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Artikel 52 / 80

»Ich jage euch bis an das Ende der Welt«

aus DER SPIEGEL 5/1979

Die Gespräche zwischen den israelischen und den ägyptischen Militärs in Ismailia machten dem israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin deutlich, daß der ägyptische Staatspräsident Anwar el-Sadat den Sinai bedingungslos zurückhaben und höchstens eine entmilitarisierte Zone gestatten wollte.

Auf dieser Basis aber wollte Begin ihm den Sinai nicht zurückgeben. Es bestanden Aussichten, daß Israel entweder seine Stützpunkte oder die Rafah-Siedlungen aufgeben würde. Begin war zu einem derartigen Kompromiß bereit. Auf die erbitterte Auseinandersetzung jedoch, die ein solcher Kompromiß in seinen eigenen Reihen auslösen sollte, war er nicht vorbereitet.

General Ariel Seharon, der Landwirtschaftsminister, bestand darauf, daß die Siedlungen im Sinai keinesfalls zurückgegeben werden dürften. Die Luftwaffenstützpunkte könnten leicht einige Kilometer in den Negev zurückverlegt werden, die Siedlungen aber seien als Pufferzone zwischen dem Sinai und der starken arabischen Bevölkerung im Gazastreifen von entschei-#+

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dender Bedeutung. Sie sollten eher noch verstärkt werden.

General Eser Weizman, der Verteidigungsminister, dagegen argumentierte, wenn schon eine Wahl getroffen werden müsse, dann müßten die Siedlungen verschwinden -- eine Brigade auf der israelischen Seite der Grenze könne die Aufgabe leicht übernehmen und noch dazu besser. Die Errichtung neuer Luftwaffenbasen jedoch sei ein kostspieliges Unterfangen. Die Stützpunkte müßten deshalb bleiben.

Scharon trug seine Argumente Außenminister Mosche Dajan vor. Dabei appellierte er gleichzeitig an die Ideologie Dajans und der Arbeitspartei, wonach Grenzsiedlungen für die ganze Idee des jüdischen Staates unerläßlich sind, und an sein öffentliches Ansehen: Die Rafah-Siedlungen waren unter dem Verteidigungsminister Dajan gebaut worden. Angesichts des sich ausweitenden Streits ernannte Begin einen Dreierausschuß, bestehend aus Dajan, Scharon und Weizman, der eine Empfehlung ausarbeiten sollte.

Im Hause Dajans außerhalb von Tel Aviv fand dann ein Treffen statt. Scharon und Dajan saßen an einem Tisch, auf dem unzählige Sinai-Karten ausgebreitet waren. Weizman ging im Zimmer auf und ab, knabberte Kekse und goß sich einen Whisky ein.

Dajan sagte: »Eser, sieh dir das an.« »Macht nur so weiter«, erwiderte Weizman. »Pflügt doch den ganzen Sinai um. Macht, was ihr wollt, ihr seid alle verrückt.«

Der Ausschuß empfahl, die Siedlungen zu erweitern. Der Vorschlag wurde dem Kabinett unterbreitet -- und angenommen. Weizman saß dabei, ohne ein Wort zu sagen.

Scharon fragte: »Soll ich die Bulldozer schon hinschicken?«

»Ich meine«, beschied ihn Begin, »der Landwirtschaftsminister sollte die Zeit der Regierung nicht mit technischen Fragen in Anspruch nehmen.«

»Das ist eine politische Frage, Herr Ministerpräsident.«

Das Kabinett stimmte zu. Innerhalb weniger Stunden waren die Traktoren unterwegs -- und entfachten einen internationalen Sturm der Entrüstung.

Präsident Carter verurteilte die Aktion -- wie auch die schon bestehenden Sinai-Siedlungen -- als illegal. Da er nun schon einmal dabei war, ließ er durch seine Regierung klarstellen, daß die Siedlungen am Jordan-Westufer ebenso illegal seien und er Begins Autonomieplan immer nur als Verhandlungsgrundlage akzeptiert habe.

»Was hat mir Scharon da nur eingebrockt?« klagte Begin in privaten Gesprächen. »Bevor die Bulldozer einrückten, hielt Carter meinen Plan für ausgezeichnet.«

Scharon wurde von Israelis beschuldigt, die Friedensverhandlungen zu torpedieren. Doch er nahm die Empörung hin, ohne verlauten zu lassen, daß es ein Regierungsbeschluß war. Die Traktoren planierten weiter.

