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»ICH HÖRTE DIE UHR GANZ LEISE TICKEN«

Am 8. November 1939, um 21.20 Uhr, detonierte im Münchner Bürgerbräukeller die Zeitbombe des schwäbischen Möbelschreiners Johann Georg Elser -- elf Minuten nachdem Hitler gegangen war, dem der Anschlag gegolten hatte. Sieben der Parteigenossen, die an diesem Tage des Marsches auf die Feldherrenhalle vom November 1923 gedachten, wurden getötet, 63 verletzt. Wie Einzeltäter Elser, der im April 1945 im KZ Dachau erschossen wurde, für das Attentat geplant und experimentiert hatte und wie umsichtig er schließlich beim Einbau seiner Höllenmaschine in eine Säule nahe Hitlers Rednerpult vorgegangen war, das gab er in allen Einzelheiten Gestapo-Beamten zu Protokoll. Der SPIEGEL veröffentlicht einen Auszug aus dem Dokument, das unter dem Titel »Autobiographie eines Attentäters« im August in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart (168 Seiten; 16,80 Mark) erscheint.
aus DER SPIEGEL 29/1970

Eigentlich wollte ich am 1. August in München sein, um mir dort gleich zum Monatsbeginn ein Zimmer mieten zu können. Es kam aber noch eine Erkrankung dazwischen. Ich hatte plötzlich unter Fieber, Erbrechen und Durchfall zu leiden, mußte 4 Tage das Bett hüten ...

Als ich am 5. 8. schließlich nach München fahren konnte, war ich noch halb krank ... Meinen Hausleuten erklärte ich, daß ich in München bereits eine Stelle als gelernter Schreiner habe und deswegen dorthin reise ...

In München hatte ich bereits von Schnaitheim aus ein Zimmer gemietet. Mitte Juli hatte ich schriftlich bei der »Münchener Zeitung« ein Inserat aufgegeben mit dem Wortlaut: »Herr sucht einfach möbliertes Zimmer.«

Das Zimmer bei B. habe ich sehr wenig verlassen. Es war dies lediglich zur Einnahme des Mittagessens, zur Einnahme des Abendessens und zu der Zeit, wo ich im »Bürgerbräukeller« gearbeitet habe. Meinen Lebensunterhalt bestritt ich von meinen Ersparnissen, ich führte damals 350 bis 400 RM bei mir ...

Das nächtliche Ausbleiben fiel der Familie B. bald auf. Auf Befragen teilte ich ihnen mit, daß ich nachts an meiner Erfindung studiere und daß ich mich deswegen im Freien auf einer Bank aufhalte ... Tagsüber lag ich die meiste Zeit auf dem Sofa. Hier und da habe ich der Frau B. bei Hausarbeiten, z. B. Einkaufen, Holzspalten und dergleichen, geholfen. Nachdem mir der Mietpreis für das Zimmer bei B. zu hoch war, und nachdem ich dort keine Gelegenheit zum Basteln hatte, es war ein sehr gut eingerichtetes Zimmer, habe ich mich am 1. 9. 1939 in der Türkenstraße 84/II, bei L., Tapezierer, eingemietet ...

Während meines Aufenthaltes in München vom 5. August bis 6. November 1939 war ich insgesamt ungefähr 30- bis 35mal nachts im »Bürgerbräukeler«-Saal ... An den Tagen, an denen ich nachts im »Bürgerbräukeller« gearbeitet habe, begab ich mich jedesmal gegen 20 bis 22 Uhr in den Wirtschaftsraum des »Bürgerbräukellers«, um dort mein Abendbrot einzunehmen. Ich nahm dort regelmäßig an dem mittleren Tisch des Wirtschaftsraumes Platz und wurde meistens von dem Servierfräulein 8. bedient. Ich aß nach der Karte und habe jedesmal ein Glas Bier getrunken ...

Gegen 22 Uhr habe ich dort durchwegs bezahlt. Ich verließ anschließend

* Bei der zeichnerischen Rekonstruktion des Anschlags während der Vernehmung.

den Wirtschaftsraum, begab mich von da aus durch den Garderobenraum in den nicht verschlossenen Saal, begab mich dort über den hinteren Treppenaufgang auf die Galerie, ging diese bis zur rückwärtigen Front entlang und versteckte mich dort in einem Abstellraum, der sich neben dem rückwärtigen Zugang zur Galerie befindet ...

