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»ICH WÄRE GERN DER MAO UNSERES KONTINENTS«

Der französische Journalist Jean Marcilly notierte sich Che Guevaras Bekenntnisse über die Revolution in Lateinamerika, als er 1966 den Guerilla-Führer in Venezuela traf. Marcillys Aufzeichnungen ist folgender Auszug entnommen:
aus DER SPIEGEL 35/1968

Mit Fidel ist es aus, und es ist auch wieder nicht aus! Man muß das verstehen. Es ist wie mit einem Freund, den man gern gehabt hat, mit dem zusammen man den Mädchen nachgestiegen ist, Fußball gespielt und die Polizisten geärgert hat. Man hat zehn Jahre oder noch mehr mit ihm verbracht, und eines schönen Tages läßt man ihn fallen, weil er nicht mehr dieselbe Richtung einhält.

Wir haben zusammen das tolle Abenteuer mit der »Granma« und in der Sierra Maestra erlebt -- Fidel und ich besaßen überhaupt nichts, nur unsere Ideale. Wir haben die Windmühlen einstürzen lassen und die Gebetsmühlen dazu. Was uns auseinanderbrachte, war zweifellos unser Sieg.

Das ist ein wenig so, wie wenn ein Liebespaar mit tausend Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Der Ärger, die Rückschläge, das verbindet die Herzen, die Seelen, die Körper. Und dann geht auf einmal alles glatt, alles ist die reine Wonne. Und in der Überfülle des Sieges zieht der eine nach links, der andere nach rechts -- und dabei geht alles in die Brüche.

Im Mißerfolg gibt es nur einen Weg, aber leider gibt es im Erfolg viele Wege. Zusammen waren wir die Jugend, die ewige Zukunft, und dann ist Fidel plötzlich zu einem reifen Menschen geworden, er ist auf der Stelle stehengeblieben, hat zuviel Rücksicht auf die anderen genommen. Ich hatte an seiner Seite nichts mehr zu tun, außer alt zu werden, und das ist etwas, wogegen ich mich immer sträuben werde.

Ich wollte lieber meinen Weg weitergehen -- aber ich muß mir immer vor Lachen den Bauch halten, wenn ich höre, daß man Fidel vorwirft, mich physisch »eliminiert« zu haben. Fidel und ich sind Blutsbrüder. Wer das Blut des anderen fließen läßt, wird sein eigenes Blut fließen sehen.

Lange Zeit hindurch hatten wir dieselbe Blutgruppe, und plötzlich ist das Blut des einen negativ geworden, während das des anderen positiv geblieben ist. Die Zukunft wird erweisen, in wessen Adern das wirklich positive Blut gekreist hat.

Was ist Kuba im Vergleich zur Revolution? Nichts, ein Kieselsteinchen im Meer. Die Insel Robinsons. Fidel amüsiert sich beim Robinsonspielen,

© 1968 Ferenczy Verlag AG, Zürich. Auszug aus den von Jean Marcilly aufgezeichneten Bekenntnissen Guevaras. Originaltitel: »Le Testament politique de Guevara«.

aber ich hatte es satt, die Rolle des Freitag zu spielen.

Man hätte den Sieg, den wir in Kuba errungen haben, richtig auswerten müssen, aber Fidel und die Idioten, die er um sich hat, bringen es nicht einmal fertig, ihn in Kuba selbst auszuwerten. Von Kuba aus hätte man ganz Südamerika befreien können. Und was ist geschehen? Statt reihenweise Guerrilleros auszubilden, hat man Funktionäre fabriziert, und hätte ich das unterstützen sollen?

Ich wünschte, Fidel hätte mich verstanden, aber dafür war er zu sehr Kubaner. Er will schlicht und einfach und egoistisch das Wohl der Kubaner. Welche Verschwendung, da Fidel doch als Revolutionär wirklich die Menschen mitzureißen vermag -- aber er hat seinen Zug im Bahnhof Kuba gestoppt, auf einem toten Gleis.

Ich weiß, daß er ein viel bedeutenderer Mensch ist, daß er mehr zu geben hätte, aber zu seinem Unglück hört Fidel zuviel auf die Russen. Er läßt sich von ihnen manipulieren, und dabei hat er von den Russen nichts mehr zu erwarten. Die Revolution von Lenin und Trotzki ist tot, sie widert mich an!

