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»Ich kam mir vor wie Schlachtvieh«

Nationaltorwart Toni Schumacher über Doping, Geld und Sex im deutschen Fußball (III) _(Droemer Verlag, München 1987 - Das Buch ) _(von Toni Schumacher ist soeben unter dem ) _(Titel »Der Anpfiff. Enthüllungen über ) _(den deutschen Fußball« im Droemer Knaur ) _(Verlag erschienen; 256 Seiten; 28 Mark. ) *
aus DER SPIEGEL 11/1987

Der »Ersatzkrieg« Fußball artet leider oft genug in psychologische Zweikämpfe aus. Durch Imponiergehabe versucht man, den Gegner möglichst einzuschüchtern, so daß er sich gar nicht erst groß an den Ball herantraut. Böse Blicke, Zähnefletschen, eindeutige Gesten, wüste Beschimpfungen auf dem Rasen - das meiste davon bleibt dem Zuschauer unbemerkt.

Unter den Schimpfwörtern steht natürlich das bestimmte Loch an erster Stelle: Zum »Arschloch« kommt dann meist noch ein schmückendes Beiwort wie »breites«, »riesiges«, »blödes« oder »rabenschwarzes«. Als »Hund« ist man ein »linker«, »feiger«, »falscher« oder »krummer Hund«.

Die Steigerung: Aus dem Hund wird eine »Sau« - eine »miese«, »dreckige«, »brutale«, »fiese« oder gar »schwule Sau«. Gemessen an anderen Nettigkeiten, sind die Ausdrücke aus der Tierwelt noch Komplimente. Da hört man »Halunke«, »Ganove«, »Wegelagerer«, »Gangster«, »Betrüger«, »lausiger Affe«, »Stinktier« oder »Stinkstiefel«.

Rote Öhrchen krieg' ich aber erst bei der nächsten Kategorie voll kollegialen Zurufen: Wer läßt sich schon gerne einen »Hodenbeißer«, »Arschficker«, »Wurmwichser« oder gar eine »spanische Sackratte« nennen?

Ich hab' schon viel gehört, oft genug einfach weggehört und, ehrlich gesagt, bin ich auch nicht gerade ein Unschuldsengel. Gegner wie Mitspieler können auch mich fluchen und toben hören »Lackaffe«, »lahmarschige Henne«, »Penner«, »Trampel« gehören zu meinem Wortschatz, und so manchem Schiedsrichter habe ich wutschnaubend »Du schwarze Sau« oder »Du Maulwurf, du blinder!« hinterhergebrüllt - aber so laut, daß es keiner gehört hat. Der ehemalige Torwart Nummer zwei, Uli Stein, nannte einen Unparteiischen den er wenig unparteiisch fand, »du Wichser!« So weit bin ich doch noch nicht gegangen. Als Kapitän der Nationalmannschaft muß ich Selbstbeherrschung üben und sollte den jüngeren Mitspielern kein zu schlechtes Beispiel geben.

Das Schlimmste, was einem passieren kann - das Allerschlimmste ist Spucken.

Wer einmal in seinem Leben angespuckt wurde, der versteht, warum es Affektmorde gibt. Sekundenlang ist man wie gelähmt. Man zittert vor Wut und Ekel. Innerlich fängt es an zu brodeln. Haß steigt auf, die Luft bleibt einem weg für einen Augenblick. Schlimmeres gibt es nicht. Da wird dann der Ersatzkrieg Fußball zum offenen Krieg, da klappt in der Tasche das Messer auf.

Schiedsrichter haben es schwer. Sie müssen Kritik von allen Seiten einstecken. Sie können nicht groß antworten - dafür aber reagieren, auch sich abreagieren. Es ist schwierig für den »Schwarzen Mann«, dem wachsenden Druck von Publikum und Trainerbank zu widerstehen.

Bundesligatrainer, wie Karlheinz Feldkamp aus Uerdingen, haben ihre ganz besonders listige Taktik: Mit Gesten und Pfiffen, einer hilfesuchenden Drehung zum Publikum wird die Stimmung aufgeheizt. Über die Zuschauer wird Druck auf den Schiedsrichter ausgeübt. Die Klugen unter den Unparteiischen überhören solche Pfeifkonzerte genauso wie die verbalen Entgleisungen der Spieler. Die Klügsten halten es wie die drei Affen: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.

