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KARRIEREN Ich, Silvana

Kein Politiker hat sein Privatleben so öffentlich gemacht wie die liberale Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin. Jetzt spürt sie, welche Opfer das Verlangen nach Popularität fordern kann.
aus DER SPIEGEL 19/2007

Silvana Koch-Mehrin hat es eilig, sie huscht durch den Kölner Hauptbahnhof. Gerade hatte sie ihren Pressesprecher am Handy, sie sei wieder in den Blättern. Die FDP-Politikerin ist aufgekratzt wie ein Kind an Heiligabend. Sie will Bescherung, sofort.

Im Presseladen schweift ihr Blick über das Zeitungsregal, in der »Welt« stehen ein paar nette Worte, das ist erfreulich, die »Rheinische Post« schreibt, dass sie auch dann gut aussehe, wenn sie »ungeschminkt den Müll rausträgt«. Sie entscheidet sich, den Satz als Kompliment zu verstehen. Dann mustert sie den Ständer mit den Frauenzeitschriften.

Dort strahlt eine blonde Frau vom Titelblatt, die Augen leuchten hellblau, am Ohrläppchen funkelt ein Brillant. Es ist Silvana Koch-Mehrin. Sie schaut das Foto versonnen an, sie ist sehr zufrieden. Plötzlich lacht sie leise in sich hinein und zieht die Oberlippe hoch. Der Zeigefinger schnellt hervor und zeigt auf den langen, scharfen Eckzahn in ihrem Oberkiefer. »Der musste retuschiert werden«, sagt sie. Es war ein Trick, mit dem sie ganz und gar einverstanden war. Sie weiß, was von einem Covergirl erwartet wird.

Silvana Koch-Mehrin kennt die Mechanik der Medienbranche, niemand hat sich ihr so unterworfen. Vor drei Jahren machte sie als Spitzenkandidatin der FDP für das Europaparlament einen Wahlkampf, der zu weiten Teilen in den Klatschspalten stattfand. Dann ließ sie ihren entblößten schwangeren Bauch fotografieren, es war ein Riesenaufreger, ein großes Hallo. Für ein paar Wochen war Silvana Koch-Mehrin gefragt wie Britney Spears, aber das ist jetzt schon wieder zwei Jahre her. Sie ist inzwischen 36 Jahre alt und stellvertretende Chefin der Liberalen im Europaparlament; sie hat das Gefühl, dass wieder mal was passieren könnte.

Manchmal erscheint Silvana Koch-Mehrin wie der letzte Restposten der Spaßpartei FDP. Man weiß von ihr, dass sie blutige Steaks mag, aber keine Innereien ("Da gab's mal ein traumatisierendes Kindheitserlebnis"). Sie trägt Designermode, kauft aber auch gern mal im Secondhandshop ein, es ist bekannt, dass Kickboxen ihr liebster Sport ist. Ihr Politikerleben ist eine große Wundertüte.

Es gibt für Politiker einige Wege, bekannt zu werden. Der steinigste ist der über harte Arbeit und das fleißige Mehren der Sachkenntnis. Es kann Jahrzehnte dauern, bis er zum Erfolg führt. Vizekanzler Franz Müntefering war 20 Jahre in der Politik, bevor er einem breiteren Publikum bekannt wurde. Man kann auch versuchen, über besonders gewagte Vorschläge aufzufallen, aber das birgt die Gefahr, irgendwann als unseriöser Spinner dazustehen.

Silvana Koch-Mehrin ist eine Politikerin neuen Typs, sie versucht gar nicht ernsthaft, mit Inhalten aufzufallen, ihr Programm heißt: Silvana Koch-Mehrin. Sie ist eine junge Frau mit zwei Kindern, sie versucht, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen, es ist ein Problem, vor dem Hunderttausende Familien auch stehen. Sie stellt sich deshalb nicht als Politikerin mit Programm vor den Wähler, sondern als Identifikationsfigur.

