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EXZENTRIKER »Ich weiche niemals«

aus DER SPIEGEL 12/2001

Er kandidierte bei 50 Wahlen. Er wurde, meist wegen Beleidigung, über 30-mal verurteilt. Nun ist der Schwabe Helmut Palmer ruiniert - doch er tritt noch einmal an.

Sechzehnjährige aus der letzten Schulbank sind so. Die hassen Streber und verachten Kompromisse, und wenn ihnen ihr Vater oder ihr Großvater etwas von deutscher Disziplin erzählt, kann es passieren, dass sie antworten: »Ach, etwa so wie im Dritten Reich?«

Helmut Palmer ist 70.

Helmut Palmer hat zusammengekniffene Augen, er trägt eine graue Brille und seit ein paar Tagen einen Seitenscheitel und einen Schnauzer wie einst Adolf Hitler. Das ist Satire. Denn erzählt ihm ein Beamter von Fleiß und Gehorsam, kommt es vor, dass Palmer antwortet: »Welche Nazi-Muttermilch hast du gesoffen?«

Und dann geht es los.

Dann wird er angeklagt, und der Staatsanwalt verlangt besondere Härte. Dann sagen Polizisten für andere Polizisten aus. Und dann wird er verknackt. 100 Tagessätze à 30 Mark, drei Monate Gefängnis, alles schon da gewesen, und am Ende schimpft Palmer über die »verbrecherische Justiz«. Wenn er gute Laune hat.

Wenn er schlechte Laune hat, ruft er die Zeitungen an, packt sich ein Kreuz auf den Rücken und tritt gebeugt wie Jesus Christus den Marsch zum Knast an; oder er würgt einen Bürgermeister, oder er geht zum FDP-Treffen und nennt den Generalsekretär »Guido Schwätzerwelle«.

Und weil das nun seit vier Jahrzehnten so geht, ist der alte Mann aus dem schwäbischen Geradstetten, »Rebell vom Remstal« genannt, mittlerweile, so grotesk es erscheinen mag, Landesfeind Nummer eins. Rund um Stuttgart vergeht kein Parteitag, keine Gartenschau, kein Bürgerforum, ohne dass Palmer stören oder sonst wie agitieren würde. Für den Prototypen eines Querulanten halten ihn deshalb seine vielen Gegner; als Kohlhaas, als Robin Hood des Südens verehrt ihn sein weniger zahlreicher Anhang.

Gefesselt und geknebelt wurde er schon, gefoltert auch, sagt er jedenfalls. Über 30mal, fast immer wegen Beleidigung, wurde Palmer inzwischen verurteilt. Insgesamt mehr als zwei Jahre saß er im Gefängnis, gerade erst wieder für sieben Wochen im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg. Das haben nicht viele deutsche Politiker geschafft, auch nebenberufliche nicht.

Bei rund 50 Wahlen hat der Obsthändler, der sich selbst als »Pomologe und Bürgerrechtler« bezeichnet, bisher kandidiert. Einmal, in Schwäbisch Hall, ging es um das Amt des Bürgermeisters, und Palmer bekam 41 Prozent; doch vor dem zweiten Wahlgang einigten sich die Parteien auf einen gemeinsamen Kandidaten, Palmer bekam noch mal 41 Prozent, aber es reichte wieder nicht für ihn. Es hat immer nur zu neuem Hass und noch mehr Legenden gereicht.

Und darum ist Helmut Palmer, noch immer scharfsinnig und wortgewandt, inzwischen ein trauriger Held. Er hat Krebs, er ist bankrott. Jenes Bundesverdienstkreuz, das er sich immer gewünscht hat, bekam er nie. Alfred Biolek lädt auch immer nur »diese Dummbeutel« ein und nie Helmut Palmer, der von sich behauptet, dass er »die Bundesrepublik verändert« und »das Remstal bekannt gemacht« habe. Tatsächlich hat er Bürgerinitiativen gestartet und Autobahnen verhindert, also durchaus tüchtige Politik von unten gemacht.