»Brennt sie nieder«, sagte Sadat, als er nach den Siedlungen gefragt wurde.

Im Grunde aber war er nicht beunruhigt. Er würde israelischen Siedlungen auf dem Sinai nicht zustimmen, ebensowenig wie israelischen Luftstützpunkten auf dem Sinai. Mochten sie doch untereinander streiten, was sie lieber wollten -- er würde beides nicht zulassen.

48 Stunden nachdem die politische Kommission der Ägypter im Januar in Jerusalem eingetroffen war, wurde sie zurückgerufen: Angeblicher Grund war ein bast, den Begin ausgebracht hatte und der etwas beinhaltete, was die Ägypter als beleidigend empfanden.

Die wahren Gründe aber lagen tiefer. Seit Ismailia war Sadat darauf aufmerksam gemacht worden, daß in seinem Außenministerium die Tendenz bestand, ein neues Treffen mit den Juden in Jerusalem als einen Affront gegen die arabische Welt zu betrachten.

Seit seiner Ankunft in Jerusalem bombardierte der neue ägyptische Außenminister, Mohammed Karnil, Sadat mit Telegrammen, daß er gedemütigt werde und die Israelis arrogant und mithin nicht am Frieden interessiert seien. Von zwei Seiten unter Druck gesetzt, gab Sadat nach.

Torpediert Israels Siedlungspolitik die Friedensverhandlungen?

Weizman und General Abraham Tamir, ein Berufsoffizier, der als Weizmans Hauptreferent bei den Gesprächen fungierte, berichteten, General Gamasi habe ihnen einen konkreten Vorschlag gemacht: Im Austausch für ein Abkommen zur Räumung des Sinai würde Ägypten einen separaten Friedensvertrag unterzeichnen. Dieser Vertrag werde Sicherheitsklauseln gegen die Schaffung eines unabhängigen Palästinenserstaates enthalten -- Bestimmungen, die Israel ein Vetorecht bei einer zukünftigen Lösung des Palästinenserproblems einräumen würden.

Begin wies den ägyptischen Vorschlag zurück. Das sollte sich als Ironie erweisen, denn die Vereinbarungen von Camp David am Ende des Jahres waren für Israel weniger günstig.

»Geben Sie mir ein Alibi für die arabische Welt«, hatte Sadat Weizman immer wieder gedrängt. Die Reaktion in Jerusalem war skeptisch. Vor allem Dajan hatte seine Zweifel. Ähnliche Worte hatte er von dem ägyptischen Diplomaten Hassan el-Tuhami in Marokko gehört und ihnen schon damals keinen Glauben geschenkt.

Dajan hielt nicht viel von Weizmans Meinung, in welcher Frage auch immer, in dieser aber schon gar nicht.

Über viele Jahre waren sie verschwägert gewesen -- Weizman hatte die Schwester der ersten Frau Dajans geheiratet. Ihr Verhältnis aber war stets zweideutig gewesen.

Als ehemaliger Bauer, der unter Arabern gelebt hat, hält Dajan sich für einen Fachmann in Fragen arabischer Mentalität. Er betrachtete Weizman als Kosmopoliten, naiv wie die Araber. So überraschte es ihn auch nicht, daß Weizman von dem gerissenen alten Sadat begeistert war.

Dajan verwarf daher Weizmans Analyse der Situation und konnte ebenso Begin leicht überzeugen.

Auch Begin konnte sich nur schwer einen arabischen Führer vorstellen, der Ideale für begrenztere Interessen aufgehen würde, wie sehr auch die Araber unter sich streiten mochten.

Obwohl er bereitwillig akzeptierte, daß Sadat nicht auf einem Palästinenserstaat bestehen werde, stimmte er daher ohne weiteres mit Dajan überein, daß Sadat nicht einfach an einem »Feigenblatt« interessiert sei. Es würde auf ein ganzes Abkommenpaket hinauslaufen, wobei Jordanien bei jeder Vereinbarung über das Westufer ein Platz eingeräumt werden würde. Begins Autonomieplan sollte verhindern, daß Israel einer schlimmeren Lösung konfrontiert würde.

