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»Ich lerne langsam, dich zu hassen«

SPIEGEL-Redakteur Karl-Heinz Krüger über den Niedergang von West-Berlin *
Von Karl Heinz Krüger
aus DER SPIEGEL 33/1983

Es klang wie zu Kaisers Zeiten. Das Vaterland rief.

Helmut Kohl, erklärter »deutscher Patriot« aus Oggersheim und Kanzler der westdeutschen Republik, hatte 200 Wirtschaftsführer zu einer »Berlin-Konferenz« in das Reichstagsgebäude an der Mauer geladen. An historischer Stätte redete er den Repräsentanten von 600 Milliarden Mark Jahresumsatz zu.

Die westdeutsche Industrie, so dozierte der Kanzler den versammelten Marktwirtschaftlern, habe eine »nationale Aufgabe«, und die heiße Berlin: »Jede Mark, die zur Erhaltung der Lebensfähigkeit der alten Reichshauptstadt« aufgebracht werde, sei »gut angelegtes Kapital für die Zukunft unseres deutschen Vaterlandes«.

Des Kanzlers feierliche Aufforderung zu verstärktem Berlin-Engagement erinnerte an den beschwörenden Appell Ernst Reuters während der ersten Berlin-Krise, der Sowjet-Blockade im Jahre 1948, als der Bürgermeister der zerrissenen und abgeschnürten Stadt die »Völker der Welt« aufrief: »Schaut auf diese Stadt! Und erkennt, daß ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft, nicht preisgeben könnt.«

Sie erinnerte an die Forderung des exilpolnischen Schriftstellers Witold Gombrowicz, der nach der zweiten Berlin-Krise, dem Mauer-Bau im Jahre 1961, über die eingeschlossene Stadthälfte West-Berlin schrieb: »Dieser liquidierte Ort verlangt nach einem novum in großem Maßstab, im Maßstab des deutschen Idealismus.«

Seitdem blieb die Stadt, stets mit Geld und guten Worten bedacht, sich selbst überlassen.

Nun, mehr als zehn Jahre nach Inkrafttreten der Ostverträge und des Viermächte-Abkommens über Berlin - da die äußere Bedrohung von der Stadt genommen und ihre Existenz so gesichert scheint wie nie zuvor -, müssen Bonner und Berliner Politiker betroffen zur Kenntnis nehmen, daß West-Berlin stärker gefährdet ist denn je.

Der zugereiste spanische Schriftsteller Juan Goytisolo fand die Stadt wie in einem »Delirium« vor.

In derselben Nacht - am 9. Juni dieses Jahres -, in der die Außenminister der Nato-Staaten bei einem »Deutschland-Essen« in Paris ihre Genugtuung über die »Ruhe um Berlin« äußerten, gab es neue Unruhen in Berlin: Hausbesetzer und Polizisten lieferten sich, an brennenden Barrikaden, eine fünfstündige Straßenschlacht.

Während Bundestagspräsident Rainer Barzel - eine Woche zuvor - im West-Berliner Abgeordnetenhaus den bemerkenswerten Satz sprach: »Berlin beweist, daß Deutschland lebt«, wurde an eine Hauswand die Parole geschmiert: »Deutschland verrecke!«

Zur gleichen Zeit alarmierte der West-Berliner DGB-Vorsitzende Michael Pagels die Öffentlichkeit: Das ganze wirtschaftliche Fundament der Stadt drohe »vor die Hunde zu gehen«. Harry Ristock, SPD-Kandidat für den Posten des Regierenden Bürgermeisters, legte im Deutschen Fernsehen das Gelöbnis ab, angesichts der wirtschaftlichen Lage West-Berlins »auf die Straße zu gehen und zu schreien und zu trommeln«.

Die zahlreichen Touristen, die mit sentimentalen Erinnerungen und frohen Erwartungen zu Stippvisiten anreisen, bekommen von dieser neuen Bedrohung kaum etwas mit.

Wenn, wie am letzten Himmelfahrtstag, 80 000 Westdeutsche und Ausländer in die Stadt einfallen und ihr den Anschein einer noch immer durchpulsten Metropole geben, stehen Karajans Philharmoniker oder die Feinkostabteilung des KaDeWe, der Mann mit dem Goldhelm oder eine Weiße mit Schuß auf ihrem Programm.

West-Berlin sei »leuchtende Blindheit, sich auf gut Glück der Verwirrung einordnend«, schrieb Gombrowicz 1963. Seither haben Bonner und Berliner den Schlendrian

weiter treiben lassen, und nun fällt die Bilanz schockierend aus: In zwei Jahrzehnten hat die Stadt sich auf dramatische Weise verändert. Sie ist in eine doppelte Krise gestürzt: eine wirtschaftliche und eine gesellschaftliche.

Die Stadt, über die sich in Deutschland kaum mit kühlem Kopf diskutieren läßt, auf deren Schicksal fast jedermann mit unklaren Gefühlsausbrüchen anspricht, diese Stadt ist - traurig, aber wahr - kaputt: Die alte Industriemetropole ist zur verlängerten Werkbank Westdeutschlands verkümmert; die ehemalige Reichshauptstadt hat sich in ein Sodom und Gomorra verwandelt.

Während ein »Bund der Berliner e. V.« in Westdeutschland 105 »Berlin-Meilensteine« aufstellen ließ und die Politiker sich vergeblich bemühten, für West-Berlin eine neue Aufgabe zu finden - Titel einer neuen Berlin-Ausstellung in New York: »Eine Stadt auf der Suche nach ihrer Zukunft« -, ergab es sich gewissermaßen von selbst: West-Berlin wurde zum Synonym für Randale und Skandale.

Als Ex-Kapitale funktionslos geworden, entwickelte Berlin sich zur Latzhosen-Metropole, zur Hauptstadt der Alternativen - und es wurde, wie sich der schwule Filmemacher Rosa von Praunheim freut, zum »Mekka für alles Extreme und Ausgeflippte«. In dieser Stadt fühlen sich Homos, Wehrdienstverweigerer und Jugendsektierer wohl - jeweils in Divisionsstärke.

In West-Berlin wurde, von dem Kommunarden Karl-Heinz Pawla, zum erstenmal vor einen deutschen Richtertisch geschissen; beharrlich wurden, von dem Politclown Fritz Teufel, Justiz und Politik verhöhnt. In diesem deutschen Weder-Noch stieg der Transsexuelle Romy Haag zur gefeierten Diseuse auf. In dieser Frontstadt a. D. machte Wolfgang Neuss den totalen Ausstieg vor: aus dem Jaguar in den Yogasitz, vom bestbezahlten Kabarettisten zum Kiffer und Sozialhilfeempfänger.

