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»Ich möchte wieder als Arzt arbeiten«

Gerhard Mauz zur Verurteilung des Psychiaters Dr. Fritz Gottfried Stockhausen in Köln
Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 21/1981

Zu zwei Jahren Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurden, ist der Psychiater Dr. Stockhausen, 53, von der 15. Strafkammer des Landgerichts Köln verurteilt worden. Das Gericht sah es für erwiesen an, daß er sich -- als leitender Arzt des Landeskrankenhauses Brauweiler, einer Anstalt des Landschaftsverbands Rheinland -- der Körperverletzung mit Todesfolge in einem Fall, der gefährlichen Körperverletzung in vier Fällen und der fortgesetzten Gefangenenbefreiung (tateinheitlich mit gefährlicher Körperverletzung) in acht Fällen schuldig gemacht hat.

Die Zustände im Landeskrankenhaus Brauweiler, das erst 1978 geschlossen wurde, obwohl es zur Aufnahme und Behandlung von Patienten völlig ungeeignet war, sind bekannt (zuletzt SPIEGEL 10/1981). Von 1971 bis zur Schließung 1978 war das Krankenhaus unter Dr. Stockhausen eine Kletterakademie.

Patienten, die sich im Haus D als Suchtkranke befanden, seilten sich mit Bettüchern, Tauwerk und Bettbezügen herab und hinauf. Alkohol wurde in beliebigen Mengen herbeigeschafft, wenn er nicht, auf Zechtouren, gleich »vor Ort« des Ausschanks konsumiert wurde.

Die Zahl der Unfälle, zu denen es bei den Abseilungen kam, ist wohl größer, als das Urteil über Dr. Stockhausen erkennen läßt. Das Gericht hatte sich allein mit den beiden Todesfällen und den schwerwiegenderen Verletzungsfällen der letzten viereinhalb Jahre der Amtszeit von Dr. Stockhausen zu befassen.

Die Fenster des Hauses D in Brauweiler, die nicht gesichert werden konnten, haben im Prozeß eine große Rolle gespielt. Wir müssen uns wiederholen: Wären die Fenster nicht gewesen, so würde Dr. Stockhausen noch heute dieses Landeskrankenhaus leiten.

Seelisch Kranke sollen ordentlich untergebracht werden. Sie sollen vor sich selbst, vor allem aber wollen wir vor ihnen geschützt werden. Denn man weiß ja nicht, wozu seelisch Kranke vielleicht fähig sind. So sieht es der überwiegende Teil der Öffentlichkeit. Wer Patient in der Psychiatrie war oder ist, sieht sich Vorurteilen ausgesetzt, die fast noch stärker sind als die, mit denen Strafgefangene leben müssen.

Wenn seelisch Kranke nur so untergebracht werden, daß nichts Beunruhigendes nach draußen dringt (daß also beispielsweise vor allem niemand entweicht) -- dann kann in den Wänden, hinter denen man diese Kranken sammelt, alles geschehen. Dann kann sogar geschehen, daß nichts geschieht, daß nur »ruhiggestellt«, nur verwahrt wird.

Die Oberstaatsanwältin Maria Mösch, 49, die im Prozeß gegen Dr. Stockhausen zusammen mit dem Staatsanwalt Rainer Hinz, 32, die Anklage vertrat, hat ihren Strafantrag eindrucksvoll begründet. Sie war objektiv, als sie die besonderen Umstände im Haus D in Brauweiler hervorhob, Umstände, in denen sich mancher wohler fühlte als in einem Neubau, unter denen sich mancher von den Suchtkranken fast »beheimatet« vorkam.

Die Oberstaatsanwältin Mösch wies auch darauf hin, daß es hier nur um den Angeklagten und das Haus D in Brauweiler gehe und darum, ob der Angeklagte für die Entweichungen, Verletzungen und Todesfälle verantwortlich sei. Dr. Stockhausen hat in keinem Augenblick als Stellvertreter für den Landschaftsverband oder die rheinische Psychiatrie herhalten müssen.

Auch im Urteil, das der Vorsitzende Richter Dr. Heinz Faßbender, 45, verkündete und mündlich begründete (ein Richter, den allein gefährdet, daß er als Sitzungsleiter alles kann, der jede Tonart beherrscht, von der volkstümlichen bis zur intellektuellen), ist von einem Verschulden gesprochen worden, das sich, wie von der Verteidigung vorgebracht, auf viele Schultern verteilt habe. Es hat über den Dr. Stockhausen kein Scherbengericht stattgefunden, man hat ihn nicht zum Sündenbock für Mißstände gemacht, die nicht nur zu den Abseilungen führten.

