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»Ich kam mir vor wie Schlachtvieh«

Nationaltorwart Toni Schumacher über Doping, Geld und Sex im deutschen Fußball (II) _(Droemer Verlag, München 1987. ) *
aus DER SPIEGEL 10/1987

War es ein Foul oder nicht? War es Absicht oder nur ungezügelte Aggressivität? Bosheit, perverse Gewalt oder eine Explosion, ein Gemisch aus Galle und Energie?

Ich bin kein Psychologe. Ich bin auch nicht mein eigener Richter oder Anwalt. Mein »Foul« in Sevilla an Patrick Battiston kann ich auch heute noch nicht als eines empfinden. Ich gebe aber zu, ich habe immer noch Angst davor, mit den Bildern von diesem Aufeinanderprallen konfrontiert zu werden. Vielleicht würde ich dann anfangen, mich schuldig zu fühlen.

Meine Mutter hat damals die Szene im Fernsehen gesehen und mir ein paar Stunden später gesagt: »Es war schlimm, Harald. Es hat ganz übel ausgesehen, Junge.«

Sevilla 1982. WM-Halbfinale Frankreich - Deutschland. Ich bin übermotiviert, wahnsinnig konzentriert in diese Partie gegangen. Dieses Spiel war für mich eine Chance, die letzte Chance, unseren maroden Ruf zu widerlegen.

Die Franzosen spielen hervorragend, schießen Tore. Einige von ihnen treten, rempeln mich an. Einer läuft mit seinen Stollenschuhen über meine Hände. Schmerz und Zorn bis in die Haarspitzen. Es kocht in mir.

Ist es für dich oder für den Gegner gefährlich, wenn du rausgehst? Keine Frage. Ich muß ihm den Ball abjagen, ohne lange darüber nachzudenken, wer auf der Strecke bleibt. Bei solchen Aktionen ist die Verletzungsgefahr groß. Für beide Balljäger.

Ich schnelle also vor, Battiston kommt auf mich zu. Aus Erfahrung weiß ich, der will den Ball über mich heben. Ich springe hoch. Patrick trifft den Ball nicht genau. Wenn man in der Luft ist, kann man den eigenen Schwung nicht mehr abbremsen, höchstens noch ein bißchen wegdrehen. Ein Torwart ist ja kein Flugzeug. Ich konnte gar nichts mehr machen, mich weder festhalten noch abstoßen. Mit angezogenen Knien flog ich auf Battiston zu. Wenn ich ihn frontal getroffen hätte, wäre es für ihn noch schlimmer geworden. Im letzten Moment konnte ich mich noch drehen und traf ihn dann mit Po oder Hüfte am Kopf. Er fiel hin. Ich auch. In der Seite hatte ich einen Schlag verspürt, aber das war nicht weiter schmerzhaft.

Der Ball rollte am Tor vorbei. Ein Blick in Richtung Linienrichter. Das machen wir Torhüter fast immer, wenn während einer Aktion ein Foul oder Zusammenprall passiert. Hatte der etwas zu beanstanden? Er hat nicht gewunken. Keine Reaktion seinerseits. Nichts. Alles o. k. Ich rollte aus, drehte mich um, Patrick lag auf der Erde. Ich ging an ihm vorbei in mein Tor.

»Du solltest da hingehen«, dachte ich noch, »du mußt zu ihm gehen.«

Da standen dann aber schon schimpfend und drohend die Franzosen Tresor und Tigana. »Wenn du da jetzt hingehst, gibt''s Stunk«, befürchtete ich. Um offenem Streit aus dem Weg zu gehen, blieb ich dann einfach in meinem Tor. Ich hatte Angst vor dem, was kommen könnte. Nicht vor einer Auseinandersetzung, nicht vor den Spielern. Die Stimmung war geladen. Eine Explosion lag in der Luft.

»Wenn du jetzt hingehst und willst dich entschuldigen und die schlagen dich - dann gibt''s einen Eklat. Du verlierst die Nerven, schlägst oder trittst zurück.«

Also brachte ich es nicht fertig, auf Battiston zuzugehen, ihn zu trösten. Dazu war schon das ganze Spiel viel zu verrückt gewesen. Ich konnte nicht zu ihm hingehen, obwohl das in dem Moment vielleicht das einfachste gewesen wäre. Der erste Fehler war also, daß ich mich nicht um den Verletzten gekümmert habe. Ich stand im Tor, spielte verlegen mit dem Ball. Das war Feigheit. Vielleicht war ich da zum erstenmal in meinem Leben wirklich feige.

