Zur Ausgabe
Artikel 13 / 90
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Ich muß auf die Nerven gehen«

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über Hans-Jochen Vogel *
Von Jürgen Leinemann
aus DER SPIEGEL 37/1985

Die diesjährige Haushaltsdebatte des Deutschen Bundestages könnte insofern ins Buch der Rekorde eingehen, als erstmals ein Redner eine ganze Stunde lang gesprochen hat, ohne mit erhobenem Zeigefinger im Hohen Haus herumzufuchteln. Daß »die Menschen draußen im Lande« den SPD-Fraktionschef Hans-Jochen Vogel bei diesem Kraftakt erleben dürfen, verdanken sie dem im Zorn aus dem Amt des Schatzmeisters geschiedenen Genossen Hans-Jürgen Wischnewski, der die »Oberlehrermanieren« seines Parteifreundes rüde getadelt hatte.

Der ständig rechthaberisch gereckte Zeigefinger, das weiß Jochen Vogel, ist das Markenzeichen des Oberlehrers. Und wiewohl er so tut, als mache ihm die Beförderung zum Chef-Schulmeister der Partei nichts aus, verwendet er am Donnerstag vergangener Woche doch viel Konzentration darauf, seinen Zeigefinger unter Kontrolle zu halten.

Seine Kritik am Kanzler bekommt damit etwas unfreiwillig Drohendes. Denn wenn er etwa Helmut Kohl zuruft: »Reden Sie nicht länger von Kloakenjournalismus«, dann piekt er nicht mehr in Richtung Regierungsbank, dann schwenkt er die geballte Faust.

Theo Waigel, CSU-Landesgruppensprecher und direkter Nachredner, mag sich deshalb auch mit dem Lehrer-Image des Oppositionsführers nicht recht befreunden. Zum Schulmeistern neigen die Politiker schließlich alle, zumal die deutschen. Waigel ernennt den Sozialdemokraten statt dessen zum »selbsternannten politischen Generalstaatsanwalt«. Der Wahlkampf 1987 hat bei ihm wohl schon begonnen.

Dabei hatte sich Jochen Vogel, in Erwartung eines rhetorischen Klassenkampfes, vorgenommen, die Zwischenrufe der Unionsabgeordneten eher frohgemut auszupendeln. Denn er weiß, daß die bittere Schelte seines langjährigen Mitstreiters »Ben Wisch« nur allzugut ins Kanzlerkonzept paßt, das den oft säuerlich und pathetisch wirkenden Oppositionsführer als »magenkranken Miesmacher« abstempeln möchte.

Also sprintet er demonstrativ aufgeräumt Punkt neun Uhr ans Redner-Pult und grüßt launig alle, die »zu dieser frühen Stunde« schon da sind. »Guten Morgen, Herr Oberlehrer«, höhnt es vielstimmig von den Bänken der Regierungsfraktion. Vogel registriert »starke Unruhe in der Klasse der CDU/CSU« und rügt: »Ihre Betragensnoten werden wohl kümmerlich ausfallen.«

Zwar gelingt es den Unionszwischenrufern nicht, ihren Hohn durchzuhalten, doch hat Theo Waigel nicht weit gefehlt, als er anschließend den Frohsinn des Sozialdemokraten als »verzweifelte Heiterkeit« charakterisiert.

Denn wahr ist: Der emotionsgeladene Satz im Brief Wischnewskis - »Außerdem bin ich auch nicht mehr bereit, die Oberlehrermanieren von Hans-Jochen Vogel hinzunehmen« -, dieser Satz also hat Vogel getroffen. Er schmerzt, weil er Attitüden öffentlich anprangert, die jedem Genossen, jedem Beobachter - und auch Vogel selbst - als Schwächen wohlvertraut

sind. Er schmerzt doppelt, weil der Oppositionsführer - in Übereinstimmung mit der Mehrheit der Fraktion - glaubt, daß der Vorwurf heute viel weniger berechtigt sei als in der Vergangenheit.

Genau hat er nie gepaßt. Helmut Rohde, Bundestagsveteran seit 1957, glaubt, daß alle so begierig dem Schulmeistervorwurf gegen ihren Chef zustimmen, weil die Fraktionsarbeit inzwischen so perfekt »professionalisiert und hierarchisiert« worden ist. In der Bonner Parlamentswelt der unter-, neben-, bei- und übergeordneten Experten für alles ist jeder des anderen Bescheidsager. Der Oberste aber bekommt den Titel: »Zuchtmeister« Herbert Wehner, »Oberlehrer« Jochen Vogel.

Der räumt ein, daß er oft pedantisch wiederholend nachbohre, ob beschlossene Angelegenheiten auch erledigt seien, daß er auf Präzision beharre. Er macht auch kein Hehl daraus, daß ihm Fleiß, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit wichtig sind. »Daß ich damit dem einen oder anderen auf die Nerven gehe, das muß ja wohl so sein«, sagt er.

Es ist aber nicht die preußische Prinzipienreiterei, die Jochen Vogels Mitmenschen vor allem nervt. Es ist der Ton seines Nachfragens, der verletzt. Vogel, der zu rührenden Gesten der Fürsorge fähig ist, kann im Drang der Geschäfte durch eine oft selbstgerechte, den anderen niedermachende Attitüde empfindsame Mitarbeiter zermürben.

Daß Vogel nur deshalb ein Oberlehrer sein soll, weil sich Hans-Jürgen Wischnewski das Rauchen abgewöhnen mußte - wie, verkürzt, die offizielle Parteiversion jetzt lautet -, ist Ausdruck schierer Hilflosigkeit.