Doch es muß nun davon die Rede sein, daß dieser Prozeß, in dem man sich korrekt und fair auf die Vorwürfe gegen Dr. Stockhausen konzentrierte, dennoch ein Prozeß über die Psychiatrie gewesen ist.

Im Februar 1976 teilt Professor Kulenkampff, Gesundheitsdezernent des Landschaftsverbandes, dem Personaldezernenten des Verbandes schriftlich mit, daß Dr. Stockhausen »nicht mehr fähig ist, das Krankenhaus in Brauweiler zu führen«. Er forderte die Beurlaubung Dr. Stockhausens und seine psychiatrische Begutachtung. Gegen Dr. Stockhausen waren vom Leiter der Verwaltung in Brauweiler schwere Vorwürfe erhoben worden.

Professor Kulenkampff, selbst ein anerkannter Psychiater, hatte sich informiert. Er stellte in Brauweiler ein »desolates Bild und völlige Führungslosigkeit« fest, die sofortiges Einschreiten fordere. Auch kam er zu dem Ergebnis, daß nicht der Alkoholismus, sondern eine Gemütskrankheit Dr. Stockhausens das Hauptproblem sei.

Eine andere Geschichte ist es, daß sich im Landschaftsverband die Verwaltung gegen Professor Kulenkampffs Forderung durchsetzte. Eine weitere Geschichte handelt von Professor Kulenkampff, der sich nun selbst mit einem Ermittlungsverfahren überzogen sieht.

Gerd Kröncke nennt ihn in der »Süddeutschen Zeitung« treffend eine »fast tragische Figur«. Denn Professor Kulenkampff, einer der Autoren der Enquete zur Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik, stellt sich gewiß, auch wenn er sich für strafrechtlich unschuldig hält, der Frage, ob es richtig war, in einer Position zu bleiben, in der er nicht durchsetzen konnte, S.79 was nach seiner Überzeugung »sofortiges Einschreiten« erforderte. Ein Konflikt, den man kennt: Wann wird man zum Schreibtischtäter? Wie erkennt man die Mißerfolge, aus denen man persönliche Konsequenzen ziehen muß?

Und hierher gehört auch nicht die Geschichte des hochangesehenen Rechtsanwalts, der die Vertretung von Dr. Stockhausen übernahm, der alle Vorwürfe zurückwies, sie Intrigen nannte und neue Zeugenvernehmungen und die Rehabilitierung seines Mandanten forderte.

Hier ist zu berichten, daß die Untersuchung gegen Dr. Stockhausen vor allem zusammenbrach, weil plötzlich die Zeugen den Rückzug antraten -- und daß die entscheidenden Zeugen, die sich unversehens rückwärts orientierten, Psychiater oder angehende Psychiater waren. Fachärzte für Psychiatrie erinnerten sich nicht mehr an das, was sie zwei Monate vorher gesagt hatten. Und vier angehende Fachärzte erinnerten sich nunmehr daran, was für sie selbst gut war. Sie widerriefen und erhielten ja dann auch später unter Dr. Stockhausen ihre Bestellung zum Facharzt.

Im Prozeß sagte eine Ärztin immerhin, sie hätte bei ihrer Aussage bleiben sollen, es habe ihr an Zivilcourage gefehlt. Doch eine andere Ärztin zeigte sich als Zeugin grüblerisch und abweisend. Was denn schon krank sei, meinte sie, was manisch und was depressiv.

Der Heidelberger Psychiater Professor Wolfram Schmitt, 43, hat in Köln als Sachverständiger ein Gutachten vorgetragen, das den angeklagten Kollegen nicht schonte, aber auch nicht unbillig verfolgte. Dr. Stockhausen ist seelisch krank, er leidet an einer manisch-depressiven Krankheit, die phasenweise auftritt und unregelmäßig abläuft. Im Verlauf dieser Krankheit gibt es »freie Intervalle«, in denen von der Krankheit nichts zu merken ist. Doch die Beobachtungen, die im Februar 1976 (und schon früher) von Ärzten und anderen gemacht wurden, waren gravierend.

