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»Ich schulde Ihnen die Bombe«

Weil Israel seinen Verbündeten nicht trauen mochte, sollten eigene Atomwaffen das Überleben des jüdischen Staates garantieren. Um sie zu erhalten, war Politikern und Militärs jedes Mittel recht. In einem neuen Buch enthüllt der amerikanische Journalist Seymour Hersh die dunkle Geschichte der israelischen Superwaffe.
aus DER SPIEGEL 43/1991

Die acht Scud-Raketen, die 25 Stunden nach Beginn des Golfkriegs in Tel Aviv und bei Haifa einschlugen, sorgten für Panik beim Oberkommando der US-Streitkräfte im saudiarabischen Riad. Die Angriffsplaner hatten gehofft, die Abschußrampen im Westen des Irak seien schon bei den ersten Bombenflügen ausgeschaltet worden.

Alle Aufklärungsanstrengungen der Amerikaner richteten sich jetzt darauf, herauszufinden, wie viele Raketen der irakische Diktator noch abschießen könnte. Kameras in Flugzeugen und Satelliten wurden fündig: Sie entdeckten eine deutlich höhere Anzahl mobiler Abschußrampen, als Amerikas Geheimdienste vor Ausbruch des Krieges gemeldet hatten.

Doch die Bilder aus der Konfliktregion belegten auch, daß Gefahr nicht nur vom Kriegsgegner drohte. Ein Satellit, der in 96 Minuten die Erde umkreiste, hatte Daten gesendet, deren Auswertung US-Analytiker davon überzeugte, daß Israel sein nukleares Potential aktiviert hatte.

Mobile Abschußrampen waren in Stellung gebracht, die Sprengköpfe geschärft worden. Feuerbereit zielten die Raketen auf irakische Städte. US-Präsident George Bush mußte damit rechnen, daß von einem bestimmten Eskalationspunkt an Israel einen irakischen Angriff nuklear vergelten würde.

Wo dieser Punkt lag, wußte niemand. Für den Rest des Krieges unternahmen die Amerikaner alle erdenklichen diplomatischen Anstrengungen, um die Israelis zum Stillhalten zu bewegen und eine völlig unkontrollierbare Ausweitung des Krieges zu verhindern. Die Zerstörung der Scud-Batterien genoß fortan allerhöchste Priorität.

Sicher war dagegen, daß der wichtigste Nahost-Verbündete der Amerikaner die Entscheidung über den Einsatz seiner Atomwaffen in völliger Souveränität treffen würde. Das zumindest hatte die Geschichte der nuklearen Aufrüstung Israels gezeigt.

Der jüdische Staat hatte entschieden, daß es nie wieder einen Holocaust geben dürfe, und die Garantie für Israels Überleben war die Atomwaffe. Niemand, das war der amerikanischen Regierung während des Golfkriegs schmerzhaft bewußt, würde Ministerpräsident Jizchak Schamir davon abbringen können, genau die Entscheidung zu fällen, die er zum Schutz seines Landes für notwendig erachtete.

Den geheimen Weg Israels zur bislang einzigen Atommacht des Nahen Ostens dokumentiert ein neues Buch des amerikanischen Journalisten und Pulitzer-Preisträgers Seymour Hersh, das in dieser Woche in Amerika und Europa erscheint*. Hersh, 54, der während des Vietnamkriegs für die New York Times das My-Lai-Massaker aufdeckte, hat seither eine Reihe von Büchern geschrieben, die unter anderem die amerikanische Mitschuld beim Abschuß des koreanischen Jumbos durch sowjetische Streitkräfte aufdeckten (SPIEGEL 41/1986).

Erfolgreich konnte der hartnäckige Autor viele Politiker aus den Administrationen fast aller amerikanischen Nachkriegspräsidenten dazu bewegen, ihr Wissen um die israelische Bombe preiszugeben. Neben bislang unveröffentlichten Dokumenten amerikanischer Geheimdienste nutzte er vor allem die Aussagen israelischer Zeugen, die er, um nicht in Konflikt mit militärischen Zensurbehörden zu geraten, außerhalb des Landes befragte.

Denn stets war Israel darauf bedacht, die Geheimnisse des ehrgeizigen Atomprogramms nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Als der Techniker Mordechai Vanunu 1986 der Londoner Sunday Times Details der Bombenherstellung verriet, wurde er wenig später in Rom gekidnappt und nach Israel entführt. Er verbüßt dort eine Haftstrafe.

Wenn es nötig schien, griffen Israels Politiker und Militärs zu Täuschung und Betrug, um so lange wie möglich den wahren Charakter ihres Atomprojekts in der Negev-Wüste zu verschleiern. Später, als das israelische Nuklearpotential bereits gefährlich ausdifferenziert war - die Waffenpalette reicht heute von der taktischen Atomgranate bis zur Neutronenbombe -, bespitzelte Israel sogar seine Verbündeten, um an Informationen zu gelangen, die Amerika wohlweislich zurückhielt.

Jonathan Jay Pollard, Jerusalems Maulwurf in Washington, lieferte Aufklärungsmaterial, nach dem die Militärs mögliche Ziele für ihre Bomben festlegten. Israels expansive Sicherheitsdoktrin umschloß allerdings nicht nur feindliche Nachbarstaaten. Die Notfallplanung reichte von Zentralafrika im Süden bis zur Sowjetunion im Norden. Sogar Moskau, behauptet Hersh, geriet ins Visier der Zielplaner.

Das Hersh-Buch weist aber auch nach, daß die Vereinigten Staaten niemals ernsthaft versucht haben, Israel an der Entwicklung von Atomwaffen zu hindern. Trotz ausführlicher Geheimdienstberichte und brisanter Informationen hielten die meisten US-Präsidenten ihre Augen fest geschlossen gegenüber der atomaren Gefahr in einer der gefährlichsten Regionen der Erde.

