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Menschenhandel Ich sage alles

Hunderte von Afrikanern schleust ein Ring internationaler Menschenschmuggler allmonatlich durch Italien nach Frankreich. Auch Staatsbeamte gerieten dabei in Verdacht.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Jeden Abend hält ein Wagen -- mal ein cremefarbener Opel, mal ein Fiat 2300 - mit römischem Kennzeichen vor dem Auffanglager Farfa in den Sabiner Bergen bei Rom.

Der Fahrer steigt aus und unterhält sich mit den Lagerinsassen; es sind in Italien gestrandete Afrikaner. Vier bis fünf von ihnen, manchmal bis zu sieben, lädt der Unbekannte dann jeweils in sein Auto und verschwindet.

Nach wie vor, so schloß daraus das römische Linksblatt »Paese Sera«, geht jenes schmutzige Geschäft weiter, das die Ewige Stadt jüngst in den Ruf brachte. Zentrum eines groß angelegten Negersklaven-Handels zu sein.

Hunderte von Schwarzen -- zumeist aus Mali, dem Senegal oder von der Elfenbeinküste -- werden allmonatlich durch Italien als billige Arbeitskräfte nach Frankreich geschmuggelt, das gab vor zwei Wochen Antonino Rispoli, steilvertretender Polizeichef in Rom, bekannt.

Publik geworden war der Menschenschmuggel, als der Lastwagen des Franzosen Michel Piteau am 14. Juli mit einem Hinterachsschaden auf der Route Nationale 419 bei Aix-les-Bains liegenblieb. Die Frachtpapiere, die Piteau einer Verkehrsstreife der Gendar-

* Beim Verlassen des Auffanglagers Farfa bei Rom

merie zeigte, wiesen als Ladung Nähmaschinen aus.

Doch die hatte er am Abend vorher zum größten Teil im norditalienischen Alessandria abgeladen und statt dessen 59 Schwarze aus Mali an Bord genommen. Eng zusammengepfercht, vor Hitze und Sauerstoffmangel fast erstickt, passierten sie in dem plombierten Laster unbemerkt die italienisch-französische Grenze am Montblanc-Tunnel.

Gegen ein Rollgeld von etwa 3200 Mark sollte Piteau sie nach Paris befördern. Dort wartete auf sie ein Mann mit dem Decknamen Sow Amabeau -- doch vergebens. Nach der Lkw-Panne bei Aix wurden die Mauer von den französischen Behörden nach Italien zurückgeschickt, in das Lager Farfa.

Ähnlich erging es anderen Westafrikanern, die nur wenige Tage später als Handelsware die italienisch-französische Grenze heimlich überqueren sollten:

* Am 17. Juli stellte eine Gendarmeriepatrouille bei Menton 14 Mali-Bürger.

* Am 18. Juli wurden zwei Senegalesen in den Bergen bei Gondrans gefaßt.

* Am 19. Juli holten Bahnbeamte aus einem von Turin kommenden Zug weitere 39 Malier, die sich in einem Liegewagen eingeschlossen hatten.

Sie alle hofften, als Bürger ehemaliger französischer Kolonien, in Frankreich Arbeit zu finden. Dort müssen die Schwarz-Arbeiter freilich oft mit Hungerlöhnen vorliebnehmen, auf Sozialversicherung und Kündigungsschutz ganz verzichten. Und viele von ihnen leben unter so menschenunwürdigen Bedingungen wie etwa jene 120 Afrikaner, die am Pariser Impasse Letort 3 mit je 20 bis 30 Mann in winzigen. fensterlosen Zimmern hausen. Preis pro Kopf: 75 Franc im Monat.

Etwa 55 000 Schwarzafrikaner leben bereits in Frankreich; mindestens ein Drittel kam illegal, da Gesetze die Zuwanderung aus Afrika einschränken. Die meisten schlüpften bislang in Marseille oder via Spanien über die Pyrenäen ins Land. Doch seit Anfang vergangenen Jahres die Kontrollen dort verschärft wurden, nehmen die Transporte offenbar immer häufiger den Umweg über Italien.

Die Hauptroute der Zuwanderer-Karawane führt von der Elfenbeinküste, Mali und dem Senegal durch die Sahara nach Tunis. Von dort werden die Afrikaner ins sizilianische Palermo eingeflogen und über Rom und Norditalien nach Frankreich weitergeschleust. Allein im Juni reisten über den Flughafen von Palermo 350 Afrikaner ein.

Per Taxi werden sie häufig bis nahe an die italienisch-französische Grenze gebracht und dort einheimischen Führern anvertraut. Die meisten haben ein ordnungsgemäßes Touristenvisum für Italien im Paß, ausgestellt vom italienischen Konsulat in Tunis.

Ein internationaler Ring, so vermutet die Polizei in Rom, lenkt den Menschenschmuggel. Ihre ersten drei Löhne müssen die schwarzen Arbeiter in der Regel für Transport und Vermittlung an diesen Ring zahlen. Bis zu 550 Mark pro Neger kassierte, so behauptete die italienische »Stampa, der aus Sardinien stammende Aldo Pusceddu, 24 (Deckname: Carlo Bruxelles). der als einer der Organisatoren der Transporte gilt.

Von Nachbarn aufmerksam gemacht. hatte die Polizei schon im Juni bei zwei Razzien 68 Schwarze im Keller der Pusceddu-Wohnung im römischen Viertel Montesacro gefunden. Sie verhaftete den Sarden. der bereits wegen Betrugs, Scheckbetrugs, schweren Diebstahls und Mißhandlung von Familienangehörigen vorbestraft ist. Doch der Ermittlungsrichter setzte ihn nach drei Tagen wieder auf freien Fuß.

Jetzt, als die Polizei nach der Entdeckung der 59 Malier im Lastwagen Pusceddu erneut verhaften wollte, fand sie in seiner Wohnung auch Paßphotos für falsche Dokumente und eine lange Namensliste von Afrikanern. Pusceddu aber fand sie nicht.

Der meldete sich unterdessen aus einem Versteck mit einem Interview, in dem er behauptete, mit dem Menschenschmuggel nichts zu tun zu haben: »Wenn man mich beschuldigen will, ein Sklavenhändler zu sein, dann sage ich alles: zum Beispiel, daß die 59 Afrikaner mir vom Direktor des Auffanglagers Farfa und von Oberfeldwebel Borriello, seiner rechten Hand, anvertraut· wurden. Und dann rede ich auch von anderen Beamten des Innenministeriums, die mir geholfen haben.«

Zwei Abgeordnete der Kommunistischen Partei fragten daraufhin im Parlament, was die Regierung tun wolle. um das »riesige Komplicen-Netz« aufzudecken.

Tatsächlich enthob das Innenministerium am vergangenen Dienstag den Lagerdirektor Dr. Panaitios Valdambrini seines Amtes. Der ebenfalls beschuldigte Oberfeldwebel Borriello starb vor Aufregung am Herzinfarkt.

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