Andere »Schwarzkittel« fegen wie ein angeschossenes Wildschwein über den Platz, die dünnen

Nerven reißen, und sie kommen ins Schleudern. Overath und Breitner waren früher die berüchtigtsten Nervtöter. Die konnten einen Schiedsrichter zermürben. Immer noch ein bißchen lauter brüllen, noch näher an den Schiedsrichter rantreten - so mancher Unparteiische wurde auf diese Weise zum gehorsamen Zögling dieser Spieler.

Schiedsrichter werden die Möglichkeit auskosten, 22 Leuten zu zeigen, wo's langgeht - das ist schon seltsam. So mancher von ihnen nutzt die Gelegenheit, den Frust der ganzen Woche am Wochenende selbstherrlich abzureagieren. Schließlich hat der Schiedsrichter das »Recht auf Rechthaberei«.

Und viele scheinen sich an den guten Spielern dafür zu revanchieren, daß es bei ihnen selbst nie zum Star gereicht hat. Verhinderte Fußballstars sind also dazu auserkoren, ein Starensemble zu dirigieren, 90 Minuten lang. Wehe, wenn einer nicht pariert oder gar widerspricht! Der sieht die gelbe, manchmal auch die rote Karte.

Der sogenannte Unparteiische ist für mich nicht grundsätzlich ein Feindbild. Doch manchmal überfordert er mich, weil er selbst überfordert ist. Der moderne Fußball ist schneller geworden, die Spieler frecher, das Publikum wilder - und das Fernsehen ist da als der immer präsente, intimste Zuschauer.

Ein »Schwarzer Mann« ist dem heutigen, dem modernen Fußball einfach nicht mehr gewachsen. Zwei wären besser: Einer immer am Ball - er wäre zuständig für Freistöße, Ecken und das 16-Meter-Getümmel; der andere sollte das gesamte Spiel mit Distanz überwachen. Schwerwiegende Entscheidungen würden zu zweit getroffen. Die Linienrichter würden weiterhin »Rangierer« bleiben und nur bei »Abseitsentscheidungen« gefragt werden.

Und schließlich: Profifußballer verdienen es, daß sie von Profischiedsrichtern beurteilt werden. Die Entscheidungen des »Schwarzen Mannes« sind zu wichtig, als daß man sie Amateuren überlassen sollte. Ein Schiedsrichterpfiff kann über Millionen entscheiden, über Gewinn oder Verlust für eine ganze Mannschaft, einen Verein, für diese Aufgabe wären ehemalige Profifußballer bestens geeignet: Sie kennen alle faulen Tricks und Raffinessen - einen alten Affen lehrt man das Fratzenschneiden nicht mehr.

Schiedsrichter müßten dann aber auch besser bezahlt werden. Für ein Inlandsspiel sollten sie nicht 200 bis 300 Mark bekommen, sondern 3000 Mark. Ihr Einsatz bei internationalen Veranstaltungen sollte mit 5000 Mark honoriert werden. Und sie müßten endlich auch selbst für ihre Unterkunft sorgen, die Kosten selber tragen. Das Wohlbefinden der Unparteiischen gibt nämlich heutzutage Anlaß zu allen möglichen Spekulationen. Bei Europapokalspielen findet dann ein zweiter Wettbewerb statt: Welche Mannschaft bringt den Schiedsrichter am besten unter? Vier-Sterne-Hotels und allerfeinste Restaurants sind gerade gut genug für ihn, auch seiner eventuellen Einsamkeit kann man vorbeugend Abhilfe schaffen.

Eine Variante in diesem Wettbewerb lautet: Welcher Schiedsrichter tritt den Heimweg mit einer zweiten Tasche an? So etwas gibt es tatsächlich. Vielleicht ist Köln eine Ausnahme, dort werden die Schiedsrichter immer noch amateurhaft betreut.

Wer seine Arbeit gut bezahlt bekommt, kann Bestechungsversuchen besser widerstehen. Könnte gut sein, daß seltsame, auffällige Schiedsrichterurteile auf diese Weise weniger würden. Professionalität ist der beste Schutz vor ungerechten Praktiken, vor Improvisation und Willkür.

Auf dem Rasen sind jetzt die jüngeren Spieler ein bißchen flinker, beweglicher, spielerisch und technisch besser als die älteren Stammspieler. Aber Durchsetzungsvermögen und Mumm fehlen ihnen. Seit Mexiko hat sich nur ein einziger durchgesetzt: Thomas Berthold. Früher spielte er zu locker. Jetzt hat er es begriffen. Die Erleuchtung kam im richtigen Augenblick.