»Vielleicht«, überlegte Marianne Enzensberger in der Zeitschrift »Trans-Atlantik«, entwickelt West-Berlin sich zum »Zoo der BRD, den man Sonntag nachmittags kuchenkauend mit der Familie bestaunt«.

Den meisten der kreuzbraven kleinbürgerlichen Berliner ist das Staunen mittlerweile vergangen; sie haben die böse Losung zugereister Anarchos - »Gift und Galle für euch alle!« - ebenso böse beantwortet: »Über die Mauer mit euch!« »Vergasen!«

Auch kritische Beobachter vor Ort sehen die Entwicklung weniger komisch. Sie erinnern an »Christiane F.«, Symbolfigur für Berlins Abstieg zur Drogenmetropole, in der die Zahl der Selbstzerstörer weiter steigt und neuerdings auch Erwachsene, Schüler sowieso, an Pattex-Verdünner schnüffeln. Die Kritiker registrieren Untergangsstimmung. Ausgerechnet in jener Stadt, deren Bevölkerung während der Blockade trotz äußerster materieller Not Durchhaltewillen bewies, machen sie nun so etwas wie Lust am Untergang aus.

Wenn die unsichtbare Mauer zwischen den unversöhnlichen Lagern in der West-Berliner Bevölkerung - den Bürgerlichen und den Alternativen - weiter wächst, meint Pastor und Ex-Bürgermeister Heinrich Albertz, werden »beide nicht überleben«.

Bereits »lebensgefährliche Ausmaße« aber, so der »Tagesspiegel«, habe der »Erosionsprozeß« in der Industrie erreicht.

Der Bonner Staat läßt sich die Stützung der entlegenen, eingemauerten, halben Stadt mittlerweile rund 20 Milliarden Mark jährlich kosten - an direkten und indirekten Subventionen. Doch die Therapie geht an der kranken Gemeinde vorbei. Sie kommt zu großen Teilen einer Clique von Spekulanten und gewieften Unternehmern zugute; und mittlerweile dämmert auch Berlinern, »daß das sogenannte Berlin-Förderungsgesetz offensichtlich alle anderen fördert, nur nicht die Stadt« ("Volksblatt Berlin"). Darüber hinaus haben Skandale und Krawalle - von den Berlinern mit ohnmächtigem Zorn verfolgt - zu gehörigen Sympathieverlusten geführt.

Das »Berlin-Gefühl der bundesdeutschen Mitbürger« habe im Vergleich zur Epoche der Blockade und des Mauerbaus »an Intensität verloren«, mußte Bürgermeister Richard von Weizsäcker erkennen. Viele Politiker in Bonn und Wähler im Lande seien nicht mehr bereit, Berlin »eine Extrawurst zu braten«.

Der Publizist und Deutschland-Experte Peter Bender sieht West-Berlin »in Gefahr, den Landsleuten im Westen gleichgültig oder sogar ärgerlich« zu werden. Das Geld werde knapper und das Berlin-Engagement der Westdeutschen ebenso; schon der Generationenwechsel _("Tuwat«-Demonstration im September 1981. )

in den Bonner Ämtern wirke zu Lasten der fernen Stadt.

Im »Talentschuppen« des Deutschen Fernsehens war zu Beginn dieses Jahres möglich, was in der Ära vor den Straßenschlachten und vor dem Bürgschaftsskandal um den Architekten Dietrich Garski wohl undenkbar gewesen wäre: »Berlin, ich lerne langsam, dich zu hassen«, sang der 25jährige Hamburger Liedermacher Moritz Bantlin und krönte seine rüde Ode mit der Zeile: »Da brauchst du Arschloch dich überhaupt nicht mehr zu wundern, wenn alles fort von dir nach Westen flieht.«

Als Helmut Kohl - bei der »Berlin-Konferenz« im letzten Dezember - unter Westdeutschlands Spitzenmanagern nach »Patrioten« Ausschau hielt, um sie zu einem neuerlichen Notopfer für Berlin anzuhalten, war die Lage infolge jahrelangen Niedergangs so ernst wie seit der Blockade nicht mehr.

»Schlimm«, »erschreckend«, »alarmierend« - mit solchen Vokabeln kennzeichnen Berliner Marktbeobachter die Lage der West-Berliner Industrie: Ihre Krise - einhergehend mit einem dramatischen Rückgang des deutschen Anteils in der Stadtbevölkerung - reicht tiefer als die allgemeine Schwäche in der Bundesrepublik.

Düstere Zukunftsvisionen sind in der Stadt längst Wirklichkeit: Immer weniger Einwohner schaffen an - immer mehr liegen Stadt und Staat auf der Tasche.

Einem Heer von Rentnern, Witwen, Sozialhilfeempfängern und Arbeitslosen stehen immer weniger Erwerbstätige gegenüber. Die Zahl der im öffentlichen Dienst Tätigen (annähernd 240 000) übersteigt längst die Zahl der in der Industrie Beschäftigten (160 000).

Der Niedergang begann mit der Errichtung der Mauer. Zwischen 1962 und 1982 schrumpfte die Gesamteinwohnerzahl West-Berlins von 2,2 Millionen auf 1,87 Millionen, der Anteil der Ausländer stieg von 26 000 auf 248 000 an. So leben nur noch rund 1,6 Millionen Deutsche in West-Berlin: ein Verlust von über einer halben Million in zwei Jahrzehnten. Die Zahl der Beschäftigten in der Industrie verringerte sich in zwei Jahrzehnten von über 300 000 auf 160 000, die der Betriebe halbierte sich von 4500 auf 2250. Allein im letzten Jahr gingen 20 000 Arbeitsplätze verloren.

Längst arbeitet die West-Berliner Industrie ohne ortsansässige Hauptverwaltungen: ein Problem (so der ehemalige sozialdemokratische Finanzsenator Klaus Riebschläger), »das außer in Berlin nur in Entwicklungs- und Kolonialländern existiert«. 500 Wohnungen speziell für Führungskräfte mit Familie ließ der Senat errichten. 332 wurden vermietet; der Rest steht leer.

Offene Stellen sind immer schwerer zu besetzen; die »rückläufige Zuwanderung westdeutscher Arbeitnehmer« mußte auch Kanzler Kohl in seinem letzten Bericht zur Lage der Nation beklagen.

Einst war Berlin die größte Industriestadt auf dem Kontinent, geprägt von Pionieren wie Werner von Siemens, August Borsig und Emil Rathenau, wovon noch heute die Namen ganzer Stadtteile künden: Siemensstadt, Borsigwalde. Im Frühjahr 1983 sank die Beschäftigtenzahl im West-Berliner Investitionsgütergewerbe erstmals unter 100 000.

