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»ICH LASSE LESEN«

In der »Süddeutschen Zeitung« schrieb Claus Heinrich Meyer über das Gespräch Springers mit Klaus Horpprecht, das im Zweiten Deutschen Fernsehen gesendet worden war:
aus DER SPIEGEL 8/1968

Wie kann es sein, daß eines Mannes Bild so sehr eines Mannes Bild entspricht?

Dazu muß man wohl doch Axel C. Springer heißen und Lehnsherr sein mit bloß einem Zipfel Macht in den. Händen (wie er selbst meint) oder mit einer überwältigenden Fülle davon (wie die anderen sagen), -- und lange genug muß man provoziert worden sein von den Enteignern (deren Wiege im Osten steht, wo sonst). Und wenn dann noch Klaus Harpprecht auf der anderen Seite des Tisches sitzt, dann kann das schon sein.

Es »bleibt trotzdem merkwürdig, daß Springer so sehr den Psychogrammen gleicht, die über A. 5. geschrieben worden sind, wobei lediglich zu fragen wäre, warum dergleichen überhaupt angefertigt werden mußte, denn Axel Springer, zum Reden gebracht, entschlüsselt sich rückhaltlos, ohne Beihilfe fast, und männlich gegen sich selbst.

Da ist also ein Mann, äußerlich ein Hanseat, aber innerlich mehr, nämlich ein Berliner (wahlweise: »Ich als Wahlberliner"), dem diese Stadt freilich unappetitlich geworden ist. Ein Zeitungsherr

außerdem, der eine Epoche begleitet, diejenige der Bundesrepublik ... »Ulistein-Springer«, Symbol der Bundesrepublik, 30,5 Prozent der Tageszeitungen, 16 Prozent der Zeitschriften.

Aber das zu erwähnen gehört bereits in das nächste Fach: heilende Hunde! Den Mond, dem das Gebell gilt, rührt das freilich nicht, er leuchtet freundlich vom Bildschirm und sagt: Die Hunde bellen, aber die Karawane zieht weiter! Im übrigen verrät er etwas, einen Rat seiner Freunde: Was so alles gebellt, respektive geschrieben wird über ihn und seinen Hof in der letzten Zeit, das liest er selbst nicht -- er läßt es lesen (wer kann das schon: lesen lassen!), was sich gewiß empfiehlt, wenn einer der Kläffer, im SPIEGEL gedruckt (auf Springers Maschinen), »ein Sozialfall war unseres Hauses«.

In diesem Dialog hat Axel Springer alles daran gewandt, was nur möglich ist, seine kritischen Interpreten recht behalten zu lassen und seinen Apologeten (was wird Hans Habe sagen?) das Leben schwerzumachen -- im erhabenen Pluralis majestatis, wir sind eben wir! Da sind viele nach Moskau gefahren, einige haben ihre Lektionen gelernt, andere nicht ...

Da ist das Idealbild eines Mannes bei Springer: Journalist, Patriot und Gottsucher! Da ist die »Bild-Zeitung«, holzschnittartig, aber nie läuft sie dem einfachen. Mann nach! Da ist die »Welt«, Springers teuerste Zeitung ... Ist etwas daran, daß sie liberalisiert wird, aufgelockert, wie Harpprecht erfahren haben wollte? Das »Nein« sagt der Verlagsherr dreimal, sicherheitshalber. Diese »Welt« bleibt also wie sie ist, und wer dabei bleibt, der sollte wissen (und sich merken), daß 90 Prozent (der Zuhörer von Axel Springer) sehr damit einverstanden sind, wenn er demütig rezitiert: »Ich hab' mich ergeben ...«; der sollte wissen, daß de Gaulles Europa der Vaterländer ("die Wiederentdeckung des Vaterlandes") dem Begleitsymbol der Bundesrepublik

»ausgezeichnet schmeckt«.

Andererseits genügt es nicht, die Vorbilder einfach aufzuzählen wie die kleinen oder großen Propheten (Friedrich der Zweite, Bismarck, Stresemann, Rathenau, Churchill) -- es hat schließlich alles seinen Hintergrund: Bismarck etwa bedachte, wie man einen gestürzten Gegner wieder auffangen kann, und Friedrich der Große, der erste aufgeklärte Monarch, ahnte das Verlagsprogramm Springers von »Bild« bis »Welt« insofern voraus, als er Briefe an Voltaire und an seinen Kammerdiener zu schreiben verstand.

Blieb noch das Transzendente. Religiöse Impulse? Die modernistischen Tendenzen in seiner Kirche sind gar nicht schön -- »aber das Thema gehört wohl doch mehr in die stille Kammer«. Die Frage nach dem Tode? »Schrecklich, daß sie aus dem modernen Alltag so ausgeklammert ist.« Glücklich? »Manchmal ja -» ... Reichtum eintauschen· wofür? »Für eine garantierte Menschheitsbeglückung.« Selber Journalist sein? »... Bücher können ja später geschrieben werden.« In den Dienst des Staates treten, vielleicht Botschafter werden? Welch eine Frage, Klaus Harpprecht, da bieten sich ganz andere Möglichkeiten, rein visionär gesehen' weshalb denn der Mann Ihnen gegenüber, in plötzliche Verlegenheit gebracht, bescheiden sich zierte und sprach: »Der Gedanke ist mir so neu, daß ich nicht antworten möchte.«

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