Nichts hat es ihm gebracht, nur Erinnerungen. Es gab mal ein Netz von Verwandten und Vertrauten, die Palmer gehalten haben. Aber auch mit Freunden wie seinem einstigen Anwalt Rezzo Schlauch oder Stuttgarts Alt-Oberbürgermeister Manfred Rommel hat er längst gebrochen, weil sie zu sagen wagten, dass er womöglich »auch mal hätte nachgeben« können (Rommel). Die Justizministerin Herta Däubler-Gmelin verdammt er, weil sie ihm Hilfe versprochen und sich nie wieder gemeldet habe. »Schwach« und »feig« nennt Palmer die Millionen von Menschen, die glauben, dass Diplomatie nicht den Verrat von Idealen bedeuten muss. Und da sich sogar der Obstbauverein Geradstetten weigert, Obsthändler Palmer aufzunehmen, ist der nun ziemlich allein. »Eigentlich hätte ich Terrorist werden oder mich erschießen müssen«, sagt er und erzählt von der Gicht, den fünf Tumoren, der Blasen- und Prostataoperation und den Himbeeren. Für 3 Mark kauft Palmer das Pfund ein, für 6 Mark verkauft er es auf dem Markt, gerade 100 000 Mark im Jahr kommen so in die Kasse, zu wenig für Anzeigen und Wahlkämpfe, und darum gehört das Haus nun der Volksbank.

Der Rebell vom Remstal lebt in einem verwinkelten Eckhaus, einem Hexenhäuschen, das seine Großeltern gebaut haben. Palmer hat das Gemäuer ziemlich verändert. Heute gibt es draußen an der Fassade keinen freien Zentimeter mehr - überall prangen Wappen und Symbole und natürlich Parolen: »Ich weiche niemals« steht da, denn »das ist mein Leitspruch«, sagt Palmer. Es gibt auch einen Schaukasten, in dem Palmer die »Verbrechen der Justiz« darstellt, auch wenn »die Frequentierung« durch das Volk in letzter Zeit »zu wünschen übrig lässt«.

Und drinnen, im düsteren Wohnzimmer, gibt es das Faxgerät, von dem aus Palmer seine »Rundbrief« genannten Pamphlete und die vielen Beschwerden hinaus in die Welt jagt. Auf dem Tisch stehen Topfpflanzen, auf der Couch schläft der Kater Peter. Und Erika Palmer, die Ehefrau, trägt frischen Apfelmost herein und beklagt sich. »Ohne Kompromisse kann keiner leben, aber er macht keine«, sagt sie. Dann: »Er hätte längst aufgeben sollen.«

»Ich will doch nur in die Gemeinschaft aufgenommen werden«, sagt Palmer.

Er wollte wohl nie etwas anderes, und dass das bisschen Integration nicht funktioniert hat, sagt einiges aus über beide Parteien: über Palmer und über das ebenfalls nicht besonders gelassene Ländle.

Es war von Anfang an verkorkst. Palmer, unehelicher Sohn eines Juden und einer Esslingerin, die bei der NS-Frauenschaft war, wuchs bei seinen Großeltern auf. Es waren Jahre, in denen er ständig nachschaute, ob seine Ohren jüdisch aussahen, in denen er »die höchsten Alteisensammlungen hatte und die größten Brombeerblättersammlungen«, ganz wie der Andri in Max Frischs »Andorra«, der durch Leistung gefallen will.

»Hat nie etwas genützt«, sagt Palmer. Er war und ist der Jud von Geradstetten.

Natürlich haben die Gutachter in »den Palmer-Prozessen«, wie Palmer seine Verfahren nennt, gefolgert, dass dessen ewige Pubertät etwas mit früher Ablehnung zu tun habe, aber das ist das Allerletzte, was Palmer hören will. »Ein Scheißdreck« sei das, sagt er, »ich habe meine Jugend hervorragend bewältigt, das alles fing später an«.