Da das israelische Kabinett beschlossen hatte, an den jüdischen Siedlungen in dem besetzten Gebiet festzuhalten, war der interne israelische Streit, ob Stützpunkte oder Siedlungen bestehen bleiben sollten, beigelegt. Verteidigungsminister Weizman, der seine Niederlage gefaßt hinnahm, schlug nun in Kairo vor, die Siedlungen der Aufsicht der Vereinten Nationen zu unterstellen. General Abd el-Gamasi, Ägyptens Kriegsminister, erwiderte jedoch, wenn die Siedlungen blieben, dann unter ägyptischer Fahne.

Daraufhin erklärten die Israelis, sie könnten nicht zulassen, daß ihre Landsleute auf ägyptischem Territorium lebten. »Wie können Sie von einer Million Palästinensern verlangen, unter Ihrer Souveränität zu leben, wenn Sie nicht einmal zulassen wollen, daß 2000 Juden unter unserer Souveränität leben?« entgegnete Gamasi.

Weizman und sein Mitarbeiter lächelten gequält, als ob sie zugeben wollten, daß an Gamasis Argument etwas Wahres sei. In ihrem Bericht für die Regierung Jerusalems schienen sie diese Idee als gar nicht so schlecht anzusehen. Für die israelische Regierung aber war es reine Ketzerei.

Ende Januar waren die militärischen Fragen den Sinai betreffend zu 90 Prozent gelöst. Was die Sinai-Siedlungen anlangte, so war Sadat überzeugt, daß die Israelis nicht ernsthaft an ihnen festhalten würden.

»Darüber wird es nicht zum Konflikt kommen«, sagte er. »Israel hätte diese Frage nie aufwerfen sollen. Das war ein Fehler. Mit Sicherheit aber wird sie dem Fortgang der Verhandlungen nicht im Wege stehen.«

Den Israelis jedoch war es todernst. Weizman wurde angewiesen, die Frage bei Sadat zur Sprache zu bringen. »Reden Sie mir nicht von diesen Siedlungen, oder ich jage euch bis an das Ende der Welt!« rief Sadat aus.

»Lassen Sie uns nicht davon sprechen, daß wir einander jagen wollen«, erwiderte Weizman. »Wir haben schon früher einander gejagt, und Sie wissen, was dabei herausgekommen ist.«

Das aber hinderte die Israelis nicht, mit ihren Traktoren weiteres Land im Sinai zu planieren.

Die Siedlungen, so das israelische Kabinett, seien eine unerläßliche Vorbedingung für den Frieden. Entmilitarisierte Gebiete und UN-Streitkräfte könnten keine wirklichen Pufferzonen schaffen -- nur die Siedler auf dem Lande.

Gerüchte um einen Rücktritt Begins.

Überdies, so die Argumentation, grenze die entscheidende Rafah-Siedlung an den Gazastreifen. Ohne Pufferzone könnte und würde die PLO der halben Million Araber im Gazastreifen zweifellos Waffen zukommen lassen -- wie es die Regel war, bis die Grenze Anfang der siebziger Jahre durch die Siedlungen abgeriegelt wurde.

Mochte an diesem Argument auch etwas Wahres sein, das Problem wurde vor der Welt und der israelischen Öffentlichkeit nicht eindeutig als eine Frage der militärischen Sicherheit dargestellt. Somit entstand der Eindruck, die israelische Regierung wolle sich durch ihr Bestehen auf den Sinai-Siedlungen Land aneignen, was Israel wiederum der Anklage des Expansionismus und mangelnder Friedensbereitschaft aussetzte. Jetzt wandte sich Sadat an die Vereinigten Staaten. Die Kairoer Gespräche waren so weit gediehen, wie es nur möglich war. 99 Prozent der Karten, so Sadat, seien jetzt in amerikanischer Hand.

Am 2. Februar 1978 flog Sadat nach Washington, wo ihm in seiner neuen Funktion als Mann des Friedens ein herzlicher Empfang zuteil wurde. Ihm wurden sogar Düsenflugzeuge für seine Luftwaffe zugesagt.

