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AUTOREN »Ich stehe gern im Regen«

Die Erzählerin Karen Duve, 38, hatte mit ihrem Debütwerk »Regenroman« - ein junges Paar kauft sich ein morsches Haus in ostdeutscher Moorlandschaft, verliert sich im Dauerregen, in erotischen Wirrungen und Gewalt - einen sensationellen Erfolg. Soeben erschien ihr neuer Erzählband »Keine Ahnung«. Sie lebt in Schöppingen und in Hamburg.
Von Volker Hage und Mathias Schreiber
aus DER SPIEGEL 41/1999

SPIEGEL: Frau Duve, Ihr »Regenroman« erschien im Eichborn Verlag, mit dem neuen Erzählband »Keine Ahnung« sind Sie ins Allerheiligste der Konsumkritik, in den Suhrkamp Verlag, eingedrungen - für derartig unterhaltsame Prosa ein erstaunlicher Triumph. Zu welchem Verlag gehören Sie denn nun?

Duve: Zu Eichborn, wo ja auch mein »Lexikon der berühmten Tiere« verlegt wurde.

SPIEGEL: Wie kam es zu dem ungewöhnlichen Doppelschlag?

Duve: Der »Regenroman« und die erste Version der Erzählungen waren fast gleichzeitig fertig. Ich hatte schon zehn Jahre vorher geschrieben und nichts davon verkaufen können. Während meines Stipendiatenaufenthalts im Stuttgarter Schloss Solitude kamen plötzlich die Angebote - da habe ich beidhändig zugegriffen.

SPIEGEL: Stimmt es, dass das Eichborn-Lektorat in den »Regenroman« stark eingegriffen hat?

Duve: Ja, eine Figur musste ganz abtreten: der Waldschrat, der jetzt nur noch kurz im Sumpfloch neben der fetten Frau als tierhaftes Mondgesicht auftaucht. Er sollte ein »Sekundär-Zwerg« sein - so haben DDR-Wissenschaftler eine bestimmte Art von Kleinwüchsigen bezeichnet. Diese Figur hatte ich ausgeführt als den ursprünglichen Besitzer des Hauses im Ost-Moor, der dann von seinen geldgierigen Verwandten nach der Wende entmündigt wird, weil sie das Haus verkaufen wollen, und der, statt in dem ihm zugedachten Pflegeheim, in einer

Das Gespräch führten die Redakteure Volker Hage und Mathias Schreiber.

Schilfhütte haust. In Ina Seidels »Regenballade« gibt es eine solche märchenhafte Figur, den »Schnatermann« - ich wollte sie zitieren. Wie überhaupt der ganze Roman anfangs viel märchenhafter angelegt war.

SPIEGEL: Dass Sie so deutlich ändern mussten, fanden Sie nicht demütigend?

Duve: Doch, das fand ich furchtbar, ich hatte schließlich fünf Jahre an dem Roman gearbeitet.

SPIEGEL: Wie viele Manuskriptseiten mussten Sie insgesamt opfern?

Duve: Der Verlag verlangte fünfzig, aber wo ich schon mal dabei war, habe ich gleich hundert gestrichen.

SPIEGEL: Liegen die jetzt in einer Schublade - für eine künftige textkritische Edition der Erstfassung, die man eines Tages viel besser finden wird als die heutige?

Duve: Nein, die sind zerschreddert - wie meine ersten beiden Romanversuche. Heute bin ich mit den Kürzungen sehr einverstanden. Dem Sekundär-Waldschrat trauere ich allerdings ein bisschen nach.

SPIEGEL: Die zuweilen lexikalische Genauigkeit, die hart am Leben entlang erzählte Episode ist Ihre Stärke; zugleich aber neigen Sie, etwa in der Erzählung »Im tiefen Schnee ein stilles Heim« - der Fiktion einer nicht enden wollenden Schnee-Katastrophe -, zur phantastischen Parabel.

Duve: Zwischen diese beiden Pole bin ich tatsächlich gespannt.

SPIEGEL: Aber welcher Richtung neigen Sie mehr zu?

Duve: Dem Phantastischen, glaube ich.