Castro ist augenblicklich für die Revolution verloren, aber er wird wieder zu ihr zurückkehren, so wie er zu mir zurückkommen wird. Denn mit mir hat er seine Jugend verloren, und Fidel ist trotz allem nicht der Mensch, dem daran liegt, uralt zu werden; er will vorher noch einiges erreichen.

Ich habe manches für Fidel getan. Ehe ich wegging, habe ich ihm sogar jenen »Abschiedsbrief« überlassen, den er öffentlich verlesen hat, um sich dadurch ein wenig weißzuwaschen. Diesen Brief hatten wir gemeinsam verfaßt.

Aber ich werde auch nicht hier (in Venezuela) bleiben. Erstens bin ich nicht willkommen, gelte als Störenfried. Und außerdem sind hier die Kommunisten, und das sind Feiglinge. Sie haben mehrere unserer Leute und dazu einen Konvoi mit Waffen, die Fidel von Kuba geschickt hatte, der Polizei ausgeliefert, Und sie haben beschlossen, eine »geistige« Revolution zu machen, diese Holzköpfe! Sie wollen nicht mehr, daß Blut fließt. Es sind Revolutionäre nach russischem Muster.

Ich will kein Castro, kein Bolivar, kein Chruschtschow sein. Ich wäre gern der Mao unseres Kontinents. Ich bin ein Mensch, der imstande ist, andere umsonst zu pflegen, und das habe ich meistens getan -- aber für alles Gold der Welt könnte ich nicht einem Menschen nach dem Leben trachten.

Man mag mich für einen Kommunisten halten, aber ich will nicht, daß man das sagt, weil ich fürchte, mit denen in einen Topf geworfen zu werden, die sich selbst Kommunisten nennen und die ich verachte. Es gibt keine Kommunisten mehr, vor allem seit man dieses Wort systematisch für die Russen verwendet. Die Russen haben mit diesem schönen Wort Schindluder getrieben und ein kleinbürgerliches, stinkiges Ragout daraus gemacht.

Es sind die sozialistischen Larven, die sich mit noblen Worten aufblähen und bloß saure Milch von sich geben. Mit ihrer Revolution haben die Russen die größte Betrügerei aller Zeiten aufgezogen, sie haben damit sogar die Päpste und die Katholische Kirche übertroffen.

Sie haben die Zaren und deren Clique durch eben solche Blödiane ersetzt und mästen sich auf die gleiche Weise. Die Sowjet-Union erlebt gegenwärtig das Zeitalter der Privilegien, und nirgends sind Anzeichen für eine bevorstehende Abschaffung der Privilegien zu erkennen. Zu Beginn standen alle in Rußland auf gleichem Fuß, aber dann haben sich neue Kasten gebildet, vom Zentralkomitee der Partei angefangen, und schließlich ist alles so, als hätte sich 1917 überhaupt nichts ereignet.

Da sieht man sie nun, die sowjetischen Generäle, mit Lametta behängt wie Göring, die Präsidenten, die Vizepräsidenten, die Fabrikdirektoren, die Direktoren von diesem und jenem, die in dicken Wagen fahren und Datschas besitzen, die Verantwortlichen, die nur für ihr eigenes Wohlergehen verantwortlich sind, während die Arbeiter vegetieren, die Bauern verzweifeln -- nach einem Super-Plan, aber trotzdem vegetieren und verzweifeln!

Die Russen sind nur tollwütige Individualisten. Niemand ist einem Amerikaner so grausam ähnlich wie ein Russe der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken heute. Alle reißen sich die Beine aus, um ein paar Rubel mehr als der Nachbar zu bekommen, alle intrigieren, um sich bei den »Chefs« lieb Kind zu machen, alle finden einen Dreh, um sich ihrer Verantwortung zu entziehen.

Ach, wenn ich an Kuba denke, wo Fidel jetzt dabei ist, dieselbe verrottete Zukunft in die Wege zu leiten; wenn ich daran denke, daß er sich ernstlich bemüht, genau das zu erreichen, dann wird mir übel!

Es ist ja im Grunde nicht so sehr die Sache der Revolution, die ich verteidige -- in Wirklichkeit ist das, worum es mir eigentlich geht, der Mensch. Gewiß, ich werde niemals eine sehr persönliche Vision von der Zukunft haben, denn ich bin auf meine Weise alles zugleich: Christ, Marxist, Trotzkist, Maoist, aber ich kämpfe darum, daß der Mensch eines Tages im Vergleich mit seinen Mitmenschen Gerechtigkeit und Gleichheit findet.

