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»Ich werde Deutschland wiedervereinigen, ob Sie es glauben oder nicht«

aus DER SPIEGEL 8/1968

6. Fortsetzung und Schluß

Bild« und »Welt« werfen die Frage nach Axel Springer als Politiker auf. Beide wurden Subjekte seiner politischen Leidenschaft, beide wurden zu Objekten dieser Leidenschaft, selbstgeglaubtes Mandat, für das Volk zu sprechen, das eine, Instrument, auf die Herrschenden Einfluß zu nehmen, das andere. Wer ist der Politiker Springer?

Die Beschreibungen sind widersprüchlich und selten frei von Animosität oder uneingeschränkter Bewunderung. »Kein Konservativer und kein Revolutionär, ein Mann der Mitte, der Mitte des Jahrhunderts«, liest man in einer Beschreibung Erich Kubys aus dem Jahre 1957, die dem Beschriebenen gefiel, aber wohl nur die Oberfläche trifft. Paul Sethe, ambivalent in seinen Gefühlen zwischen Bewunderung und Ablehnung, als habe er sich eines großen Verführers zu erwehren nennt ihn im Gegenteil »einen Mann von grenzenloser Subjektivität«, abgeneigt allem Maß und Ausgewogenen, ohne Sinn für Objektivierung, dabei genial begabt für Menschen, wenn auch selten zum Guten der Betroffenen.

Wenn die Schaffung eines unternehmerischen Großreichs fast aus dem Nichts, hervorgegangen nicht nur aus Marktchancen, sondern aus einem Geflecht von rechtzeitig erfaßten gesellschaftlichen Konstellationen, von zäh erhandeltem politischem Wohlwollen, Arrangements mit den Strömungen und Mächten der Gesellschaft und des Staates, geschickter Menschenführung. unter anderem auch ein politischer Vorgang ist, dann ist Axel Springer ohne Zweifel ein begabter Politiker.

Freunde wie Feinde gehen in der Aufzählung der Qualitäten einig, die dieses Werk zustande brachte: die Fähigkeit, Menschen in ihren Wünschen und Schwächen zu antizipieren' die scheinbar leichte Hand, sie zu lenken und sich zugetan, ja blind ergeben zu machen, die in allen Situationen des diplomatischen Umgangs vorzüglich funktionierende Intelligenz, die Gabe, spontan und überzeugt zu wirken und den eigenen Vorteil doch nicht aus den Augen zu verlieren, die Fähigkeit, die Kraft nur auf die wichtigen Entscheidungen zu konzentrieren und Macht zu delegieren, der nur scheinbar gefühlsbetonte, in seinem Kern eher zähe und selbstische Wille, für andere handelnd, stets auch für sich das Richtige zu tun, die Gabe des Glücks, ohne die kein großer Unternehmer oder Politiker ist: ein Mann, dem Macht zuwächst, weil er im richtigen Augenblick das Richtige zu treffen weiß.

»Schickt ihn für zehn Jahre als Botschafter nach Moskau, dann ist er von seinen Träumen kuriert, und seine Begabung ist genutzt«, pflegte Paul Sethe zu sagen, wenn die Rede auf die politische Doppelnatur Springers kam.

Gleichwohl ist der Verstand, der in seinen eigenen Interessen so instinktsicher politisch reagiert, nicht eigentlich politisch. Daß in der parlamentarischen Demokratie die Form schon ein guter Teil des Inhalts, das Verfahren so wichtig wie der Zweck ist, ist ihm fremd. Politik als beharrilehe Kunst des Ausgleichs, der hartnäckigen Überwindung von Friktionen im Rahmen der Spielregeln paßt nicht zu seinen leichten Visionen. Ihre Trockenheit langweilt auch. In Konferenzzimmern riecht es schlecht, Politiker und Beamte tragen meist unmögliche Anzüge, reden weitschweifig oder in umständlicher Gesetzessprache, zwischen Tabakrauch, Aktenluft und Mineralwasser geht es prosaisch Zu, auch auf dem Feld der internationalen Politik herrschen die Juristen. Ein solcher Schauplatz hat wenig mit der Welt der großen Politik zu tun, wie sie Hans Zehrer romantisch ausmalte. Der beredte Verteidiger der Plebejer, des »Mannes von der Straße«, verabscheut die Plebejer, wenn sie regieren, er möchte eine Demokratie ohne den Geruch der Demokratie und ohne die vermittelnden Institutionen, die seine Gefühle einengen, er möchte sie direkt.