Als Begin Ende März dem Weißen Haus seinen zweiten Besuch abstattete, wurde ihm die kalte Schulter gezeigt. Carter wollte, daß die Israelis aus dem Libanon und dem Sinai abzogen. Er lehnte Begins Autonomieplan völlig ab. Carter, so schien es, wollte Begin abgelöst wissen.

Begin bezeichnete sein Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten als »schlimmsten Augenblick meines Lebens«. Er flog nach New York, um die Juden zu mobilisieren. Bei einem Essen im Waldorf-Astoria, veranstaltet von der Konferenz der Präsidenten großer amerikanisch-jüdischer Organisationen, bat Begin eindringlich: »Nehmen Sie unseren Friedensplan, machen Sie ihn unter Millionen Amerikanern publik. Bitten Sie um Unterstützung -- Sie werden sie bekommen. Dann wird jeder sehen, welch großen Beitrag wir geleistet haben.«

Doch obwohl sie applaudierten, wußten die jüdischen Führer, daß sie Begins Plan nicht verkaufen konnten. Die meisten glaubten wie Carter, daß Begin abgelöst werden müsse, wenn der Frieden eine Chance haben solle.

Eser Weizmans Appetit auf die Macht verstärkte sich, als sich Begin, erneut unter seiner Herzschwäche leidend und über den Fehlschlag seiner Washington-Reise zutiefst deprimiert, von der aktiven Führung zurückzuziehen schien. Weizman nannte ihn den »Manoach« -- einen Mann, der bereits gestorben ist.

Als die Vereinigten Staaten offiziell fragten, welche Absichten Israel und Westjordanien mit dem Gazastreifen hätten, drängte Weizman auf eine klare Antwort, die Sadat als »Feigenblatt« dienen könnte. Er gewann die Unterstützung von neun Ministern -- mehr als genug, um sich durchzusetzen.

Weizman schien mehr zu verfolgen als das Ziel, Begins Vorschlag, doppelsinnige Antworten zu geben, zu Fall zu bringen: Er schien jetzt bereit, selber Ministerpräsident zu werden.

Doch Weizman machte seine Rechnung ohne den Wirt, das heißt, ohne Begins Talent für den politischen Nahkampf zu berücksichtigen. Auf einer Kabinettssitzung am 18. Juni -- dem »Schwarzen Sonntag«, wie ihn die Friedensbewegung später nennen sollte -- war es Begin, der die Stimmen auf sich vereinigte. Mit wieder rosigen Wangen schlug er seine Antworten vor, und alle vermeintlich mit Weizman verbündeten Minister stimmten ihm zu.

Im Juli lud Sadat Weizman zu einem Treffen nach Salzburg ein, da der ägyptische Präsident an einer Tagung der Sozialistischen Internationale in Wien teilnahm. Wenige Tage nach ihrem Gespräch traf Sadat in Wien mit dem Führer der israelischen Arbeitspartei, Schimon Peres, zusammen. Gerüchten zufolge unterstützten die Vereinigten Staaten jetzt eine potentielle Weizman-Peres-Koalition. Begin sah in dem Ganzen einen Affront.

Als Weizman nach Jerusalem zurückkehrte, war das Kabinett »zu beschäftigt«, um seinen Bericht zu hören. Weizman stürmte aus der Kabinettssitzung und riß ein Friedensplakat von der Wand eines angrenzenden Büros.

»Wozu brauchen Sie das noch?« rief er. »Diese Regierung will keinen Frieden.«

In der nächsten Woche dann durfte er der Regierung berichten. Sadat, erklärte Weizman, dränge immer noch auf einen Separatfrieden. Nach wie vor wolle er El-Arisch zurückerhalten, vielleicht auch Sankt Katharina auf dem Berg Sinai. Dort wolle er Moses, Jesus und Mohammed Tempel errichten.

Dajan fragte: »Haben Sie ein Protokoll von diesem Gespräch?«

Weizman fragte: »Vertrauen Sie mir nicht?«

Das sei keine Frage des Vertrauens, antwortete Dajan. Er sei gerade mit dem amerikanischen Außenminister Cyrus Vance und dem ägyptischen Außenminister Mohammed Kamil in Leeds in England zusammengetroffen. Da habe Kamil nicht von einem »Alibi« gegenüber den Arabern gesprochen, sondern von regelrechtem Panarabismus.

