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»Ich verlier' net die Kontrolle«

aus DER SPIEGEL 16/1975

An manchen Tagen redet er fünfmal, nie kürzer als eine Stunde, auf der letzten Veranstaltung am Abend dann zwei Stunden lang. Das Flußbett seines Redestroms führt ständig Hochwasser, und seine Assoziationen sind wie Stromschnellen. Er reißt sich selber mit. Energiemangel ist nicht sein Problem, eher schon eine Art Zwangsverhalten. Er kann einfach nicht aufhören zu reden, solange man ihn nicht machen läßt.

Der Wahlredner Strauß steht ersichtlich unter einer Spannung, die sich nur zum Teil in Rhetorik, zum anderen aber in einer gewissen Fahrigkeit entlädt: Die Hand, die eben noch mit gestrecktem Zeigefinger gestikuliert hat, will plötzlich in die Hosentasche. rutscht daran vorbei, fährt wieder hoch zum Schlips, findet auch dort keine Bleibe und fällt schließlich krachend aufs Rednerpult.

Wenn im Auditorium die massierten Störer fehlen, dann bringt schon der leiseste Lacher an der falschen Stelle, der albernste Ansatz zu einem Zwischenruf den Redner in Explosionsgefahr. Dann zucken Blitze aus den Wolken der Mäßigung, die er immer wieder vor sich hin schiebt ("Ich red' zwar deutlich, aber ich verlier' net die Kontrolle"), dann donnert er den »Andersgläubigen« ihre » Dummheit« um die Ohren und bezichtigt sie, »gewisse Massenmedien«, mit denen er übers Kreuz ist, als »Gehirnprothese« zu verwenden; lauter nutzlose Idioten. Aber »wer von mir glaubt, daß ich geistig primitiv bin, der muß nochamal in die Schule gehen«.

Wo (wie letzte Woche in Schleswig-Holstein) die Jusos den Strauß-Versammlungen geschlossen fernbleiben, kommen fast nur noch Jubilanten an den helmbewehrten Hundertschaften und den gelegentlich eingesetzten Hundestaffeln der Polizei vorbei. Es kommen mehrheitlich Menschen gesetzten Alters

darunter Damen, deren Unterkiefer sanft erzittern, und Herren, die unwillkürlich eine Faust machen. wenn der Kraftmensch am Rednerpult sie erst einmal in seinen Bann geschlagen hat.

Und das geht schnell. Strauß braucht bloß die SPD einen »Haufen von Spinnern« zu nennen, und die Leute sind von der Leine. Sie gehen zu Strauß, wie andere (oder auch dieselben) Leute zu den Catchern gehen; sie wollen sozusagen die schlimmen Griffe sehen, sie wollen es klatschen und krachen hören, wollen die eigenen, meist ziemlich verschwommenen Aggressionen virtuos artikulieren lassen von einem verbalen Kung-Fu-Fighter: Franz Josef Strauß -- ein Carl Douglas der Wahlkämpfe, jedenfalls eine Attraktion. Er füllt mühelos Säle, die andere Matadore gar nicht erst zu mieten wagen.

Es ist anzunehmen, daß zumindest das potentielle Sportpalast-Publikum auf seine Kosten kommt, obwohl ihm qua Substanz eigentlich nichts anderes geboten wird als die seit eh und je Strauß-spezifische Mischung aus Kassandra und Kabarett plus der Standardnummer aller Demagogen: mit dem herumgedrehten Spieß nach dem politischen Gegner zu stochern. Immerhin, das klatscht und kracht ganz schön: »Was sind das für blutige Dilettanten«, die da in Bonn regieren; Schmidt unter dem »hauchdünnen staatsmännischen Firnis« in Wahrheit ein »Reeperbahn-Redner. Brandt teils »Ersatz-Messias«, teils »eine Art James Bond« und alle miteinander »Schwätzer, Nichtskönner, Nonvaleure«.

Denn natürlich hätte er's gern so, daß »das Versagen dieser Regierung im Mittelpunkt steht und nicht, was wir unter uns besprechen«. Deshalb wohl auch will er künftig in CSU-Klausuren »keine Sonthofener Rede mehr halten, sondern mich bei einem Kabarettisten schulen lassen, damit ich das besser beschreiben kann, was bei uns sich abspielt«.

Zu spät. Die Sonthofener Rede ist nun mal gehalten und steht auch weiterhin im Mittelpunkt des Wahlkampfes. Es bleibt dem Redner nur der Gegenstoß, der Versuch eines Entlastungsangriffs -- und Strauß attackiert in beiderlei Gestalt: als Kassandra wie als Kabarettist.

Der Kabarettist sagt zum Beispiel, natürlich sei auch an den bevorstehenden Massenentlassungen bei VW nur »meine Sonthofener Rede« schuld. Und außerdem läßt er sich in einem eilig gefertigten Pamphlet vermarkten, das zum Teil aus einem Lexikon Straußbezogener Reizworte besteht. Unter dem Stichwort »Sonthofen« steht dort, unter anderem, »Ausgangspunkt einer gigantischen Hetzkampagne gegen FJS«.

Die Kassandra Strauß hingegen ("Ich hab' manchmal einen Instinkt für heraufziehende Gefahren") will Sonthofen verstanden wissen als Reaktion auf die drohende Katastrophe, die der deutschen Demokratie aus einer Verwischung der Fronten »zwischen Sozialismus und Freiheit« erwachsen müsse: »Warum reden wir heute deutlicher und schärfer als früher? Weil wir Gefahren sehen, die wir endgültig gebannt glaubten, die aber mit den Schwarmgeistern -- auch Willy Brandt ist ein Schwarmgeist -- hier wieder Einzug gehalten haben.«

Es ist, zuweilen, wie im Zeichentrickfilm: Franz Josef Strauß malt verbal ein lichterloh brennendes Haus -- und dann rennt er los wie die Feuerwehr; aber nicht zum Löschen. Oder, um es, Strauß zuliebe, altphilologisch zu umschreiben: Rom steht in Flammen, und Nero singt zur Laute.

Das sind wirklich Lieder »wie Pistolen«, Reden wie aus einer Haubitze, und selbst der Kanonier sieht aus wie eine geballte Ladung, deren Treibsatz nicht gezündet wird.

Hermann Schreiber
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