Die zentrale Formel, von Hans Zehrer eingepflanzt, seit dem Erfolg der »Bild-Zeitung« tief in Axel Springer verwurzelt, ist dennoch »das Volk«. Was damit genau gemeint ist, läßt sich außer dem Adjektiv »deutsch« nur schwer definieren. Schöne und großherzige, aber unverbindliche Worte erfüllen den Begriff Volk wie mit einem sanften Nebel. Gott hat es geschaffen und ihm ein Vaterland gegeben, dessen Grenzen jedoch unbestimmt sind. Deutsche, Nächste, Brüder und Schwestern bewohnen es, die den Deutschen näherstehen als andere Nächste.

Die »höchste Forderung unserer christlichen Religion: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« habe für Hans Zehrer auf dem Felde der Politik einen klaren geographischen Bezug gehabt, sagte Axel· Springer am Sarge seines Freundes: »Ja, auch den Fernsten gehöre Liebe, aber vor allem dem Nächsten! Dem, für den uns Deutsche Gott verantwortlich gemacht hat. Dem Nächsten in Magdeburg, Dresden, Rostock, Ost-Berlin.«

Das Volk besitzt »unterschwellige Strömungen« und einen Willen, der »viel stärker ist, als die Welt gemeinhin annimmt« und der von den »kühlen Staatsmännern am Verhandlungstisch« verkannt wird. Es empfindet »Unbehagen über die auseinanderstrebenden Meinungen der Parteien« und will in seinen Schicksalsfragen einig sein. Es will »seinen Raum ordnen«.

Wie -- nach außen und innen -- ordnen, erfährt der Zuhörer dieser in Nachrufen und Reden vor den Mitarbeitern des Konzerns leicht hingeworfenen Visionen nicht. Nach außen »steht ihm das Recht zur Verfügung«, das Volk muß nur »dieses Recht -- bei aller Anerkennung unserer Schuld -- der ganzen Welt glaubhaft machen«. Nach innen ist es »antikommunistisch«, »demokratisch«, »frei« durch freie Wirtschaft, die in Form des ungehinderten Privateigentums und der reinen Mechanik des Marktes das höchste aller Güter ist, das einzig Absolute, eine religiöse Offenbarung.

Dem »Volk« als Leerformel entspricht das Charismatische als Führungsstil. Wo immer sich auf den Gebieten der Gesellschaft, der Kunst, der Politik Ansätze für den Kult der »begnadeten Größe« zeigen, werden sie von den Konzernzeitungen gierig aufgegriffen. Selbst eine so trockene, aus kommunaler Verwaltung, zäher Parteiarbeit und der Beherrschung der parlamentarischen Taktik zu staatsmännischem Rang aufgestiegene Gestalt wie Konrad Adenauer, der bürgerlich geprägte Parteipolitiker par excellence, erscheint noch charismatisch: Ein »Gnadenakt der Geschichte« habe in Adenauer »die Neubegründung der Autorität durch eine Persönlichkeit« vollzogen.

Charismatisch erscheint auch die Erscheinung des Verlegers selber, sowohl im Verständnis seiner Umgebung wie in seinem Selbstverständnis. Erstaunlich zahlreich sind die Äußerungen, die ihm höhere Gaben zuschreiben, selbst unter seinen Feinden:

* Mit Springers Generalbevollmächtigten Christian Kracht (l.).