Ich wollte mir einreden, daß mich keine Schuld traf. Wie ein Kind, das eine große Dummheit gemacht hat und versucht, mit der größten Selbstverständlichkeit weiterzuspielen. So als sei nichts gewesen. Ich wollte einfach kein Foul begangen haben. Der Schiedsrichter gab mir übrigens recht: Er zeigte weder die Gelbe noch die Rote Karte.

Patrick Battiston lag immer noch am Boden, wurde versorgt. Ich hoffte leise: Alles gut! Alles o.k. Wie immer, der macht ein wenig Schau, um das Publikum aufzuputschen, gleich steht er wieder auf. _(Oben: Im weißen Trikot der deutsche ) _(Verteidiger Kaltz; )

Irgend jemand hatte nach einer Tragbahre gewunken. Die anderen kamen die Kapitäne, Ärzte, Sanitäter. Es schien ernst zu sein. Patrick wurde ins Krankenhaus gebracht.

Schiedsrichterpfiff - es ging weiter. Dann die Verlängerung, Rummenigge kam ins Spiel. Sein Anschlußtreffer und Fischers Ausgleichstor machten die Franzosen groggy, 3:3. Elfmeterschießen.

Und ich hatte noch die Unverfrorenheit, zwei Elfmeter zu halten. Wir waren im Finale, dank meiner Paraden und eines Fouls. Eine schlimmere Konstellation konnte es nicht geben. Davon hatte ich zwar noch nichts gespürt - aber dann kam mein zweiter, mein Kardinalfehler, begangen aus Unwissenheit oder deutlicher gesagt: aus Dummheit.

Auf dem Weg zur Kabine ließ ich mich anstecken von der Siegesbegeisterung meiner Mitspieler. Wir hatten es - auch durch meine überragende Leistung - geschafft, ins Finale zu kommen.

Gleichzeitig hagelten Fragen auf mich ein, und zwar in einer Form, wie ich es bis dahin noch nie erlebt hatte. Die einen lobten mich, die anderen beschimpften mich, jeder ganz radikal. Deutsche Journalisten, zum Beispiel, schnaubten mich an: »Weißt du, daß der Battiston zwei Zähne verloren hat?«

»Wenn es nur das ist, bin ich gerne bereit, ihm Jacketkronen zu kaufen«, habe ich geantwortet.

Nichts lag mir ferner, als mich über den verletzten Battiston lustig zu machen. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Tatsächlich hatte ich gefürchtet, Patrick hätte eine Gehirnerschütterung, läge vielleicht sogar im Koma.

Nun war mein dummer Satz gesagt. Zitierbar. Der Beweis für meine Unfähigkeit, zu bedauern, Mitleid zu empfinden, Anteilnahme zu zeigen. Ich war der Zyniker schlechthin geworden.

Das war aber noch nicht das Ende meiner Stolperstrecke. Der dritte Fehler war fast programmiert. In der Euphorie des Sieges habe ich dann Battiston total vergessen. Und kein Mensch hat daran gedacht, irgend etwas zu unternehmen. Bei einer vernünftigen Delegationsleitung, wie zum Beispiel unter Braun in Mexiko, wäre das niemals passiert. Auch Rüdiger Schmitz war leider nicht da.

Auf dem Flughafen von Sevilla gab es dann noch mal einen furchtbaren Wirbel. Weil die Abfertigung nicht zügig genug voranging, legte _(unten: Rocheteau (in der Hocke), ) _(Tresor, im Hintergrund Kaltz. )

sich Paul Breitner als Anführer mit dem Flughafenpersonal und der Flugleitung böse an. Es war ein heilloses Durcheinander, Geschrei, Gebrüll, Streß. Ein einziges Chaos. Die Delegationsleitung des Deutschen Fußball-Bundes hatte mal wieder gründlich versagt. Ich hatte einfach keine Zeit, um über Battiston nachzudenken. Vielleicht wollte ich es auch nicht, versuchte, das »Foul« zu verdrängen. Hatten wir nicht gewonnen, waren wir nicht im Finale?