Kamil wolle echte Selbstbestimmung für die Palästinenser und einen Rückzug der Israelis auf die Grenzen von 1967. Ein Separatfrieden, das habe Kamil klargestellt, komme nicht in Frage -- entweder ein Vertragspaket oder gar nichts. Und Vance -- so Dajan -- habe dem voll zugestimmt.

In keinem Fall werde es in der Frage Sankt Katharina oder El-Arisch eine »Geste« geben. Zwar war Begin dafür eingetreten, Ägypten El-Arisch zurückzugeben, als Sadat sich zu seinem Besuch in Jerusalem rüstete. Doch das war damals. Jetzt sahen die Dinge anders aus. Sadat, so der Ministerpräsident, werde »nichts für nichts« bekommen.

Das erklärte er auch in der Öffentlichkeit, woraufhin Sadat die israelische Militärmission aus Kairo auswies. Das schien das Ende vom Anfang.

Anfang August reiste Cyrus Vance mit handschriftlichen Einladungen Präsident Carters in den Nahen Osten. Ob Ministerpräsident Begin und Präsident Sadat sich mit ihm in Camp David treffen wollten, um gemeinsam zu versuchen, aus der Sackgasse herauszukommen? Beide Männer nahmen die Einladung sofort an. Wie hätten sie auch dem Präsidenten der Vereinigten Staaten ihre Zusage verweigern können?

Im israelischen Kabinett jedoch herrschte nicht eitel Freude. Die Falken fürchteten, Carter werde Begin unter Druck setzen, einer palästinensischen Heimstatt zuzustimmen. Die Tauben hatten wenig Hoffnung, daß Begin sich flexibler zeigen werde als bisher.

Ein Treffen zwischen Dajan und Sadat in Camp David bringt die Wende.

Israel strebte einen Separatfrieden an. Um dieses Ziel zu erreichen, mußte es bereit sein, den ganzen Sinai zurückzugeben einschließlich der Militärstützpunkte, Siedlungen und allem.

Was Westjordanien und den Gazastreifen anlangte, galt es, verbale Flexibilität zu zeigen -- um den amerikanischen Erwartungen zu entsprechen und Sadat gerecht zu werden, der gegenüber der arabischen Welt eine politisch tragfähige Lösung brauchte.

Wie immer auch die endgültigen Vereinbarungen aussehen mochten, sie müßten drei grundlegende Bestimmungen enthalten: Israel müsse seine Streitkräfte und Siedlungen auf dem Westufer des Jordan beibehalten. Israel dürfe nicht aufgefordert werden, seine Ansprüche auf das Gebiet aufzugeben. Außerdem dürfe es keinen unabhängigen Palästinenserstaat geben.

Dajan las diese Bedingungen erstmals auf dem Flug nach Camp David. »Wer hat das gutgeheißen?« fragte er. Ein Mitarbeiter wies auf Begin. »Das ist Unsinn«, sagte Dajan, »barer Unsinn.

Und das schien die Eröffnungssitzung denn auch zu bestätigen: Sadat unterbreitete ein Papier, in dem Israel aufgefordert wurde, sich überall auf seine Grenzen von vor 1967 zurückzuziehen und das Selbstbestimmungsrecht der Araber auf dem Westufer und im Gazastreifen anzuerkennen.

Es war ein Plan für einen palästinensischen Staat, der Dajans Behauptung bestätigte, Weizman sei schlichtweg hereingelegt worden. Begin war empört. Wenn das Sadats Vorstellung von Verhandlungen sei, erklärte er seiner Delegation, werde er nicht mitspielen.

Die Amerikaner machten einen Kompromißvorschlag, der für Israel ebenso unannehmbar war. Tagelang schien alles aussichtslos zu sein.