Musik durfte er nicht studieren, also fing Palmer in einer Baumschule an, und 1948 ging er in die Schweiz. Dort lernte er, was nach seiner Heimkehr, 1950, den Streit zwischen Baden-Württemberg und Helmut Palmer entzündete - er lernte den »demokratischen Schnitt«.

Das Problem ist, dass Obstbäume in Deutschland seit Jahrhunderten »nach dem Führerprinzip« geschnitten werden, wie Palmer sagt. Der deutsche Apfelbaum, das meint er damit, hat einen Hauptast, der »in der Mitte hoch durchgeht«, und an dem hängen all die kleineren Äste, und das Dumme ist, dass die oberen Schatten auf die unteren werfen.

Hingegen der demokratische Baum: Der ist so geschnitten, dass er drei oder vier Leitäste ohne Verbindungen hat, »das sind vier offene Seiten und eine formvollendete Krone«, und überall kommt Licht hin.

Diese Lehre wollte der »Obstbaum-Nazi«, wie Palmer sich wegen seiner Theorie von der Auslese schwächerer Äste und der Liebe zu deutschem Obst nennt, den

Schwaben verkünden. Die wollten es nicht hören. »Ha, Leut, glaubet ihr, dass da noch a Obscht wachst an dem Ascht, der wo weggsägt worde isch?«, fragten die Wortführer in den Versammlungen, und selbstverständlich lachten alle. Seit 50 Jahren predigt Palmer nun den »Palmer-Schnitt«, aber das Einzige, was die Schwaben in ihrer »Pfurzknicker-Mentalität« (Palmer) anpflanzen, ist diese »Architekten-Petersilie«, die der Meister dann wieder umsäbeln muss.

Architekten-Petersilie sind jene Bäume, die in Fußgängerzonen einasphaltiert herumstehen und niemals gedeihen können. Also kommt der Kettensägen-Rebell vorbei, und wegen solcher Dinge landet er auch vor Gericht. Aber das sind wenigstens Prozesse, die ihn kaum gefährden, denn mit Grünzeug kennt er sich aus. Wie hoch sollte der Schaden auch sein, wenn Palmer beweisen kann, dass die Bäume nicht lebensfähig waren? Ärgerlich ist, dass die Staatsanwälte nicht gern verlieren und beim nächsten Mal noch verbissener kämpfen.

Es ist sicher falsch - was Palmer vermutet -, dass Justiz und Polizei »gegen mich abgerichtet« wurden; da gibt es doch andere Sorgen im Land. Aber es fällt auf, dass keiner jener Menschen je verurteilt wurde, die ihn, auch schriftlich, »Judensau« und »Psychopath« genannt haben, während es Palmer ständig erwischt.

Natürlich ist es ziemlich riskant, dass Palmer Polizisten, die braune Hosen tragen, gleich mit den Worten »Da sieht man doch, wo Sie hingehören« anspricht. Und sehr geschickt ist es wohl auch nicht, eine Politikerin namens Seiler-Albring schriftlich »Frau SA« zu nennen. Er sollte wohl auch nicht jeder Kundin, die auf dem Markt über seine Preise meckert, gleich ein »Und-ichweiß-was-Sie-im-Dritten-Reich-gemachthätten« entgegenschmettern.

Aber wenn die FDP nicht einst eine Aufnahme Palmers abgelehnt hätte oder wenn ihn nur ein paar Obstbauvereine zum Vortrag geladen hätten, wäre der ganze Krawall vermutlich längst vorbei.

Nun aber, so wünscht es der Remstal-Rebell, soll es ein triumphales Finale geben.

Palmer, geschwächt durch den Nierenkrebs, tritt bei der Landtagswahl am kommenden Sonntag ein letztes Mal an, diesmal in Schorndorf. Dem FDP-Kandidaten, sagte er zum Wahlkampfauftakt, wolle er »den Garaus machen«. Dann erklärte er den »totalen Krieg«. KLAUS BRINKBÄUMER

* Bei einer Baumschnittvorführung in Stuttgart-Stammheim am 25.November 2000.

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