Wäre Hermann Neuberger oder Rüdiger Schmitz an diesem Abend am Flughafen gewesen, hätten die mich sicher zur Seite genommen, wir hätten Blumen gekauft und wären ins Krankenhaus gefahren. Ich wäre an Battistons Krankenbett sitzen geblieben, bis ich von ihm gehört hätte, daß alles wieder o.k. ist. Man hätte mich nur zu ihm führen müssen.

In der damaligen Situation war ich einfach nicht in der Lage, von mir aus auf diesen Gedanken zu kommen. Begeisterung in der Mannschaft. »Phantastisch gehalten!« sagten die einen und klopften mir auf die Schulter. Die Hand war noch nicht weg, da kam der nächste: »Du Drecksack, du mieses Schwein« Das war dann einer der das Match im Fernsehen verfolgt hatte. Was ich damals in meiner Naivität noch nicht wußte: wie allgewaltig doch ein Fernsehbild sein kann.

Ich war also ein »medienbekanntes« Schwein geworden. Ein Deutscher, der einen Franzosen halbwegs umgenietet hatte. Wieder einer von denen, über deren Brutalität man in Filmen und im Fernsehen schon soviel gesehen hatte. Ich wurde ein Politikum ohne die geringste Begabung dafür.

Was wußte ich damals über Geschichte, über unser deutsches »Image« im Ausland? Nichts. Ich war der unpolitischste Mensch im ganzen Rheinland, aber Symbol einer unfairen Niederlage für Frankreich; ein Land, in dem alle antideutschen Ressentiments neu aufflackern konnten.

Kopfballduell zwischen Vorstopper und Stürmer. Der Ball wird verfehlt, zwei Köpfe prallen aufeinander. Zeitlupenaufnahme. Man sieht, wie die Köpfe sich verformen. Man kennt das vom Boxen, in meinem Fall, so hat man mir erzählt, war der Eindruck genauso brutal. Der Hüftknochen ist solider als der Gesichtsknochen. Die Verformung von Battistons Kopf - unerträglich.

Diese Bilder sind ein-, zwei-, zehn-, hundertmal gezeigt worden. Mit immer größeren, immer langsameren Zeitlupenaufnahmen. Und je öfter man diese Bilder dem Zuschauer servierte, desto größer wurde der Haß auf Toni Schumacher.

Der negative Höhepunkt der Weltmeisterschaft war mein Zusammenprall mit Patrick Battiston. Es ging gar nicht mehr um die gehaltenen Elfmeter. Im Ausland und zu Hause hatte man einen neuen fiesen Deutschen gefunden. Das Publikum war über unsere Skandale im Trainingslager am Schluchsee bestens informiert, über die schlechte Leistung, die schlechte Konditionsarbeit, über miese Trainingserfolge.

Man hatte das Spiel gegen Algerien gesehen - unser erstes während dieser WM -, das wir 1:2 verloren. Man sah das »getürkte« Spiel gegen Österreich. Die Abneigung gegen die eigene Mannschaft wurde immer größer.

Und in Deutschland fühlten sich dann Journalisten dazu berufen, den Schuldigen jetzt endgültig beim Namen zu nennen: Toni Schumacher, die Verkörperung aller deutschen Untugenden - Gewalt, Brutalität, Kälte, Unfähigkeit zu Mitleid. All das war in meinem »Foul« verkörpert. Das war aber nur ein Bruchteil dessen, was folgte. Durch mich waren die Deutschen im Ausland mal wieder in Mißkredit gebracht worden. Das Endspiel war von vornherein verloren.

Die Begeisterung in unserem eigenen Stall war nicht groß. Wir selbst glaubten nicht an einen Sieg, hatten, bis auf das Spiel gegen Frankreich, keine guten Leistungen gezeigt. Die Mannschaft war alles andere als in Höchstform. Wir hatten Leute dabei - unter anderen Karl-Heinz Rummenigge -, die waren einfach nicht fit und spielten teilweise mit Verletzungen. Wir waren schon vom Kopf her gar nicht in der Lage, Weltmeister zu werden.

Foul oder nicht? Auf jeden Fall war ich ein explosives Nervenbündel aus geballter Gewalt, aus Frust, Empörung und dem Willen zu siegen - trotz aller Skandale und Schwächen meines Teams. Und dafür gibt es eine sehr logische Erklärung.