Auch die Qualität der noch verbliebenen Arbeitsplätze hat sich »spürbar verschlechtert«

(Wirtschaftssenator Elmar Pieroth): Statt hochwertiger Produkte und qualifizierter Fertigung sind Massenwaren und Hilfsarbeiten gefragt.

Vor dem Zweiten Weltkrieg war Groß-Berlin Standort für 50 Prozent der deutschen elektrotechnischen Produktion, für 25 Prozent der Feinmechanik/Optik, 30 Prozent des graphischen Gewerbes, 85 Prozent der Damenoberbekleidungsindustrie.

Heute blühen in West-Berlin die Schnaps- und Zigarettenproduktion, die Kaffee- und Kakao-Verarbeitung - wobei die staatlichen Vergünstigungen den Aufwand für Lohnzahlungen oft mehr als doppelt wettmachen Kaffee wird eigens zum Rösten von Bremen nach Berlin transportiert, hohe Subventionen sind den Röstern sicher.

Dagegen haben sich »traditionelle Fertigungen«, so die Industrie- und Handelskammer (IHK) in ihrem neuesten Jahresbericht, zunehmend als »nicht mehr lebensfähig« erwiesen.

West-Berlins wichtigster Industriezweig, die Elektroindustrie, beschäftigte in ihren besten Jahren 110 000 Leute. Ende vergangenen Jahres waren es noch 56 000. Die Bekleidungsindustrie strich zwischen 1965 und 1981 über 80 Prozent ihrer Arbeitsplätze: Das einstige Zentrum deutscher Damenschneider ist bis zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft.

Seit auch der Berlin-Verkehr abebbt - 1982 waren Bahn- und Flugverkehr im Vergleich zum Vorjahr um bis zu zehn Prozent rückläufig -, haben West-Berlins Wirte gleichfalls Grund zur Klage. 1982 sei das »schwärzeste Jahr seit der Währungsreform« gewesen, meldet die Hotel- und Gaststätten-Innung. Die Auslastung der Hotels ging auf 42,8 Prozent zurück.

Auch der Einzelhandel hat schwere Umsatzeinbußen zu verzeichnen. Der Kaufkraftverlust der West-Berliner, so die SPD, sei ein »untrügliches Spiegelbild für den weiteren Niedergang der Stadt«. Am Kurfürstendamm und im Europa-Center standen Anfang des Jahres 14 Gaststätten und Ladengeschäfte leer. Schon im Herbst letzten Jahres mußte Feinschmecker-Koch Henri Levy sein Zwei-Sterne-Lokal »Maitre« schließen (er will, bescheidener, in Dahlem wieder aufmachen). Resümee aus seiner Sicht: »Berlin ist tot.«

»Wiederbeatmung« erhoffte die »Berliner Morgenpost« sich von Kohls »Wirtschaftsgipfel« im Dezember, »angestrengten Dauereinsatz von Politik und Wirtschaft« erwartete die IHK.

Doch was die Wolff von Amerongen, Esser und Rodenstock, die Topmanager von Siemens, Daimler-Benz und VW, Veba und Krupp sowie die »Berlin-Beauftragten« von mehr als 50 weiteren Großunternehmen - bei Krebsschwänzen, Fasanenbrust und Pfälzer Kabinettweinen - dem Kanzler darbrachten, klang wenig ermutigend. Die versammelte »Creme der deutschen Wirtschaft« (Kohl) ließ sich einige Absichtserklärungen entlocken, mehr nicht.

Nun, acht Monate nach der Runde, sind auch die wenigen kleinen Projekte noch vage und »in der Schwebe«; von »Grundstückssuche« ist die Rede, von »Barrieren«, »Kartellhürden«, Problemen mit den heimischen Betriebsräten. Senator Pieroth: 1983 und 1984 werden »schlimme Jahre« für die Stadt.

DGB-Chef Pagels über den Kohl-Gipfel: »Eine Seifenblase«. Er erwartet 1983 den Verlust von 18 000 weiteren Arbeitsplätzen. Die Zahl der Arbeitslosen wird auf 100 000 steigen, die der Industriearbeiter auf 150 000 sinken.

Kohls große Runde stellte »für kommende Jahre« rund 3000 neue Stellen in

Aussicht. Kommentare von Gesprächsteilnehmern: »Lichtpunkt« (BDI-Präsident Rodenstock), »große Ermutigung« (Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff).

»Mir scheint, wir sollen für dumm verkauft werden«, schrieb der Geschäftsführer der Firma Meta Design an den »Tagesspiegel«. Tatsächlich wurden die Berliner hier nicht zum erstenmal genarrt.

In den ersten Jahren nach dem Mauerbau fachte vor allem West-Berlins damaliger Wirtschaftssenator Karl Schiller die Zuversicht an. Er entwarf optimistische Zukunftsbilder und beschwor einen »neuen preußisch-berlinischen Gründergeist«. Doch der stellte sich nicht ein.

Neue Hoffnung keimte anfangs der siebziger Jahre nach Inkrafttreten des Viermächte-Abkommens; um so ernüchternder war die Wirklichkeit: Die Vernichtung der Arbeitsplätze beschleunigte sich. 1974 begannen, auf Initiative des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, Gesprächsrunden mit Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaft. Doch auch diese »Gipfelgespräche« brachten nichts.

Während der siebziger Jahre wetteiferten die Bonner Parteien mit Vorschlägen für die Förderung der West-Berliner Wirtschaft; in Bonn und Berlin brach eine wahre Programm-Wut aus, mit »Zip« und »Wap« und »Wep« und »Iba«, _(Zip: Zukunftsinvestitionsprogramm; Wap: ) _(Wertausgleichsprogramm; Wep: ) _(Wehner-Programm; Iba: Internationale ) _(Bauausstellung. )

einem »Bundespräsidenten-», einem »Eigentums-» und einem »Familienprogramm« - die allesamt, so Riebschläger, »blitzartig den Berliner Himmel erleuchteten und dann wie Sternschnuppen verglühten«.

Trotz aller Mißerfolge lud Helmut Schmidt 1979 zu einer weiteren Gesprächsrunde in den Kanzler-Bungalow. Auch da war »die Creme der deutschen Wirtschaft versammelt«, erinnert sich Riebschläger, allerdings »in mißmutiger Stimmung« darüber, daß der Kanzler sie wegen anderer Verhandlungen zwei Stunden warten ließ. Resultat der griesgrämigen Runde, laut Riebschläger: »In der Sache führte dieser Abend dann leider nicht weiter.«

Deutsche Unternehmer offenbaren an der Berlin-Front die gleiche Abhol-Mentalität wie deutsche Aussteiger: Sie erwarten Staatsknete, wollen sich jede Investition honorieren lassen.