Im Saal brannte anfangs die Notbeleuchtung, später, d. h. nach Kriegsbeginn, war dort keine Beleuchtung mehr eingeschaltet. Um diese Zeit fiel dorthin lediglich der Lichtschein, der aus der Küche und aus dem Garderobenraum kam.

In dem erwähnten Versteck hielt ich mich so lange auf, bis der Saal abgesperrt worden war. Es war dies stets in der Zeit zwischen 22.30 Uhr und 23.30 Uhr. Ehe der Saal abgeschlossen wurde, wurden dort von Frau M. -- es ist dies die mir bekannte Zigarrenfrau im »Bürgerbräukeller« -- im Saal die dort sich aufhaltenden Katzen gefüttert. Die Galerie hat sie dabei nicht betreten.

Nach dem Abschließen des Saales begab ich mich von meinem Versteck aus unmittelbar an die Säule, wo ich den Einbau meines Apparates vornahm ... Ich verblieb ständig die ganze Nacht in dem Saal. Der Saal wurde in der Zeit zwischen 7 und 8 Uhr morgens wieder geöffnet ...

Meine Arbeiten hatte ich zwischen 2 und 3 Uhr stets beendet, anschließend hielt ich mich bis zum Verlassen des Saales wieder in dem bereits erwähnten Versteck auf, in dem sich auch ein Stuhl befand. Dort habe ich bis zum Verlassen des Versteckes gedöst ...

Bis Kriegsbeginn hielten sich in dem Saal auch zwei frei laufende Hunde auf, die in diesen durch die im ersten Stock befindlichen Räume gelangen konnten. Diese haben wohl manchmal gebellt, gestellt wurde ich von diesen jedoch ne. Später stellte ich vor die Türe, durch die sich die Hunde in den Saal begeben haben, einen Stuhl, damit sie nicht mehr in den Saal gelangen konnten.

Soeben fällt mir noch folgendes ein: In den ersten Tagen, in denen ich im »Bürgerbräukeller« gearbeitet habe, wurde einmal mein Versteck nach Öffnung des Saales von einem Mann betreten, und zwar in dem Augenblick, als ich das Versteck verlassen wollte. Dieser Mann wollte in meinem Versteck eine Pappschachtel holen und bemerkte mich dabei.

Nachdem er eine Schachtel an sich genommen hatte, ging er, ohne irgend etwas zu mir zu sagen, weg und kam anschließend mit dem Direktor auf die Galerie ...

In der Zwischenzeit hatte ich mein Versteck verlassen und an einem Tisch auf der östlichen Galerie Platz genommen, wo ich pro forma einen Brief schrieb. Auf Befragen des Direktors erklärte ich ihm, daß ich an einem Oberschenkel einen Furunkel habe, den ich mir ausdrücken möchte.

Auf sein Befragen, was ich in dem rückwärtigen Raum gemacht habe, gab ich ihm an, daß ich dort das Öffnen des Furunkels habe vornehmen wollen. Ferner sagte ich ihm, daß ich an dem Tisch einen Brief aufsetzen wollte. Der Direktor forderte mich lediglich auf, den Brief im Garten zu schreiben, nachdem ich auf der Galerie nichts zu suchen hätte. Ich habe mich darauf in den Garten des »Bürgerbräukellers« begeben, wo ich, um keinen Verdacht zu erregen, Kaffee getrunken habe ...

Zuerst löste ich vorsichtig den Holzstab an der Sockelleiste der Holzverkleidung an der Säule, dann den oberen Profilstab an der Holzverkleidung ab,.. Der obere Profilstab war nur eine Leiste, die ich ohne weiteres lösen konnte. Dadurch konnte ich ein Teilbrett der Säulenverkleidung so aussägen, daß nach Wiederanbringung der Leisten keine Sägeschnittstellen zu sehen waren. Dieses zugeschnittene Brett richtete ich dadurch zu einer Tür ein, daß ich es im Säulenwinkel durch ein je oben und unten angebrachtes Zapfenband drehbar machte ...

Zur Anfertigung der Tür brauchte ich ungefähr drei Nächte. So konnte ich aber immer sofort mit meiner Arbeit beginnen, wenn ich nur die Türe geöffnet hatte, und brauchte nach Schluß einer Nachtarbeit nur die Türe zu verschließen, um meine Tätigkeit im Inneren der Säule vollständig zu verbergen. Selbst wenn jemand die Säule tagsüber ganz genau betrachtet hätte, würde er an ihr keinerlei Veränderungen bemerkt haben ...