Die Vorbereitungszeit auf die WM 82 war für mich ein einziger Alptraum. Alles fing an mit der Rückkehr Paul

Breitners in die Nationalmannschaft. Ich war jung und erst seit zwei Jahren in dieser Mannschaft. Die Dominanz von anerkannten Profis wie Breitner und Rummenigge war eine selbstverständliche Tatsache.

Der Leithammel und Spielmacher war Breitner. Ein Kämpfer, eine absolute Spielergröße. Seine Dominanz wurde noch verstärkt dadurch, daß bei Trainer Derwall echte Autorität fehlte. Der Münchner Spieler war eine so überragende Persönlichkeit, daß ich nicht den Mut hatte zu rebellieren. Paul konnte schon rein rhetorisch jeden Gegner mundtot machen, Derwall oder Journalisten unverschämt anpflaumen, sie zusammenstauchen. Er war 100prozentig stark auf dem Spielfeld, ungeheuer vital.

Außerhalb des Rasens war er leider kein Vorbild. Er rauchte wie ein Schlot pokerte, soff wie ein Kosake. Er war der Leithammel, tonangebend bei Spiel und Training, und natürlich auch danach. Und wie das eben so geht, sind die Schlechtesten und Schwächsten der Mannschaft seinem Beispiel gefolgt. Der bequeme Weg.

Eike Immel pokerte schon wie ein Süchtiger. Oft sah man, wie er aus seiner Brusttasche eine Handvoll Geldscheine herauszog. Oder sah ihn, wie er sich, enttäuscht und völlig gerupft auf sein Bett warf. Nicht selten wurde um 20000 bis 30000 DM gespielt. Andere bumsten bis zum Morgengrauen und kamen wie nasse Lappen zum Training gekrochen.

Wieder andere gossen reichlich Whisky in sich rein. Breitner hat fast alles mitgemacht, aber mit einem gewaltigen Unterschied zu den anderen: Am nächsten Tag auf dem Spielfeld lief er wie ein Uhrwerk. Verrückt. Nur die, die mit ihm getrunken hatten, krebsten rum wie Schnapsleichen.

Meine Wut richtete sich deshalb damals weniger auf Paul Breitner als auf die anderen Spieler. Dieser Bajuware hielt es wie sein Landesvater Franz Josef Strauß. Auch der kann angeblich bis morgens früh um vier trinken und feiern. Und ein paar kurze Stunden später hält er dann eine zweistündige Rede ohne Konzept. Während die anderen besoffenen Löwen noch mit dickem Kopf im Bett liegen. Das nennt man dann wohl »bayerische Robustheit«.

So sah es also damals aus mit Paul Breitner und den anderen Spielern, vor allem den Ersatzspielern, auch »Touristen« genannt. Ich war fassungslos und empört. Es gab da 30jährige Spieler, die genau wußten: Das ist meine erste und letzte WM. Sie lebten aber nicht danach. Die taten so, als ob es zwar ihre erste WM wäre, als ob aber danach noch mal drei oder vier andere Chancen kämen.

Ich rief Rüdiger an: »Komm mich holen, ich will nach Hause. Hier gibt es keine WM-Vorbereitung. Hier ist die Hölle los. Das ist das größte Chaos, das ich überhaupt je gesehen habe. Es war wirklich nicht übertrieben. Den Schluchsee haben wir nachher in »Schlucksee« umgetauft. Es gab keine Disziplin, und manche benahmen sich schlimmer als der berühmte Kegelbrüder auf dem Mallorca-Ausflug. Ich machte nicht mit. Blieb meistens auf meinem Zimmer.

Für die anderen war ich deswegen »anormal«. Verkehrte Welt. Ich sage mir: »Alles, was die vermasseln, mußt du noch besser machen.«

Für Millionen Menschen blieb ich eine Art Bestie, wie ich es schon bei meiner Rückkehr nach Deutschland gewußt, wenn auch nicht ganz verstanden hatte.

Um ihre Niederlage leichter zu bewältigen, verkauften mich die Franzosen als eine Art Mini-Hitler. Und ich war furchtbar erschrocken, daß ich, der Torwart Toni Schumacher, plötzlich eine solche Rolle zugeteilt bekam.

Kein deutscher Bundeskanzler hätte - selbst mit großer Mühe - soviel Porzellan zertrümmern können wie ich.

