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: »Ich kann 50 Präsidenten stürzen«

aus DER SPIEGEL 21/1990

SPIEGEL: Herr Walesa, seit Herbst 1989 ist in Polen eine Solidarnosc-Regierung an der Macht. Trotzdem haben Sie ihr den Kampf angesagt. Warum?

WALESA: Auch nach dem Ende des Kriegsrechts hat sich die Gesellschaft noch nicht aus dem Morast befreien können, aus dem ich sie herausreißen will. Deshalb erzeuge ich zuweilen einen lauten Korkenknall - wohlgemerkt: keinen Pistolenknall -, um die Leute aufzuwecken. Die Verantwortlichen, die etwas tun, sollen nachdenken, ob das, was sie machen, richtig ist. Und die, die nichts tun, sollen zur Arbeit angetrieben werden.

SPIEGEL: Ihnen geht die Regierung bei der Verwirklichung der Reformen zu langsam vor?

WALESA: Zu Beginn, als alle anderen Länder unseres Blocks noch schliefen, war es richtig, daß wir langsam und bedächtig vorgingen. Damals mußten wir sorgfältig taktieren, um niemanden zu erschrecken und um uns selber nicht in Gefahr zu bringen. Damals war das Vorgehen richtig. Heute haben wir eine völlig andere Situation; sogar Albanien wacht mittlerweile auf. Aber wir gehen noch immer vorsichtig vor. Heute müssen wir unsere Taktik ändern, die Entwicklung vorantreiben.

SPIEGEL: Und dabei ist Ihnen Regierungschef Tadeusz Mazowiecki im Weg?

WALESA: Gar nicht. Ich will doch die Regierung Mazowiecki nicht stürzen oder gar die Demokratie abschaffen, ganz im Gegenteil. Ich will die Regierung stärken, die Demokratie festigen. Aber wir müssen mehr Menschen an den Entscheidungen beteiligen und bessere Lösungen finden. Deshalb habe ich eine Änderung unserer Taktik angekündigt.

SPIEGEL: Die Spannungen zwischen Ihnen und den »Eierköpfen«, den Intellektuellen in der Warschauer Regierung, wollen Sie doch nicht leugnen?

WALESA: Ich rede eine ganz einfache Sprache, die Sprache des Arbeiters. Für mich ist ein Eierkopf ein Mensch, der mir ständig die Worte im Mund verdreht, wie das zuletzt immer wieder der Fall war. Ich habe zum Beispiel gesagt, die Demokratie sei der friedliche Krieg aller gegen alle. So habe ich das in einigen Büchern gelesen. Diese Aussage haben die Eierköpfe umgedreht und behauptet, ich wolle Krieg führen.

SPIEGEL: Wollen Sie das nicht?

WALESA: Ganz im Gegenteil. Ich will durch meinen Aufruf zum Kampf Ruhe und Frieden erreichen. Die Eierköpfe aber sagen, ich wolle nur Unruhe stiften. Oder nehmen wir eine andere Aussage: Ich habe gesagt, in Zeiten wie diesen müsse der polnische Präsident mit der Axt in der Hand herumlaufen und die Schurken verjagen, die Polen bestehlen wollen. Das habe ich natürlich nicht wörtlich gemeint. Ich wollte vielmehr ausdrücken, daß der Präsident effektiver handeln muß. Heute genügen Parlament und Justiz allein nicht, um das Land gegen Spekulanten zu verteidigen, die sich auf unsere Kosten bereichern wollen. Deshalb brauchen wir einen Präsidenten, der mit seiner Gesetzes-Axt entschlossen eingreift und das Parlament anweist, seine Arbeit zu erledigen. Die Eierköpfe aber sagen, ich hätte vom Präsidenten verlangt, er solle mit der Axt herumlaufen.

SPIEGEL: Ihre Kritiker werfen Ihnen auch vor, Sie hätten sich für die Kommunalwahlen Ende des Monats nicht hinreichend engagiert.

WALESA: Dieser Vorwurf ist lächerlich. Noch vor kurzem wurde mir vorgehalten, ich hätte die Kommunalwahlen zu rasch herbeigeführt. Ich arbeite ununterbrochen für die Wahlen, treffe mich mit Arbeitern und Bauern und rufe sie auf, zur Wahl zu gehen. Das ist wieder eine * Mit Redakteur Martin Pollack im Solidarnosc-Hauptquartier in Danzig. Verleumdung der Eierköpfe. Dagegen protestiere ich!