SPIEGEL: Im »Regenroman« wie in »Keine Ahnung« gibt es recht drastische erotische Passagen. Andererseits freut sich die von der Außenwelt abgeschnittene Ich-Erzählerin der Schnee-Geschichte: »Johann Köpfli kann nicht zu mir herein ... alles ist gut.« Der Leser gewinnt den Eindruck, das Beste am Sexualakt ist doch, dass er irgendwann überstanden ist.

Duve: Schade. Vielleicht haben Sie mich bei irgendetwas ertappt. Aber im Ernst: Sexualität, besonders ihr dämonischer Teil, wird in meinen Büchern immer ein zentraler Punkt bleiben. Ich bin ein bisschen auf das Thema fixiert. Wie viele andere Menschen auch.

SPIEGEL: Sind die zum Teil frustrierenden Erfahrungen der Ich-Erzählerin mit Männern auch Ihre eigenen?

Duve: Die Erzählungen sind schon autobiografischer als der »Regenroman«. Irgendwo muss man es ja hernehmen. Aber ich bedien mich nur so weit in meinem Leben, wie es für eine Geschichte taugt. Außerdem verfälsche und dramatisiere ich meine Erfahrungen skrupellos.

SPIEGEL: Was ist denn am »Regenroman« autobiografisch? Haben Sie selbst im Osten ein Sumpf-Haus renoviert?

Duve: Nein. Aber die Rückenschmerzen des Schriftstellers Leon - das waren meine eigenen. Mit so etwas habe ich einmal sechs Wochen schreiend und weinend im Bett gelegen. Danach habe ich mir ein Pferd gekauft - das Reiten hat mir geholfen.

SPIEGEL: Ihr, sagen wir einmal: sehr realistisches Männer- und Menschenbild ...

Duve: ... ich komme selbst ja auch nicht so gut weg, wenn ich über mich schreibe ...

SPIEGEL: ... wird gewiss von konkreten Erfahrungen grundiert. Welche waren das vor allem?

Duve: Ich bin 13 Jahre lang in Hamburg Taxi gefahren, ich habe auch einmal im Finanzamt gearbeitet.

SPIEGEL: Glaubt man Martin Scorseses Film »Taxi Driver«, so ist Taxifahren ein extrem harter Beruf. Was war Ihr schlimmstes Erlebnis?

Duve: Schwer zu sagen. Ich bin nachts gefahren, da befördert man fürchterliche, stinkende Leute. Einmal hat mir ein Mann - ich lief hinter ihm her, weil er die Fahrt nicht bezahlen wollte - eine Bierflasche ins Gesicht geworfen. Taxifahren ist ein Beruf, in dem sich die Liebe zum Mitmenschen ziemlich verschleißt.

SPIEGEL: Als erfolgreiche Autorin sind Sie jetzt häufig auf Lesetour. Fliegt da auch mal eine Bierflasche in Ihre Richtung?

Duve: Nein, das Schlimmste, was mir da passieren kann, ist, dass sich jemand mit mir über seine Schreiberfahrungen unterhalten will. Aber im Großen und Ganzen ist das Lesungspublikum einfach nett, nett, nett! Die hauen einem nicht mit der Faust aufs Bein, die kotzen einem nicht ins Auto und die beschweren sich nicht, dass man den falschen Weg gefahren ist. Die sind nett!

SPIEGEL: Haben Sie als Taxifahrerin schon geschrieben?

Duve: Ich habe es versucht, es war unheimlich schwer. Einige Jahre konnte ich überhaupt nichts schreiben. Ich habe allerhöchstens eine Manuskriptseite in zwei Wochen geschafft. Und für alles, was ich zu Papier brachte, habe ich mich geschämt.

SPIEGEL: Der große Erfolg Ihres »Regenromans« wurde immer wieder im Zusammenhang mit dem so genannten Fräuleinwunder der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur diskutiert. Die Zeitschrift »Emma« hat daran Anstoß genommen und in einer Typologie der schreibenden Erfolgsfrauen Sie unter »Domina« abgehakt.