Zuerst hatte ich den Verputz, der auf dem Backstein lag, zu entfernen. Dies ging ziemlich leicht. Damit war ich in einer Nacht fertig. Die Backsteine konnte ich nur dadurch entfernen, daß ich in die mit hartem Mörtel ausgefüllten Backsteinfugen mittels Bohrwinde und Meißelbohrer nahe beieinander liegende Löcher bohrte, den stehengebliebenen Mörtel mit dem Meißel ausbrach und dann die Backsteine mittels längerem Meißel (Hebelarm) stückweise herausbrach.

Da in dem Mörtel ziemlich grobe Steine enthalten waren, die jedesmal, wenn auf sie der Bohrer traf, richtig krachten, habe ich, um den Schall etwas abzudämpfen, ein Stück Tuch um den hinteren Teil des Bohrers gewickelt und bei der Arbeit fest gegen den Stein gedrückt. Ich wollte so den Schall etwas abhalten, da der kleinste Laut in dem leeren Saal bei Nacht ziemlich stark widerhallte.

Ich mußte überhaupt sehr vorsichtig zu Werke gehen, und deshalb hat die Arbeit auch so lange gedauert. Ich mußte bei jedem Brechen und bei jeder Drehung des Bohrers aufpassen, möglichst kein Geräusch zu verursachen.

Wenn ich z. B. einen Stein auszubrechen hatte, was immer das größte Geräusch verursachte, habe ich immer gewartet, bis die absolute Ruhe von irgendeinem äußeren Geräusch unterbrochen wurde. Dabei kam mir sehr zustatten, daß ungefähr alle zehn Minuten in den Abortanlagen des »Bürgerbräukellers« die automatische Spülung einsetzte ...

Später habe ich dann die erwähnte Türe in der Holzverschalung innen mit einem Eisenblech, 2 mm stark ... ausgeschlagen ... Es sollte verhindern, daß man beim Abklopfen einen Hohlraum vermutet. Außerdem wollte ich vermeiden, daß durch einen etwa zufällig an dieser Stelle eingeschlagenen Nagel meine dahinterstehenden Uhrwerke beschädigt werden könnten. Ich hatte nämlich beobachtet, daß ganz in der Nähe in die Holzverschalung vermutlich für Zwecke gelegentlicher Dekoration ein Nagel eingeschlagen war

Während der ganzen Zeit trug ich zu meiner Tätigkeit eine blaue Arbeitshose über die Straßenkleidung gezogen. Morgens legte ich die Hose immer in einer Ecke des Raumes ab ... in dem ich mich gelegentlich versteckt hielt. Einmal hätte man ja auf meine Tätigkeit kommen können, denn kurz vor der Veranstaltung am 8. 11. 1939 wurde der erwähnte Raum ausgeräumt. Als ich eines Abends kam, war der Raum leer, ich bin schon erschrocken, fand aber meine Arbeitshose schön zusammengelegt in einer Ecke liegen ...

Während meiner ganzen Tätigkeit, sowohl beim Ausbrechen als auch später beim Einbauen meines Apparates, verwendete ich immer eine Taschenlampe, die ich mit einem blauen Taschentuch verhängt hatte ...

Den Umbau und die Unterbringung der Uhrwerke konnte ich bald nach meiner Ankunft in München vornehmen. Mit dem Bau der übrigen Teile mußte ich so lange warten, bis ich wußte, wie weit ich den Raum in die Säule vortreiben konnte. Die genauen Größenverhältnisse meines Apparates konnte ich deshalb erst Anfang Oktober 1939 bestimmen. Die Einzelheiten, besonders die Wirkungsweise meiner Konstruktion, waren mir allerdings schon vorher klar. Den Gedanken, die Zündung mit Hilfe magnetischer Wirkung (Batterie und Autowischer) auszulösen, hatte ich schon früher... fallengelassen ...

Da ich es der Zuverlässigkeit einer einzigen Uhr nicht überlassen wollte, ob mein Plan gelang oder nicht, habe ich dieselben Vorkehrungen auch an einer zweiten Uhr angebracht ... Aus demselben Grunde einer doppelten bzw. dreifachen Sicherheit habe ich auch ... drei Schlagbolzen über drei Zündhütchen auf drei Sprengkapseln wirken lassen.

Da ich feststellte, daß die beiden Uhrwerke durch die Wandverkleidung hindurch gut zu hören sein würden, habe ich sie in einem doppelwandigen Kasten aus Sperrholz mit einer 1 cm starken Korkeinlage untergebracht. Bei der Korkeinlage handelt es sich um eine besondere Mischung aus Teer, Karton und Kork, auf die ich durch eine Zeitungsannonce einer Firma für »Schalldichtung, Wärme- und Kältetechnik« aufmerksam geworden war ...