So bequemte sich die AEG nur gegen hohe Vergünstigungen dazu, ihren Berlin-Abbruch zu bremsen. 1965 hatte sie noch nahezu 30 000 Beschäftigte in West-Berlin, heute sind es gerade 10 000, von denen nach Aufgabe des Traditionswerks in der Brunnenstraße bis Ende nächsten Jahres 2600 weitere entlassen werden.

Um wenigstens den Rest an Arbeitsplätzen zu halten, nötigte der Senat der AEG einen Deal für zwei neue Werke ab. Über die Höhe der Förderungsmittel

schweigt der Senat - doch seine Zinszuschüsse über 26 Jahre sowie weitere Draufgaben werden auf rund 100 Millionen Mark geschätzt.

Als »Wirtschafts-Sensation« feierte Springers »BZ« die Nachricht, daß der Zigarettenkonzern Brinkmann seine »Lord Extra« künftig in West-Berlin drehen will. Auch dieses Projekt ist ohne Risiko, bringt sicheren Profit: In Bremen werden 350 Arbeitsplätze abgebaut, in West-Berlin dafür nur 49 geschaffen; Brinkmann und der Handel kassieren Millionen an Präferenzen - Nürnberg zahlt für die Arbeitslosen.

Währenddessen geschieht mit West-Berlin, was der Schriftsteller Hans Werner Richter die »Folterung einer Stadt« nennt: Jedes weitere Jahr nagt an der Lebensfähigkeit der Stadt, jedes Jahr trägt mehr von ihrer Assimilationskraft ab, mit jedem Jahr verliert sie mehr und mehr an Bedeutung, verliert sie - in einem offenbar unaufhaltsamen Prozeß - ihren Hauptstadt- und Metropolcharakter.

Das Todesurteil über die Reichshauptstadt wurde freilich schon 1949 gefällt - mit der Gründung der Westrepublik auf Geheiß der Westalliierten, mit der vollzogenen Spaltung, der Aufteilung der Besatzungszonen in zwei deutsche Staaten. Das westliche Berlin wurde buchstäblich zum Überbleibsel, das »Abfallprodukt einer gescheiterten Politik« (Publizist Bender).

Bereits in den fünfziger Jahren beklagte der Berliner Arzt und Dichter Gottfried Benn, daß die Stadt für die westdeutsche Jugend »überhaupt kein Begriff mehr« sei: unbekannt, vergessen, »im märkischen Sand versunken wie (die syrische Oasenstadt) Palmyra in der Wüste«.

Berlin liegt im Machtbereich der Sowjets, nur 75 Kilometer von der polnischen Grenze, 150 Kilometer von Helmstedt entfernt, dem nächsten Schlagbaum der Bundesrepublik. Mit dem Westen ist es keineswegs durch Korridore, sondern lediglich durch Transitwege verbunden.

»Wenn man Berlin Abend für Abend auf der Fernseh-Wetterkarte als winzig verlorenen, noch dazu geteilten Fleck inmitten der DDR liegen sieht, kann einen schon ein gewisser Schluckauf befallen«, meint der West-Berliner Schriftsteller Wolfdietrich Schnurre über den »heillosen Inselcharakter dieses anachronistischen Steinhaufens«.

West-Berliner sind weder Bürger der Bundesrepublik noch Bürger der DDR - ihr »behelfsmäßiger« Personalausweis bescheinigt ihnen nur eine behelfsmäßige Existenz. Schon 1949 entschieden die Militärgouverneure, daß West-Berlin kein Teil der Bundesrepublik und weiterhin besetzte Stadt ist.

West-Berlin wird nicht durch den Bund regiert, besitzt nicht die Eigenschaften eines elften Landes, ist nicht stimmberechtigt in Bundestag und Bundesrat. Die oberste Gewalt wird von den Alliierten ausgeübt.

Im Viermächte-Abkommen wurde die politische Verwaisung der Stadt festgeschrieben: daß Bundespräsident, Bundesregierung, Bundesversammlung, Bundesrat und Bundestag einschließlich ihrer Ausschüsse und Fraktionen sowie sonstige staatliche Organe der Bundesrepublik in den Westsektoren Berlins keine Verfassungs- oder Amtsakte vornehmen dürfen.

Seitdem, seit 1972, sahen die Sowjets 129mal Anlaß, wegen Bonner Aktivitäten in den Westsektoren zu protestieren. Eine Aktion wurde auch von Moskau klaglos hingenommen: als Bundespräsident Karl Carstens die West-Berliner Forsten in »unseren schönen deutschen Wald« miteinbezog und im letzten Sommer 25 Kilometer durch den Grunewald wanderte.

Die Sieger aus dem Westen, die im Sommer 1945 zwölf von 20 Stadtbezirken übernahmen, haben nicht nur das Verkehrsmonopol in den Luftkorridoren. Ihre Militärpolizei rangiert über der _(Reste der ehemaligen Siegesallee, in ) _(einem stillgelegten Kreuzberger ) _(Pumpwerk. )

Berliner Polizei, und ihr Besatzungsrecht enthält eine Reihe besonderer Verbote.

In West-Berlin sind - unter Androhung der Todesstrafe - jeglicher Waffenbesitz und somit auch die Jagd verboten, ebenso Zulieferungen zur Rüstungsindustrie und die NPD. Natürlich gibt es keine Bundeswehr. Auch gelten die Notstandsgesetze nicht.

Das ist ein Preis für den Schutzschild, unter dem die West-Berliner Enklave im Machtbereich der Sowjets existieren kann. Ein zweiter ist schmerzlicher: ein dauerndes Handikap für den Bonner Handlungsspielraum. Amerikaner, Briten, Franzosen dürfen von der Bundesregierung Wohlverhalten auch im Dissens erwarten - vom Olympia-Boykott bis zum Falkland-Krieg -, weil nur ihre Anwesenheit die Existenz West-Berlins sicherstellt.

Ihre eigenen lebenswichtigen Interessen haben die Schutz-Besatzungsmächte nach dem Chrutschtschow-Ultimatum 1958 in den »Three Essentials« festgelegt: »Das Recht der Alliierten auf Anwesenheit in Berlin; das Zugangsrecht der Alliierten nach Berlin; die Lebensfähigkeit Berlins (West).« Sie werden von den Sowjets respektiert.

Keine Einigung konnten die beiden Seiten über die Anbindung West-Berlins an die Bundesrepublik erzielen. Das Viermächte-Abkommen garantiert »ties« (englisch), »liens« (französisch), »swjasi« (russisch). Daraus wurden in Westdeutsch »Bindungen«, in Ostdeutsch aber - dem russischen Text entsprechend - lediglich »Verbindungen«.