** Mit Ehefrau Marianne (r.) und Springer-Schwiegertochter Rosemarie.

Er sei ein Mann des »genialischen Einfalls«, der »begeisternden Menschenführung«, »ein Genie«, schon früh dazu bestimmt, »entweder etwas sehr Großes oder gar nichts zu werden«, begabt mit »telepathischen Fähigkeiten« und einer »dämonischen Kraft über Menschen«, romantisch »höchstens wie Napoleon, der sein grenzenloses Gefühl mit einem kristallenen Willen in den eigenen Zwecken« verbunden habe.

Zieht man ab, was Erfolg und Reichtum bewirken, mindestens der erste unentbehrliche Bestandteil des Charismas, so bleibt die Wirkung eines ebenso ausgeprägten wie empfindlichen Selbstgefühls, das seine Bestätigung aus den Erfolgen einer neuen Massenpublizistik herleitet. Sie steigern seine Überzeugung von der Macht und Richtigkeit seiner Ideen bis an die Grenze des Sendungsbewußtseins, das mit dem Dandyhaften, Verwöhnten, Verspielten in seltsamen Kontrast tritt: der Volksführer nicht mehr als Demagoge, der den Massen ins Auge blickt, sondern als eleganter, sendungsbewußter Maschinist, der den großen Meinungsapparat so lenkt, daß er der Menge Hochgefühl und Ausdruck verschafft.

Dem zwar technisch gelenkten, aber charismatisch geführten Volk entspricht als politische Tugend der Glaube, der auch realpolitisch Berge versetzt. Auf Glaube reduziert sich der komplizierte gesellschaftliche Prozeß, der die industrielle Massengesellschaft gleichschaltet und zu totalitären Herrschaftsformen führt: Hätte es die Trägheit der Herzen nicht gegeben, einen guten Glauben statt des bösen, hätte es auch die Exzesse des Dritten Reiches nicht gegeben.

Glaube hätte »die korrupten Erscheinungen Innerhalb unserer Welt« schon überwunden und damit »den Sieg über den Osten längst errungen«, sagt Axel Springer zu Hans Habe. Glaube wird auch die Wiedervereinigung herbeiführen, dem »natürlichen Recht« der Deutschen so elementaren Ausdruck geben, daß die Staatsmänner der Welt gezwungen sind, ihnen das ihre zu geben.

Glaube an das eigene als das immer Gute herrscht auch im Bereich der eigenen Interessen. Nur so Ist die atemraubende Subjektivität zu erklären, mit der Axel Springer etwa seine Fernsehpläne gegen die Fülle der objektiven Daten betreibt, die wissenschaftliche und marktstatistische Gutachten inzwischen zusammengetragen haben.

Was noch Gegenstand von Gedanken sein könnte, wird schon zum Gegenstand von Glauben: Vermutlich liegt hier auch die tiefere Ursache des Zwists mit den Intellektuellen, die »auflösen« und »zersetzen«. Ihnen, den Zweiflern und Haarspaltern von Berufs wegen, denen an der Kette von Ursache und Wirkung, an den Zwischengliedern ebenso liegt wie am Endergebnis, gilt ein wenig die Geringschätzung des Praktikers, dem im kühnen Fluge Großes gelang, aber auch Unsicherheit.

Ähnlich ist offenbar sein Verhältnis zu Rudolf Augstein begründet, von dem ein Spötter einmal sagte, Axel Springer könne nicht verstehen, wie man es mit so großem Verstand so wenig weit bringen könne, Augstein nicht, warum Jemand mit so bescheidenem Verstand so großen Erfolg habe. Aus Augsteins Mißerfolg als Gründer einer Zeitungsdynastie und -herrschaft leite der Großverleger auch sein Mißtrauen gegen die politischen Ideen des SPIEGEL-Verlegers ab, dessen journalistischen Scharfsinn er im übrigen heimlich bewundere.

Die skeptischen Gefühle des erfolgreichen Selfmademans gegen den, der sich nicht aufs Verkaufen, sondern nur auf intellektuelle Erörterung versteht, sind nicht neu. Es verwundert nur, daß Axel Springer, vergangenheitssensibel mindestens gegenüber der Verfemung der Juden, deren Stigma der zersetzende »Intellekt« war, nicht bemerkt, in welche Tradition ihn die Politik aus Glauben einreiht und welche Rolle sie den Intellektuellen notwendig wieder zuweist.