Der Vater der israelischen Atombombe war David Ben-Gurion, von 1948 bis _(* Seymour M. Hersh: »Atommacht Israel«. ) _(Droemer Knaur, München; 384 Seiten; ) _(39,80 Mark. ) 1963 mit wenigen Unterbrechungen entweder Premier oder Verteidigungsminister. Ständig wurde er von Zweifeln an der Überlebensfähigkeit des Staates geplagt, den er geschaffen hatte. Eine »autonome Rüstungspolitik« sollte ersetzen, was er politisch nicht erreichen konnte - eine atomare Schutzgarantie durch die Amerikaner.

Bei dem Projekt, die eigene Atommacht aufzubauen und zu finanzieren, hatte Ben-Gurion wichtige Helfer: den Chemiker Ernst Bergmann, Sohn eines deutschen Rabbiners, sowie zwei junge, ehrgeizige Politiker der Arbeiterpartei Mapai: Schimon Peres und - etwas später - Mosche Dajan.

Bergmann forcierte die israelische Zusammenarbeit mit Frankreich, das beim Aufbau einer eigenen Atomstreitmacht gleichfalls von den Amerikanern nicht unterstützt wurde. Washington fürchtete, die französische Atomenergiekommission sei von sowjetischen Agenten unterwandert. Erst der Suezkonflikt von 1956 brachte Israels Atombombenprogramm endgültig auf den Weg.

Zusammen mit Großbritannien und Frankreich hatte Israel einen Angriff gegen die von den Sowjets unterstützte ägyptische Armee auf der Sinai-Halbinsel geplant. Sowjetischer und amerikanischer Druck zwangen dann England und Frankreich, das Feuer einzustellen. Israel, so empfand die Regierung in Jerusalem, war von den Verbündeten im Stich gelassen worden.

Ben-Gurion hatte nicht damit gerechnet, daß US-Präsident Dwight D. Eisenhower wenige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen in den USA es wagen würde, gegen israelische Interessen aufzutreten. Noch Jahre später berichtete Nuklearplaner Schimon Peres voller Wut über den amerikanischen Präsidenten: »Ein Mann mit gesunden Zähnen, schönen Augen und einem warmen Lächeln, der nicht im mindesten wußte, wovon er eigentlich sprach. Und das, was er wußte, konnte er nicht richtig ausdrücken. Er konnte keine zwei zusammenhängenden Sätze sagen.«

Ben-Gurion schickte Peres und Golda MeIr zu Geheimverhandlungen nach Paris. Dort hatte die Regierung unter dem Sozialisten Guy Mollet lange gezögert, die Verabredungen mit der gleichfalls sozialistischen Regierung in Jerusalem zu brechen. Gegen Israels Versprechen, der Stationierung von Uno-Truppen auf der Sinai-Halbinsel zuzustimmen, sicherte Frankreich den Bau eines Reaktors und einer Wiederaufarbeitungsanlage zu. Hersh zitiert Mollet bei den Verhandlungen mit den Worten »Ich schulde Ihnen die Bombe, ich schulde Ihnen die Bombe.«

Das israelisch-französische Geheimnis wurde von Amerikas Himmelsspionen schnell entdeckt: Bildauswerter der CIA identifizierten ein großes abgezäuntes Stück Wüste etwa 20 Kilometer von dem kleinen Städtchen Dimona entfernt, auf dem Anfang 1958 Grabungen begannen und starke Fundamente aus Beton gegossen wurden.

Dino Brugioni, der für die CIA die Luftaufnahmen aus dem Spionageflugzeug U-2 auswertete, lieferte die richtige Interpretation: »Wir erkannten es sofort. Was zum Teufel hätte diese Riesenanlage aus Stahlbeton sonst mitten in der Wüste zu suchen?«

Ende 1958 oder Anfang 1959 unterrichtete CIA-Chefaufklärer Arthur Lundahl das Weiße Haus offiziell über den Bau der israelischen Atomanlage. Doch Eisenhower nahm die Meldung ohne Kommentar zur Kenntnis. Nichts geschah.

Ein Schema zeichnete sich ab, das noch Jahrzehnte halten sollte: Über Israels Absicht, die Atombombe zu bauen, waren US-Geheimdienste, Politiker, Diplomaten und Wissenschaftler stets informiert. Niemand faßte indes die Informationen zusammen, ein Großteil verschwand unbeachtet in verschiedenen Behörden.

Fast schien es, als wollten Amerikas Präsidenten gar nichts Genaues über den Stand der israelischen Entwicklungsarbeiten wissen. Chefauswerter Brugioni heute: »Tatsache ist, daß ich nie herausgekriegt hatte, ob das Weiße Haus nun wollte, daß Israel die Bombe hat oder nicht.«

Amerikanische Militärattaches in Israel sollten später herausfinden, ob die Atomanlage den Betrieb bereits aufgenommen hatte und sich Spuren von Kernspaltprodukten etwa an Gräsern feststellen ließen. Brugioni erinnert sich: »Ein Typ ging zu einer Stelle und tat so, als ob er scheißen wollte. Während er so tat, als wische er sich den Hintern, riß er ein paar Grashalme aus und steckte sie in die Hosentasche.«

Noch zehn Jahre sollte das Katzund-Maus-Spiel dauern, bis die Amerikaner die Existenz einer funktionierenden Wiederaufarbeitungsanlage nachweisen konnten. Brugioni: »Wir wußten, daß sie uns täuschen wollten, und sie wußten, daß wir das wußten.«

Am 21. Dezember 1960, wenige Tage nachdem europäische und amerikanische Medien über Israels Atomprojekt spekuliert hatten, gab Ben-Gurion vor der Knesset bekannt, der Dimona-Reaktor sei Teil eines friedlichen Programms zur Entwicklung der Negev-Wüste. Auf dem Gelände befinde sich außerdem »ein wissenschaftliches Institut zur Erforschung von Trockengebieten«. Nach der Fertigstellung werde die gesamte Anlage Studenten aus allen Ländern offenstehen.