Vor einigen Tagen hat sie ihr neues Buch präsentiert, es heißt: »Schwestern - Streitschrift für einen neuen Feminismus«. Der Titel klingt nach Simone de Beauvoir und Hildegard Hamm-Brücher, nach ernsthafter Politik. Der Eindruck hält sich bis zu der Stelle, wo Silvana Koch-Mehrin vom Grundsätzlichen zum Persönlichen übergeht, zur Frage nämlich, ob eine Mutter vollgesabberte Babykekse essen (Ja) und sich Gedanken über eine Bruststraffung machen sollte (Nein). Es sind private Bekenntnisse, wie vorgefertigt für die bunten Seiten der Zeitungen. So gesehen könnte das Buch auch »Ich, Silvana« heißen.

Man könnte Silvana Koch-Mehrin für eine Art Verona Pooth der FDP halten, aber sie ist eine Frau, die einen Doktor in Geschichte hat und zwei Fremdsprachen fließend spricht. Sie hat mit 28 ein eigenes Unternehmen gegründet, sie hat es nicht nötig, von ihrem Mandat zu leben. Die Frage ist, warum eine solche Politikerin mit dem Schauspieler Sky du Mont ein Streitgespräch

über Muttermythos und Luxusgattinnen führt.

Es ist Mittwochmittag um kurz vor zwei, Silvana Koch-Mehrin eilt in ihr Büro im Straßburger EU-Parlament. Sie lässt sich auf ihren Stuhl fallen und sagt »Uff«. Sie hat heute schon eine Rentnergruppe durch das Parlament geführt und über eine Schiffsverkehrsrichtlinie debattiert, danach war sie gezwungen, einer Rede des indischen Präsidenten Abdul Kalam zu lauschen. Es war wie so oft in ihrem Leben als Europaabgeordnete. Es ist viel passiert, aber sie hat nichts bewegt. Das Europäische Parlament ist eine Strafkolonie für Politiker mit Ambitionen. Es kann Einspruch erheben und Vorschläge formulieren, doch wenn es wichtig wird, entscheiden Merkel oder Chirac oder Barroso.

Man kann nicht sagen, dass Silvana Koch-Mehrin untätig gewesen wäre: Sie hat gegen den Pendelverkehr zwischen Straßburg und Brüssel gekämpft oder für den Abbau der milliardenschweren Agrarsubventionen, aber ihre Initiativen fanden allenfalls in den Meldungsspalten der Zeitungen statt.

Es ist sehr verlockend, mit Geschichten für die bunten Blätter der Namenlosigkeit des EU-Parlaments zu entfliehen, zumal Boulevardjournalisten Kooperation mit einem Schwall von Komplimenten belohnen. Koch-Mehrin war schon eine der »schönsten Mütter Deutschlands« ("Bunte"), die »Fachfrau für Europa« ("Gala"),

der »blonde, hübsche Traum der FDP« ("Park Avenue").

Koch-Mehrin ist eine kluge Frau, man kann mit ihr offen über das Verlangen nach Aufmerksamkeit reden und das prickelnde Gefühl, eine öffentliche Figur zu sein. Es sei ein »einfacher Mechanismus der Eitelkeit«, sagt sie. Als Koch-Mehrin vor einigen Tagen bei einem Italiener in Saarbrücken saß, näherte sich plötzlich ein Rosenverkäufer mit einem Armvoll Blumen. Es war ein Präsent von Geschäftsmännern, die am Nachbartisch zu Abend aßen, sie waren schon ein bisschen beschickert und sandten einen Emissär nach dem anderen, um die Frau im weißen Hosenanzug zu einem Glas Champagner zu überreden. Koch-Mehrin ließ die Herren wieder abtraben, aber man konnte ihr auch die Freude über so viel Anerkennung ansehen.