Olaf Thon war auf dem besten Weg nach oben, bis er sich dann in Mexiko verletzte. Franz Beckenbauer bot ihm an, dazubleiben und die Weltklassespieler aus allernächster Nähe zu beobachten, den Allerbesten das Erfolgsgeheimnis

abzuluchsen. Olaf wollte lieber nach Hause.

Auch mit dem besten Willen kann ich für ihn kein Verständnis aufbringen. Berti Vogts übrigens auch nicht. Berti hat schon vor 20 Jahren die WM in England von der Tribünenbank aus verfolgt. Nur um zu lernen, um Spieler wie Bobby Charlton in Aktion zu erleben, zu analysieren, technisch und taktisch.

Also sage ich es noch einmal ganz laut, prüfe und unterschreibe: »Viele junge Spieler sind faule Säcke! Und ein paar von ihnen sind dazu noch sträflich dumm.« Olaf Thon ist ein Paradebeispiel. Er kam angestelzt: »Meinst du, daß ich auch zu den 'faulen Säcken' zu rechnen bin?« Der Gockel war Nationalspieler und fühlt sich von meiner Bemerkung getroffen, weil ihm nicht aufgefallen war, daß ich mir dieses Urteil nur in bezug auf die Bundesliga erlaubt hatte. »Wenn dir der Schuh paßt, bitte schön«, habe ich geantwortet. »Dann solltest du ihn anziehen.«

Unser Nachwuchs - und das sage ich nicht wie ein betagter Neidhammel - hat es innerhalb der Vereine zu leicht. Es genügt, den Verdacht auf ein Quentchen Talent zu erwecken, und schon gibt es einen festen Vertrag. Von Anfang an werden sie verhätschelt und verwöhnt, mit fünfzig-, sechzig- oder siebzigtausend Mark pro Jahr für blutigste Anfängerleistungen honoriert. Das Ergebnis: Jeder hat seinen Super-Videorecorder, sein schnelles Auto. Die Kabinen- und Duschzurufe sind Dialoge im High-Society-Verschnitt.

»Was machen wir heute?« flötet der eine. »Spielen wir Tennis oder fahren wir Surfen?«

»Nein, lieber eine Sauftour durch die Stadt«, antwortet der andere.

Die meisten ernähren Tennis-, Golf- oder Reitlehrer. Warum bloß hält sich von denen keiner einen eigenen Fußballehrer? Den hätten sie bitter nötig, um besser zu schießen, zu flanken, zu dribbeln.

Wenn ich ein Tor reinkriege, möchte ich platzen. Die jungen Herrschaften nehmen das alles sehr gelassen, fast gleichgültig. Die sind »cool«. Kein Ehrgeiz, kein Wille zu siegen. Sie spielen weder gut noch schlecht, die spielen halt drauflos. Durchschnitt statt Leistung. Sie werden bald 200000 Mark pro Jahr verdienen. Das reicht denen. Beamtenmentalität. Fünf-Stunden-Tag. Dolce vita. Mittelmäßigkeit als Lebensideal. Tragisch, daß sie damit durchkommen. Sie brauchen nichts zu fürchten, keine Konkurrenz, die ihnen die Position streitig machen könnte.

Seit ich Fußball spiele, stehe ich eine Stunde vor Trainingsbeginn an meinem Arbeitsplatz. Ohne daß mich je einer dazu gezwungen hätte. In Köln mußte jetzt der Trainer anordnen, daß jeder eine halbe Stunde für seine Vorbereitung ansetzen muß. Sonst kämen einige Spieler knapp zehn Minuten vorher.

Mein Herzenswunsch: endlich mehr effiziente Profimanager an die Vereinsspitzen, damit der hemmende Amateurmief etwas gebremst wird. Es gibt Ausnahmen: Bayern München mit Uli Hoeneß als Manager und den HSV mit Felix Magath als Chef. Im großen und ganzen sind die meisten Klubpräsidenten ehrgeizige und eitle Obervereinsmeier, die für die Leitung eines Profivereins oder auch nur einer Vorstandssitzung nicht sonderlich

geeignet sind. In Köln etwa kommen Präsident Weiand und sein langjähriger Vize aus der »Glücksspielszene«; Lotto und Toto waren ihr Geschäft. Sicherlich eine ehrenwerte Tätigkeit, nur - geschäftlich gesehen - ohne Risiko, ohne Kampf. Purzelt das Lottogeld nicht schlicht jede Woche in die Kasse? An der Spitze des 1. FC Köln sitzen keine Draufgänger, und in den meisten Vereinen sieht es ähnlich aus. Kaum je läßt der Vorstand einem einigermaßen unabhängigen Manager freie Hand - München ist eine Ausnahme.