Aber mir war die Tragweite der Ereignisse damals nicht bewußt. Ich war naiv und unpolitisch. Rüdiger nicht. Seine Stimme klang bedrückt, als er meinte: »Wir müssen jetzt höllisch gut aufpassen. In den nächsten Wochen müssen wir ganz eng zusammenrücken. Da kommen einige Torpedos auf uns zu.«

Rein persönlich kann ich mich nicht schuldig fühlen, auch wenn ich tagtäglich mit den Untaten konfrontiert werde, die die Deutschen an Juden, Polen, Russen, Franzosen begangen haben. Nur - wer wollte mir damals schon zuhören? Ich war ein deutscher Barbar, gehaßt, und man erlaube mir die etwas provokante Feststellung, ich war die Zielscheibe einer neuen Form von antideutschem Rassismus geworden, von deutschem Boden ausgehend.

Sevilla war in meinem Leben die Zäsur. Nachdenken und Grübelei haben meine natürliche Unbekümmertheit ganz allmählich erstickt. Der Luftikus, die rheinische Frohnatur, war plötzlich ziemlich ernst. Ich hatte früher so gerne gelacht, Blödsinn gemacht, viel Trubel um mich herum geliebt - nun wurde ich ruhig, suchte die Einsamkeit. Irgendwie war ich zerbrochen, krank, ohne daß mir körperlich etwas fehlte.

Rüdiger Schmitz verlangte dann noch viel mehr von mir. Er intensivierte die Stille um mich herum, vertiefte meine Isolation. Danach ging er wieder mit mir spazieren. Allein. Stundenlang. Jeden Tag. Nicht mal meine Frau durfte dabeisein.

Den Kontakt mit Journalisten vermieden wir. Wir haben ewig diskutiert, alles analysiert, die Situation auseinandergenommen. Mit Recht stellte Rüdiger Schmitz fest: »In der nächsten Zeit werden

wir unsere wahren Freunde kennenlernen.«

Er brachte mir bei, die Lage trotz allem wieder ein bißchen optimistisch zu betrachten - zu akzeptieren, daß ich etwas dummes angestellt hatte. Etwas Dummes, aber nichts Bösartiges.

Bei den ersten Bundesligaspielen wurde ich mit schrillen Pfeifkonzerten in den Stadien empfangen.

Parallel dazu wurde ich mit Psychoterror am Telephon verfolgt. In Briefen drohte man mir die Entführung meiner Kinder und Terroranschläge gegen meinen Klub an. Es waren keine Franzosen, sondern Deutsche, die das schrieben. Ohne Rüdigers Beistand in dieser entscheidenden Phase wäre ich heute ein menschliches Wrack. Aber auch Patrick Battistons Fairneß war eine Wende für mich.

Das Treffen mit Patrick in Metz war absolut keine »sühnende Erniedrigung«, etwas, das Battiston sowieso nie akzeptiert hätte. Mit dieser Reise konnte ich ganz einfach meiner Verlegenheit, meinem Bedauern über den Vorfall Ausdruck geben. Außerdem bot sie mir die Möglichkeit, die emotionsgeladene Debatte über meine Person in Frankreich ein bißchen abzuwiegeln.

Patrick wünschte sich als Geschenk an einen seiner Freunde - Lokalredakteur der Zeitung in Metz - die exklusive Story unserer »Verbrüderung«. Kein großes Theater, hatte er versprochen.

Zu dritt fuhren wir los: Rüdiger, sein Bruder Karl-Josef Schmitz als Dolmetscher und ich. Mir war ein bißchen mulmig: »Wie mag Patrick reagieren?« In Metz lotste man uns dann in den Hinterhof des Hauptgebäudes einer Lokalzeitung. TV-Leute und Photographen belagerten den vorderen Eingang. Auch der Journalistenfreund Battistons war da. »Er sitzt oben«, sagte er. Wir folgten ihm in ein kleines Büro.

Dann kam Patrick, er sprach nur wenig Deutsch, verstand es aber ziemlich gut. Ich erklärte ihm, wie ich den Schock in Sevilla erlebt hatte. Er versicherte freundschaftlich: »So habe ich das auch gesehen.«

Ich glaube, da hatte ich Tränen in den Augen. Er trug noch eine Halskrause, hatte schwere Probleme mit dem Halswirbel. Wie Patrick mir begegnet ist, das war für mich eine ganz große Erleichterung. Er war unglaublich fair. Ich hatte ihm ja sehr weh getan.