Wider besseres Wissen gab sich die Eisenhower-Regierung mit der schwachen Erklärung zufrieden. Der konservative Senator Bourke Hickenlooper protestierte schon damals gegen die lasche Haltung der Regierung: »Ich glaube, die Israelis haben uns in dieser Sache angelogen wie die Pferdediebe.«

Das hätte mit größerem Recht Eisenhower-Nachfolger John F. Kennedy behaupten können, der die Nichtweitergabe von Atomwaffen für eine der dringlichsten Aufgaben seiner Politik hielt. Aber Kennedy hatte auch ein Problem: Von seinem Vater waren antisemitische Aussprüche bekannt, und als Präsidentschaftsbewerber konnte er auf jüdische Wählerstimmen nicht verzichten.

Der Mann, der für Kennedy das prekäre Verhältnis zu den Juden besserte, aber auch immer wieder zugunsten Israels intervenierte, hieß Abraham Feinberg, einer der wichtigsten Geldbeschaffer für die Demokratische Partei. In seinem Appartement im vornehmen New Yorker Hotel Pierre empfing Feinberg gemeinsam mit den einflußreichsten jüdischen Lobbyisten den Kandidaten Kennedy. Nach einer Diskussion in gespannter Atmosphäre konnte Feinberg 500 000 Dollar für den Wahlkampf des Demokraten sammeln. Weitere Spenden sollten später folgen.

Der mit Kennedy befreundete Journalist Charles Bartlett war am nächsten Morgen Zeuge, wie sehr sich Kennedy über das Treffen geärgert hatte: »Als amerikanischer Bürger war er empört darüber, daß einige Zionisten zu ihm gekommen waren und gesagt hatten: ,Wir wissen, daß Sie Schwierigkeiten mit Ihrem Wahlkampf haben. Wir sind bereit, Ihre Rechnungen zu bezahlen, wenn Sie uns die Kontrolle über Ihre Nahostpolitik überlassen.''«

Als Präsident begann Kennedy einen Briefwechsel mit Ben-Gurion, in dem das Thema Dimona schließlich zu gegenseitigem Mißtrauen und beinahe offener Verachtung führte. Der israelische Premier sprach den amerikanischen Präsidenten nur noch mit »junger Mann« an, und dessen Antworten fielen auch nicht höflicher aus. Ein Ben-Gurion-Mitarbeiter erinnert sich: »Kennedy schrieb wie ein ungehobelter Flegel.«

Der US-Präsident wollte Inspektionen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Dimona erreichen. »Um sie von einer Forderung nach einer umfassenden Inspektion abzubringen, mußte ich den härtesten Kampf meiner Karriere durchstehen«, erinnert sich Feinberg. »Nicht einmal, gut ein dutzendmal intervenierte ich energisch.«

Offenbar mit Erfolg. Paul Nitze, damals leitender Mitarbeiter von Verteidigungsminister Robert McNamara, berichtet, daß die Israelis moderne Flugzeuge kaufen wollten: _____« Ich lehnte ab, solange sie in Sachen Dimona nicht mit » _____« der Wahrheit herausrückten. Dann stürmte plötzlich dieser » _____« Feinberg in mein Büro und fuhr mich an: »Das können Sie » _____« uns nicht antun.« Ich antwortete: »Ich habe es schon » _____« getan.« Darauf Feinberg: »Ich werde dafür sorgen, daß Sie » _____« überstimmt werden.« Ich erinnere mich, daß ich ihn » _____« hinausgeworfen habe. Drei Tage später erhielt ich einen » _____« Anruf von McNamara. Er sagte, er müsse mich auf Anweisung » _____« von oben auffordern, meinen Standpunkt zu ändern. Was ich » _____« dann auch tat. »

Doch dem ständigen Druck des Präsidenten mußten Ben-Gurion und Feinberg schließlich nachgeben und einen Kompromiß aushandeln. Die USA erhielten die Erlaubnis, die Atomanlage in Dimona einmal pro Jahr zu inspizieren - allerdings nicht, wie Kennedy wünschte, durch Inspektorenteams der IAEA. Doch die Besuche gerieten zur Farce.

Die Israelis hatten nicht die Absicht, den US-Inspekteuren etwas anderes als Potemkinsche Dörfer vorzuführen. Nach Ansicht Feinbergs ließ Kennedys Unnachgiebigkeit den Israelis keine andere Wahl: »Es gehörte zu meiner Aufgabe, ihnen einen Wink zu geben, daß Kennedy auf einer Inspektion bestand. Also haben sie ihn hinters Licht geführt.«

Und wie: Die Israelis erbauten in Dimona einen falschen Kontrollraum und statteten ihn mit computergesteuerten Meßgeräten aus, die vortäuschen sollten, daß der 1962 ans Netz gegangene Reaktor nur mit einer Wärmeleistung von 24 Megawatt operieren konnte, während er in Wahrheit die dreifache Leistung brachte.

Die Eingänge, die zur unterirdischen Wiederaufarbeitungsanlage führten, wurden nach der Anmeldung einer Inspektion zugemauert, die Wände frisch getüncht, verräterische äußere Zeichen mit Rasenplatten und Buschwerk abgedeckt. Zudem verstand kein US-Inspektor Hebräisch.

Als Dolmetscher fungierte ein israelischer Regierungsbeamter, der heute zugibt, zu einer Gruppe gehört zu haben, »die mit der Tarnung beauftragt war«. Wenn einer der Dimona-Ingenieure zuviel redete, wies er ihn in scheinbarem Plauderton auf hebräisch zurecht: »Hör zu, du Arschloch, die Frage beantwortest du nicht.«

Im Bereich der Waffentechnik arbeiteten die Israelis weiterhin eng mit den Franzosen zusammen. Israelische Ingenieure hatten Zugang zum französischen Atomtestgelände in der Sahara, wo die Franzosen an miniaturisierten Sprengköpfen arbeiteten.

100 Millionen Dollar zahlten die Israelis 1963 den französischen Marcel-Dassault-Werken für den gemeinsamen Bau von Mittelstreckenraketen. Sie wurden unter dem Namen Jericho-I bekannt und konnten einen Sprengkopf in ein 500 Kilometer weit entferntes Ziel tragen. Weil das Steuersystem vergleichsweise unzuverlässig und ungenau arbeitete, kamen CIA-Analytiker zu dem Schluß, daß nur ein nuklearer Gefechtskopf für Jericho-I in Frage käme.