Die verschiedenen Formulierungen und ihre unterschiedliche Bedeutung spiegeln die Konfusion in der Berlin-Politik - und vielleicht auch die gemischten Gefühle zwischen Berlinern und Westdeutschen, heute wie einst. Berlin und der deutsche Westen waren einander nie ganz grün; die Elbe war jahrhundertelang wie eine Demarkationslinie.

Zudem hegte die Provinz Mißtrauen gegenüber der großen, lauten, wilden Stadt - wie diese Stadt, andererseits, ihren Hochmut und eine pampige Verachtung für brave Betulichkeit zur Schau _(Gegen die Schließung des AEG-Werks ) _(Brunnenstraße. )

trug. So reimte Erich Kästner in den zwanziger Jahren über Berlin-Besucher aus der Provinz: »Und sie warten dumm und stehen herum, bis man sie überfährt.«

Von diesem Hauptstadthochmut, gemischt mit Frontstadtgeist, sind sehr wohl Reste erhalten. Und der Unmut der Westdeutschen gegenüber der Stadt erhielt neue Nahrung durch die Kostspieligkeiten dieses »Glitzerdings«, das nun auch noch alle paar Jahre eine neue Bürgerschreck-Welle hervorbringt - von den ersten Langhaarigen, den Gammlern, über revoltierende Studenten und kiffende Kommunarden bis zu Hausbesetzern, die offenbar die halbe Stadt in Klump schlagen und sogar im Bundestag und im Zweiten Deutschen Fernsehen Rabatz machen.

Auch die Berliner haben einen Buhmann: Konrad Adenauer, den ersten Kanzler der Bundesrepublik.

Bereits im November 1946, noch als Vorsitzender der CDU in der britischen Besatzungszone, verband Adenauer seine Absage an den Zentralismus, an Preußen und das Bismarck-Reich mit einer Absage an Berlin: Der Sitz einer künftigen deutschen Regierung müsse am Main sein, so forderte er auf einer Wahlveranstaltung, »denn dort ist altes deutsches Kulturland und kein Kolonialland«.

Der Alte aus Rhöndorf wahrte mit dieser Forderung eine Tradition: Älteren Städten des Westens und Südens galt die junge Stadt im Osten immer als Parvenü.

Doch nachdem Berlin, gegen den Willen der halben Nation, 1871 Reichshauptstadt geworden war, stieg es, mit phantastischer Plötzlichkeit, auch zur Weltstadt auf.

Berlin wirkte als Riesenmagnet, der Menschenströme und Eliten aus halb Europa anzog - vor allem in den 14 Weimarer Jahren zwischen Monarchie und Nationalsozialismus, in denen die Stadt republikanisch und demokratisch sein konnte: unbestrittener politischer, wirtschaftlicher und kultureller Mittelpunkt des Reiches, drittgrößte Stadt und eine der dynamischsten Hauptstädte der Welt. Groß-Berlin wurde auch eine reiche Stadt: Ende der zwanziger Jahre leistete sie an Steueraufkommen das Doppelte und Dreifache dessen, was ihrer Einwohnerzahl entsprach. Ende der zwanziger Jahre war sie drauf und dran, die Hauptstadt Europas zu werden.

20 Jahre später war Berlin, wie Bert Brecht 1948 notierte, ein »Schutthaufen bei Potsdam«. Das Reich war zerschlagen - an Preußen erinnerten lediglich die Trümmer der Marmorstandbilder von der vom Stadtplan verschwundenen Siegesallee. Als die Spaltung der Reichsreste vollzogen war, gab es auch für die Reichshauptstadt keine Verwendung mehr.

Ihr Westteil freilich fand für ein weiteres Jahrzehnt noch eine abenteuerliche, desperate Existenz - als Frontstadt im Kalten Krieg. West-Berlin wurde eine Rolle als »Vorposten der Freiheit« und »Schaufenster des Westens« zugedacht und, unverhohlener, als »Pfahl im Fleisch der DDR«.

Hier konnten Besuchern aus dem Grenzland des sozialistischen Lagers die Vorzüge der freien Marktwirtschaft vor Augen geführt werden, hier konnte der Westen täglich Triumphe feiern - in Wechselstuben, in Auffanglagern.

Die »Abstimmung mit den Füßen«, wie die Fluchtbewegung bald genannt wurde, führte zu einem für die DDR unerträglichen Aderlaß - bis, schließlich, der Bau der Mauer die Wunde schloß.

Nun wurde Berlin, mit Fluchttunneln, Kofferraum-Verstecken und provisorischen Drahtseilbahnen, auch noch zum Schauplatz von Polit-Krimis, zum Dorado von Abenteurern - wie vorher schon die Vier-Sektoren-Stadt mit ihrer Attraktivität für Agenten jeglicher Couleur.

Die politischen Krisen um Berlin waren mit dem Mauerbau beendet. Es begannen die Krisen West-Berlins.

Die Welt gewöhnte sich an die Mauer. Wo 1962 der Flüchtling Peter Fechter verblutet war, konnte 17 Jahre später der Erotika-Photograph Helmut Newton für das Modeheft »Vogue« frivol-morbide Bildpointen arrangieren: Blondine in Mitternachtswäsche vor der Mauer.

Die Welt gewöhnte sich auch an das Unikum West-Berlin wie schon an andere territoriale Kuriositäten, etwa Monaco und Liechtenstein, Hongkong und Tanger, Formosa und die Falkland-Inseln. Nur wurde die Angelegenheit zunehmend zur Last: Die Apanage für die Frontstadt im Ruhestand mußte von Jahr zu Jahr erhöht werden.

»Das war ja die große Idee der Adenauerschen Zeit«, erinnert sich Heinrich Albertz an die Anfänge: »Berlin erledigt man mit Geld. Nicht mit politischem Engagement, sondern mit Geld.« Und daran, leider, gewöhnte sich vor allem West-Berlin.

Was während der Blockade mit dem »Notopfer Berlin« begann, einer Zwei-Pfennig-Zwangsabgabe für alle Postsendungen, und nach dem Mauerbau mit der »Zitterprämie«, einem einmaligen Durchhalte-Bonus von 100 Mark pro West-Berliner Kopf, fortgesetzt wurde, wuchs sich mittlerweile zu einem kaum mehr durchschaubaren Dickicht von Subsidien aus.

Elf Milliarden Mark schießt die Bundeskasse dieses Jahr in den West-Berliner Haushalt. Etwa ebensoviel geht für Prämien, Befreiungen, Ermäßigungen, Vergünstigungen, Zulagen und Soforthilfen drauf, für Transitpauschale an die DDR, Ticketzuschuß an die Luftfahrtgesellschaften, für Kulturpolitisches und ermäßigte Postgebühren.