Warum die Politik, die so viel bewegen sollte, gleichwohl nicht bewegte und auch ihr Hauptziel, die Wiedervereinigung, keinen Schritt weiterbrachte, liegt vielleicht an den zwei grundsätzlichen Fehleinschätzungen: an dem unpolitischen Charakter ihrer »Massenbasis«, die Axel Springer politisch mißverstand, und an der Ignorierung der Grundtatsache, auf der Politik im 20. Jahrhundert beruht, der veränderten Mechanik von Krieg und Frieden im Zeichen der nuklearen Waffen.

Auf dem Verhältnis von Käufer und Verkäufer beruhend, schafft die neue Massenpublizistik, aus der Axel Springer das mystische Mandat der Mehrheit ableitet, in Wahrheit nur Marktmehrheit und Marktautorität, die sogleich zerfallen, wenn andere als Konsumziele damit verbunden werden. Psychologen haben herausgefunden, daß die Wirkung der »Bild-Zeitung« auf die unmittelbare politische Willensbildung denkbar gering ist. Die Verwechslung von Public Relations und Politik muß ins Leere führen. Die mit gewaltigem Aufwand betriebene Abzeichenaktion »Macht das Tor auf«, aus dem Bewußtsein ihrer Käufer schon nach kurzer Zelt wieder spurlos verschwunden, ist nur ein Beispiel dafür.

Sucht man den »qualitativen Sprung« in Axel Springers oder Hans Zehrers Denken, so findet man so gut wie keine Spur. Das Problem der Kernwaffen existiert, wenn überhaupt, so nur in allgemeinen Gefühlen oder Händlerstandpunkten' etwa, man solle aus humanen Gründen besser keine Atombomben haben oder doch ein paar als Handelsobjekt. Die politisch folgenreichste Tatsache, die nukleare Implikation jeder Machtverschiebung, zentral für ein hochindustrialisiertes, dichtbesiedeltes Land in der Mitte Europas ohne Tiefe des Raums und Schutzmöglichkeit, scheint nicht begriffen zu sein.

Soweit sich Äußerungen finden, streifen sie das Leichtfertige. »Ehe nicht Bomben auf Perleberg fallen, werden wir keine Wiedervereinigung haben«, hörte Joachim Besser Hans Zehrer in einem Moment der Erregung sagen. »Nach Ihren Schlagzeilen muß man fürchten, daß es Krieg gibt«, sagte der ehemalige Controller der »Welt«, Steel McRitchie, auf dem Höhepunkt der Berlinkrise zu Axel Springer. »Es wird Krieg geben, wenn es keine Wiedervereinigung gibt«, erwiderte der Verleger. »Was dann wird, möge Gott verhüten«, schließt schon der Springer-Aufruf zur Wiedervereinigung in der »Bild-Zeitung« vom 28. Februar 1958 schicksalsträchtig.

Als er mit einer gecharterten Constellation im Januar 1958 nach Moskau flog, geriet der von Ideen der Versöhnung und persönlichen Diplomatie erfüllte Sonderbotschafter aus eigener Vollmacht mit dem engeren Hofstaat seiner Berater -- Hans Zehrer und Christian Kracht -- nach längerem Antichambrieren in einem tristen Moskauer Hotel an einen ungnädigen Parteisekretär Chruschtschow, der über den sowjetischen Standpunkt nichts anderes mitteilte, als was seit Jahren in allen Zeitungen stand.

Der Traum einer eigenen Ostpolitik, einer Schicksalswende durch gutherzige Verständigung -- »Ihr geht aus Deutschland fort, wir werden Eure Freunde« -, war damit ausgeträumt, der Weg für eine nur noch bewundernde Adaptation von Adenauers Realpolitik frei. »Härte«, »Unnachgiebigkeit«, Entspannung als »Gewäsch«, der Zonenstaat als »der Verbrecherstaat« wurden die neuen Vokabeln.