Nach dem Rücktritt Ben-Gurions 1963 kam Levi Eschkol an die Macht - innenpolitisch ein erbitterter Gegner des legendären alten Mannes. Eschkol war nicht bereit, für das Nuklearwaffenprogramm die erforderlichen riesigen Geldbeträge aufzubringen.

In Washington übernahm dagegen nach den Schüssen von Dallas Lyndon B. Johnson die Regierung, der israelfreundlichste aller US-Präsidenten. Obwohl auch er sich anfangs gegen die Gefahr einer Weiterverbreitung der Nuklearwaffen durch Israel stemmte, zeigte er größeres Verständnis für die Sicherheitsinteressen des Landes.

Nach der Fertigstellung der Wiederaufarbeitungsanlage 1965 war für Israel der Zeitpunkt gekommen, eine Entscheidung über die Produktion von Atomwaffen herbeizuführen. Die Kernwaffenbefürworter sahen in Atomwaffen vor allem die »Samson-Option«.

Ein eigenes Nuklearpotential galt ihnen - ähnlich wie in Frankreich die Force de frappe - als ultimative Abschreckungswaffe. Selbst wenn das Land von Gegnern überrannt werden sollte, konnte Israel - wie der biblische Held Samson - noch im Tode seine Feinde gleichfalls vernichten. Die Bombenfraktion drängte auf raschen Produktionsbeginn.

Levi Eschkol wollte die atomare Option zwar nicht aufgeben, glaubte aber, die Entscheidung hinauszögern zu können. Er berief sich dabei auf eine Geheimstudie, nach der die Araber frühestens 1990 in der Lage wären, eigene Atomwaffen zu erwerben. Vor allem verfügte Israel weder über Langstreckenbomber noch Raketen, mit denen eine israelische Atombombe jenen Gegner treffen könnte, der die arabischen Nachbarn mit riesigen Materialmengen aufrüstete. Hersh: »Die Sowjetunion war immer das primäre Ziel israelischer Atomwaffen.«

Eschkol konnte sich zunächst durchsetzen. Er verzichtete auf den Bau relativ einfacher Atombomben nach dem US-Muster von Hiroschima und Nagasaki, ließ aber die Forschung für komplexere Bombenformen, darunter auch die Wasserstoffbombe, weiterlaufen. Er teilte Washington mit, Israel werde die Entscheidung über ein nukleares Arsenal aufschieben, wenn sich die USA bereit erklärten, erstmals Offensivwaffen an den jüdischen Staat zu liefern.

Präsident Johnson ließ sich auf den Handel ein. So konnten die Amerikaner nach außen hin uneingeschränkt am Ziel der Nichtweitergabe von Atomwaffen festhalten.

Der Sechs-Tage-Krieg von 1967 wurde zum entscheidenden Auslöser für den Serienbau israelischer Atomwaffen. Der überwältigende Sieg der israelischen Armee hatte die Probleme Israels nicht gelöst, sondern das Land in die Isolation getrieben. Der Ostblock brach die diplomatischen Beziehungen ab, Frankreich stoppte die Waffenverkäufe. Staatspräsident Charles de Gaulle verhinderte auch die Auslieferung von 50 bereits gekauften Jagdbombern vom Typ Mirage III.

Ende 1967 erhielten die Israelis aus den USA - vermutlich aufgrund von Spionage - die Nachricht, daß vier wichtige israelische Städte, Tel Aviv, Beerscheba, Haifa und Aschdod, von der Sowjetunion auf die Liste der nuklearen Ziele gesetzt worden seien.

Den Israelis erschien ebenfalls zweifelhaft, ob sie sich jederzeit auf amerikanische Hilfe verlassen konnten. Bei einem Vortrag vor jüdischen Militärs im Februar 1968 versicherte Henry Kissinger, daß die USA im Ernstfall »keinen Finger für Israel rühren« würden.

Er faßte - durchaus realistisch - die prekäre Lage des Landes in drei Prinzipien zusammen: »Das wichtigste Ziel jedes amerikanischen Präsidenten ist die Verhinderung des dritten Weltkriegs. Zweitens, kein amerikanischer Präsident würde wegen israelischer Besetzungen den dritten Weltkrieg riskieren. Drittens: Die Russen wissen das.«

Nun entschloß sich Verteidigungsminister Dajan zum Handeln. Im Dezember 1967 lud er Jigal Allon, den Kriegshelden von 1948, ein, die Arbeiten an Israels erster Abschußrampe für Atomraketen zu besichtigen. In den Bergen westlich von Jerusalem, in der Nähe eines abgelegenen Orts namens Hirbat Zachariah, war damals mindestens ein Raketensilo fertiggestellt worden.

Allon, der 1948 seine Truppen lediglich mit Maschinengewehren ausrüsten konnte, zeigte sich beeindruckt: »Wir sind ein Volk, das von den Toten auferstanden ist. Innerhalb einer Generation sind wir zu Kriegern geworden - zu den Spartanern unserer Zeit.«

Auch andere Kabinettskollegen kamen in den Genuß privater Inspektionen mit dem Verteidigungsminister. Pinchas Sapir, verantwortlich für die Staatsfinanzen, sagte nach einer Besichtigung der Abschußanlagen: »Es wird nie wieder ein Auschwitz geben.«

Anfang 1968 erhielt - wohl dank der Seelenmassagen Dajans - die Atomfabrik von Dimona den Auftrag, die Plutoniumherstellung mit voller Kraft zu beginnen. Viele Israelis, die darüber Bescheid wissen, halten noch heute den Produktionsbefehl für eine einsame Entscheidung Dajans.

Im Januar 1968 machte Eschkol einen Staatsbesuch in Washington. Die israelische Regierung wollte einige US-Kampfflugzeuge vom Typ Phantom F-4 kaufen. In Reichweite und technischer Ausstattung waren sie den MiG-21-Bombern überlegen, die Moskau Ägypten zur Verfügung gestellt hatte.