Diese Arbeiten habe ich in der Schreinerwerkstatt des Schreinermeisters B., in der Türkenstraße 59, ausgeführt ... Auf eine spätere Frage von B., ob das, was ich mache, denn so ein Uhrwerk gäbe, das morgens beim Wecken gleichzeitig auch das Licht anzünde, sagte ich: »Ja, so ähnlich!«

Als ich alles zusammengebaut und die Einzelteile einschließlich der Uhren auf ihre Wirksamkeit und Funktionieren mehrmals ausprobiert hatte, ohne natürlich Zündhütchen und Sprengkapseln oder gar Sprengstoff einzusetzen, habe ich am Abend des 1. oder 2. November die Sprengstoffbehälter ... zu Hause mit dem Sprengstoff, d. h. nur mit dem Schwarzpulver, gefüllt, die Deckel zugeschraubt, in die Bohrungen die Sprengkapseln eingesetzt und diese Sprengstoffbehälter sowie den Zündapparat (im Gehäuse) in meinen Handkoffer gepackt und so in den »Bürgerbräu«-Saal verbracht ...

Auf der Galerie des Saales öffnete ich wieder die von mir geschaffene Tür, schob zuerst einige Päckchen der Schwarzpulvertabletten in einen Hohlraum unter dem Zündapparat, dann legte ich die Sprengkapseln in den Zwischenraum der Granathülse und der Wand, und zum Schluß füllte ich den ganzen übrigen hinteren Raum der Höhle mit den Sprengpatronen samt der restlichen Gewehrmunition aus ...

Inzwischen hatte ich bereits am Abend des 2. November (es dürfte vielleicht um 20 Uhr gewesen sein) die beiden Uhren auf genaue Uhrzeit gebracht und in Gang gesetzt

Am 4. 11. 1939 gegen 21.30 Uhr begab ich mich mit den Uhren ... zum »Bürgerbräukeller«. Nachdem mir bekannt war, daß an diesem Abend, es war ein Samstag, in dem Saal eine Tanzveranstaltung stattfindet, habe ich den »Bürgerbräukeller« von der Rosenheimer Str. aus betreten, löste mir eine Eintrittskarte, ging in den Saal und begab mich auf die Galerie, wo ich die mitgeführten Uhren in meinem Versteck hinterstellt habe. Ich nahm auf der Galerie Platz, in der Nähe des Musikpodiums, und sah von dort aus der Tanzveranstaltung zu. Gesellschaft hatte ich nicht.

Bei Schluß der Tanzveranstaltung. es war dies am 5.11. gegen 1 Uhr, begab ich mich von meinem Platz aus in mein Versteck und wartete dort ab, bis der Saal geleert und abgesperrt worden war ... Ich wollte sodann in die Säule die Uhren einbauen, mußte aber feststellen, daß der Vorraum, wo das Gehäuse eingesetzt werden sollte, zu schmal war.

Trotzdem ich den Vorraum weiter ausgebrochen hatte, gelang es mir nicht, das Uhrgehäuse einzusetzen. Ich habe deshalb die Tür wieder geschlossen, verpackte wiederum meine Uhr und wartete in meinem Versteck den Tagesanbruch ab ...

Ich ging durch die Brauhausanlagen zur Kellerstraße und von da aus in den Lagerraum des B. Dort habe ich die rückwärtigen Ecken des Uhrenkastens durch Absägen und Abraspeln abgerundet, meiner Schätzung nach mußte somit der Uhrenkasten in den Vorraum der Höhlung in der Säule des Bürgerbräusaales« passen.

Am 5.11.39 ging ich zwischen 21 und 22 Uhr mit dem verpackten Uhrengehäuse wiederum zum Bürgerbräu ... An diesem Tag war die Tanzveranstaltung bereits gegen 24 Uhr geschlossen worden. Nach ungefähr einer halben Stunde begab ich mich mit den Uhren von meinem Versteck aus an die Säule, öffnete die Türe und stellte durch Einsetzen des Uhrgehäuses In den Vorraum der Höhle fest, daß dieses nunmehr passend war ...

Zum Schluß mußte ich noch die beiden Uhren, die auf dem Transport selbstverständlich stehengeblieben waren, wieder in Gang setzen und die Uhrzeit auf diesen Uhren durch Vergleich mit einer Taschenuhr wieder richtigstellen. Dazu habe ich die Vorderseite des Uhrenkastens, die ich vorsorglich ebenfalls als Türe ausgebaut hatte, geöffnet, später wieder verschlossen und damit der Sache ihren freien Lauf gelassen ...