»Komm, geben wir uns die Hand«, meinte er. »Vielleicht werden wir jetzt sogar Freunde. Die Sache von Spanien ist für mich erledigt, terminee, vorbei, finie.«

Dieser Händedruck war ein großer Augenblick für mich. Ich war glücklich.

»Hast du was gegen ein Shakehands-Photo?« fragte er.

Ich hatte nichts dagegen. Wir gingen hoch und wurden in ein Zimmer geschleust. Es war wie Hollywood. Hundert Photographen, Mikrophone, Kameras, Scheinwerfer, Kabelsalat. Auch Battiston war unangenehm überrascht. Wie ich. Mir wurde heiß, die Luft blieb mir weg. Ich kam mir vor wie Schlachtvieh, umgeben von Medienhenkern. Das Blut stieg mir in den Kopf.

Wie es war, wollten sie wissen. Ich erklärte ihnen, daß ich mich mit Patrick schon ausgesprochen hätte, unten.

Daß ich ihm mein Bedauern ausgedrückt habe, wie leid es mir täte, daß es nicht meine Absicht war, usw. usw. Ein hollywoodreifes Shakehands. Blitzlichtgewitter. _(Beim Spiel des 1. FC Köln gegen Dynamo ) _(Zagreb am 3. August 1982 in Paris. )

Auch von »Bild am Sonntag« war eine Journalistin da. Schon zu Beginn dieses Affentheaters hatte sie mir zugesäuselt: »Wenn das hier alles vorbei ist, fahrt ihr mit zu uns. Wir machen ein kleines Buffet, ein paar Photos und so.«

»Nie«, hatte ich entschieden abgelehnt. »Das mache ich nicht.«

Schon wollte das Biest uns nichts Gutes mehr. Auch ein paar vernünftige Fragen fielen: Battiston und ich antworteten, beteuerten unsere Verbrüderung, wenn auch von Freundschaft nicht die Rede war. Noch nicht.

Nochmals Shakehands, Photos, filmreif.

»Ich möchte jetzt fahren«, erlaubte ich mir zu sagen und stand schweißgebadet auf. Die »Journalistin« von »Bild am Sonntag« war allerdings nicht gewillt lockerzulassen: »Glauben Sie«, flötete sie, »daß Sie durch diesen Händedruck die von Ihnen verursachte Feindschaft zwischen Frankreich und Deutschland wieder bereinigt haben?«

Ich reagierte spontan: »Ich habe Sie nicht hierhergebeten. Ich brauche Sie auch nicht als Zeugin, um meinen Händedruck mit Patrick zu photographieren. Ich bin gekommen, um mich bei Patrick zu entschuldigen. Das haben wir unter uns erledigt. Außerdem möchte ich auf Ihre unverschämte Art und Weise überhaupt nicht reagieren. Sind Sie eigentlich verrückt? Soll ich mich denn für die deutsch-französische Versöhnung aus dem Fenster stürzen?''

»Aber die Völkerverständigung?«

Ich konnte es nicht mehr hören, die bösartig kreischende Stimme dieser Frau nicht mehr ertragen. Nichts wie raus aus dem Raum. Kritische Fragen seitens der französischen Journalisten hätte ich ohne Einwände akzeptiert. Die Franzosen waren höflich; zwar nicht unbedingt freundlich mir gegenüber eingestellt, was ich verstehe, jedoch fair, einfühlsam. Natürlich löste meine Reaktion jetzt mißbilligendes Murren aus. Wo war ich bloß wieder gelandet?

Auf der Rückreise nach Köln fiel eine Stunde lang kein Wort. Wir ahnten schon die Schlagzeilen des nächsten Tages: »Schumacher-Skandal!«, »Wieder neues Theater in Frankreich«, »Eklat bei Entschuldigung«.

Machtlosigkeit. Wenn jemand von den Medien einmal zum Monster erklärt worden ist, hat er keine Chance mehr gegen die Presse. Abkapseln - das war die einzige Lösung. Schluß mit den Interviews, keine Kommentare, keine Fernsehauftritte. Nur eins: auf dem Spielfeld keine Angriffsfläche bieten. Aber auch das wurde wieder falsch ausgelegt. Sie waren zwar alle böse auf mich, wollten aber trotzdem viel Geld für Exklusivinterviews ausgeben. Die Zeitungen, die Illustrierten, sie waren alle höchst interessiert, richtig scharf. Was die nur wollten, das frage ich mich noch heute.