Denn die SPD-Fraktion, durch den unberechenbar grummelnden, bissigen und brüllenden Herbert Wehner gewiß nicht verwöhnt, hat unter den bürokratischen Formalisierungszwängen seines Nachfolgers heftig gestöhnt.

Allerdings - »oberlehrerhaft«, sagt der Lehrer Karl Weinhofer, »war das nie. Denn der hat ja keinen belehrt«. Bei den meisten Genossen heißt Vogel denn auch Ober-Dezernent, nicht Oberlehrer.

Daß die kleinlich-selbstgerechten Züge des Chefs Hans-Jochen Vogel - allen Mitarbeitern in München, Berlin und Bonn unheilvoll vertraut - zu Beginn seiner Arbeit als Fraktionsführer besonders kraß zum Ausdruck kamen, lag nicht nur daran, daß er vom längst kranken Wehner eine deprimierte, in tausend Eifersüchteleien und Richtungskämpfe zerstrittene, verschlampte Truppe übernahm.

Es lag auch daran, daß Jochen Vogel sich selbst bei Verletzungen und Verunsicherungen aus bürokratischer Perfektion und katholischer Moralvollkommenheit einen Panzer zu schmieden pflegt. Der angeschlagene Primus neigt dann besonders masochistisch zum Dienen - nicht zuletzt auf Kosten seiner Mitmenschen.

Die Verdienste, die sich der gescheiterte Kanzlerkandidat Vogel in der schwierigen Phase der Partei nach dem Ausscheiden aus der Regierung erworben hat, sind in der SPD unbestritten. Daß sich die Sozialdemokraten nicht in Flügelkämpfen aufrieben, daß die Fraktion inhaltlich und formal geschlossen antrat zu ihren unermüdlichen Versuchen, den Kanzler-Pudding Kohl an die Wand zu nageln, daß sie sich unerwartet schnell einen grünlichen Anstrich verschaffte, ohne die Gewerkschaften zu verprellen - das verdankt sie neben Willy Brandt gewiß dem pflicht- und arbeitsbesessenen Dauer-Integrator Jochen Vogel.

Doch wenn der heute glaubhaft froh ist, daß er der Partei nicht ein zweites Mal als ungeliebter Kanzlerkandidat aushelfen muß, dann liegt darin nicht nur Erleichterung über eine von den Wählern in Nordrhein-Westfalen beendete Zeit der Unsicherheit. So sehr er auch aufatmet, daß nun Johannes Rau antreten wird, so weh tut doch das darin enthaltene Eingeständnis eigener Niederlagen.

Denn Hans-Jochen Vogel - wer, außer ihm selbst, hat das noch stets präsent? - ist einmal ein strahlender Wahlsieger gewesen: mit mehr als 77,9 Prozent wurde er 1966 zum Münchner Oberbürgermeister gewählt. Und daß einer, dessen Lebensdrehbuch nur Siege vorsieht, zwei Wahlen - 1981 in Berlin und 1983 im Bund - verlor, hinterließ tiefe Wunden.

Die hatten nun gerade zu vernarben begonnen. Vogels Stil wurde lockerer. Seine Mitarbeiter entspannten sich. Heute läßt er in der Fraktion ausführlich diskutieren, zwingt niemandem von Anfang an eine Linie auf, hört mit viel Geduld in den Sitzungen zu, ist für jeden Abgeordneten zu sprechen.

»Und die Tatsache, daß wir nun immer pünktlich anfangen, hat ja auch ihre Vorteile«, sagt er. Fraktionslinke wie Peter Conradi loben ihn für das gute Diskussionsklima. Der einst mächtige Boß der rechten Kanalarbeiter-Riege, Egon Franke, brummt: »Der macht das doch gut.«

Und da nun reißt Wischnewskis »Oberlehrer«-Vorwurf nicht nur die Wunden wieder auf, er liefert der Union auch willkommene Wahlkampf-Munition. Daß Vogels Kanzlerkandidatur nur »eine Episode« gewesen sei, reibt ihm Theo Waigel genüßlich hin. Das trifft härter als die Charakterisierung seines Stils - sie sei »eine Mischung aus Pathos, Ethos, Selbstgerechtigkeit, Unterstellung und Langweiligkeit«.

Jochen Vogel, zu dessen Stärken Menschenkenntnis nicht gehört, kann nicht verstehen, daß Hans-Jürgen Wischnewski nach 30 Jahren »enger Zusammenarbeit mit großem Respekt« ihm diesen Hieb verpaßt hat. »Kurzschluß« ist auch Vogels Erklärung, sie reicht ihm freilich nicht. Daß er, der möglichst Fehlerfreie, insgeheim auch den eigenen Anteil an diesem Kurzschluß sieht, verbirgt er.

Vielmehr ist Jochen Vogel Politiker genug, um auch diesem Rückschlag positive Aspekte abzugewinnen. Zunächst einmal ist er mit seinem heiteren »Oberlehrer«-Auftritt am Donnerstag zufrieden: »Ich glaube, das war wichtig, daß ich das nicht weggedrückt habe.« Dann nicht er sogar nachdenklich, wenn auch nicht beglückt, als sein Pressesprecher Alwin Steinke, ein erfahrener Bonner Polit-Fuchs, sagt: »Vielleicht ist es auch gut, daß das mal ausgesprochen worden ist. Im Kopf hatte es sowieso jeder.«

Zur Ausgabe
Artikel 13 / 90
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.