Die Präsidenten sind von sich sehr eingenommen, halten sich für unersetzbar. In Wirklichkeit haben sie entweder wenig Zeit für den Verein oder verstehen es nicht, einen Verein wirklich zu leiten. Begangene Fehler müssen die anderen ausbügeln, und die Spieler müssen dafür büßen.

Man feuert Manager, Trainer, Spieler. Die Sündenböcke vom Dienst. Je schneller sich das Personenkarussell dreht, um so tiefer rutschen wir immer wieder in die gleiche... Deutlich genug gesagt?

In Köln sitzen beispielsweise im Verwaltungsrat fähige Leute aus der Wirtschaft und der Politik. Ihre Funktionen erlauben aber keine echte Einflußnahme auf das Management eines Vereins, der immerhin 15 Millionen Jahresumsatz hat. Die Macht hat der Vorstand, und er übt sie aus. Die Manager sind zu Ausführenden degradiert. Werbeverträge und Sponsorhilfen werden angehäuft und als finanzielle Erfolge gewertet. Totaler Blödsinn. Viel wichtiger wäre eine Klassemannschaft. Nur daran erkennt man den Topmanager. Eine gute Mannschaft spielt attraktiven Fußball. Das füllt Stadion und Kasse.

Auch hier liefert Uli Hoeneß ein leuchtendes Beispiel. Gut, er genießt das Privileg glücklicher Umstände: Im Umkreis von rund 200 Kilometern hat er keine Konkurrenz. Nürnberg oder Stuttgart sind weit genug weg. Bei uns im Rheinland und im Ruhrgebiet ist die Lage anders: Bochum, Schalke, Düsseldorf, Leverkusen, Uerdingen, Köln, Dortmund, Gladbach. Ein Zuschauer könnte - rein theoretisch - in 90 Spielminuten seine Nase in acht verschiedene Stadien stecken.

Um so dringender erscheint deshalb eine Reform, eine Roßkur für den deutschen Fußball. Mein Fünf-Punkte-Programm sieht so aus:

1. Holt erfolgreiche Topmanager aus der Wirtschaft in den Vorstand!

2. Dieses Topgremium bestimmt einen Generalmanager, dem Entscheidungsfreiheit gesichert wird. Er hat jährlich Rechenschaft abzulegen.

3. Der Generalmanager verdient sehr viel Geld. Er ist zuständig für den Ein- und Verkauf von Spielern, Trainern, Ärzten.

4. Der Trainer kann ruhig ein Nobody sein, vielleicht sogar einfach ein Absolvent der Sporthochschule. In der neuen

Vereinsstruktur steht der Trainer im Hintergrund. Der Generalmanager ist verantwortlich für Fehlinvestitionen, schlechte Verwaltung, Defizite und Mißgriffe, Fehleinkäufe von Spielern.

5. Der Generalmanager wird angehalten, den Trainer zu fordern, Ergebnisse zu verlangen, systematische Trainingsarbeit zu organisieren.

Trainings- und Konditionsprogramm werden in Wochen-, Monats- und Jahrespläne aufgeteilt. Der Trainer muß beispielsweise die 100-Meter-Zeiten sämtlicher Stürmer vorlegen. Der Generalmanager verlangt Leistungsverbesserungen. Auf dieser Basis: Arbeit, Training von 8.00 bis 17.00 Uhr. Kampfansage an die Faulheit, eine weitverbreitete Krankheit in unserer Bundesliga!

Den idealen Vereins-Generalmanager stelle ich mir so vor: sehr fleißig, von 8.00 bis 18.00 Uhr anwesend, immer erreichbar. Er hat Autorität, ist aber nicht autoritär. Er besitzt fußballtechnisches Wissen und einen Sinn fürs Kaufmännische. Sein Hauptaugenmerk gilt der Jugendarbeit. Da setzt er die besten Trainer ein, da wird an nichts gespart. Schließlich muß der Nachwuchs mittelfristig vorbereitet werden. Warum nicht die eigene Elite aufpäppeln, statt an jedem Saisonbeginn astronomische Ablösesummen für Jungspieler an andere Vereine zu zahlen?