Ich hatte nur ein Ziel: keine Fehler machen, keinen Fehler im Tor. Und bald fiel dann auch der Spruch: »Schumacher ist ein Marmorklotz, kalt, gefühllos, lebt nur für seinen Käfig.« Mir verging das Lachen, ich mied Partys und stellte auch im Klub keinen Blödsinn mehr an.

18. April 1984 in Straßburg. Ein Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und Deutschland war zur Einweihung des neuen Meinau-Stadions angekündigt. Die 50000 Plätze waren ausverkauft.

»Testspiel für Schumacher«, »Wie reagiert das Publikum vor der EM« »Wie verhält sich die Mannschaft": Die Presse hatte diese Begegnung zu einer Art »französischer Revanche« für die WM-Niederlage hochgespielt. Mehr eine Revanche gegen Schumacher, das Monster, als gegen die deutsche Mannschaft. »Das Ungeheuer« wurde abgeschirmt. Polizei und nochmal Polizei, an Bus, Hotel Trainingsplatz. Es war mir unheimlich. Aber ich hatte keine Angst. Angst ist ein schlechter Berater. Das weiß ich seit meiner Kindheit.

Wollte man den Sportler Schumacher sterben sehen? Wie bei einer Corrida das Ende, den Todesstoß, inszenieren«?

Mit Rüdiger hatte ich im Hotel das Ausmaß der Herausforderung analysiert: »Du gehst dran kaputt oder siegst. Du mußt das Publikum besiegen. Entweder du zähmst die Raubtiere, oder sie stürzen sich auf dich. Den Mut mußt du aufbringen, eine halbe Stunde vor dem Spiel - nein, länger noch - du mußt allein ins Stadion gehen. Damit wirst du die Haßexplosion zulassen und zeigen, daß du verstehst, daß man dich vernichten will. Du wirst durch den Käfig laufen wie einer, der darauf wartet, gelyncht zu _(Vor dem Spiel Frankreich - Deutschland ) _(am 18. April 1984. )

werden. Denk dran. Vergiß das Wichtigste nicht: Du bist in absoluter Sicherheit. Am Zaun stehen die Polizisten. Dir wird Haß entgegenschlagen, unglaubliche, nie dagewesene Abneigung. Nimm alles bewußt wahr. Registrier dieses Pfeifkonzert, versteck dich nicht. Das Gift muß endlich raus.« Ich wußte genau: Wenn ich schlecht spiele, bin ich out, kippe in den Abgrund. Vorbei. Mindestens für die Nationalelf.

Das Publikum im Stadion hörte sich bedrohlicher an als ein aufgestörtes Wespennest. Viel zu schnell verging die Zeit. Warm machen bedeutet: nach draußen gehen. Ich mußte raus, mit Horst Köppel, eine geschlagene halbe Stunde vor den anderen Mitspielern.

Die zehnstufige Treppe hinauf, schon sah ich überall die Polizisten in ihren blauen Uniformen, mit langen Knüppeln bewaffnet.

Noch stand ich unten, sah mich um, schnappte nach Luft. Ich muß da durch. Horst Köppel will wissen: »Wo gehen wir hin?«

»Wo das Theater am schlimmsten ist«, antwortete ich ihm fast wie in Trance.

Ich wollte das Schlimmste endlich hinter mich bringen. Für die Mannschaft und mich erreichen, daß das Publikum sich abreagiert. Also, aus dem dunklen Gang unten rauf in das helle Licht oben. Ich komme hoch. Schreie, Pfeifkonzert. Schumacher, als einziger Spieler auf dem Platz. Kein Franzose kein anderer Deutscher da, nur das Monster von Sevilla. Ohne die Zäune und die Polizei hätten die mich garantiert zerfetzt.

Ich lief bis zur Mittellinie und danach auf mein Tor zu. Ein Hagelregen von Eiern, Kartoffeln, Äpfeln, Steinen empfing mich. Die Zuschauer pfiffen, schrill wie Feuerwerk. Die Luft vibrierte. Unzählige Wurfgeschosse folgten.

Ich hätte glatt eine Obstkonservenfabrik eröffnen können: Immer mehr Obst flog an, auch Büchsen und Flaschen. Diagonal rannte ich weiter, in Richtung auf das Tor. Sechs bis acht Platzlängen laufe ich immer vor meiner Gymnastik im Mittelkreis. Auch diesmal.