SPIEGEL: Haben die Kritiker vielleicht auch Angst vor den Ambitionen Walesas?

WALESA: Genau. Diese Leute sehen den einfachsten Weg, mich zu bekämpfen, darin, daß sie sagen, ich wollte zu hoch hinaus oder ich hätte an Popularität verloren. Damit, so glauben sie, können sie mich am besten treffen. Aber das stimmt nicht. Ich habe schon beim Kongreß der Solidarnosc gesagt, daß ich nicht unbedingt Vorsitzender werden möchte. Und auch jetzt habe ich noch einmal gesagt, daß ich nicht Staatspräsident werden will. Andererseits kann Polen sich keinen Präsidenten leisten, der untätig herumsitzt und nichts tut.

SPIEGEL: Was würden Sie anders machen?

WALESA: Gerade jetzt muß der Präsident aktiv sein und die Diebe fangen, die unser Land bestehlen. Aber ich sage es nochmals: Ich will nicht Präsident werden. Ich will nur, daß die richtigen Lösungen für unsere Probleme gefunden werden. Es gibt zwei Arten, ein Amt zu betrachten: Manche werfen mir vor, ich wolle vor allem den Titel eines Vorsitzenden oder Präsidenten haben, und nebenbei würde ich mich dann um die anfallende Arbeit kümmern. Ich sehe das umgekehrt: Ich will die Arbeit erledigen, und wenn mir dabei ein paar Ehren zufallen, dann habe ich nichts dagegen. Aber es geht mir gar nicht um den Posten des Solidarnosc-Vorsitzenden oder den Sessel des Präsidenten. Ich will die Präsidentschaft nicht, sie ist ein bitteres Brot. Andererseits will ich auch nicht 25 Jahre meines Lebens, 25 Jahre Kampf einfach so aufgeben.

SPIEGEL: Welche Gefahr sehen Sie für Polen in den nächsten Monaten?

WALESA: Ich sehe eigentlich keine großen Gefahren. Ich will das Erreichte absichern. Solidarnosc ist doch eine vernünftige Organisation. Wenn man auf mich hört, wird alles gutgehen. Sicher gibt es Konflikte, und es ist wichtig, daß wir sie in der Öffentlichkeit austragen, nicht hinter verschlossenen Türen. Daher rufe ich sogar zum Kampf auf, aber zum öffentlichen Kampf, der Ruhe schafft. Mehr noch: Ich bin es, der Banken und Joint-ventures ins Land holt. Und jede Bank, jede Firma, die nach Polen kommt, vergrößert die Chance unseres Sieges.

SPIEGEL: Bislang ist der Strom ausländischer Kapitalgeber dünn geblieben. Sind Sie enttäuscht?

WALESA: Die werden schon noch kommen, keine Bange. Wir Polen haben gezeigt, daß wir zu vielen Entbehrungen fähig sind und viel leisten. Dennoch müssen wir jetzt aktiver werden. Ich will ja keineswegs die Regierung stürzen, ich will ihr nur eine Nadel in den Hintern stechen, damit sie ein bißchen Tempo zulegt. Weh tun will ich ihr nicht.

SPIEGEL: Welchen Platz sehen Sie für sich selber im künftigen Polen?

WALESA: Beim Fischen. Ich würde am liebsten fischen gehen.

SPIEGEL: Weil Sie müde sind?

WALESA: Es geht nicht einmal darum, daß ich psychisch müde wäre. Ich kann noch 50 Präsidenten stürzen. Aber ich bin ein Praktiker. Und ich habe ausgerechnet, daß ich 25 Jahre meines Lebens dem Kampf geopfert habe. Nun sollen andere kämpfen. Ich möchte ein Bierchen trinken, möchte ausgehen, endlich normal leben. Ich zerstöre doch mein Leben. Die Menschen, die immer nur um einen Sessel raufen, sind für mich politisch nicht normal. Es gibt viele Anomalitäten, und jetzt kommt noch die politische dazu. Das will ich nicht.

SPIEGEL: Warum schmeißen Sie dann nicht einfach alles hin?

WALESA: Das geht nicht. Dann würden meine Gegner gleich sagen: Da ist er nach oben gekommen, hat es zu etwas gebracht, und jetzt läßt er alles liegen und rennt davon. Das wäre nicht ehrenhaft und auch nicht patriotisch.

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