Neue Trainingsmethoden, aber auch eine neue Generation von Trainern? Werden sich Lattek, Happel, Feldkamp und Co. von morgens bis abends auf den Trainingsplatz stellen, wie meine Theorie das vorsieht?

Vielleicht empfehlen die mir einen dringenden Besuch beim Nervenarzt, wenn sie meine Vorschläge gelesen haben: Wieso sollte man den ganzen Tag hart arbeiten, wenn die 30000 Mark Monatsgehalt auch mit minimalem Aufwand auf dem Konto einlaufen?

In unserer Fußballwelt gibt es keinen Acht-Stunden-Tag. Im Fußball ist die Anwesenheit am Arbeitsplatz kein Thema. Die meisten halten sich an die Regel: Wenn du nicht gerufen wirst, geh bloß nicht hin! Sicher, auf internationaler Ebene war der deutsche Fußball relativ erfolgreich. Heißt das, daß die bisherigen Methoden richtig waren?

Sicher nicht. Wir schneiden nicht schlecht ab, weil Disziplin und Willenskraft unsere unschlagbare Stärke sind. Aber wir müssen technische Mängel und fehlende Gewandtheit mit Witz und Intuition überwinden.

Eines ist sicher: Geht eines Tages mein Wunsch in Erfüllung, und ich werde Präsident oder Generalmanager eines Vereins, dann werden sich die Trainer auf meine Vorstellungen von Arbeitsmoral und Arbeitszeit einstellen müssen. Kein Topmann in der Wirtschaft, kein Politiker und kein erfolgreicher Freiberufler arbeitet weniger als 50 bis 60 Stunden pro Woche. Sie setzen für mich die Maßstäbe.

Und ich würde eine langfristige Planung einführen: über ein Jahr im voraus. Wichtige Termine wie Spiele, Training oder Ferien werden festgelegt.

Der Co-Trainer wird am Freitagabend aufgefordert, sich die Spiele der Gegner anzusehen - sie sich selbst ansehen, meine ich, nicht jemanden dorthin schicken. Ein Trainer meiner Wahl sitzt am Wochenende nicht vor dem Fernseher, und er besäuft sich auch nicht. Ein Trainer meiner Wahl hat nicht das Problem, seine Zeit totschlagen zu müssen.

Außer Weisweiler und Michels gehören für mich auch Branko Zebec und Ernst Happel - ein ehemaliger und der gegenwärtige HSV-Trainer - zur Eliteriege der Trainer. Alle vier setzten absolute Maßstäbe für Spieler, behandeln ihre Stars brutal und mit Verachtung.

Branko Zebec beispielsweise nahm nach einem schlechten Match eine Handvoll Steine, um seine Strafrunden zu inszenieren. Pro Stein eine Runde, und auf ging's. Keiner traute sich zu meckern, auch keiner der Weltstars.

Sind die größten Sadisten auch die besten Trainer? Ein fataler Zusammenhang, peinlich in den Augen des Publikums. So muß es nicht bleiben. Extreme Leistung und Menschlichkeit haben in dieser Kombination eine Chance, wenn Faulheit und Dilettantismus in Zukunft von Trainern nicht mehr mit der Peitsche bekämpft werden müssen.

Der faire Vergleich unter Spielern würde den Ehrgeiz wecken und zu größerer Leistung anspornen. Augenblicklich hält sich doch jeder für den Besten. Wenn schon nicht konditionsmäßig, dann technisch. Es ist aber so: Zu viele Spieler sind stinkfaul - und zu viele Trainer auch. Massenweise »Profis«, die trotz geringer Leistung am Monatsende zwischen 10000 und 30000 Mark kassieren. Wir haben es mit einer »Faulpelzverschwörung« zu tun, und zwar zwischen Trainern und Spielern. Und das wiederum zementiert die Vorstandsübermacht gegenüber den Trainern, die entschieden zuviel Angriffsfläche bieten. Deswegen steht man in der Bundesliga auf einem Pulverfaß. Und es ist kein Wunder, daß bei diesem Zuständigkeitswirrwarr beim kleinsten »Kurzschluß« die Sicherungen rausfliegen.