Mit diesen Arbeiten war ich am 6. 11. 39 früh 6 Uhr zu Ende. Ich habe mich anschließend ungefähr noch 1/2 Stunde in meinem Versteck aufgehalten und ... begab mich an den Isartorplatz, wo ich an dem dort befindlichen Kiosk eine oder zwei Tassen Kaffee getrunken habe, und von hier aus ging ich in den Lagerraum des B., um dort meine Sachen für die Abreise in Ordnung zu bringen ...

Wie bereits erwähnt, hatte ich den Entschluß, nochmals nach München zurückzufahren ... gefaßt. Ich wollte unter allen Umständen, nachdem ich mit dem Einbau der Uhr so spät, nämlich 2 Tage später, als ich ursprünglich geglaubt hatte, fertig geworden war, noch einmal nachsehen, ob die Uhr nicht vielleicht doch stehengeblieben war ...

Ich fuhr am 7. 11. 1939 gegen 16 Uhr mit dem Schnellzug von Stuttgart nach München, wo ich gegen 21 oder 21.30 Uhr im Hauptbahnhof ankam ... Vom Hauptbahnhof München aus begab ich mich direkt zum Bürgerbräukeller ... Im Saal begab ich mich sofort auf die Galerie und horchte an der Türe der Säule, ob die Uhrwerke sich noch im Gang befinden.

Das Ticken der Uhren konnte ich dadurch, daß ich mein Ohr an die Tür gepreßt hatte, ganz leise hören. Darauf öffnete ich mit dem Kippmesser die Türen, öffnete die Tür zum Uhrgehäuse und vergewisserte mich mit meiner Taschenuhr, ob die Uhrwerke nicht vor- oder nachgehen.

Die Uhr ging richtig. Ich hatte also an den Werken nichts zu richten ... Nach dem Aufsperren der Saaltüren habe ich ... gegen 6.30 Uhr den Saal durch den seitlichen Notausgang bei der Küche verlassen ... Von Frau L. aus begab ich mich direkt zum Hauptbahnhof München, wo ich mir eine Fahrkarte 3. Klasse für die Strecke

München-Ulm-Friedrichshafen-Konstanz löste ...

Etwa um 18 Uhr kam ich auf dem Hafenbahnhof Friedrichshafen an. Bis zum Abgang des Anschlußdampfers nach Konstanz hatte ich dort dreiviertel Stunden Aufenthalt. In der Zwischenzeit suchte ich einen Friseur auf, um mich dort rasieren zu lassen ... Von da ging ich direkt zum Hafenbahnhof zurück und fuhr mit dem Dampfer weiter nach Konstanz. Weder im Zug noch auf dem Dampfer habe ich Reisebekanntschaften gemacht ... Etwa um 21 Uhr kam der Dampfer, der wegen Nebels Verspätung hatte, in Konstanz an. Ich wollte, ohne irgendwelchen Aufenthalt zu nehmen, auf dem möglichst direkten Wege die Grenze nach der Schweiz überschreiten ...

Auf meiner Flucht habe ich von der Dampfer-Anlegestelle aus folgenden Weg genommen: Marktstätte, Rosengartenstraße, vorbei an der Dreifaltigkeitskirche zum Bodanplatz, dann weiter durch die Hüetlingstraße, Kreuzlingerstraße, Schwedenschanze, Wessenberggarten ...

Als ich in diesem Garten auf der Höhe des Wessenberghauses war, wurde ich angerufen, habe daraufhin auch sofort gehalten und wurde dann von einem Beamten, der mir zuerst alles abnahm, was ich in der Tasche hatte, in ein Dienstzimmer gebracht, wo ich festgenommen wurde.

Wenn ich gefragt werde, was mein erster Gedanke in diesem Augenblick war, so muß ich zugeben, daß ich mich im ersten Augenblick über mich selbst und meinen Leichtsinn geärgert habe. Ich dachte, wäre ich doch nicht einfach so darauf zugelaufen, sondern hätte ich doch wenigstens zuerst genau Umschau gehalten, ehe ich auf die Grenze zuging ...

Seit meiner Festnahme bis heute habe ich an Flucht nicht gedacht, ich hielt dies für aussichtslos. Ich gebe allerdings zu, daß ich in München in der Zelle die Gitterstäbe angesehen habe, aber ernstliche Fluchtgedanken hatte ich dort auch nicht.

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