Aber Johnson erhoffte sich noch immer Israels Unterschrift unter den Atomwaffensperrvertrag, den er als großen Erfolg seiner Amtszeit ansah - selbst wenn eine solche Unterschrift mittlerweile zur bedeutungslosen Geste verkommen war. Johnsons engste Berater waren sich zu diesem Zeitpunkt bereits sicher, daß Israel den Bombenbau anstrebte. Sicherheitsberater Walt Rostow: »Alle Welt wußte das.«

Der Besuch auf Johnsons Ranch in Texas verlief schlecht für Eschkol und seine Mitarbeiter, darunter der israelische Diplomat Ephraim Evron, genannt Effy. Präsidentenberater Harry McPherson erinnert sich: _____« Johnson bearbeitete sie wegen des Sperrvertrages. » _____« Schließlich stand er auf und sagte: »Gehen wir alle mal » _____« pissen.« Also gingen wir alle in eine riesige Toilette » _____« zum Pissen. Auf dem Rückweg fiel Johnson auf, was für ein » _____« niedergeschlagenes Gesicht Effy machte. »Was ist los, » _____« Effy?« Effy sagte: »Wir werden unsere F-4 nicht kriegen.« » _____« »Ach, verdammt, Effy«, sagte Johnson, »ihr kriegt eure » _____« F-4. Aber dafür will ich was von Eschkol.« »

Johnson bekam nicht, was er wollte. Wenige Wochen nach dem Gipfeltreffen teilte die CIA dem Präsidenten erstmals offiziell mit, Israel habe die ersten Atomsprengköpfe hergestellt. Johnson war außer sich vor Wut, befahl aber CIA-Direktor Helms, die Nachricht verschwinden zu lassen: »Niemand sonst darf davon erfahren, nicht einmal (Außenminister) Dean Rusk.«

Johnson hatte bereits resigniert, sein neuer Verteidigungsminister Clark Clifford aber noch nicht. Er bestand weiterhin auf Israels Unterschrift unter den Atomwaffensperrvertrag. Noch einmal mußte Abraham Feinberg das Problem lösen. Der Lobbyist, dem auch Johnson zu großem Dank verpflichtet war, entlockte dem Präsidenten das Versprechen, das Junktim zwischen den Phantom und der Vertragsunterschrift aufzuheben.

Clifford mochte sich mit der Entscheidung nicht abfinden und rief noch einmal Johnson an. Der Präsident: »Verkaufen Sie ihnen alles, was sie wollen.« Clifford: »Mr. President, ich möchte nicht in einer Welt leben, in der die Israelis Atomwaffen haben.« »Ich will davon nichts mehr hören«, sagte Johnson und legte auf.

Mit den F-4-Bombern erhielt Israel erstmals ein Flugzeug, das, umgerüstet, in der Luft wiederaufgetankt, Atombomben bis zu Zielen in der südlichen Sowjetunion tragen konnte.

Mit dem Amtsantritt des Präsidenten Richard Nixon änderte sich die US-Politik in bezug auf die Weiterverbreitung von Atomwaffen grundlegend. In einem seiner ersten Entscheidungsmemoranden zu Fragen der Nationalen Sicherheit gab er die Devise aus, die US-Regierung werde »keine Maßnahmen ergreifen, andere Nationen, insbesondere die Bundesrepublik Deutschland, (zur Ratifizierung des Sperrvertrags) zu drängen«.

Nixons Sicherheitsberater Henry Kissinger galt sogar als ausgesprochener Befürworter der israelischen Bombe. Morton Halperin, damals einer der engsten Mitarbeiter im Nationalen Sicherheitsrat, berichtet: »Henry dachte, es sei gut, Atomwaffen in der ganzen Welt zu verbreiten. Ich hörte ihn sagen, an Israels Stelle würde er sich Atomwaffen besorgen.«

Nixon beendete auch die Inspektionsfarce, die noch immer in Dimona ablief. Charles Van Doren, der in der Abteilung Rüstungskontrolle und Abrüstung arbeitete, faßte die neue amerikanische Haltung zu Israels Atomwaffen so zusammen: »Wir haben Israel gegenüber einfach ein Auge zugedrückt«.

Im Jahre 1973 war das israelische Atomwaffenarsenal auf etwa 20 Sprengköpfe angewachsen. Die Streitkräfte verfügten über mindestens drei Raketenabschußrampen bei Hirbat Zachariah. Israelische Waffentechniker hatten auch mobile Abschußrampen für die atomar bestückbare Jericho-I-Rakete entwickelt.

In unterirdischen Schutzräumen auf dem Luftwaffenstützpunkt von Tel Nof bei Rehowot stand eine F-4-Staffel bereit, die ebenfalls mit Atombomben ausgerüstet war. Ihre speziell ausgebildeten Piloten gehörten zur Elite der israelischen Luftwaffe.

In den Entwicklungslabors von Dimona erzielten israelische Techniker große Erfolge im Bereich der Verkleinerung von Kernwaffen, was nun auch die Herstellung taktischer Gefechtsfeldsprengsätze ermöglichte. Anfang der siebziger Jahre lieferten die USA weitreichende 175- und 203-Millimeter-Kanonen, die die nukleare Leistungsfähigkeit der Armee ebenfalls erweitern konnten.

In Israel breitete sich ein trügerisches Gefühl der Sicherheit aus. Gegenüber US-Besuchern verspottete Verteidigungsminister Dajan die arabischen Armeen als »langsam sinkende Schiffe«. Der Gesandte der US-Botschaft in Tel Aviv kabelte seinen Eindruck von Dajan nach Hause: »Er war sehr arrogant.«

Am 6. Oktober 1973 - es war Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag - griffen die Araber an: Ägypten im Sinai, Syrien am Golan. Die Israelis mußten verheerende Verluste hinnehmen. 500 Panzer und 49 Flugzeuge, darunter auch ein Teil der neuen Phantom, wurden in den ersten drei Tagen zerstört. Syrische Panzer drangen bis an die Nordgrenze Israels vor.