Silvana Koch-Mehrin weiß, dass der Grat immer schmaler wird, auf dem sie sich bewegt. Sie hat verfolgt, wie Gabriele Pauli erst zur schönen Landrätin aus Fürth hochgeschrieben wurde und dann abstürzte, als sie sich abbilden ließ mit Latexhandschuhen und einer Perücke aus kupferrotem Haar. Paulis Fehler sei gewesen, dass die Bilder nichts mit ihrer Arbeit als Politikerin zu tun gehabt hätten, sagt Koch-Mehrin. Aber warum zeigt eine Europaabgeordnete ihren Schwangerschaftsbauch, wenn sie im Haushaltsausschuss über die Einhaltung von Stabilitätskriterien wachen sollte?

Koch-Mehrin hat sich unlängst mit ihrem Anwalt unterhalten. Sie wollte wissen, ob sie rechtlich gegen Journalisten vorgehen könne, die in ihrem Privatleben herumstöbern. Die Antwort war ziemlich ernüchternd, es gibt nicht mehr viel, was noch geschützt ist, Aufnahmen ihrer Kinder zum Beispiel, die waren noch nicht in den Zeitungen zu sehen, zumindest nicht mit Gesicht.

Ansonsten hat sie die Schleusen weit geöffnet. Sie hat schon eine Homestory gemacht in ihrem Brüsseler Haus, es sind zahlreiche Fotos von ihrem Lebensgefährten James Candon erschienen, es war zu lesen, dass sie in ihrer ersten Schwangerschaft 28 Kilo zugelegt hatte und in der zweiten 18. Es gibt es jetzt kein Zurück mehr.

Kai Diekmann, der Herausgeber der »Bild«-Zeitung, hat neulich geschrieben, wer mit Journalisten im Fahrstuhl nach oben fahre, werde auch begleitet, wenn es wieder nach unten gehe. Es gab für Koch-Mehrin in jüngster Zeit einige Beispiele, an denen sie studieren konnte, was das konkret heißt. Agrarminister Horst Seehofer etwa hat sich gern mit Frau und seinen drei Kindern präsentiert, jetzt darf er dem morgendlichen Pressespiegel des Ministeriums Geschichten über seine Liaison mit einer Bundestagsmitarbeiterin entnehmen.

Auch Silvana Koch-Mehrin hat schon einen Vorgeschmack davon bekommen, was unerbetene Schlagzeilen bedeuten können. Im vergangenen Jahr wurde sie zum dritten Mal schwanger, aber sie verlor das Kind im fünften Monat. Es war eine Geschichte, die sie nicht in der Zeitung lesen mochte, aber sie war nicht geheim zu halten, ihr Bauch hatte sich schon gerundet, außerdem hatte Koch-Mehrin der »Frau im Spiegel« anvertraut, dass sie sich ein drittes Kind wünsche.

Mitte März stand auf der Titelseite der »Bild am Sonntag« die Schlagzeile »Deutschlands schönste Politikerin: Babydrama«, die Buchstaben waren sechs Zentimeter hoch. Es musste auch die Frage gestellt werden, ob das Kind nicht überlebte, weil sie sich als Europaabgeordnete zu viel zugemutet habe. »Es gibt Momente im Leben, die wünsche ich niemandem«, sagte sie danach.

Es klang so, als hätte sich etwas verändert, aber als sie später ihr Buch präsentierte, saß Claus Strunz mit ihr auf dem Podium, der Chefredakteur der »Bild am Sonntag«. Strunz war voll des Lobes für das Werk. Vor allem die Stellen, in denen die FDP-Frau ihr Leben als Mutter schildere, machten aus der »Streitschrift« einen »Alltagsthriller mit politischer Wucht«. Aus Strunz sprach der Boulevardmann, der erkennt, welcher Stoff sich vermarkten lässt. »Das Buch hat mich beeindruckt«, sagte er.

Silvana Koch-Mehrin sagt, dass sie sich eigentlich Maybrit Illner für die Buchpräsentation gewünscht hätte, aber die ZDF-Moderatorin habe zu dem geplanten Termin keine Zeit gehabt. Deshalb sei sie auf Strunz zugegangen. »Ich dachte mir, vielleicht macht er es besonders gut aus schlechtem Gewissen.« RENÉ PFISTER

* Mit dem grünen EU-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit inStraßburg.

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