Dann aber gerieten die Dinge in aller Stille allmählich in Bewegung. Carter ging von Tür zu Tür und führte lange Gespräche mit beiden Seiten, bei denen er sich umfangreiche Notizen machte, Einen ganzen Abend verbrachte er damit, sich mit dem Sinai-Komplex auseinanderzusetzen, buchstäblich Hügel für Hügel. »Ich habe heute abend«, sagte er, »mehr über den Sinai gelernt als während meiner ganzen Präsidentschaft.«

Weizman wollte Sadat mit Dajan zusammenbringen. Sadat zögerte -- Dajan war ein zu starres Symbol, als daß er beiläufig in die Hochburg des ägyptischen Präsidenten hätte eingeladen werden können. Weizman jedoch betonte, Dajan sei die Schlüsselfigur auf israelischer Seite und Sadat müsse ihn empfangen, wenn überhaupt eine Einigung erzielt werden solle.

Sadat brauchte über eine Woche, bevor er nachgab. Doch es lohnte sich. Dajan verließ Sadats Bungalow erstmals in dem Glauben, daß der Ägypter einen Separatfrieden wolle und ein Abkommen ohne König Hussein erreicht werden könne.

Sadats anfängliche Forderungen konnten jetzt als Verhandlungsgrundlage betrachtet werden. Angesichts dessen, was in Camp David schließlich geschah, scheint er seinen Palästinenserplan nur vorgelegt zu haben, um seinem Außenminister zu beweisen, daß daraus nichts werden könne.

Doch trotz der Begegnung, die Sadat und Dajan unter vier Augen hatten, standen einer Nahost-Friedenslösung noch große Probleme entgegen. Zbigniew Brzezinski, Carters Sicherheitsberater, und das US-Außenministerium lehnten immer noch jede Lösung ab, die einem Separatfrieden gleichkam, bei dem also das Palästinenserproblem ungelöst blieb.

Begin betrachtete den Sicherheitsberater des Weißen Hauses, einen der Unterzeichner des berühmten Reports der Brookings Institution aus dem Jahre 1975, der praktisch einen palästinensischen Staat befürwortet hatte, mit größter Skepsis. In der Abgeschiedenheit von Camp David fand Begin den Mann so widerwärtig wie seine Position.

Brzezinski, so erklärte Begin seinen Mitarbeitern, sei ein »Ocher Israel«, das bedeutet »Verderber Israels« -- das stärkste Schmähwort der hebräischen Sprache.

Verteidigungsminister Weizman, der von Begins Eindruck hörte, sagte: »Ich kann mir über Brzezinski kein Urteil erlauben, aber wahrscheinlich bedarf es eines Polacken, um einen anderen Polacken zu verstehen.«

Damit waren die Vereinigten Staaten das Haupthindernis für ein Abkommen, was wiederum für Carter politisch unhaltbar war. Ebenso wie Präsident Truman sich über das State Department hinweggesetzt und 1948 den Staat Israel anerkannt hatte, setzte sich Carter über seine Berater hinweg. Das Sinai-Problem und die Frage des Westufers würden getrennt werden -- gekoppelt nur durch eine etwas zweideutige Form der Sprache.

Nun aber brach eine weitere Krise aus: Israel hatte einem stufenweisen Abzug aus dem Sinai zugestimmt, einschließlich der Räumung der Luftwaffenstützpunkte. Über die Siedlungen jedoch mußte noch diskutiert werden, und in dieser Frage zeigte Begin sich störrisch. Er weigerte sich, die Siedlungen zu räumen. Als Sadat davon erfuhr, packte er seine Koffer.

Begin stimmt dem totalen Abzug vom Sinai zu.

Carter jedoch ließ sich nicht zurückweisen. Er erklärte Begin, wenn Israel in dieser Frage weiterhin unerbittlich bleibe, werde die Konferenz scheitern, und es werde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum Krieg kommen. Die Ägypter, so Carter, würden ihre Armeen in die entmilitarisierte Zone verlegen, so daß Israel mithin gezwungen wäre, zu kämpfen oder aber klein beizugeben.

Begin ließ sich überreden. Doch er fürchtete die politischen Rückwirkungen daheim. Wenn Scharon, der in Israel geblieben war, erklärte, die Aufgabe der Sinai-Siedlungen gefährde die Sicherheit Israels, könnte es zu ernsten innenpolitischen Schwierigkeiten kommen. So telephonierte Begin mit Landwirtschaftsminister Scharon. Es laufe jetzt auf die Sinai-Siedlungen hinaus, erklärte er ihm. Würde Scharon einer Aufgabe der Siedlungen zustimmen?