Mosche Dajan geriet in Panik: »Dies ist das Ende des Dritten Tempels«, erklärte er öffentlich. Gegenüber Journalisten gestand er ein: »Die Situation ist verzweifelt, alles ist verloren. Wir müssen uns zurückziehen.«

Doch ein Rückzugsbefehl wurde nie gegeben. Statt dessen fiel am 8. Oktober bei einer Sitzung von Golda MeIrs Küchenkabinett eine historische Entscheidung: Israel machte seine Atomwaffen - inzwischen »Tempelwaffen« genannt - mobil. Ein Beamter aus Golda MeIrs Büro erklärte den Beschluß: »Ein paar Tage schien das Ende der Welt nahe. Für jene unter uns, die den Holocaust mitgemacht hatten, war eines klar - das würde nie wieder geschehen.«

Und Israel sorgte dafür, daß die beiden Hauptadressaten dieser nuklearen Mobilmachung schnell davon erfuhren. Die Sowjetunion sollte ihre Verbündeten Ägypten und Syrien drängen, Israels Kernland nicht anzugreifen, wenn sie das Risiko eines atomaren Gegenschlags vermeiden wollten.

Dann ließ der israelische Botschafter in Washington Henry Kissinger wecken und berichtete über das israelische Vorgehen. Zum erstenmal, so Hersh, sahen sich die USA einer »nuklearen Erpressung« ausgesetzt.

Alle Bitten um Waffennachschub hatte die US-Regierung in den ersten beiden Kriegstagen ausweichend beantwortet. Nixon und Kissinger wollten das Selbstvertrauen der Araber stärken und das der Israelis erschüttern, um so die angemessene Motivation für spätere Friedensverhandlungen zu schaffen. Ganz offen legte Kissinger gegenüber Verteidigungsminister James Schlesinger dar, Israel solle zwar »schließlich die Nase vorn haben, aber dafür bluten müssen«.

Am Dienstag, dem 9. Oktober, änderte sich diese Haltung plötzlich. Laut Hersh hatte Botschafter Simcha Dinitz Kissinger gedroht, Israel werde seine Atomwaffen einsetzen, wenn die USA die dringend benötigten Waffenlieferungen nicht aufnähmen.

Kissinger hat diese Erpressung nie öffentlich eingestanden. Aber Hersh führt mehrere Zeugen dafür an, daß der Sicherheitsberater später genau dieses zugegeben habe - beispielsweise gegenüber dem US-Botschafter in Ägypten, Hermann Eilts, einem seiner Proteges. Eilts berichtet über ein Treffen im Jahre 1976: »Ganz nebenbei ließ Henry die Bemerkung fallen . . . die Israelis . . . hätten Andeutungen gemacht, daß sie Atomwaffen einsetzen könnten, wenn sie nicht schnell militärischen Nachschub bekämen.«

Am 14. Oktober konnte die nukleare Mobilmachung aufgehoben werden. Kurz nach dem Krieg begann Kissinger seine Pendeldiplomatie zwischen den arabischen Hauptstädten und Jerusalem. Hersh legt nahe, daß Kissinger die Demütigung nie verziehen hat.

Während der Verhandlungen kam es zu heftigen Wortwechseln mit Golda MeIr, bei denen Kissinger einmal aufbrauste: »Erstens bin ich Amerikaner; zweitens bin ich Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika; und drittens bin ich Jude.« MeIr entgegnete kühl: »Macht nichts, mein Sohn, hier lesen wir von rechts nach links.«

Mit dem überraschenden Wahlsieg des Likud-Blocks unter Menachem Begin im Mai 1977 begann die Expansion der israelischen Nuklearstrategie. Jetzt trat eine Regierung an, die anders als ihre sozialistischen Vorgängerinnen keine Scheu mehr hatte, die politische Landkarte des Nahen Ostens zu verändern.

Schon bald nach seinem Amtsantritt ließ sich Begin vom abgewählten Premier Jizchak Rabin in die israelischen Atomgeheimnisse einweihen. Ausdrücklich, so zitiert Hersh einen Gewährsmann, billigte Begin die atomaren Ziele in der Sowjetunion und empfahl sogar, die Zahl der möglichen Zielgebiete auszuweiten.

Begin hieß auch den neuen Kooperationspartner gut, den Israel inzwischen für sein Atomprogramm gewonnen hatte: Südafrika. Die Zusammenarbeit mit dem Apartheidstaat hatte schon nach dem Sechs-Tage-Krieg begonnen.

1968 reiste Ernst Bergmann, der Vordenker des israelischen Nuklearprogramms, nach Südafrika und sprach dort über gemeinsame Probleme beider Staaten: »Wir haben beide keine Nachbarn, mit denen wir sprechen können, auch nicht in der nächsten Zukunft. Da wir uns in dieser isolierten Situation befinden, ist es vielleicht das Beste, miteinander zu reden.«

Das taten die Bergmann-Freunde Dajan und Peres. 1974 unternahm Verteidigungsminister Dajan eine Reise nach Pretoria, wo er einen gemeinsamen Atomtest mit den Südafrikanern verabredete. Sein Nachfolger Peres formalisierte die Zusammenarbeit. »Sechs oder sieben« Geheimabkommen über die nukleare Kooperation, zitiert Hersh israelische Zeugen, seien damals geschlossen worden.

Im August 1977 übermittelte der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew den Amerikanern die Warnung, Südafrika bereite einen Nukleartest vor. US-Präsident Jimmy Carter ließ einen Spionagesatelliten über die Kalahari-Wüste lenken, und Bildauswerter erkannten sofort die klassischen Vorbereitungsmerkmale eines solchen Tests.

Carter und Breschnew führten eine internationale Kampagne an, die auf Südafrika Druck ausüben sollte; der US-Präsident drohte gar mit dem Abbruch der Beziehungen, bis die südafrikanische Regierung einlenkte und versprach, keine Tests durchzuführen.