Eine Dauerlast für Bonn, schon - aber auch eine zunehmende Belastung West-Berlins, die nur noch schwer mit dem Text zum Geläut der Freiheitsglocke in Übereinstimmung zu bringen ist: »Ich glaube an die Würde jedes einzelnen Menschen.«

Daß West-Berlin in Verruf geraten ist, den Hautgout einer Skandalstadt angenommen _(Modeschöpfer Heinz Oestergaard, Modell. )

hat, annehmen mußte, liegt auch an der Allgegenwart, der leichten Verfügbarkeit anonymer Gelder.

Wo der Griff nach anderer Leute Geld Anfang und Ende aller Politik sein darf, muß die Amoralität ein ganzes Gemeinwesen durchseuchen. Wo eine Stadtregierung jede Bittstellerei um Erhöhung der Subsidien mit der Phrase tabuiert, andernfalls sehe sie die Erfüllung ihrer »nationalen Aufgabe« gefährdet, ist allen ein Freibrief auf Unverfrorenheit ausgestellt: dem Topmanager, der aus Steuergeldern seine Jagd in Tirol finanziert; dem jugendlichen Hausbesetzer und Staatsverächter, der gleichwohl seine »Stütze« bezieht; dem Rentner, der sich zu Altenschwof und Dampferfahrt kutschieren läßt.

Nur folgerichtig kam es zu einer Vielzahl von Affären, ob bei der Staatlichen Porzellan-Manufaktur oder der städtischen Müllabfuhr, zur endlosen Kette der Skandale in der Baubranche - und zu einem perversen Haushalt.

Die Halbstadt unterhält ein Heer von Staatsdienern, als sei Berlin noch immer die Viereinhalbmillionen-Metropole, noch immer Regierungs- und Verwaltungskapitale eines Reiches: Mehr als 25 Prozent aller Erwerbstätigen stehen im öffentlichen Dienst - und das bei einem Schuldenberg von 26,7 Milliarden Mark.

Ein erster Sparplan aus dem Jahre 1967 ("Dynamitplan") hat nie gezündet: Seitdem haben sich das Führungspersonal in 76 Abteilungen, 54 Unterabteilungen und 444 Referaten der Senatshauptverwaltung sowie die Personalausgaben insgesamt mehr als verdoppelt - auf nunmehr 6,7 Milliarden Mark im Jahr.

Der zweite Sparplan aus dem vorigen Jahr hat noch keinen Senatsrat auf die Streichliste gebracht - dafür aber 313 der 762 West-Berliner Friedhofsgärtner.

Tabu sind natürlich die Barden und Mimen der Deutschen Oper und der Staatstheater und erst recht Herbert von Karajans Philharmoniker. Die Kultur ist West-Berlins »geheiligtes (Ersatz-)Politikum« (Kritikerin Karena Niehoff). Sie bezog letztes Jahr 312 Millionen Mark; der »Stiftung Preußischer Kulturbesitz« zahlte der Bund 1982 überdies 88 Millionen Mark als direkten Zuschuß.

Finanziert, verbürgt, gefördert wird in West-Berlin alles, was die Stadt auch nur irgendwie attraktiv erhält. Ein »Rock-Beauftragter« des Senats verteilt Gelder an Rockbands und ihre »Szene«. Und wenn beim Tennisklub Rot-Weiß die Profi-Damen aus aller Welt zum hochdotierten Pfingstturnier antreten, garantiert der Senat per Ausfallbürgschaft die Prämien.

Das Geld dafür kratzt er zusammen, wo und wie es nur geht. Er läßt »einarmige Banditen« für sich arbeiten, Glücksspielautomaten. Demnächst sollen Sozialhilfeempfänger als Billigarbeiter verpflichtet werden, als Straßenfeger und Dienstboten zum Stundenlohn von drei Mark.

Das »verpflichtende Arbeitsprogramm« wurde - unter dem Applaus der Berliner und ihrer Presse - letztes Jahr an Asylbewerbern ausprobiert und von Kritikern als »gezielte Abschreckungspolitik« gerügt, die so gar nicht zur offiziellen Stadtwerbung ("Berlin tut gut") und ihren Slogans von »Toleranz und Weltoffenheit« passen will.

Tatsächlich waren das ja mal Berlins größte Tugenden - und zwar ihrer Menschen und nicht ihrer Mauern.

»Berlin ist gar keine Stadt«, notierte Heinrich Heine vor 150 Jahren, »sondern gibt bloß den Ort dazu her, wo sich eine Menge Menschen, und zwar darunter viele Menschen von Geist, versammeln, denen der Ort ganz gleichgültig ist; diese bilden das geistige Berlin.«

Alfred Döblin ("Berlin Alexanderplatz") ergänzte 100 Jahre später: »Berlin besteht aus dem Nachlaß einer Anzahl Verstorbener und aus dem, was die heutigen Leute tun.«

Wer aber sind die »heutigen Leute«? Die vier, fünf »wilden Maler« vom Moritzplatz? Peter Stein und seine Truppe von der »Schaubühne«? Oder die Geschäftsleute, die zum Presseball ohne Presse drängeln; die Berufsberliner, die sich an jedem kalten Büfett zunicken?

Letztlich wohl doch Erscheinungen wie der Innensenator Heinrich Lummer und der Verleger Axel Springer, die politische und gesellschaftliche Macht ausüben.

Der missionarische Verleger - der sich von seinem Adlatus Matthias Walden »Frömmigkeit«, »Heilsgewißheit« und »visionäre Züge« bescheinigen läßt - veranstaltet in seinem Herrenhaus »Tranquillitati« auf Schwanenwerder »Havelkonzerte« und kultiviert (so der Frankfurter Literaturprofessor Klaus Jeziorkowski) »Friedrich den Großen wie einen persönlichen Vorfahren«.

In seinem Verlagshochhaus an der Mauer dilettiert er als Deutschland-Politiker, tadelt er unnachgiebig den »Unsinn der Entspannung«; vor dem Gebäude ließ er Schilder mit Entfernungsangaben für Breslau, Danzig und Königsberg aufstellen.

Auch der Innensenator hat einen Hang zur Musik; schon vor Jahren sang er ein Berlin-Lied auf Schallplatte, mit Zeilen wie »Ich kenn'' eine Stadt, die wie keine so schön« und »Ich kenn'' eine Insel, die niemals versinkt«. Damit es so bleiben möge, vertritt auch er eine Politik der Unnachgiebigkeit: gegenüber Hausbesetzern, gegenüber Ausländern.