Duve: Darüber war ich stinksauer. Ich habe sogar Alice Schwarzer einen Beschwerdebrief geschrieben. Sie hat genau das getan, was sie anprangern wollte - mich mit einem idiotischen Begriff etikettiert und sexualisiert. Einfach dumm.

SPIEGEL: Hat Frau Schwarzer reagiert?

Duve: Bisher nicht. Aber letzten Endes perlt das alles an mir ab wie Wasser an der Ente.

SPIEGEL: Verstehen Sie sich als feministische Autorin?

Duve: Wie jede vernünftige Frau verstehe ich mich als Feministin. Ich weiß, es gibt da auch peinliche Figuren wie in jeder politischen Gruppierung. Was ich dazu denke, lässt sich gelegentlich auch in dem, was ich schreibe, nachlesen. Literarische Maßstäbe haben aber immer Vorrang.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich die gegenwärtige Blüte deutschsprachiger Erzählfreude, an der nun einmal etliche Frauen beteiligt sind?

Duve: Das ist wohl der Pendelschlag. Nachdem lange genug verkündet wurde, direktes, geradliniges, munteres Erzählen eigener Erlebnisse sei naiv oder gar »unmöglich« - noch in den achtziger Jahren galt unterhaltsame Prosa nicht als Literatur -, kommt jetzt eben die Gegenbewegung, und man zieht mit dem gleichen Eifer und der gleichen Ungerechtigkeit über experimentelle Schriftsteller her. Ich habe irgendwann beschlossen, mich nicht mehr in Texträtsel zu hüllen, die zwar einigen Kritikern gefielen, mir selbst aber schon bald keinen Spaß mehr machten. Stattdessen erinnerte ich mich an Geschichten, wie ich sie schon mit zwölf Jahren schreiben wollte.

SPIEGEL: Hat den jüngeren Autoren auch das Verblassen der Erinnerung an die Schrecken der deutschen Vergangenheit die Zunge gelöst?

Duve: Ich glaube das nicht. Walter Kempowski erinnert sich doch intensiv und erzählt dennoch eingängig. Wichtiger war für mich, dass ich mich von dem Schulmeister-Diktum lösen konnte, alles sei schon geschrieben worden.

SPIEGEL: Gibt es noch andere Vorbilder als Kempowski?

Duve: Kempowski ist kein Vorbild, ich bewundere ihn bloß. Außerdem bewundere ich Diedrich Diederichsen und Alice Schwarzer für die Fähigkeit, komplizierte Zusammenhänge in unübertroffen schöner und einleuchtender Klarheit darzustellen.

SPIEGEL: Entwickeln sich manche Geschichten bei Ihnen ganz anders, als sie geplant waren?

Duve: Sehr oft. Der »Regenroman« sollte keineswegs so untergangsdüster, er sollte viel leichter und charmanter enden.

SPIEGEL: Stehen Sie gern im Regen?

Duve: Ja. Ich mag extremes Wetter, Sturm, Regen, Schneegestöber - da renne ich sofort nach draußen.

SPIEGEL: Was ist schwierig am Erfolg?

Duve: Man wird dauernd fotografiert und muss damit fertig werden: So siehst du also inzwischen aus! In einem Fernsehfeature habe ich mich neulich auf meinem Pferd gesehen, und mir wurde zum ersten Mal klar, wie unglaublich schlecht ich reite.

SPIEGEL: Haben Sie Angst vor dem nächsten Buch? Glauben Sie, Ihnen fällt wieder etwas Gutes ein?

Duve: Ideen sind nicht das Problem. Ich habe noch sechs Bücher im Kopf. Die Ausführung ist das Problem. Ich arbeite sehr langsam.

SPIEGEL: Was man Ihrer schwungvollen Prosa nicht anmerkt. Ist unter den Plänen auch eine richtig nette Liebesgeschichte, mit einem Mann, der fast so sympathisch wirkt wie ein Pferd?

Duve: Ich verspreche es.

SPIEGEL: Frau Duve, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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Karin Duve: Keine Ahnung Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main; 168 Seiten; 13,80 Mark.

Das Gespräch führten die Redakteure Volker Hage und MathiasSchreiber.

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