Carter feierte den Erfolg als diplomatischen Sieg, verschwieg aber, daß seine eigenen Geheimdienste längst über israelische Ingenieure berichtet hatten, die »an bestimmten südafrikanischen Kernforschungsaktivitäten der letzten Jahre teilnahmen«. Auch Uranlieferungen vom Kapstaat an Israel waren von den Amerikanern beobachtet worden. Doch Israels Atombombenprogramm war trotz aller Informationen noch immer ein Tabuthema im Weißen Haus. Während die Südafrika-Affäre noch lief, bot ein Israeli der US-Regierung sein Insiderwissen zum Kauf an. Demnach verfügten die Streitkräfte des jüdischen Staates damals über 100 Gefechtsköpfe, bis 1980 waren insgesamt 200 geplant - größtenteils taktische Atomwaffen. Doch die Amerikaner ließen den Informanten abblitzen.

Der gemeinsame Atomtest der beiden isolierten Staaten war indes nur aufgeschoben. Am 22. September 1979 verzeichnete ein US-Satellit zwei heftige Lichtblitze über dem südindischen Ozean. Amerikanischen Nuklearexperten und Politikern war sofort klar, was sie zu bedeuten hatten. Hodding Carter, Pressesprecher im Außenministerium, schilderte die Stimmung in seiner Behörde so: _____« Als das Ding da oben die Blitze meldete, rannte ich » _____« über den Flur im siebten Stockwerk (wo sich das Büro des » _____« Außenministers Cyrus Vance befand). Es herrschte Panik. » _____« Überall war zu hören: »Scheiße. Ach, du großer Gott, was » _____« machen wir jetzt!« »

Nach bewährtem Muster wurde alles soweit wie möglich unter den Teppich gekehrt. Präsident Carter ließ eine Expertenkommission einsetzen, die - trotz persönlicher Integrität - aufgrund unzureichender Informationen zu dem Ergebnis kam, daß es sich bei den gemeldeten Blitzen vermutlich um einen Fehlalarm des Satelliten handelte.

Die politisch genehme Schlußfolgerung konnte Außenstehende vielleicht foppen, US-Experten täuschte sie nicht: Sowohl CIA-Analytiker als auch eine Gruppe von Technikern in den Kernforschungslabors der USA bestätigten in separaten Untersuchungen, daß die rätselhaften Blitze tatsächlich durch einen Atomwaffentest ausgelöst worden waren.

Professor Joseph Nye, unter Carter ein leitender Beamter im Außenministerium und schon damals ein leidenschaftlicher Verfechter der Nichtweitergabe von Atomwaffen, gibt heute zu, daß in der US-Administration Resignation herrschte: »Wir konnten nicht viel tun, die Israelis hatten bereits die Bombe. Die Frage war: Sollten wir deshalb einen Riesenkrach veranstalten?«

Die Antwort war, wie immer, ein klares Nein.

Da der Atomtest offiziell gar nicht stattgefunden hatte, kümmerte sich auch niemand um die anhaltende israelisch-südafrikanische Zusammenarbeit. Vielleicht wäre sonst früher herausgekommen, was Hersh jetzt in seinem Buch enthüllt: Israel hatte Südafrika die Lieferung von nuklearen Gefechtsköpfen versprochen.

Schon vor dem Test vereinbarte Likud-Verteidigungsminister Eser Weizman erneut den Verkauf von Technologie und Ausrüstung für Atomgranaten, wogegen sogar die israelischen Waffeningenieure protestierten. Die Fachleute von Dimona hielten diese Kernwaffen für »das beste Zeug, was wir hatten«.

Als Premier Begin 1981 Ariel Scharon zum Verteidigungsminister ernannte, begann das vorerst jüngste Kapitel der Atommacht Israel. Der Radikale Scharon war der geborene Stratege für die Interessen eines Großisrael. Er zeigte sich besonders enttäuscht über die Amerikaner, die er für die sowjetische Bedrohung im Nahen Osten verantwortlich machte: »Der sowjetische Vormarsch in dieser Region während der siebziger Jahre wurde nur durch die strategische Passivität der Vereinigten Staaten möglich.«

Der Verteidigungsminister forderte die israelische Regierung auf, die nationalen Sicherheitsinteressen stärker zu beachten. Sie sollten »über den Nahen Osten und das Rote Meer hinaus auch Staaten wie die Türkei, Iran, Pakistan und Regionen wie den Persischen Golf und Zentral- sowie Nordafrika« einschließen. Um die Ereignisse in dieser Region beeinflussen zu können, so Scharon, müsse sich Israel weit stärker auf sein Nuklearpotential verlassen können.

Doch dazu fehlten die notwendigen Voraussetzungen. Israel war darauf angewiesen, Zugang zur amerikanischen Luftaufklärung zu erhalten, der bis dahin nur begrenzt möglich war. Ein Geheimvertrag mit der Carter-Administration erlaubte den Israelis zwar den Zugriff auf die Aufnahmen von Amerikas modernstem Spionagesatelliten, dem KH-11 »Keyhole«. Doch das Abkommen beschränkte die Einsichtnahme auf alles, was innerhalb eines 100-Meilen-Umkreises um Israel geschah.

Das war Scharon bei weitem nicht genug. Über informelle Kanäle beschaffte er sich mehr. Als die Israelis Anfang Juni 1981 den irakischen Kernreaktor Osirak bombardierten, vermutete CIA-Direktor William Casey, sonst ein großer Freund Israels, einen Mißbrauch des KH-11-Abkommens durch Israel. Er setzte eine Kommission ein, die herausfand, daß Israel praktisch alle KH-11-Bilder erhielt, die das Land anforderte.

Ein beunruhigter CIA-Offizier kam zu dem Ergebnis: »Es fehlte nur noch, daß die Israelis das Ding selbst dirigierten.« Auch Aufklärungsbilder der südlichen und westlichen Sowjetunion einschließlich Moskaus hatte Jerusalem angefordert und erhalten.

