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»Ich stand nur wie angewurzelt da ...«

SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz im Prozeß über einen Todesfall bei der Bundeswehr *
Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 35/1983

Im Jahr 1982 ereigneten sich bei der Bundeswehr »vier Unfälle mit Todesfolge« im Wachdienst. Vier tödliche Unfälle im Wachdienst der Bundeswehr können als der jährliche Durchschnitt gelten.

Der junge Mann, um dessen Tod es hier geht, fiel einem der vier tödlichen Unfälle im Wachdienst der Bundeswehr während des Jahres 1982 zum Opfer. In der Nacht zum 28. November 1982 trafen ihn drei Schüsse aus der Maschinenpistole eines Kameraden und verwundeten ihn schwer.

Unter anderem mußten die Milz und die linke Niere des jungen Mannes entfernt werden. Künstliche Beatmung war erforderlich. Nach einer Magenblutung fand eine weitere Bauchoperation statt.

Erst am 6. Februar 1983 konnte die Luftröhrenkanüle entfernt werden. Da es darauf erneut zu Atemnot kam, wurde die künstliche Beatmung wieder aufgenommen. Am 13. Februar 1983 starb der junge Mann. Sein Tod war die Folge der erlittenen Schußverletzungen.

Der junge Mann, der einen so schweren Tod erlitt, hieß Frank Pohle. Er ist 22 Jahre alt geworden.

Die Verhandlung über den Tod Frank Pohles fand am Montag vergangener Woche in Tostedt in Niedersachsen statt, einem Ort südlich der Autobahn zwischen Hamburg und Bremen. Es verhandelt ein Schöffengericht des Amtsgerichts Tostedt.

Dem Schöffengericht gehören der Richter Joachim Pittelkow, 34, und, unter seinem Vorsitz, eine Schöffin und ein Schöffe an. Die Sitzung, die um neun Uhr beginnt und die von einer Pause und der Beratung des Gerichts unterbrochen wird, geht gegen 11.30 Uhr mit dem Urteil zu Ende.

Es wird über den Tod eines Menschen verhandelt, doch dieser Mensch ist der Fahrlässigkeit zum Opfer gefallen. Die Fahrlässigkeit ist Sache der Amtsgerichte. Die Amtsgerichte sind die vorderste Linie der Justiz, der Wellenbrecher, überlastet von anhängigen Verfahren und auch von der Vielfalt des Anhängigen.

Das in diesem Fall zuständige Amtsgericht Tostedt gleicht einem zweckentfremdeten Wohnhaus. Und der Saal, in dem verhandelt wird, muß vielen Zwecken dienen. Hier drinnen könnte man, mit ein paar Lampions und mit Girlanden unter der Decke, auch ein Klassenfest veranstalten.

Der Vater des getöteten Frank Pohle hat Nebenklage erhoben. Er hat das nicht getan, weil er Rache will und allzu große Nachsicht mit dem Angeklagten fürchtet. Sein Sohn ist der Fahrlässigkeit zum Opfer gefallen, nur der Fahrlässigkeit, wie man zu sagen pflegt.

Fahrlässigkeit - das Wort enthält nicht mehr viel Vorwurf in den Köpfen, die es hören, die es gebrauchen. Der Straßenverkehr hat das Wort ausgezehrt. Im Straßenverkehr der Bundesrepublik kommen in jedem Jahr mehr als 10 000 Menschen um.

Man hat angestrengt darüber gegrübelt, »ob wir es bei der Verkehrsdelinquenz mit Erscheinungsformen echten Verbrechens zu tun haben«, und man ist dahin gelangt, zwischen dem »eigentlichen Verbrechen« und den Zwischenfällen zu unterscheiden, die der »normale« Staatsbürger anrichtet.

Der hat keine »destruktive, antisoziale Tendenz«, der ist sozial nicht gefährlich wie die »richtigen« Verbrecher. »Die Technik« habe, so heißt es, die Formen der Kriminalität »von der Ebene des Vorsatzes auf die der Fahrlässigkeit« verlagert.

Das »Risikoverhalten« im Straßenverkehr gilt als soziale Fehlleistung, als Fahrlässigkeit. Als mehr gilt es nicht - ungeachtet des ungeheuren Vorsprungs der Zahl der Verkehrsopfer vor der Zahl der Menschen, die dem sogenannten Vorsatz zum Opfer fallen.

Die Gesellschaft starrt auf den Vorsatz, auf den Mord, sie ignoriert die Fahrlässigkeit und die Zahl der von ihr verschuldeten Toten.

Wer einen Menschen durch Fahrlässigkeit verliert - es gibt Menschen, die allein in der Wut, im Haß, im Bedürfnis nach Rache Zuflucht finden können. Doch die meisten haben nur den Wunsch, dem von Fahrlässigkeit verursachten Tod ihres Angehörigen einen Sinn zu geben: Über den fahrlässigen Tod soll so verhandelt werden, daß die Fahrlässigen aufschrecken.

