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TERROR »Ich verdränge die Angst«

Auch nach der Entführung einer Deutschen und ihres Sohns bleiben weiter Landsleute im Irak - weil er zu ihrer Heimat geworden ist oder weil schnelles Geld sie lockt.
aus DER SPIEGEL 12/2007

Es war im vergangenen Sommer: Sie ging durch ihr Viertel, da folgte ihr plötzlich dieses Auto, im Schritttempo. Sie nahm eine Seitenstraße, die war für das Auto zu eng. Sie dachte schon, sie hätte sich vielleicht nur getäuscht. Wer sollte sie verfolgen?

Später am Tag aber kam ein Nachbar zu ihrem Mann. Da habe heute einer mit seinem Auto neben ihm gehalten. Der Fahrer habe wissen wollen, wer die Frau sei. Und die Frau, die der Fahrer beschrieb, war - kein Zweifel - sie.

Die Frau erzählt das ziemlich gelassen; sie sagt tatsächlich: »Ich fühle mich nicht bedroht.« Sie muss gute Nerven haben. Oder viel Fatalismus. Denn sie lebt in Bagdad in einem schiitischen Wohnviertel - in höchster Gefahr also. Die Frau ist eine Deutsche, verheiratet mit einem Iraker.

Rund 20 deutsche Frauen wohnen noch in Bagdad, trotz der Gefahr, trotz der Aufrufe des Auswärtigen Amts, bitte schleunigst das Land zu verlassen. Sie wollen noch immer bleiben, obwohl eine von ihnen am 6. Februar von Kriminellen oder Terroristen entführt wurde. Hannelore K. ist ebenfalls seit vielen Jahren mit einem Iraker verheiratet, sie wurde mitsamt ihrem Sohn Sinan in Bagdad verschleppt. Vor einer Woche stellten die Geiselnehmer ein Video mit den Bildern der verzweifelt flehenden Deutschen und ihres weinenden Sohns ins Internet. Sie drohten, die beiden zu ermorden, sollte Deutschland nicht seine Truppen binnen zehn Tagen aus Afghanistan abziehen.

Etwa hundert Deutsche sind immer noch im Irak: solche »mit familiären Bindungen«, wie es im Auswärtigen Amt heißt, aber auch deutsche Arbeitskräfte, die sich ihren Mut, ihren Leichtsinn teuer bezahlen lassen. Und mit der jüngsten Entführung wird erneut klar, dass jeder von ihnen einer zu viel ist. Dass jeder ein lukratives Ziel für Entführer ist und einer schon genug sein könnte, um die Bundesrepublik zu erpressen.

Trotzdem sagt auch die Deutsche aus dem Schiitenviertel, dass sie nicht gehen werde - schon weil sie nicht wisse, wohin. Sie lebt seit mehr als zwanzig Jahren in Bagdad, sie geht auf die siebzig zu, in Deutschland war sie das letzte Mal 2001. Und obwohl sie dort noch zwei Brüder hat - einen in Cottbus, einen in Eisenhüttenstadt -, kann sie sich nicht vorstellen, in die Heimat auszuwandern, die für sie fremd ist. »Mein Mann hätte dort keine Arbeit, und hier müssten wir alles aufgeben.« Ihren Namen darf man nicht nennen, das würde sie in tödliche Gefahr bringen.

Die Frau lernte ihren irakischen Mann in den sechziger Jahren beim Studium in der CSSR kennen, schließlich gingen sie nach Bagdad, wo sie beide bis heute einen Lehrauftrag haben. Hier überstanden sie die Bombardements der Amerikaner, den Zerfall des Irak. Natürlich hat all das auch ihren Blick für Risiken verändert.

»Ich verdränge die Angst«, sagt die Frau: Die Gewehrsalven, die durch die Nacht knattern, die Detonationen - daran hat sie sich gewöhnt wie Deutsche daheim an das Rauschen einer Autobahn. »Man hat ein Stück die arabische Mentalität angenommen«, sagt sie: Es kommt ja doch, wie es kommt. Und wenn Gott will. Inschallah.

Als sie neulich zur Arbeit ging, lag ein toter Mann am Straßenrand, gefesselt, erschossen. Sicher hat sie das erschreckt, aber: »Was soll man machen?«

»Ich bin recht sorglos«, gibt die Frau zu. Immerhin, sie fährt nicht mit einer Aktentasche zur Arbeit, nimmt stattdessen eine Plastiktüte, das ist unauffälliger. Sie fährt mit den öffentlichen Bussen und hofft darauf, dass sie in der Menge geschützt ist. Und nach der Arbeit verlässt sie sich darauf, dass die Menschen in ihrem Viertel sie kennen, auf sie aufpassen. »Es kann doch überall etwas passieren«, beruhigt sie sich und rechnet vor, dass statistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit, ein Unheil könnte in einer Millionenstadt wie Bagdad gerade sie treffen, doch ziemlich gering sei. Die Rechnung geht allerdings nur auf, wenn man eines verdrängt: dass

man im Irak nicht wie Millionen andere ist, sondern eine Deutsche - ein ideales Opfer.

