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Truppenabzug »Ich mag den Humor der Leute«

aus DER SPIEGEL 24/1994

SPIEGEL: Fast 50 Jahre waren die USA Schutzmacht in Berlin. Sind Sie froh, daß es vorbei ist?

Kornblum: Zuerst einmal sind wir stolz darauf, daß mit der deutschen Vereinigung ein großes Ziel erreicht worden ist. Aber ein bißchen Wehmut empfinde ich schon.

SPIEGEL: Mochten Sie die Berliner?

Kornblum: Aber ja. Viele Eigenschaften der Berliner wissen die Amerikaner zu schätzen. Berlin ist eine Stadt, die ebenso wie Amerika auf Zuwanderung gründet. Kratz an einem Berliner, und die Herkunft von irgendwoher wird sichtbar. Das kennen wir gut, ein gemeinsamer Zug. Ich mag die Offenheit, den Humor und den Pragmatismus der Leute.

SPIEGEL: Und was mögen Sie an den Berlinern nicht?

Kornblum: Man könnte sagen, daß die berühmte Berliner Schnauze nicht überall bewundert wird.

SPIEGEL: Worin unterscheiden sich denn Ihre Berliner von den übrigen Deutschen?

Kornblum: Die Leute sind wie die Stadt. Jedes Land braucht eine Metropole, die ein bißchen roh und in sich gebrochen ist, die Talente aufsaugt und nutzt, die experimentiert, in der nicht zählt, was man anderswo davon hält. So ist Berlin. Ich sage gern: Berlin hat diesen »sweet egoism« . . .

SPIEGEL: . . . der sich für viele allerdings musterhaft ins Bild vom häßlichen Deutschen fügt.

Kornblum: Das mag wohl sein. Aber das ist zu verkraften. Es ist nun einmal eine schwierige Phase, in der das vereinte Deutschland zu seiner Rolle zurückfinden muß.

SPIEGEL: Die Amerikaner haben Vertrauen zu dem Land, das sie nun verlassen?

Kornblum: Natürlich. Unsere Erwartungen an Deutschland sind sehr hoch. Wir gehen im Gefühl, daß es eines der führenden Länder der Welt ist und eine entsprechende Rolle spielen soll.

SPIEGEL: Und Rechtsextremismus und Neonazis?

Kornblum: Ein unerfreuliches Problem, über das jeder besorgt sein sollte. Aber das gibt es nicht nur in Deutschland, sondern genauso in anderen europäischen Ländern. Man kann aus den Mord- und Brandanschlägen der letzten Monate nicht auf eine Entwicklung in Deutschland schließen. Ich bin sicher, daß diese Gewalt keinen wirklichen Trend markiert.

SPIEGEL: Amerikaner in Berlin haben sich oftmals über den latenten Antiamerikanismus in der Stadt beklagt.

Kornblum: Das ist nun wirklich Vergangenheit. Wenn junge Franzosen oder Engländer aufbegehrten, galt das ja meist auch nicht Amerika, sondern entsprang der Unsicherheit über die eigene Identität und die eigene Gesellschaft.

SPIEGEL: Viele Amerikaner hielten die Berliner für undankbar.

Kornblum: Ich habe an die 20 Jahre lang öffentlich in Deutschland vertreten, daß erfolgreiche Politik nicht auf Dankbarkeit basieren kann. Wir erwarten von Deutschland nicht, daß es uns dankbar ist.

SPIEGEL: Haben Sie sich nie über die Deutschen geärgert?

Kornblum: Doch, zum Beispiel während der Nachrüstungsdebatte. Ich habe an mindestens drei Dutzend Diskussionen über die Pershing-Raketen teilgenommen. Ich war schon ein bißchen enttäuscht, wie junge Deutsche zwischen 18 und 20 glauben konnten - und sie glaubten es offenbar wirklich -, daß die USA einen Angriffsschlag planten.

SPIEGEL: Waren die Proteste gegen Amerika nicht auch aggressiver Ausdruck der totalen Abhängigkeit von den USA?

Kornblum: Sicher. Ich habe mich während meiner ganzen Berufsarbeit in Deutschland für den Abbau solcher Emotionen eingesetzt. Denn das Gefühl der Abhängigkeit schlägt schnell in Ablehnung um. Nur wer ein gesundes Verhältnis zu sich und seiner Identität hat, kann ein guter Partner sein.

SPIEGEL: Viele Kritiker betrachteten das Besatzungsrecht der Westmächte als Verwaltung nach Kolonialherrenart.

Kornblum: Die Alliierten in Berlin waren in der Tat gut situiert, und manche lebten sehr komfortabel. Um von uns zu reden: Wir versuchten, es so bescheiden wie möglich zu halten. Im übrigen, und das gilt für alle drei West-Alliierten, nutzten wir unsere auf dem Papier ziemlich absolute Macht mit äußerster Zurückhaltung. Nach dem Viermächteabkommen von 1971 haben Franzosen, Engländer und Amerikaner sich für drei Jahre gänzlich aus der politischen Öffentlichkeit zurückgezogen, um das politische Klima zu normalisieren. Wir wollten alles so deutsch wie möglich halten. Und das Resultat? Alle Welt unterstellte, wir regelten nun alles insgeheim.

SPIEGEL: Warum haben Sie denn überhaupt so lange an den längst überholten alliierten Berlin-Rechten festgehalten? So wurde erst 1989 die Todesstrafe in West-Berlin abgeschafft.

Kornblum: Wir konnten nur unser Verhalten ändern, nicht die Rechte. Die Sowjets hätten sagen können: Wenn diese oder jene Bestimmungen nicht mehr gelten, dann gilt auch alles andere nicht mehr. Die Zusammenarbeit der vier Mächte in Berlin hat Schlimmeres für Europa abgewendet.

SPIEGEL: Was wird aus den Beziehungen der einstigen Sieger zu Berlin?

Kornblum: Keine Sorge. Der Bonner Botschafter der Vereinigten Staaten, Richard C. Holbrooke, hat schon angekündigt, daß wir die Beziehungen zwischen dem amerikanischen Volk und den Menschen Berlins neu definieren werden.

SPIEGEL: Was heißt das?

Kornblum: Unsere Botschaft startet mit dem Senat eine Reihe von Programmen und Veranstaltungen. Wir haben bereits ein Business Information Center eröffnet und bereiten mehrere große Kunstausstellungen vor. Wir wollen vor allem in Kultur und Wirtschaft neue Traditionen begründen.

SPIEGEL: Welches Bild nehmen Sie vom gegenwärtigen Berlin mit nach Hause?

Kornblum: Ein bißchen überrascht bin ich von der spürbaren Verzagtheit und dem Mangel an Einigkeit seit dem Fall der Mauer. Ich hoffe, daß diese Phase bald vorüber ist. Denn ich glaube, daß die dynamische Gesellschaft, die in Berlin existiert, zu den wichtigsten Faktoren Europas zählt. Für uns alle ist wichtig, daß diese Stadt Zuversicht statt Pessimismus erzeugt.

SPIEGEL: Der Berlin-Pessimismus ist in ganz Deutschland sehr verbreitet. Viele Deutsche wollen Berlin nicht einmal als Regierungssitz.

Kornblum: Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, daß die Deutschen jene Stadt als Kapitale nehmen, um die sie so lange gefochten haben. Aber Berlin findet seine Rolle, Hauptstadt hin oder her, da bin ich sicher. Berlin ist eine europäische Metropole. Und es ist nur fair anzuerkennen: Daß Berlin eine zukunftsträchtige demokratische Stadt ist, daran haben die Vereinigten Staaten den größten Anteil. Y

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