Weil Begin in Ronald Reagan einen Geistesverwandten sah, schlug er bei einem Besuch im Weißen Haus eine strategische Allianz zwischen beiden Ländern vor. Reagan reagierte wohlwollend. Seine außenpolitischen Berater dagegen konnten sich im Hinblick auf eine künftige Friedensregelung im Nahen Osten nicht mit einer solchen Verpflichtung anfreunden. Der damalige US-Botschafter in Israel, Samuel Lewis, schilderte die Szene: _____« Begin sagte: »Mr. President, wir haben dieselben » _____« Ansichten über die kommunistische Gefahr. Wir sollten » _____« unsere Beziehungen definitiv regeln. Ich schlage eine » _____« formelle Allianz vor.« Reagan sagte ja. Alle anderen » _____« waren schockiert. Begin fuhr fort: »Mr. President, ich » _____« möchte jetzt Minister Scharon bitten, unsere » _____« Vorstellungen zu erläutern.« Scharon brauchte etwa eine » _____« halbe Stunde, um darzulegen, wie die gemeinsamen » _____« amerikanischisraelischen strategischen Interessen » _____« formuliert werden könnten. Al Haig (ein entschiedener » _____« Vertreter der Interessen Israels) wurde grün im Gesicht, » _____« ebenso (Sicherheitsberater) Dick Allen und der Rest der » _____« Leute vom Weißen Haus. (Verteidigungsminister) Cap » _____« Weinberger lief dunkelrot an. Ich dachte, er explodiert » _____« gleich. »

Scharon wünschte sich vor allem eine direkte Empfangsstation für die KH-11-Satellitenbilder in Israel, eine Forderung, die Weinberger rundweg abschlug.

Jerusalems Oberfalke rächte sich. Er hatte das Office of Special Tasks, die israelische Aufsichtsbehörde für das Nuklearwaffenprogramm, mit seinem Vertrauten Rafi Eitan besetzt, einem legendären, später gefeuerten Mossad-Mann, der 1960 an der Entführung Adolf Eichmanns aus Argentinien beteiligt war.

Eitan stimmte mit Scharon nach dem ergebnislosen Washington-Besuch darin überein, »daß die Vereinigten Staaten Nachrichtenmaterial vorenthielten, das für Israels Sicherheit von größter Bedeutung sein könnte« - zum Beispiel die KH-11-Fotografien. »Das war ein grundlegender Verdacht«, erklärte ein Israeli, der im Mossad mit Eitan zusammengearbeitet hatte. »Was immer wir bekamen, war nicht das Beste - es gab Besseres.«

Das lieferte in den nächsten Jahren der Amerikaner Jonathan Pollard, der als Zivilbediensteter für den Nachrichtendienst der US-Marine auch Zugang zu den Erkenntnissen anderer US-Geheimdienste hatte. Eitan hatte den fanatischen Anhänger Israels und überzeugten Juden persönlich für diesen Spionagedienst angeworben.

Pollard lieferte alles - nicht nur KH-11-Daten, sondern auch Lageberichte und Analysen von Botschaften und Geheimdiensten aus Saudi-Arabien, Ägypten und Jordanien. Kurz vor Beginn des Libanon-Feldzugs erhielt Israel auf diese Weise Informationen über neue syrische Radarsysteme und die präzisen Radiofrequenzen für die Raketenbatterien der syrischen Abwehr, die Israel deshalb auch zu Beginn des Angriffs größtenteils ausschalten konnte.

Als Gehilfen für Pollard stellte Israel Aviem Sella ab, der früher als Pilot im atomwaffenfähigen F-4-Geschwader gedient hatte. Inzwischen arbeitete Sella als Experte der Luftwaffe an der nuklearen Zielplanung der Israelis. Sellas Auftrag beschreibt Hersh so: _____« Er sollte Pollard helfen, die wichtigen Informationen » _____« zu sammeln und sie dann auszuwerten. Israel brauchte das » _____« neueste amerikanische Nachrichtenmaterial etwa über die » _____« Wetterlage sowie Daten über Verfahrensregeln bei » _____« Notfällen und Alarmen. Außerdem war amerikanisches Wissen » _____« über elektromagnetische Felder auf dem Weg von Israel » _____« nach Südrußland entscheidend für die Auswahl der Ziele. »

Mit der Verhaftung von Pollard und Sellas Flucht endete dieses Kapitel. Israel mußte sich bei den Amerikanern entschuldigen, Pollard wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Ein Grund für die harte Strafe war bislang noch unbekannt: Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Begin, der die Sowjets haßte, suchte sein Nachfolger Jizchak Schamir einen Draht nach Moskau. Er lieferte Pollards Material - sorgsam redigiert, um die Quelle zu verschleiern - an das KGB weiter, dessen Agenten so erfahren konnten, was die Amerikaner alles über die Sowjetunion wußten.

Künftig werden die Israelis auf die Dienste eines Jonathan Pollard verzichten können. 1988 schossen sie ihren ersten Satelliten ins All und waren damit dem Ziel einer eigenen Luftaufklärung deutlich näher gekommen. Amerikanische Waffenanalytiker sind zudem überzeugt, daß die Rakete, die den Satelliten in die Umlaufbahn brachte, genügend Schubkraft entwickelte, um einen kleinen Atomsprengkopf zu einem 9000 Kilometer entfernten Ziel zu befördern.

US-Wissenschaftler bestätigen auch, daß ihre israelischen Kollegen auf dem Gebiet eines mit einer atomaren Kettenreaktion gestarteten Röntgenlasers erhebliche Fortschritte gemacht haben und über den Einsatz von Strahlenwaffen großer Distanz nachdenken. Die nächste Waffengeneration hat sich bereits angekündigt.

Doch eines ist schon heute verwirklicht: Die Atommacht Israel ist auf fremde Hilfe nicht mehr angewiesen. Sie allein, so lautet die unheimliche Erkenntnis des brisanten Buches von Hersh, wird beim nächsten Nahostkonflikt über den adäquaten Einsatz ihrer Waffen entscheiden. o

* Seymour M. Hersh: »Atommacht Israel«. Droemer Knaur, München; 384Seiten; 39,80 Mark.

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