Ich weiß sehr gut, daß alles in erster Linie eine Frage der Geburt ist: Es gibt Begünstigte und Benachteiligte. Es beginnt damit, ob man gesund oder krank ist. Ob man ein Gehirn oder Kalbsbries im Schädel hat; ob man taub ist oder das absolute Gehör besitzt; ob man Märchen schreiben oder nicht einmal lesen kann.

Schon bei der Geburt ist die Ungleichheit eindeutig vorhanden, aber die Sache wird noch durch das Problem des »Milieus« verschlimmert. So wird ein Hohlkopf, nur weil sein Vater Direktor eines Hüttenwerks ist, automatisch der Nachfolger seines Erzeugers und der Chef von Individuen, die wahrscheinlich für diese Aufgaben besser geeignet sind als er.

Ich träume von einer Welt, wo jeder für genau den gleichen Lohn entsprechend seinen Fähigkeiten und zum besten seiner Fähigkeiten beschäftigt wird. Jeder wird auf genau derselben Stufe leben wie sein Nachbar. Mit der Leistung aller wird sich das soziale Niveau aller in gleicher Weise heben. Das wird der wahre Wohlstand des wahren Kommunisten sein.

Man sage ja nicht, daß dies ungerecht wäre, denn ich müßte antworten: Ja, es wird immer ungerecht sein, daß ein sehr intelligenter Mensch ebensoviel verdient wie ein Kümmerling. In Wirklichkeit sollte der sehr intelligente Mensch weniger bekommen, da ihm die Natur oder Gott, wenn man so will, bei seiner Geburt dieses ewige Kapital des schöpferischen Geistes geschenkt hat, einen unbezahlbaren Schatz also, während der andere, der Zurückgesetzte, schon benachteiligt ist, kaum daß er das Licht der Welt erblickt hat. Diesem Enterbten aber schulden die reichlich Bedachten alles.

Einer der Gründe, die mir die Russen ganz besonders verhaßt machen, liegt darin, daß sie für ihre Revolution die Verzweifelten vorangeschickt haben. Und die Überlebenden haben sie in zwei Generationen geopfert, unter dem Vorwand, sie müßten ein Land in Ordnung bringen, das seit Jahrhunderten von den Zaren dem Verderben überlassen worden sei.

Jetzt aber ist die erste Sorge der Staatslenker, der sogenannten Söhne der Revolution, alles zu hierarchisieren, alles zu »verbeamten«. Es sind berauschte Funktionäre, die Titeln, Auszeichnungen und Pensionen nachjagen, aber sie behaupten von sich, »Genossen« zu sein, damit sie sich bequem der Ethik der Partei anpassen können.

Aber all das, was sich in Rußland abspielt, zerstört meinen Glauben nicht. Ich sage mir, daß dies bestimmt eine falsche, aber notwendige Generalprobe ist -- es kommt nur darauf an, daß sie sich nicht anderswo wiederholt.

Es mag so aussehen, als sei nicht viel von dem Guevara aus Kuba übriggeblieben. Aber ich bin nicht arm, denn ich glaube an den Menschen. Und den Menschen kenne ich. Ich habe gelernt, ihn zu töten, um ihm die wirkliche Chance des Überlebens zu geben. Vor dem Menschen schrecke ich nicht zurück, denn seinetwegen kann ich vorwärts gehen und andere dazu bringen, mir zu folgen.

Ich übersehe dabei nicht, daß der Mensch Jahrtausende auf dem Buckel hat an Barbarei und Falschheit; ich vergesse nicht, daß er nur an sich selbst denkt, niemals genug an die anderen, und daß sein fürchterliches Mißgeschick, sein entsetzliches Unglück, gerade auf diese Selbstsucht zurückgeht.

Ich mißtraue dem Menschen, weil ich ihn liebe. Und ich mißtraue ihm, weil ich allein bin. An diesen Punkt aber sind wir schließlich alle gelangt. Entscheidend ist nur, daß wir uns darauf einstellen, indem wir etwas tun, das wirklich wichtig ist: für die anderen, nicht für uns selbst.

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