Der Kanzler und Führer der christlichen Demokraten nahm die unerwartete, überparteiliche Bewunderung und Hilfe gern an. Wie alle Dienste, die ihm nützlich waren, benutzte er auch diesen, ohne sich um die Nebenerscheinungen sonderlich zu kümmern. Das geringe Niveau der Konzernblätter, ihre politische Gefühlsverschwommenheit, konnte dem für seine eigenen Zwecke anspruchsvollen Zeitungsleser, der vorzugsweise die »Neue Zürcher Zeitung« las und früher Theodor Wolffs »Berliner Tageblatt« gelesen hatte, selber kaum viel bedeuten: Im Vertrauen gesagt, er lese den Wirrkopf gar nicht, sagte er einmal, als ihn jemand auf Hans Zehrers abweichende Interpretation seiner Politik ansprach. Um so lieber benutzte er die willigen Zeitungen als Instrument, seine einfachen Formeln unter die Leute zu bringen und auch vor der Welt zu artikulieren.

Dafür eignete sich vor allem die »Bild-Zeitung« vortrefflich' zu deren Bonner Korrespondenten und zu deren Chefredakteur Peter Boenisch er ausnehmend gute Beziehungen unterhielt; ihr Plakatstil, ihre Neigung zu unskrupulöser Vereinfachung kam der seinen entgegen; nebenbei förderte sie die Popularität und gab ein gutes Barometer für die Stimmung im Volke ab. Eigentlich lese er Zeitungen wie diese am liebsten, sie entsprächen seinem schlichten Gemüt, verblüffte er Besucher, die ihn dabei antraf en.

Es kam zu mündlichen und schriftlichen Absprachen, die dem Verleger schmeichelten und dem Kanzler nützten; auf ihre genaue Kenntnis wäre der Historiker neugierig. Sie gingen gelegentlich weit und kosteten manchen Redakteur die Stellung oder Androhung von Sturz, mindestens Tadel, die Grunddoktrinen der Regierungspolitik nicht in Frage zu stellen.

Wohl behielt sich der Verleger in einigen Punkten eine Art privater »Nebenregierung« vor, etwa zu entscheiden, wer zum Minister tauge und wer nicht, ob der Moskauer Botschafter noch tragbar sei oder Heber abberufen werden solle. Im ganzen aber wirkte die auf Konformität gestimmte Konzernpresse als milde Klimaanlage, die den Zerfall der christlich-demokratischen Herrschaft noch lange verdeckte, nachdem er schon offenkundig geworden war und an den inneren Widersprüchen und uneinlösbaren Versprechungen rapide vorwärts schritt. Die Ausrufung dieses Zerfalls als Staatskrise, nicht als normalen Wechsel einer verbrauchten Partei und Regierung, war das logische Schlußglied dieser Kette.

Spricht man den Verleger heute, so klingen seine Ansichten sehr viel nüchterner und gänzlich anders als das, was in seinen Zeitungen steht. Mit dem Verlust der Oder-Neiße-Gebiete werde man sich abfinden müssen, wenn es je eine Lösung des deutschen Problems geben solle; die deutsche Schuld sei ein realer politischer Faktor und einmal auf Heller und Pfennig auszuzahlen, nicht nur an Israel; den Schaden und die Furcht der Russen, Polen, Tschechen aus dem letzten Krieg werde man nur mit verdeckten Reparationen bannen können, die nicht nur die Militärmacht, sondern auch die Wirtschaftsmacht in langfristige, begünstigende Wirtschaftsverträge binden; es sei nicht einmal ausgemacht, ob unsere gegenwärtige Wirtschaftsform auf die Dauer die effektivere sei und ob man nicht einmal wechseln müsse, wenn andere sich als produktiver erwiesen.