Einst war Berlin ein Hort für Minderheiten, zu seinem Vorteil. Ende des 17. Jahrhunderts bildeten französische Asylanten fast 20 Prozent der Bevölkerung in der Stadt. Die Hugenotten waren eine Gemeinde in der Gemeinde, mit eigener Sprache, Religion, Verwaltung, Gerichtsbarkeit.

Heute sind Stadtpolitikern und Springer-Redakteuren die einzig wirklich willkommenen Ausländer in der Stadt offenbar die 12 000 Mann der drei alliierten Garnisonen. Gegen die 248 000 anderen wird Stimmung gemacht: mit Schlagzeilen über »Araber-Terror am Kurfürstendamm«, mit Karikaturen, vom gleichen bösen Schlag wie ihre unrühmlichen Vorgänger über die Apo. Ein türkischer Lebensmittelhändler, der sich schon daran gewöhnt hatte, frei nach John F. Kennedy »Ben bir Berlinliyim« zu sagen, wurde von »Hertha-Fröschen« eines schlechteren belehrt: Die Fußball-Rowdys mißhandelten unter »Sieg Heil«-Rufen seine Familie und demolierten den Laden.

Berlins alte Tugenden sind im Kessel von West-Berlin zu provinzieller Unduldsamkeit verdorrt, die sich bei jeder nur bietenden Gelegenheit in der Entrüstung über Andersaussehende, Andersdenkende, Anderslebende äußert. Die Stadt, in der das »Abwandern« als äußerste Untugend verteufelt wird, hat eine neue Tugend entdeckt: »Abschieben«.

Die unablässig gepflegte Sorge um das »Image« der Stadt, die geradezu krankhafte Beschäftigung mit ihren Schimären »Weltoffenheit und Toleranz« sind sichere Indizien für zunehmende Provinzialisierung.

Nur so ist zu verstehen, daß Senat und Abgeordnetenhaus sich mit dem Fall eines Barkeepers beschäftigen, der einer einzelnen Dame im Hotel Kempinski ein zweites Bier verweigerte. Und nur so ist zu begreifen, daß die »Berliner Morgenpost« das Resultat einer dubiosen Zweckumfrage zur vierbalkigen Hauptschlagzeile macht: »Großes Lob der Bundesbürger: Berlin ist eine Weltstadt«.

Wie wenig die Weltstadt, als es sie noch gab, zu erschüttern war, mag eine Tagebuchnotiz des Schriftstellers und Diplomaten Harry Graf Kessler aus dem Jahre 1919 verdeutlichen: »Abends in einem Kabarett in der Bellevuestraße. Rassige, spanische Tänzerin. In ihre Nummer krachte ein Schuß hinein. Niemand achtete darauf. Geringer Eindruck der Revolution auf das großstädtische Leben.«

In dieser Minute wurden dem Grafen das »Babylonische, Chaotische, Gewaltige« der alten Reichshauptstadt klar: als

sich zeigte, daß die »ungeheure« Revolution in dem »noch viel ungeheureren Hin und Her von Berlin nur kleine örtliche Störungen verursachte«.

Die auf Zucht und Ordnung bedachten West-Berliner betrachteten bereits die ausgeflippten Typen, die da während der vergangenen zwei Jahrzehnte bei ihnen aufkreuzten, als Gefährdung ihres Gemeinwesens - und sie wußten sich einig darin mit der westdeutschen Provinz.

Bürgermeister von Weizsäcker fürchtet sich vor einem »Getto der Überdrüssigen«, und auch Innensenator Lummer »will nicht«, daß die kaputte Stadt ein »Wallfahrtsort für Kaputte« wird.

Die Politiker konnten es nicht verhindern. In West-Berlin suchten vielerlei Flüchtlinge aus der Leistungsrepublik Asyl - Drop-outs, die in den Nischen der pensionierten Stadt nicht auf-, sondern aussteigen wollen.

Zum Anwalt dieser Gegengesellschaft machte sich der Soziologie-Professor Horst Bosetzky (als Krimi-Autor: »-ky"): Er forderte »Gesellschaftsschutzgebiete«, um dort »die neue Ursuppe brodeln« zu lassen. Sie brodelt inzwischen, in Kreuzberg und Schöneberg, in Tiergarten und Neukölln.

Die Alternativen haben sich ihre Welt eingerichtet, ein Getto im Getto: mit Wohngemeinschaften und Werkstätten, eigenen Kneipen und Kinos, Läden und Selbsthilfeorganisationen, mit 5000 Arbeitsplätzen und neun Mandaten im West-Berliner Abgeordnetenhaus.

Doch die totalen Verweigerer in der »Szene«, die »Nullbock«-Typen und ein harter Kern von Ruhestörern machten es Bürgern in Stadt und Bund leicht, dieses »andere«, dieses »Gegen-Berlin« verächtlich über einen Kamm zu scheren. Urteil älterer Einwohner, spätestens nach einer Nackt-Demo auf dem Kurfürstendamm: »Ein Pack.«

Um wie vieles heftiger mußten, nach solcher Überreaktion auf vergleichsweise harmlose Störungen, Berliner und Bundesbürger reagieren, als die Auseinandersetzungen um die Räumung besetzter Häuser tatsächlich in bürgerkriegsähnliche Zustände ausarteten. Aus den Gettos von Kreuzberg und Schöneberg brachen Gewalttäter hervor und ließen ihren Ärger und ihre Empörung an den Einrichtungen der Stadt und an privatem Eigentum aus; sie könnten durchaus zu einer Bedrohung für die Stabilität und die wirtschaftliche Zukunft der anfälligen Stadt werden.

Diese neue Revolte erschreckte durch ihre Bösartigkeit auch die letzten der Toleranten. Die Unruhestifter hatten ihre Losung formuliert: Sie wollten »bewußt gegen Gesetze verstoßen«, die nur »zum Schutz der Schweine da sind«. Sie drohten, in Berlin würden »nicht nur die Weihnachtsbäume brennen«, der Kurfürstendamm werde »stinken und brodeln«, es sollte »die Stadt explodieren«. Und sie handelten danach.

Vermummt, bewaffnet mit Pflastersteinen und Molotow-Cocktails, marschierten sie zu Straßenschlachten und Barrikadenkämpfen auf. Kilometerlang gingen Schaufensterfronten zu Bruch. Autos verbrannten. Geschäfte wurden geplündert.

Als US-Präsident Kennedy 1963 über den Kurfürstendamm fuhr, standen Tausenden am Straßenrand die Freudentränen im Gesicht. Als US-Präsident Reagan 19 Jahre später Berlin besuchte, lagen Tränengaswolken über der Stadt.

Angesichts der Scherbenhaufen, der Rauchsäulen, der blutigen Köpfe auf beiden Seiten der Barrikaden krochen Ängste und Unbehagen von Berlin bis in die Bundesrepublik.