Aber es gibt andere Deutsche, die in noch größerer Gefahr schweben, weil sie sich im Land nicht auskennen: Der Irak braucht alles, was Unternehmen bieten können, und er kann dafür bezahlen, mit seinen Öldollar. Deshalb suchen auch deutsche Spezialisten und deutsche Firmen ihr Glück am Golf. Eine ganze Reihe von Unternehmen, vom Mittelständler bis zum Konzern, vertritt etwa der Berliner Berater Arndt Fritsche im Rahmen des Rebuild Iraq Recruitment Program - einer Privatinitiative der deutschen Industrie.

Jeden Monat fliegt er für eine Woche in den Irak. Fritsche, 38, sucht dann einheimische Fachkräfte, die Aufträge für deutsche Unternehmen ausführen können, damit nur im äußersten Fall Deutsche selbst die lebensgefährliche Reise wagen müssen.

Fritsche hat inzwischen alle Methoden ausprobiert, um im Irak heil durchzukommen. Früher beliebt: die Abschreckungsvariante. Er fuhr meist im Konvoi mit Bodyguards, die ihre Schnellfeuergewehre aus dem Fenster ragen ließen; an den letzten Wagen klemmten sie ein Schild mit der Warnung in die Heckscheibe, nicht näher als hundert Meter aufzuschließen. Sonst werde geschossen. Die Rambotour ist aber nicht nur teuer - 7000 bis 10 000 Dollar am Tag -, sie reizt auch Aufständische besonders stark, so einen Konvoi mit Panzerfäusten oder Minen zu stoppen.

Genau andersherum funktioniert die unauffällige Methode, mit der Gelan Khulusi, Chef der Deutsch-Irakischen Mittelstandsvereinigung, vergangene Woche durch den Irak reiste. Khulusi fuhr Taxi und sah dabei aus wie ein Iraker: Plastiktüte, Hauslatschen, Jeanshose, und immer vorn beim Fahrer sitzen, nie hinten - sonst könnte man glauben, er sei ein wichtiger Fahrgast. In seiner Jacke steckten zwei Personalausweise, einer mit schiitischer, einer mit sunnitischer Identität.

Der Berliner Fritsche verlässt sich inzwischen meist auf eine Mischung aus Camouflage und Feuerkraft: gut getarnt, aber stark geschützt. So etwas bietet im Irak auch eine deutsch-britische Sicherheitsfirma an, die Bielefelder Praetoria Beratung GmbH. 800 Bodyguards arbeiten dort für die Praetoria, neben den Einheimischen auch 200 Spezialisten aus dem Westen. Darunter sind eine ganze Reihe Deutsche - genaue Zahlen nennt Eigentümer Alex Breingan, ein Schotte, nicht.

Breingans Männer fahren Geschäftsleute mit alten Nobellimousinen durchs Land der Kidnapper, mit Autos, wie sie sich auch wohlhabende Iraker leisten können. Die Wagen haben Kratzer und Schrammen - sind aber technisch in Bestzustand, mit neuem Motor und schusssicheren Reifen. Sie sind dick gepanzert und haben schwerbewaffnete Personenschützer an Bord. Breingans Kunden sind Geschäftsleute, aber auch Ingenieure, oft aus Deutschland. Sie werden bei ihrer Arbeit rund um die Uhr bewacht, für 4000 bis 8000 Euro pro Tag, je nach Gegend. »Da geht es um viele Aufträge für die deutsche Wirtschaft«, erklärt Breingan.

Berater Fritsche warnt dennoch jeden Deutschen, selbst in den Irak zu gehen: »Das ist überall lebensgefährlich, egal, ob im Zentralirak oder im angeblich ruhigen Norden«, urteilt er. Er selbst hat eine Entführungsversicherung für sich abgeschlossen, für knapp 1000 Euro im Monat. Mulmig ist ihm trotzdem jedes Mal zumute: »Sie merken immer, dass Sie beobachtet werden.«

Die Zahl der Deutschen, die ihre Arbeitskraft auf eigene Faust im höchst gefährlichen Zentralirak für viel Geld anbieten, lässt sich höchstens schätzen. 20 bis 30 seien das, glaubt ein irakischer Geschäftsmann. Die meisten seien Sicherheitsexperten, aber es gebe auch Facharbeiter. Die allerdings hielten sich überwiegend in der »Green Zone« Bagdads auf, einem hermetisch abgeriegelten und vergleichsweise sicheren Distrikt.

So ist schon im Juli 2005 ein damals 30 Jahre alter Elektrotechniker aus Laatzen bei Hannover nach Bagdad gegangen, um Funkanlagen zu programmieren, für 6500 Dollar im Monat. Er arbeitet bis heute dort. Selbst die E-Mails seines privaten Arbeitsvermittlers Mohammed Behairy aus dem thüringischen Altenburg, doch bitte schnellstmöglich in die sichere Heimat zurückzukehren, beeindrucken ihn nicht.

Behairy, Chef der privaten Vermittlung BAV, hat mittlerweile von der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit die nachdrückliche Aufforderung erhalten, kein Personal mehr in den Irak zu schicken. Der gebürtige Ägypter hält sich daran - aber nun sei halt ein amerikanisch-irakisches Gemeinschaftsunternehmen auf eigene Faust in Deutschland unterwegs auf der Suche nach Arbeitskräften. JÜRGEN DAHLKAMP,

ANDREAS WASSERMANN

* Mit ihrem Sohn Sinan im Entführervideo vom 10. März.

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