Es ist doch wahr, daß in Vereinen mit 5 bis 20 Millionen Jahresumsatz die Spieler oft nicht wissen, was sie in der kommenden Woche tun werden. Kein Stundenplan, kein Trainingsplan, der ein bißchen Überblick verschaffen würde. Man sieht keine Feiertage vor, weder Sommer- noch Winterferienanfang. So war es beispielsweise beim HSV vor der Ära Magath, in Köln vor Keßlers Ankunft 1986. Ganz klar: So mancher Fußballprofi kann sein Leben nicht rationell organisieren, weil zu viele Vereine von Dilettanten geleitet werden.

Kaum zu glauben, aber wahr. Dilettantismus, wohin man sieht - nur wenige Vereine, wie zum Beispiel Bayern München, funktionieren reibungslos.

Mit dem Profifußball werden inzwischen knallharte Geschäfte gemacht. Reine Geschäftsraison drängt den Sport immer mehr in den Hintergrund. Durch Werbung fließt Geld in die Vereinskassen, und Geld ermöglicht den Vereinen Leistung und Erfolg. Das macht sie wiederum attraktiv für die Sponsoren, kurbelt die Nachfrage an. Der Wert der kickenden, zweibeinigen Plakatsäulen

steigt. So ungefähr funktioniert der Geschäftskreislauf mit dem runden Leder. Von der Industrie finanzierte Werbung und Sport sind dermaßen miteinander verknüpft, daß der eine nicht mehr ohne den anderen überleben kann.

»Der Profisport und die Industrie haben zueinander das gleiche Verhältnis wie der Gehängte zum Strick«, behaupten die Zyniker.

»Industrie« ist in diesem Fall ein sehr vager Begriff. Nennen wir die Dinge beim Namen: adidas und Puma. Auf dem Weltmarkt für Sportkleidung stehen sich die beiden Firmen wie Großmächte gegenüber: wie die Amerikaner und die Sowjetrussen zu Zeiten des kalten Krieges.

adidas und Puma teilen sich den Löwenanteil eben dieses Weltmarktes: vier Milliarden Jahresumsatz für adidas, 1,5 Milliarden für Puma. Außerhalb des Machtbereichs dieser Riesen tut sich gar nichts. Das muß mal ganz deutlich gesagt werden. Weder in Westeuropa noch in Afrika oder Asien kann sich ein Mannschaftssport entwickeln, ohne daß einer der beiden die Finger im Spiel hat.

Die Manager wissen genau, welche Riesensummen mit dem Sport zu verdienen sind - also bekämpfen sich Puma und adidas bis aufs Messer. Mit allen Mitteln.

Übermut tut selten gut. Der Ärger begann 1984. adidas ruhte sich auf den Lorbeeren der Gewißheit aus, den Geißbock-Verein 1. FC Köln auf alle Ewigkeit im Firmenwappen zu führen. Was sollte auch passieren, war doch Wolfgang Overath erfolgreicher Gebietsvertreter in Nordrhein-Westfalen. adidas spekulierte zu leichtfertig mit seinem Sympathiekapital bei den Kölnern, und unauffällig starteten die Puma-Leute ihre PR-Aktion. Sie pflegten den Kontakt an der Basis, auf Spieler-, Betreuungskader- und Vorstandsebene. Puma streichelte den Leuten die Haare in Strichrichtung. Der Vorstand des 1. FC Köln wurde zu einer Puma-Werksbesichtigung eingeladen, völlig unverbindlich, versteht sich.

Kein Mensch wäre je auf die Idee gekommen, die Kölner könnten zu Puma überwechseln. Im Gegenteil, Verhandlungen zwischen dem 1. FC und adidas waren geplant. Die Vorarbeit dazu leistete Werner von Moltke, PR-Abteilungsleiter bei adidas, und Wolfgang Overath. Die beiden hatten lange mit Peter Weiand, dem Präsidenten des 1. FC, verhandelt. Alles war geregelt. Blieb nur noch die Reise nach Herzogenaurach: Dort sollte der Vertrag unterschrieben werden.