Ich gehe ins Tor. Publikum, Photographen, TV-Kameras und Journalisten im Rücken. Schlimmer als die faulen Eier, die mein Kreuz trafen, spürte ich die bohrenden Blicke der Presse.

Ich mache mich warm. Horst Köppel versucht, das Publikum durch Zeichen zu beruhigen. Die toben nur noch schlimmer, noch wilder.

»Das darf doch nicht wahr sein«, schreit Köppel. »Sollen wir nicht lieber wieder reingehen? »

»Auf gar keinen Fall«, brülle ich. »Wenn ich jetzt gehe, bin ich ein feiger Arsch.« Ich war überzeugt: Wenn die hier endlich aufhören, ist die Sevilla-Story vorbei. Da mußt du durch.

Endlich erschienen auch die anderen Spieler. Wut und Haß auf den Rängen hatten sich ein bißchen gelegt. Das Spiel konnte anfangen. Ich war in physischer Topform und unheimlich konzentriert. Wollte beweisen, daß ich vor allem ein guter Tormann war. Ich habe gut gehalten. Die erste Parade schon nach fünf Minuten Spiel, danach mehrere Möglichkeiten, schöne Eckbälle zu pflücken.

Nach einem dieser Eckbälle lief Battiston auf mich zu. Wir schauten uns an, gaben uns gegenseitig einen freundschaftlichen Klaps. Wir wußten genau, warum. Es war ihm bestimmt unangenehm, daß mir das französische Publikum Sevilla immer noch nachtrug. Mein Klaps war die Mitteilung, daß ich diese Botschaft verstanden hatte.

Halbzeit. Von den eben noch tobenden 45000 pfiffen vielleicht noch 20000; die andere Hälfte hatte sogar schon Beifall gespendet - wegen einiger guter Paraden. Zur zweiten Halbzeit lief ich dann mit den anderen Spielern auf. Ein Alleingang war überflüssig.

Jedesmal, wenn ich den Ball hielt, bemerkte ich die Bereitwilligkeit des Publikums, Applaus zu spenden. Nach ungefähr zwei Stunden - ich war ja eine halbe Stunde vor Spielbeginn auf den Platz gekommen - trat die ersehnte Wende ein: Von 45000 keifenden Zuschauern, die mir spinnefeind gewesen waren, blieben am Schluß der Partie nur noch etwa 5000 ungewinnbar. Die anderen hatten meine Leistungen akzeptiert. Zum Glück siegten die Franzosen 1:0, durch einen unhaltbaren Torschuß.

Rüdiger hatte es vorausgesagt. Nur Leistung, nur die absolute Konzentration auf Leistung konnte die Krise überwinden.

Auf dem Weg in die Kabine stieß Patrick Battiston zu uns. Demonstrativ reichte er mir die Hand, gratulierte mir für mein »großartiges Halten« und schlug vor, wir sollten das Trikot tauschen. »Nicht auf dem Platz«, sagten wir uns. »Das sähe nach Schauabziehen aus. In der Kabine, ja?«

Wenige Minuten später: Trikottausch, für mich ein wundervoller Augenblick. Ein wenig abseits beobachtete Rüdiger die Szene. Ich wußte, das war ein ganz wichtiger Augenblick meiner Zusammenarbeit mit Rüdiger Schmitz. Unsere Mannschaft hatte zwar 0:1 verloren, aber - ich bitte nachträglich um Entschuldigung - ich hatte einen echten Sieg davongetragen.

Die Presse übertraf sich in Lobpreisungen, in Frankreich wie in Deutschland. Und die Affäre Battiston wurde nicht erwähnt. Herrlich, phantastisch war das.

Im nächsten Heft

Wenn der Ersatzkrieg Fußball zum offenen Krieg wird - Zu viele Spieler sind stinkfaul und zu viele Trainer auch - Profisport und Industrie: Puma verschenkt mich an den 1. FC Köln

Oben: Im weißen Trikot der deutsche Verteidiger Kaltz;unten: Rocheteau (in der Hocke), Tresor, im Hintergrund Kaltz.Beim Spiel des 1. FC Köln gegen Dynamo Zagreb am 3. August 1982 inParis.Vor dem Spiel Frankreich - Deutschland am 18. April 1984.

Toni Schumacher
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