Zur Ausgabe
Artikel 27 / 118
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

KRIMINALITÄT »Ich nix Verbrecher«

Rumänische Jungen und Mädchen werden von skrupellosen Kriminellen zum Stehlen in deutsche Großstädte geprügelt. Mehr als 50 solcher »Klaukinder« sind derzeit in Hamburg unterwegs. Jetzt sollen sie in ihre Heimat abgeschoben werden. Von Bruno Schrep
aus DER SPIEGEL 41/2003

Manchmal gibt Edi seinen Kumpels eine kleine Vorstellung. Er läuft im Kreis und tritt mit dem rechten Fuß ständig in die Luft. »So trat mich mein Vater, wenn er betrunken war«, ruft er dazu. »Wie einen Fußball.« Alle lachen, Edi lacht am lautesten. Es ist kein fröhliches Lachen.

Elf Jahre ist Edi alt, vielleicht auch zwölf, so genau weiß er das nicht. »New York 82« steht auf seinem ärmellosen Shirt, in seinem rechten Ohr klemmt ein kleiner Ring. Seine Augen wandern unstet und misstrauisch hin und her. Er schwitzt.

Der Junge mit den strähnigen blonden Haaren muss sich wie unter Zwang ständig bewegen: Treppen hoch- und runterrennen, sich auf dem Boden wälzen, zappeln. Still zu sitzen ist für ihn eine Qual, die er höchstens ein paar Minuten aushält, zitternd.

Edi stammt aus Rumänien, aus dem Elendsquartier einer Stadt namens Focsani. Seit mehr als einem Jahr treibt er sich in Hamburg herum. Mal wie ein Köter auf den Straßen von St. Pauli, mal versteckt in irgendeiner Hinterhauswohnung, mal in einem Heim.

Die Erwachsenen, mit denen er in seinem Leben zu tun hatte, haben ihm nichts Nützliches beigebracht. Nicht, wie man sich wäscht, nicht, wie man sich die Zähne putzt, nicht, wie man richtig liest oder schreibt. Gelernt hat Edi nur eines: zu klauen.

Als er sieben Jahre alt war, hat ihn sein Vater gezwungen, für ihn Schnaps zu stehlen. Wenn Edi sich erwischen ließ, hagelte es Hiebe und Tritte, gab es kein Essen. Der Kleine übte immer wieder, sich zu tarnen, blitzschnell zuzugreifen, unauffällig zu verschwinden. So lange, bis er es konnte.

Prompt verkaufte der Vater seinen Sohn für 300 Euro an Kriminelle, an Mitglieder einer Diebesbande. Die brachten ihn mit dem Auto nach Hamburg, ganz legal: Seit in Europa die Grenzen offen sind, seit es keine Visapflicht mehr gibt, können Kinder wie Edi in Begleitung Erwachsener ohne Probleme als Touristen einreisen, wenn sie einen gültigen Pass haben.

Kaum über der Grenze, nahmen die Männer Edi den Pass ab. Er war ihnen völlig ausgeliefert: sprach kein Wort Deutsch, die riesige Stadt irritierte ihn, er kannte niemanden, dem er sich anvertrauen konnte. Brav lernte er weitere Klautricks, die ihm die Erwachsenen beibrachten.

Über sie bekam er auch Kontakt zu Gleichaltrigen. Rumänische Kinder wie er, die aus einem einzigen Grund eingeschleppt worden sind: um für ihre Auftraggeber zu stehlen.

»Klaukinder« nennt die Polizei Minderjährige wie Edi. Mehr als 50 solcher Jungen und Mädchen aus Rumänien leben seit Anfang des Jahres allein im Großraum Hamburg, ohne Eltern, vernachlässigt, ausgebeutet. Ähnliches ist zuvor aus Köln und Berlin gemeldet worden. Und wie dort sind auch in Hamburg heftige Diskussionen entbrannt, wie auf die Herausforderung reagiert werden soll.

Alle rausschmeißen, ruck, zuck, fordern beklaute Geschäftsleute und die Polizei. Jeden Einzelfall prüfen, notfalls Aufenthaltsgenehmigungen erteilen, fordern Jugendschützer. Die Kinder kriegen davon nichts mit.