»Wenn das der Preis für den Frieden ist, machen Sie es«, antwortete Scharon.

Der ägyptische Außenminister war weniger kompromißbereit. Mohammed Kamil erklärte, er werde einem Ausverkauf der Palästinenser nicht zustimmen. Sadat, der mit innenpolitischen Zwistigkeiten leichter fertig wird, nahm Kamils Rücktritt an.

Nach Bekanntgabe der Abkommen von Camp David kehrten die Vertragsparteien wieder zu den Standpunkten zurück, die sie vor der Konferenz vertreten hatten.

Auf einer Reise in den Nahen Osten, auf der er König Hussein an den Verhandlungstisch bringen wollte, gab Harold Saunders, Abteilungsleiter im US-Außenministerium, zu verstehen, Israel sei verpflichtet, sich innerhalb von fünf Jahren vom Westufer des Jordan und aus dem Gazastreifen zurückzuziehen. In Ost-Jerusalem traf er einen besonders empfindlichen israelischen Nerv, als er die Stadt als »besetztes Territorium« bezeichnete. Die Wirkung auf die israelische Regierung war vorauszusehen.

Begin war nach Camp David unter Beschuß der israelischen Linken wie der extremen Rechten geraten. Seine Kritiker warfen ihm vor, wie die Balfour-Deklaration des Jahres 1917 die Grundlage für einen jüdischen Staat geschaffen habe, werde Begin mit seinem Autonomieplan der Balfour eines Palästinenserstaates werden.

Begin glaubte natürlich, sein Plan werde genau das Gegenteil bewirken. Seine wahren Absichten lassen sich vielleicht am besten durch den alten jiddischen Witz über den Rabbi von Pinsk veranschaulichen, der als Wundertäter bekannt war und zum russischen Zaren gerufen wurde.

»Nun, Rabbi«, sagte der Zar, »ich höre, du kannst Wunder vollbringen.«

Der Rabbi schwieg.

»Nimm meinen Hund«, fuhr der Zar fort, »und bring ihm das Sprechen bei.«

»Das ist ein schwieriges Wunder«, widersprach der Rabbi. »Dafür werde ich fünf Jahre brauchen.«

»Gut«, sagte der Zar. »Aber wenn es dir nicht gelingt, werde ich dich hinrichten lassen.«

Der Rabbi nahm den Hund mit nach Hause und erzählte seiner Frau, was vorgefallen war.

»Bist du meschugge?« fragte sie. »In fünf Jahren willst du einen Hund zum Sprechen bringen? Hast du den Verstand verloren?«

»Hör zu«, sagte der Rabbi. »In fünf Jahren ist entweder der Zar tot oder bin ich tot oder ist der Hund tot.«

Durch die Saunders-Reise aber schienen die Amerikaner Begin bedeuten zu wollen, daß ihm keine fünf Jahre blieben -- jene Frist, die für die Autonomie Westjordaniens in den Abkommen von Camp David für die Autonomie festgesetzt war.

Der Vorfall hatte in Israel schwerwiegende politische Auswirkungen. Die Vereinigten Staaten, so erschien es vielen innerhalb und außerhalb der Regierung, versuchten, die bewußt doppeldeutigen Bestimmungen des Abkommens über das Jordanwestufer umzumodeln -- um sie in einer Form zu konkretisieren, die in eine umfassende Friedenslösung passen würde.

Begin und sein Kabinett bekamen Zweifel an dem, was sie getan hatten. So kam es nach Camp David zu einem Stillstand. Israelische und ägyptische Experten trafen sich im Madison Hotel in Washington, um die Vereinbarungen in die Vertragssprache zu übersetzen. Der Vertragstext wurde innerhalb weniger Tage fertiggestellt und vom Kabinett in Jerusalem abgelehnt. Angeblicher Grund: Einwände gegen einige Formulierungen in der Präambel, die auf zukünftige Friedensverhandlungen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn hinwiesen.

Es sah so aus, als kehrten die Israelis zu ihrer Paragraphenreiterei zurück. Der wahre Grund aber war ihre Bockigkeit, die durch die Saunders-Mission neu belebt worden war. Israel gab seine Pläne bekannt, die Siedlungen auf dem Westufer auszubauen. Scharon ließ verlautbaren, daß alle geräumten Sinai-Siedlungen im Gazastreifen neu errichtet würden.