Der Vater des durch Fahrlässigkeit zu Tode gekommenen Frank Pohle hofft darauf, daß der Verlust, den er erlitten hat, ein Zeichen setzt, daß er zu größerer Aufmerksamkeit beiträgt, daß er mahnt. Doch der Rechtsanwalt, mit dem er gesprochen und dem er sich anvertraut hat und der ihn als Nebenkläger in der Verhandlung vertreten soll, ist nicht erschienen, er ist von einer Auslandsreise nicht zurück, und statt seiner kommt ein Vertreter.

Mit dem hat der Vater nur eben auf der Fahrt nach Tostedt gesprochen, dem hat er nicht erklären können, welche Fragen ihn quälen und worum es ihm geht. Der Vertreter stellt nur zwei, drei Fragen. Er plädiert auch nicht. Er schließt sich einfach dem Strafantrag des Staatsanwalts an (sieht man davon ab, daß er die Übernahme der Kosten der Nebenklage durch den Angeklagten beantragt. Und davon muß man schon absehen, denn diese Kosten werden bei dem Vater Frank Pohles bleiben: Der Angeklagte hat als Arbeitsloser 500 Mark im Monat, er hat keinen Beruf gelernt, er wird auf lange Frist nicht mehr als Gelegenheitsarbeit finden).

Der Angeklagte, der hier, wie seine Kameraden, die als Zeugen aussagen, nur mit dem Vornamen erscheint, heißt Axel und ist 23 Jahre alt inzwischen. Er kennt seinen Vater nicht. Er hat die Hauptschule ohne Abschluß verlassen. Eine Lehre als Glaser hat er nach drei Monaten abgebrochen, der Beruf gefiel ihm nicht. Er hat mit dem Jugendrichter zu tun gehabt, »Beförderungserschleichung« heißt das, weswegen er »strafrechtlich in Erscheinung getreten« ist.

Man glaubt ihm das Entsetzen, das ihn überfiel und lähmte, als er sah, was er angerichtet hatte. »Ich stand nur wie angewurzelt da«, sagt Axel, und er ringt sich diese Worte ab. Es wirkt, als sie er der Lähmung von damals noch nicht entronnen. Sein Verteidiger erwähnt später, daß man fürchten mußte, Axel werde Selbstmord begehen, und daß ein Psychologe hinzugezogen worden ist. Und der Verteidiger erwähnt auch, daß sich sein Mandant bis heute nicht wieder integrieren konnte und daß er erst nach dem Urteil wird versuchen können, zu

sich zu finden und sich zu etwas zu entschließen.

Axel ist ein junger Mann, dem Fahrlässigkeit leicht unterlaufen kann, und auch die anderen jungen Männer, die man in der Hauptverhandlung als Zeugen erlebt, sind Menschen, die noch nicht Boden unter den Füßen haben. Man kann nach dieser Hauptverhandlung ein Wort, das ohnehin ein dummes Wort ist, gar nicht mehr hören: das Wort »normalerweise«.

»Normalerweise« sagt der Angeklagte, »normalerweise« sagen die Zeugen, und sogar der Staatsanwalt sagt zuletzt »normalerweise«. Normalerweise ist zu beachten, zu berücksichtigen, zu bedenken - doch nichts von dem, was angeblich normalerweise beachtet, berücksichtigt und bedacht wird, ist in diesem Fall beachtet, berücksichtigt und bedacht worden.

Normalerweise - das klingt so beschwichtigend, so beruhigend. Das soll heißen, daß sonst immer beachtet, berücksichtigt und bedacht wird, daß jedoch leider dieses Mal, nur dieses Mal, das sonst Übliche, das Normale unterblieb. Die Sterne müssen ungünstig gestanden haben in diesem Augenblick - normalerweise kann gar nichts passieren.

Doch so oft und immer unerträglicher das »Normalerweise« platscht und quatscht - muß man zuletzt die Überzeugung gewinnen, daß nahezu ständig am Rand der Fahrlässigkeit mit allen Folgen und sogar mit den tödlichen Folgen, die sie haben kann, geschlampt wird: daß es eher ungewöhnlich ist, wenn die Vorschriften eingehalten werden.

Der 24 Stunden dauernde Wachdienst, der dem Munitionsdepot einer Panzergrenadier-Kaserne galt, begann um 17 Uhr, am 27. November 1982. Die Doppelstreifen um 17 und 21 Uhr verliefen ohne Zwischenfälle. Doch während des ersten und zweiten Streifenganges tranken der Angeklagte und einer der Zeugen, der mit ihm Streife ging, jeweils eine Dose Bier. Normalerweise ist das natürlich streng verboten.

Um 0.40 Uhr wurden der Angeklagte und drei weitere Soldaten, unter ihnen Frank Pohle, zu ihrem dritten Streifengang geweckt. Die vier jungen Männer griffen sich Waffen aus dem Ständer, doch nicht etwa jeweils die Waffe, die sie quittiert hatten, sondern irgendeine von den Maschinenpistolen. Denn die Nummern, die normalerweise diese Waffen kenntlich machen, waren abgegangen oder verwischt. Axel griff sich die Waffe, die Frank Pohle quittiert hatte.