Die Mädchen, spezialisiert auf Taschendiebstahl, sind in der Minderheit. Die Jungs, getrimmt zu Ladendieben, stecken mitten in der Pubertät. Manche sind unter 14, andere aber auch 15, 16 oder 17. Vor der Polizei machen sich die Älteren grundsätzlich jünger: Sie wissen, dass Kinder unter 14 in Deutschland nicht bestraft werden können.

Elend sind fast alle gewöhnt. Viele haben schon in der Heimat auf der Straße vegetiert, sind aus Heimen geflohen oder stammen aus zerbrochenen Familien.

Hierher verschlagen hat sie das enorme Gefälle innerhalb Europas, die Kluft zwischen armen und reichen Ländern. In Rumänien, wo die Ceausescu-Diktatur Chaos und Not hinterlassen hat, beträgt das monatliche Durchschnittseinkommen 160 Euro. In den Elendsquartieren der Städte, aus denen die meisten Kinder stammen, ist es noch geringer.

Für ihre Auftraggeber sollen die Kinder ein Stück abschneiden vom großen Wohlstandskuchen, und sei es noch so klein. Manchmal, bei bedingungslosem Gehorsam, fällt auch für sie selbst etwas ab. Erfolgreiche Diebe kriegen bis zu 20 Euro die Woche - für rumänische Kinder eine astronomische Summe. Sie haben nichts zu verlieren - außer ihrer Kindheit und ihrer Jugend.

Cristian aus Baia Mare zum Beispiel hat den Stimmbruch noch vor sich, misst keine 1,50 Meter. Er ist Analphabet, hat nie eine Schule besucht. In einem Entwicklungsstadium, in dem viele deutsche Eltern ihre Kinder mit Kursen und notfalls Nachhilfe fürs Gymnasium fit zu machen suchen, haben Cristians Eltern, kinderreich und mittellos, das Angebot einer Diebesbande angenommen. Ihrem Sohn erzählten sie, er werde zu einer Tante nach Frankreich gebracht.

Cristian ist kein geschickter Dieb, er wird wieder und wieder geschnappt. Aus Angst, seine Hintermänner zu verraten, gibt er bei Befragungen stets die gleichen Antworten:

»Für wen hast du dieses ganze Zeug geklaut, die vielen Hautcremes, die Rasierklingen?«

»Für mich selbst.«

»Was ist mit dem Schnaps?«

»Den trinke ich.«

»Und die vielen Zigaretten?«

»Die rauch ich selbst.«

In der Jugendunterkunft im Hamburger Stadtteil Berne, in der Cristian seit ein paar Wochen wohnt, sind alle Versuche gescheitert, den Jungen vom Klauen abzubringen. Der Druck, den die erwachsenen Drahtzieher ausüben, ist viel stärker als alle Ermahnungen und Warnungen. Cristian hat die Sozialarbeiter nur irritiert gefragt: »Meinen Sie, ich soll weniger stehlen oder ganz aufhören?«

Neun rumänische Kinder und Jugendliche leben derzeit im Berner Heim. Einige sind von der Polizei aufgegriffen worden, andere haben sich selbst bei den Behörden gemeldet.

Es sind Jungs mit harten, verschlossenen Gesichtern, misstrauisch gegen jedermann. Entspannt wirken sie nur, wenn sie sich unbeobachtet glauben, wenn keine Erwachsenen in der Nähe sind.

Dann toben sie schon mal altersgemäß ausgelassen, schreien herum, drehen die Rap-Musik so laut, dass sich die Nachbarn beschweren. Dann wieder versinken sie in tiefe Niedergeschlagenheit, reden tagelang nicht. Als »bedrückt und wild« charakterisiert sie einer ihrer Betreuer.

Eine Bleibe wie das Heim mit seinen Ein- und Mehrbettzimmern, dem Fernsehraum und der Tischtennisplatte haben die rumänischen Kids zuvor nirgends kennen gelernt. Andrei etwa hat noch nie in einem richtigen Bett gelegen. Um einschlafen zu können, verkriecht er sich abends unter das Sofa im Fernsehzimmer.