adidas-Boß Horst Dassler wurde von seinem Stellvertreter Dr. Martens vertreten. Der neue Vertrag lag auf dem Tisch. »Martens verfügte leider weder über Fußballkenntnisse noch über psychologisches Gespür. Er wurde pingelig«, beschwerten sich die Kölner hinterher. Martens versuchte, mit kleinen, durchaus legitimen Tricks und sogenanntem Verhandlungsgeschick verschiedene Absätze im neuen Vertrag zu ändern und zum Teil sogar zu streichen. Die Kölner hatten das Gefühl: Der will uns aufs Kreuz legen. Vor so viel studierter Unverfrorenheit blieb ihnen fast die Luft weg, und sie fühlten, wie ihnen schon Hörner wachsen wollten.

adidas versicherte später, allzeit guten Willens gewesen zu sein. Es hätten nur Detailfragen geklärt werden sollen; das sei das Ziel dieser Reise gewesen. Sicher ist eins: Die Verhandlungen dauerten

Stunden, bis ein Einigungsmodus gefunden wurde. Der Vertrag mußte unterschrieben werden. Es war spät. Eine Sekretärin sollte den Text neu tippen.

»Unnötig«, sagten die Kölner (laut adidas). »Wir haben doch Zeit. Das kann doch morgen umgeschrieben werden.«

Per Handschlag wurde die Einigung besiegelt. Taktik? Ein Mißverständnis? Was auch immer es war - das Mißtrauen lugte aus allen Ecken.

Damals lag dem 1. FC auch ein Puma-Angebot vor. In Millionenhöhe - wie das von adidas. Der FC-Vorstand betrachtete es als zum guten Ton gehörend, den Puma-Boß Armin Dassler noch am gleichen Abend über den anscheinend beschlossenen Deal mit adidas zu informieren. Auch Puma hat seinen Sitz in Herzogenaurach. Der Puma-Dassler heißt Armin; der adidas-Dassler ist sein Vetter und heißt Horst. Die beiden sind sich spinnefeind.

Die Kölner statteten Puma eine Stippvisite ab und wurden herzlich empfangen. Der Firmenchef blieb freundlich, höflich, zuvorkommend. Ein Gentleman. Wie ich unseren Peter Weiand und seine Empfänglichkeit für Schmeicheleinheiten kenne, muß er diesen Empfang genossen haben. Nach der kalten adidas-Dusche - dort hatte ja nur ein »Zauberlehrling« für die Kölner Zeit, und der erlaubte sich noch eine pingelige und unverfrorene Erbsenzählerei. Bei Puma empfing ein lächelnder Grandseigneur und bewies, wie man mit Würde verliert.

Spätestens auf dem Heimweg dachten die empfindsamen Kölner laut nach. Sie stellten sich die Frage, ob der hoheitsvolle adidas-Manager wirklich der richtige Partner war.

In der darauffolgenden Woche erreichte Peter Weiand, daß der 1.-FC-Vorstand der Firma adidas eine Absage erteilte. Neue Verhandlungen mit Puma wurden aufgenommen. Armin Dassler blieb bei seinem attraktiven Angebot. adidas drohte mit rechtlichen Schritten. Zutiefst gekränkt, blieb Weiand hart. Puma setzte sich durch.

Weil adidas die simpelsten psychologischen Verkaufsregeln vergessen hatte. So einfach war das. Für mich eine adidas-»Säule« aus Dankbarkeit, war die Hölle los. Aus meinem Vertrag mit dem 1. FC geht klar hervor, daß alles, was ich nebenher mache, genehmigungspflichtig ist. Von Autogrammstunden bis zu Werbeverträgen. Der Verein trug nun geschlossen Puma. Daß ein Spieler aus der Reihe tanzen könnte, war undenkbar. »Laut unserem Vertrag müssen ausnahmslos alle Spieler unter dem Puma-Zeichen spielen!« beharrte verständlicherweise Armin Dassler. »Ich kann keine Ausnahme dulden!«

Da stand ich in der Sackgasse. adidas treu bleiben hieß, Puma ans Schienbein zu treten. Zehn Sitzungen mit dem Kölner Vorstand, ein unendliches Palaver mit Michael Meier, dem Manager des 1. FC. Mein Vertrag mit adidas lief bis zum 31. Dezember 1986. Das Abkommen zwischen Puma und dem 1. FC trat ab Juli 1985 in Kraft. Was nun? Ich konnte schließlich nicht nackt ins Tor gehen, nur um keinem weh zu tun.