Das Symptom des Alkoholmißbrauchs wurde beobachtet, starke Stimmungsschwankungen waren nicht zu übersehen -- und aus beidem resultierten dramatisch auffällige Verhaltensweisen und Schwächen in der Leitung der Klinik, die einfach nicht geleugnet werden konnten und die ersichtlich das Ergebnis einer Krankheit sein mußten. Reizbarkeit, Hektik, Gedankensprünge, euphorische und depressive Phasen -bis zur Schulzeit zurück stellte Professor Schmitt in Köln ein Krankheitsbild dar, das an einer psychiatrischen Klinik und unter den Fachkollegen Dr. Stockhausens an den anderen Krankenhäusern des Landschaftsverbandes nicht erkannt worden sein soll oder per Widerruf geleugnet worden ist.

Die Frage, wer eigentlich die Psychiater psychiatriert, ist kein abgegriffener Scherz. Ärztliche Kunstfehler sind heute ein alltägliches Thema der Strafgerichte. Die Mediziner haben sich zu lange als Sachverständige über Mediziner kein Auge ausgehackt. Sie haben nicht bedacht, daß sich auch die Richter eines Tages als mögliche Patienten entdecken mußten und daß damit kritische Aufmerksamkeit gegenüber den Medizinern erwachen würde. Die Psychiatrie ist dabei im Windschatten geblieben.

Einmal, im Zusammenhang mit Dr. Günter Weigand, erging eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts (SPIEGEL 52/1978), die zur Erörterung der Frage hätte führen können, wann ein Psychiater grob fahrlässig handelt oder wenigstens fahrlässig. Es kam nicht dazu, der betroffene Psychiater verglich sich eilends.

Die Psychiater sind weiterhin privilegiert unter den Medizinern. Ihre Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen lassen sich nun einmal schwerer belegen als die Verkennung eines Blinddarm-Durchbruchs und ihre Folgen. Auch sind die Psychiater als sachverständige Gehilfen des Gerichts alltäglich im Gerichtssaal, und dieser Rolle wegen halten es die Gerichte für angezeigt, sie ähnlich intensiv zu schützen wie sich selbst.

Fatale Folge: Nichts hält den Psychiater zur Selbstkontrolle an. Und die Kollegen -- sie wissen, wer sich nicht weitergebildet hat und steckengeblieben ist. Sie wissen, wer selber ein Fall ist. Doch das bleibt in den eigenen Reihen.

Und weil sich der Mißerfolg, die Unfähigkeit oder das Alter nicht wie beim Chirurgen im Operationssaal erweisen, muß man, wie Dr. Stockhausen, erst im Gerichtssaal bekennen, daß man von seiner Krankheit gewußt, sie aber verschwiegen habe.

Es ist eine Schande der Psychiatrie (und anderer erst in zweiter Linie), daß Dr. Stockhausen nicht spätestens von 1976 an Hunderten von Patienten und gerichtlich in Brauweiler Eingewiesenen erspart wurde. Noch zu Beginn des Herstatt-Prozesses hat er sich sachverständig zur Verhandlungsfähigkeit von Iwan Herstatt geäußert.

Nur Strafmilderung, nicht Schuldunfähigkeit, hat Dr. Stockhausen seine Krankheit gebracht. Drei Jahre und sechs Monate hatte die Oberstaatsanwältin Mösch beantragt, eine Strafe also, die nicht zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Das Gericht, das ihr so weit nicht folgen konnte, sprach auch davon, daß Dr. Stockhausens weiterer Lebensweg schwer genug sein werde. Wir hoffen, diesem Satz auch in anderen Prozessen zu begegnen, wenn kein Psychiater angeklagt ist. Jeder Lebensweg nach einem Strafurteil ist schwer.

»Ich möchte wieder als Arzt arbeiten«, hat Dr. Stockhausen in seinem Schlußwort gesagt. Verteidigung und Anklage haben Revision eingelegt. Weitere Verfahren im Zusammenhang mit Brauweiler stehen bevor. Die Psychiatrie scheint sich nicht angesprochen zu fühlen. Dergleichen, so meint sie wohl, kann in jedem Beruf passieren. Nur hat es nicht in allen Berufen so verheerende Folgen, wenn einer durchdreht und man es nicht gleich merkt. Und daß ein Psychiater seelisch krank ist -- das können nur Psychiater feststellen ...

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