Das konnte Sadat natürlich nicht ignorieren. Er stellte neue Forderungen hinsichtlich des Gazastreifens und verschärfte seine Erklärungen über ein Junktim zwischen dem bilateralen Vertrag und der Westuferregelung. Ende November akzeptierte Israel den Entwurf eines amerikanischen Kompromißvertrags, Ägypten lehnte ab.

Als der in Camp David für einen Friedensvertrag vorgesehene Unterzeichnungstermin, der 17. Dezember, näherrückte, machte Washington alle Anstrengungen, den Vertrag unter Dach und Fach zu bringen. Die Amerikaner erwiesen sich jedoch eher als lästig denn als hilfreich. Immer noch bestrebt, ein möglichst umfassendes Abkommen zu erreichen, ermutigten sie Sadat, auf ein stärkeres Junktim zu drängen -- diesmal durch eine Reihe von »Begleitschreiben«, die dem Vertrag angehängt werden sollten.

Überdies protestierte nun Sadat gegen eine Klausel, die er zuvor akzeptiert hatte und die vorsah, daß der israelisch-ägyptische Friedensvertrag Vorrang vor allen anderen Verträgen haben sollte, die jedes der beiden Länder eingegangen war und die dem Friedensvertrag entgegenstanden.

Als die Israelis diesen Protest ablehnten, lastete Präsident Carter die Schuld an dem verpaßten Termin ausschließlich Tel Aviv an. Israel wies darauf hin, daß es den amerikanischen Kompromißvorschlag akzeptiert habe.

Darüber hinaus beschuldigte es Washington, jetzt für Ägypten Partei zu ergreifen und nicht mehr als Vermittler tätig zu sein. Trotz aller Anklagen und Gegenanklagen blieb die Tür dennoch offen. Eine Abkühlungsphase aber war unvermeidlich.

Carter schlägt ein neues Gipfeltreffen zwischen Sadat und Begin vor.

Dann gaben die Opec-Staaten unter Führung der Saudis eine sukzessive Erhöhung des Ölpreises um alarmierende 14,5 Prozent für 1979 bekannt. Die Experten des State Department hatten immer wieder behauptet, ein starkes Junktim zwischen einer Sinai- und einer Westjordanien-Lösung werde dazu beitragen, die Preise niedrig zu halten -- in der Annahme, daß die Saudis schließlich einen Palästinenserstaat wünschten.

Dann verschlechterte sich die Situation im Iran. Angesichts des Autoritätsverfalls des Schah ergab sich für Washington, Ägypten -- und Saudi-Arabien -- erneut die dringende Notwendigkeit, den Friedensvertrag unter Dach und Fach zu bringen. Nahost-Geheimdienstler berichten, daß Ägypten bereit sei, im Falle innerer Unruhen in Saudi-Arabien zugunsten des dortigen Herrscherhauses zu intervenieren. Eine amerikanische Intervention komme ebensowenig wie im Iran in Frage. Einer radikalen Revolution jedoch, die sich Saudi-Arabiens bemächtigen könnte, werde Washington keineswegs untätig zusehen, sondern die Ägypter ermutigen, in die Entwicklung einzugreifen.

Vor diesem immer gefährlicheren Hintergrund ist ein ägyptisch-israelischer Vertrag zwingender geworden denn je zuvor -- um die Region zu stabilisieren und Ägypten für eine eventuelle Intervention in Saudi-Arabien freizusetzen.

Überdies stellt ein künftiger Palästinenserstaat, der wahrscheinlich unter PLO-Kontrolle und russischem Einfluß stehen würde, für Saudi-Arabien, Jordanien und Ägypten -- von Israel ganz zu schweigen -- eine Gefahr dar, die alle bisherigen Dimensionen sprengt.

Aus diesen Gründen hält Israel die Erklärung Präsident Carters vom 14. Januar, er werde »nicht zögern«, ein neues Sadat-Begin-Gipfeltreffen einzuberufen, für äußerst bedeutsam. Wochenlang ließen die Israelis gleichsam Luftballons über Washington steigen, um eine solche Erklärung zu erreichen -- ohne Erfolg. Jetzt hat Carter sich geäußert.

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