Das Gerangel wurde immer undurchsichtiger und artete bald in Grabenkämpfe aus. Bei adidas bleiben hieß, meinen Kölner Verein zu verlassen. Ich konnte aber auch meinen Vertrag mit Köln über drei Jahre verlängern. Dann mußte ich adidas im Stich lassen. Aus diesem Dilemma sah ich keinen Ausweg, und die Medien ließen sich wieder über »Schumacher den Quertreiber« aus.

Ich war bereit, nach Frankreich, Spanien oder Italien umzusiedeln. Mit dem Klub Paris St. Germain hatte ich schon Kontakt aufgenommen. Ich konnte nur

abwarten, mich auf Spiel und Training konzentrieren und zu einem adidas-Verein umziehen.

Wer würde nachgeben? Würde der 1. FC Köln von seinem Vertrag mit Puma zurücktreten? Undenkbar. Puma auf diesen Vertrag verzichten? Kaum. adidas mich an Puma verkaufen? Man hat schon Pferde Rollschuh laufen sehen. Die letzte Hypothese schien mir demütigend. Möglich war alles.

Der FC-Vorstand machte mir schließlich ein redliches neues Angebot: Mein Vertrag sollte ab Juli 1985 für vier Jahre verlängert werden; die Bedingungen waren günstig, vorausgesetzt Puma, der 1. FC Köln und adidas würden sich über meinen Fall einigen. »Du hast natürlich Zeit, darüber nachzudenken«, gestand mir der FC-Manager Michael Meier zu.

Einige Tage später: In Herzogenaurach hatte ich mit adidas die neue Kollektion von Torwartpullovern durchgesprochen. Auf der Rückfahrt schnurrte Rüdigers Autotelephon. Meine Frau, ganz aufgelöst: »Ich glaube, da braut sich etwas zusammen. Ich weiß nicht was. Hier rufen dauernd Journalisten an, um dir zu deinem Vertrag mit dem FC zu gratulieren. Langsam wird mir das ganz unheimlich. Was kann diese Anruferei bedeuten? Eine Kraftprobe? Wollen die dich im FC mit den Puma-Farben einfach überrennen?«

Ich war überfragt. Rüdiger auch. Wollte man uns vor vollendete Tatsachen stellen? War die Sitzung am Abend des 11. Februar 1985, mitten im Karneval, eine Falle? Mußte ich überhaupt da hin?

»Du gehst«, entschied Rüdiger. »Sich drücken ist keine Lösung.«

Ich zog meinen Smoking an wie eine Ritterrüstung und machte mich auf den Weg in die Sartory-Säle, dort fand die Sitzung statt. Michael Meier erwartete mich.

Feierlich erklärte er: »Harald, es ist soweit. Den ganzen Nachmittag haben wir mit Dassler verhandelt. Weiand und ich haben erreicht, daß Puma dich dem 1. FC schenkt. Du kannst bei adidas bleiben.« Wie kann man einen Menschen, den man nie besessen hat, verschenken? Alarmiert, beschloß ich sofort Rüdiger zu benachrichtigen. In der Hotelküche fand ich ein unbeachtetes Telephon. »Diese Weiand-Dassler-Show mach' ich nicht mit. Ich bin ja kein Hampelmann. Auch nicht im Karneval.«

Im Saal applaudierte man meinen Mitspielern. Die waren jetzt Puma-Angestellte.

»Den Zirkus machst du nicht mit«, riet Rüdiger. »Geh lieber nach draußen. Eine Zigarette an der frischen Luft wird dir guttun. Laß die anderen ruhig hampeln, aber laß dich bloß nicht provozieren!«

Ein Schwarm Journalisten rannte hinter mir her. Ich nahm Reißaus. Im Saal - betretene Gesichter.

Michael Meier telephonierte mit Rüdiger; Overath, Siegburger Karnevalsprinz, bekniete mich förmlich, auf der Bühne zu erscheinen. Einem Prinzen schlägt man keinen Wunsch ab. Ich gab nach. Präsident Weiand bewies Takt und erwähnte den Vertrag mit keinem Wort. Erst am nächsten Tag machte er den Abschluß mit Puma publik. Auch Puma-Chef Armin Dassler blieb Grandseigneur. Seine Zugeständnisse, meine »Befreiung« betreffend, erwähnte er höchstens in meiner Abwesenheit. Die Ehre war gerettet, für alle.

Ende

Toni Schumacher
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