Morgens, nach dem Frühstück, gehen die Jungs regelmäßig auf Tour, das Heim ist für sie nur eine Art Basislager. Eine rechtliche Handhabe, Kinder wie Edi, Cristian oder Andrei gegen ihren Willen festzuhalten, gibt es nicht. Geschlossene Unterbringung ist in Hamburg nur in Ausnahmefällen möglich: bei erheblicher Selbstgefährdung bis hin zur Suizidgefahr oder bei großer Gefahr für die Allgemeinheit. Von beidem wird bei den Klaukindern nicht ausgegangen.

Die fünf, die sich an diesem Donnerstagvormittag kurz nach zehn Uhr aufmachen, fahren zunächst kreuz und quer durch Hamburg: mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof, mit der S-Bahn nach Bergedorf, von dort aus weiter mit dem Bus. Ihr Ziel: Fußgängerzonen mit Einzelhandelsgeschäften, Drogeriemärkten, Kaufhäusern.

Bevor sie einen Laden betreten, bleiben zwei zurück, sichern ab, halten Ausschau nach etwaigen Verfolgern. Danach geht alles ganz schnell.

»Oft sind sie wieder raus, bevor wir kapiert haben, was überhaupt los ist«, klagt der Chef eines Bramfelder Supermarkts. »Wir sehen sie nur noch rennen mit ihren vollen Rucksäcken.«

Weil in den vergangenen Wochen ständig rumänische Kinder aufkreuzten, hat ihm die Firmenzentrale einen zusätzlichen Detektiv geschickt. Der hockt täglich stundenlang in einem winzigen Büro und starrt auf drei Monitore mit Bildern vom Ladeninnern, gefilmt mit versteckten Kameras. Sobald er die Kinder entdeckt, schlägt er Alarm.

Verblüfft registriert der Marktleiter immer wieder, was einzelne Kids in Sekunden zusammenraffen können: »200 Päckchen Zigaretten sind noch gar nichts«, staunt er. Die Vorgehensweise sei meist gleich: »Zwei oder drei lenken die Kassiererin und die anderen Kunden ab, der Vierte räumt das Regal leer.«

Versteckt wird das Diebesgut häufig in weiten Jogginghosen mit doppeltem Futter. »Einige sehen dann aus wie Michelin-Männchen, fast zum Lachen«, sagt der Supermarktchef. Er hat jedoch oft mitbekommen, wie verzweifelt Klaukinder auf ihre Entdeckung reagieren.

»Bitte, bitte, kein Polizei«, flehte kürzlich ein Jugendlicher, »ich nix Verbrecher, nur arm.« Ein anderer bot dem Marktleiter 100 Euro an, wenn er ihn nur laufen ließe.

Die Auftraggeber, im Sprachgebrauch der Kinder »Patrone«, reagieren auf vermeintliches Versagen häufig mit Gewalt. Wenn die Jugendlichen abends ins Heim zurückkehren, entdecken die Betreuer nicht selten Spuren schwerer Misshandlungen. Auf Fragen antworten sie jedoch nur ausweichend.

Auszupacken getraut haben sich bislang nur ein 13-jähriges und ein 14-jähriges Mädchen. Die jungen Ladendiebinnen schilderten gegenüber Beamten des Hamburger Landeskriminalamts, wie sie gequält wurden.

Die 13-Jährige: »Wenn ich nicht mindestens 70 Schachteln Zigaretten täglich besorgte, schlugen sie mir mit einem Rohrstock auf die Handinnenflächen und die Fußsohlen, kündigten an, mich in ein Bordell zu stecken.« Die 14-Jährige: »Weil mich die Polizei erwischt hatte, schlug mir einer mit der Faust in den Magen und in die Leber. Derselbe Typ drohte mir, wenn ich weglaufen würde, würde er mich überall finden, auch in Rumänien. Er würde mich dann benutzen und anschließend töten.«

Die ungewöhnliche Aussage führte auf die Spur mehrerer Patrone: Bevor die Polizei jedoch zugreifen konnte, hatten sich die Bandenmitglieder nach Rumänien abgesetzt.