Die Munitionsausgabe, das Teilladen der Waffen, die Prüfung daraut, ob der Sicherungshebel auf »S« steht - verlief nicht so, wie es normalerweise zu verlaufen hat, denn, so Michael, der damals Wachhabender war: »Diesmal war große Hektik draußen.« Die »alte Wache« kam »schon früher zurück«, sie hatte nicht dort im Gelände gewartet, wo sie normalerweise zu warten hatte, sie stand plötzlich da und »knallte die Magazine auf den Tisch«. Der Zeuge Michael: »Das ging ja alles unheimlich schnell.«

Der Zeuge Michael gibt übrigens einen Beleg für die Reife, die ihn zum Wachhabenden qualifizierte. Nach seiner Ansicht über den Angeklagten gefragt, sagt er: »Meiner Meinung nach kein guter Soldat. Kein Kämpfer.« Er erläutert den »Kämpfer« dann damit, daß Axel »von der Sache her nicht voll dabei« sei.

Nach etwa 80 Meter Streifengang soll Frank Pohle, der mit Harald zusammen etwa fünf bis zehn Meter hinter Axel und Ralf ging, gerufen haben: »Halt! Hier ist der stellvertretende Offizier vom Wachdienst!« Daraufhin will sich Axel umgedreht, die Maschinenpistole »Uzi« durchgeladen haben, um Frank Pohle zu erschrecken und sich für den Scherz zu revanchieren - er berührte den Abzug, und die Waffe war nicht gesichert: Sie stand auf Dauerfeuer, sie war ja nicht, wie normalerweise, vor dem Aufbruch kontrolliert worden. Von den vier Schüssen des Feuerstoßes trafen drei Frank Pohle, einer streifte Harald.

Harald hat eine andere Darstellung gegeben. Es wird nicht aufgeklärt, ob Frank Pohle - nach dem »Halt«-Ruf, der behauptet wird - zunächst zu Axel ging und mit ihm sprach und ob erst dann die Schüsse fielen. Es kommt auch nicht zur Sprache, was den Vater Frank Pohles quält: daß er sich einen solchen »Scherz« seines Sohnes nicht vorstellen kann.

Staatsanwalt Willi Wirth, 30, beantragt zehn Monate Freiheitsstrafe für Axel und Aussetzung zur Bewährung. Es sei nicht möglich, zu verschweigen, sagt er, daß Frank Pohle »letztlich die Ursache gesetzt hat durch seinen Scherz« - die Ursache für einen tödlichen Feuerstoß aus einer Maschinenpistole, die normalerweise kontrolliert gewesen wäre und nicht auf Dauerfeuer gestanden hätte, muß man hinzufügen.

Der Staatsanwalt spricht auch davon, »daß an diesem Tage bei der Wache nicht alles so gelaufen ist, wie es der Vorschrift entsprach«. Das sei etwas, was »bundeswehrintern« sicher ein »Versäumnis« darstelle. Ist die Bundeswehr eine geschlossene Gesellschaft, die niemand etwas angeht? Wir hören immer, daß wir sie als unsere Bundeswehr begreifen und anerkennen sollen. Der Hauptmann der Kompanie, der Axel und Frank Pohle angehörten, tritt in der Sitzung als Zeuge nur auf, um die Uzi vorzuführen und zu erläutern. Fragen darüber hinaus werden ihm nicht gestellt.

Das Gericht entspricht dem Antrag der Anklage. Richter Pittelkow deutet in der mündlichen Begründung die Betroffenheit des Gerichts darüber an, wieviel Fehlverhalten da zusammenkam. Er erwähnt den Reifegrad der Zeugen und des Angeklagten, von dem man - fast ein Jahr danach - noch immer einen erschreckenden Eindruck bekommen hat, und er ist bestürzt darüber, wie leichtfertig man diese jungen Leute mit 20 Schuß scharfer Munition unterwegs sein ließ.

Die Strafjustiz setzt ja immer auf die generalpräventive Wirkung ihrer Urteile. Doch dort, wo man auf Mahnung und Warnung auf das dringendste hoffen möchte - da wirkt sich nichts aus, denn da geht es um Fahrlässigkeit, und die ist nur tödlich, die hat keine destruktive, antisoziale Tendenz.

Hier ist nun einmal eines Opfers von Fahrlässigkeit gedacht worden, und für wie viele steht es, muß es stehen, weil es die Blätter sprengen würde, berichtete man von jedem. Und es war von einem Vater die Rede, der für viele, allzu viele steht: für alle jene, die wenigstens auf ein bißchen Sinn hoffen für das Unbegreifliche, das sie getroffen hat; für jene, die dann so dasitzen, wie der Vater Frank Pohles nach dem Urteil einen Augenblick dasaß.

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