessen formulierte er im Antragsausschuß Nord-Süd Kompromisse -- er war eben schon ein bißchen zu seriös für solche Dinge, zu eingebunden auf der höheren Ebene der Zweckmäßigkeit. Und von da schimpft er im besten Kanalerstil über die »sogenannten Linken« -- was er dann korrigiert in »ethische Schwätzer« oder »ethische Spinner« -, »die keine reale Machtstrategie haben«, als ewige Schwafler der Partei schon »seit hundert Jahren in Schönheit sterben«, deren »verbal-radikale Orgasmen« Wolfgang Roth nicht mehr nachvollziehen kann, mit denen er schon gar nicht mehr redet: »Die degenerieren doch schrittweise zur evangelischen Akademie.«

So möchte er gerne sein, es gelingt ihm nicht.

Noch Wochen nach solchen Ausbrüchen werden Roths Augen nämlich verdächtig feucht und geben zu erkennen, daß der Ex-Juso nicht gegen jene rebelliert hat, für die er entweder »nur noch Mitleid« hat oder die er als »neurotischen Fall« abtut, sondern daß da einer gegen sich selbst wütet.

Deshalb muß er sich auch gleich wieder selbst beschwichtigen, dazu hat er sich eine Hochmuts-Version zurechtgelegt. Im Grunde nämlich, redet er sich ein, sei der Kanzler der eigentliche Verlierer der Vorstandsniederlage des Wolfgang Roth. Denn wen hat Helmut Schmidt jetzt schon noch im Vorstand, der ihm nicht nur kühn in der Sache, sondern auch keß im Ton zu widersprechen wagt? Wer, außer ihm, Roth, würde schon den Weltökonomen Schmidt aufzufordern wagen, bei einer bestimmten Detailfrage erst mal »im Lehrbuch Nummer eins der Volkswirtschaftslehre« nachzuschlagen, bevor er anfinge, Unfug zu reden?

Roth wagt's. Andere bestätigen es. Daß der Kanzler das widerspruchslos hinnimmt, hält Roth für dessen »persönliche Größe«.

In Berlin hat Kanzler Schmidt den Unterlegenen zu seiner Überraschung dafür gelobt, daß er seine Betroffenheit nicht verborgen habe. Roth macht das nachdenklich, die tröstenden Briefe nach dem Parteitag freuen ihn. Dennoch findet er es »komisch«, daß von seinen öffentlichen Tränen soviel und Positives hergemacht wird.

Denn er hat in seiner politischen Praxis nie lernen können, daß man Gefühle nicht nur haben, sondern sogar zeigen darf. Gewöhnlich pflegt er sie in sich reinzufressen. In der Parteitagswoche hat er zehn Pfund zugenommen.

Irgendwie, das ist ihm nicht verborgen geblieben, hat das alles etwas zu tun mit dem Thema Glaubwürdigkeit und Bürgerunmut, wohl auch mit der Richtung, in die er selbst immer wieder die Partei auf Veränderungen drängt: »Die Bürger erwarten Aufrichtigkeit.«

Nur weiß er auch, daß er da mit der Aufrichtigkeit vor sich selbst anfangen muß. Und da rafft er doch lieber wieder seine anschnauzende Bonner Muffigkeit um sich zusammen und brummt: »Ich bin doch kein Selbstdarsteller.«

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