Dann änderten die vertriebenen Hausbesetzer ihre Taktik, handelten nach einem neuen Racheschwur: »Haus um Haus.« Fast wöchentlich gingen in diesem Frühjahr Bankfilialen in Flammen auf, explodierten Sprengsätze bei Baugesellschaften, Baubehörden, sogar in einem Möbelgeschäft. Die Stadt bezahlte die Räumung von rund 80 Häusern in einem Jahr mit Entschädigungen in Höhe von annähernd 50 Millionen Mark.

Der tatsächliche Schaden, nicht in D-Mark-Beträgen abzuschätzen, ist ungleich höher: West-Berlins Ansehen wurde weiter ramponiert; potentielle Investoren werden dreimal überlegen, ob es sich lohnt, an einem solchen, ohnehin ungewissen Ort zu investieren - und werden es bleibenlassen.

So wird wohl weiter Gras wachsen über West-Berlin - wie es über der versunkenen Technik-Landschaft zwischen Gleisdreieck und Anhalter Bahnhof, dem ehemaligen Eisenbahnzentrum des Reiches, schon geschieht.

Der Kurfürstendamm - als nahezu einziges Weltstadt-Relikt strapaziert, verbraucht, heruntergewirtschaftet - wird weiter verludern. Auch die Zukunft eines geborstenen Symbols deutschamerikanischer

Freundschaft, der eingestürzten Kongreßhalle, ist ungewiß.

Groß und sinnlos steht das für 110 Millionen Mark wiederaufgebaute Reichstagsgebäude an der Mauer. Der Plenarsaal, so Bundestagspräsident Barzel, soll »leer bleiben, bis er wieder das freie deutsche Parlament aufnimmt«.

Der bulgarisch-amerikanische Verpackungskünstler Christo, der den »Vergangenheitsbrocken« ("FAZ") in 40 000 Quadratmeter Trevira-Folie hüllen und mittels acht Kilometer Hanfseil zuschnüren wollte, wurde von Karl Carstens abschlägig beschieden: Der Wahrer deutscher Werte sah eine »politisch-historische Dimension« und den »Symbolcharakter« des Bauwerks gefährdet.

Der Symbole sind die West-Berliner überdrüssig wie der Sonntagsreden - etwa, wenn Barzel, ohne rot zu werden, vor dem Abgeordnetenhaus sagt: »Der Sieg folgt der Hoffnung und die Hoffnung dem Glauben.«

Berliner Wahlspruch: »Wer''s jloobt, wird selig.«

Über die »unveränderten Endziele« der Sowjet-Union und der DDR macht sich der ehemalige US-Botschafter in Bonn, Martin Hillenbrand, keine Illusionen: Das Ziel sei, West-Berlin, das noch immer als »Plage und Provokation« empfunden werde, in seiner jetzigen Form zu eliminieren. Dabei könne der Osten, so Hillenbrand, gelassen zuwarten, könne auf die »fortschreitende Erosion«, auf das »allmähliche Dahinwelken« der Berliner Weststadt zählen. Nikita Chruschtschow nach dem Mauerbau: West-Berlin - »das erledigt sich von selbst«.

Die Chancen stehen nicht schlecht für den alten Ukrainer. West-Berlin hat schwache Karten. Fortschreibungen der Trends aus den letzten Jahren geben der Stadt im Jahr 2000 eine deutsche Einwohnerzahl von 1 373 000 und praktisch überhaupt keine Industrie mehr.

Indessen wächst, jenseits der Mauer, Ost-Berlin, konsequent gefördert als »Hauptstadt der DDR": Sitz aller Regierungsinstanzen, aller Leitstellen und, vor allem, der Partei. Seit dem Mauerbau stieg die Einwohnerzahl Ost-Berlins um mehr als 100 000, nahm die Zahl der Erwerbstätigen um 90 000 zu.

Getreu seiner Hymne »Auferstanden aus Ruinen« hat der andere deutsche Staat seine Kapitale ausgebaut und das gesamte »Erbe« für sich reklamiert - das preußische wie das berlinische.

Während der West-Berliner Senat - als Verwalter der traditionsarmen westlichen Vororte mit einem Flächenanteil an Gesamt-Berlin von 54 Prozent - noch kein Konzept für die 750-Jahr-Feier in der geteilten Stadt hat, arbeiten die Ost-Berliner auf ihren 46 Prozent Fläche längst zielstrebig auf das Termin-Jahr 1987 zu. Das »Antlitz der Hauptstadt« und dessen »Ausgestaltung« wurden zur Ehrensache der Republik erklärt.

Historisches haben sie reichlich hinter dem Brandenburger Tor: die Keimzellen Cölln und Berlin, die Preußen-Metropole rund um die Linden, das alte Gravitationszentrum zwischen Friedrichstraße und Alexanderplatz - und den proletarischen Osten, in dem das Berlinerische ungleich tiefer verwurzelt ist, wo auch heute noch kräftiger und überzeugender berlinert wird als im Westen der Stadt.

Doch mehr noch muß die alten Frontstadtgeister schmerzen, daß Ost-Berlin zugleich mit seiner Republik auch internationale Aufwertung erfahren hat, nicht zuletzt durch die Diplomaten aus den Hauptstädten der westlichen Welt.

Als Amerikas neue Botschafterin in Ost-Berlin, Rozanne L. Ridgway, im Januar dieses Jahres bei Erich Honecker Beglaubigungsschreiben und Grüße von Präsident Reagan ablieferte - und danach vor dem Staatsratsgebäude eine bewaffnete Ehrenformation des DDR-Wachregiments abschritt -, protestierte Springers »Berliner Morgenpost« gegen die »rechtswidrige Militärzeremonie«.

Diplomatisches Zeremoniell findet in West-Berlin ebensowenig statt wie Bundeszeremoniell. Das ehemalige Diplomatenviertel am Tiergartenrand ist Stadtbrache, von der Vegetation überdecktes Ruinenareal, auf dem »nur Tarzan glaubhaft Botschafter wäre«, wie der spanische Schriftsteller Goytisolo fand.

Da das Viertel »durch die politische Entwicklung seine Funktion weitgehend verloren« hat, gab der Senat es im Mai für die Erweiterung des Zoologischen Gartens frei: als Auslaufgehege für winterharte Huftiere.

»Tuwat«-Demonstration im September 1981.Zip: Zukunftsinvestitionsprogramm; Wap: Wertausgleichsprogramm; Wep:Wehner-Programm; Iba: Internationale Bauausstellung.Reste der ehemaligen Siegesallee, in einem stillgelegten KreuzbergerPumpwerk.Gegen die Schließung des AEG-Werks Brunnenstraße.Modeschöpfer Heinz Oestergaard, Modell.

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