Selten gelingt es, die Anstifter zu überführen. Die Männer, die oft aus der gleichen Region stammen wie ihre Opfer, halten sich stets im Hintergrund, beteiligen sich nie direkt an Diebstählen. Selbst die Übergabe erfolgt unter Beachtung strengster Vorsichtsmaßregeln: Die Kids bunkern Zigaretten, Spirituosen, Textilien zunächst in abgelegenen Hinterhöfen, in leeren Containern, hinter Mauervorsprüngen. Dort wird die Beute später von den Hintermännern abgeholt.

Die Kinder decken ihre Auftraggeber nicht nur aus Angst vor Schlägen. Manchmal gehören ältere Verwandte zu den Anführern. Brüder oder Cousins, die Gehorsam verlangen, Verpflichtungen in der Heimat anmahnen. Oder Jungs, die nie erwachsene Vorbilder hatten, versuchen, ihren Peinigern nachzueifern, einmal genau so zu werden wie sie.

Tatsächlich haben es einzelne, besonders erfolgreiche Klaukids geschafft, in der Hierarchie der Diebesbanden aufzusteigen, selbst Patrone zu werden. Es ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die einzige Karriere, die ihnen offen steht: ohne Schulabschluss, ohne Ausbildung, ohne andere Fähigkeiten als die, sich im Großstadtdschungel durchzuschlagen.

Wie schwer es ist auszusteigen, dem Kreislauf von Stehlen, Hehlen und Gewalt zu entkommen, zeigte das Beispiel von Ionut. Der 16-Jährige wirkte auf die Betreuer der Berner Jugendunterkunft wie ein alter Mann: verbittert, ausgebrannt, ohne Illusionen.

Aufgewachsen in einem der berüchtigten rumänischen Waisenhäuser und später auf der Straße, schloss er sich noch in Rumänien einer Bande an, folgte den Männern in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach Hamburg.

Dass er hier über ein Jahr lang zum Klauen geschickt wurde, fand er nicht schlimm. Aber dass ihn einer der Anführer offenbar sexuell missbraucht hat, konnte er nicht verwinden. Wenn er nur daran dachte, und das geschah oft, schnitt er sich im Heim vor Scham mit einem Messer in beide Arme, immer wieder.

Um nicht auch noch in den Knast zu kommen, sagte er sich von der Bande los, schwänzte alle Verabredungen. Hintergrund: Ein Jugendrichter hatte ihn wegen Diebstahls zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, schon bei der nächsten Straftat drohte Haft.

Prompt versuchten Bandenmitglieder, den Abtrünnigen mit Gewalt zurückzuholen. Sie lauerten ihm in der U-Bahn auf, schlugen ihm mit einer Eisenstange auf die Knie. Sie drohten, ihn umzubringen. Erst seit er nur noch in Begleitung von Betreuern die Jugendunterkunft verließ, wurde er nicht mehr verfolgt.

Ionut wollte ganz neu anfangen, begann sogar die Schule zu besuchen. Er träumte von der Chance, in Hamburg einen Beruf zu erlernen, irgendwann einmal legales Geld zu verdienen - ein kurzer Traum.

Ionut wurde kürzlich mitten in der Nacht aus der Jugendunterkunft geholt und in ein Flugzeug nach Bukarest gesetzt. Zwei Mitarbeiter des Ausländeramts begleiteten ihn zu seiner neuen Bleibe: einem Jugendheim, das mit deutschem Geld finanziert wird.

Zurück in die Heimat sollen auch die anderen Klaukinder. Sobald sichergestellt ist, dass auch sie dort in Heimen aufgenommen werden, sollen sie nach Plänen Hamburger Behörden nach Rumänien abgeschoben werden. Je schneller, desto besser.

Vermutlich werde er dort bald wieder auf der Straße leben wie früher, ahnte Ionut, der 16-Jährige mit dem verbitterten Gesicht, vor seiner unfreiwilligen Abreise. »Ein Leben ist das nicht.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 27 / 118
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.