Wendet man ein, daß seine Presse das Volk mit keinem Wort auf diese Konsequenzen vorbereite, sondern eher entgegengesetzte Illusionen nähre, so kehrt eine Mischung von Glücksideen, Kaufmannsstandpunkt und politischer Auffassung des Presseinstruments wieder: Man könne die Menschen nicht mit bloßen Worten unglücklich machen, ohne ihnen etwas dafür zu bieten; wer einen erfolgreichen Handel abschließen wolle, dürfe seine Preise nicht nennen; es gebe Dinge, die man wohl denken, aber nicht sagen oder gar schreiben dürfe.

Dieses »politische« Verhältnis zur Sprache, Ihre Trennung in öffentliche und nichtöffentliche Worte, die das Mehrdeutige dem Eindeutigen vorzieht, eher einem Politiker anstehend als einem Verleger von Zeitungen, dem Verbreiter wenigstens tendenziell »wahrer Worte«, ist vielleicht die tiefere Ursache des Mißverständnisses, mit Presse Politik und auf politische Weise Presse machen zu wollen.

Als Hans Habe in einem Interview vom März 1963 fragte: »Ich möchte klar formulieren: Treten Sie für eine unabhängige deutsche Atommacht ein?«, sagte Axel Springer: »Ich möchte ebenso klar antworten: Ich habe volles Vertrauen zu den Vereinigten Staaten und der Nato. Ich bin völlig mit einer Kontrolle unserer atomaren Waffen durch die Nato einverstanden«, als gäbe es »unsere atomaren Waffen« schon. Wenn Habe sagt: »Der Ton Ihrer Blätter verrät zuweilen alles andere als den Wunsch nach Abrüstung«, sagt Axel Springer: »Er verrät nicht den Wunsch nach einseitiger Abrüstung. Die Entspannung muß der Abrüstung vorangehen.«

Wenn der Journalist Walter Wegner wissen will, ob es für die Redaktionen des Konzerns »politischen Wink oder gar Lenkung« gebe, der »Redaktionelle Beirat« tatsächlich ein Steuerungsinstrument sei, erwidert der Verleger: »Angenommen, ich hielte es für angezeigt, daß in einem Bundesland eine in der Welt angesehene, potente jüdische Persönlichkeit Ministerpräsident werden sollte; ich spreche mit meinen Redakteuren: Überlegen Sie einmal, ob das nicht für Deutschland und sein Ansehen in der Welt gut wäre?«

Das gleiche Verhältnis wie zu Worten kehrt im Verhältnis zu den Zeitungsinhalten wieder: Abweichungen, Mehrdeutigkeiten sind zugelassen, solange sie sich in den Grenzen des kalkulierten Endzwecks halten, sie erlauben Zustimmung oder Desavouierung, je nachdem, wie die politische Situation es erfordert. Insofern ist der am meisten gelenkte Zeitungskonzern in seinem Kern der am wenigsten gelenkte: Es herrscht ein Klima, das alles möglich erscheinen läßt, allerdings nur dem Scheine nach und für den einen Eigentümer, der sich kühnen Meinungswechsel leisten kann.

Für die Schreibenden ist der Preis Unsicherheit und Selbstzensur, gelenkt nur von der Vermutung, daß Rechtsabweichungen lieber gesehen sind als Linksabweichungen, die Positionen schwächen könnten. Paul Sethe »macht die Wiedervereinigung kaputt«, wenn er Vorschläge für eine Verständigungspolitik nach Osten entwickelt, William Schlamm dagegen darf den schwarzen Mann spielen und mit Kommunistenschreck und Atomfaust drohen: Die staatsmännische Klugheit des Verlegers, im vertraulichen Gespräch weitgehend Zugeständnisse zu machen, wenn sie etwas bringen, bleibt davon unberührt. Kommunisten sind Verbrecher, aber der Pakt mit Stalin wäre möglich gewesen.

Eine Publizistik, die Gedanken veröffentlicht, um Gedanken zu verbergen, ist in einer demokratischen Gesellschaft jedoch ein Widerspruch in sich. Daß eine patriotische »Bild-Zeitung« Hitlers Aufstieg verhindert hätte, wie Axel Springer einmal sagte, ist einer jener blinden Flecken im Bewußtsein des Konzerns, der ihm den Blick auf den Zusammenhang zwischen rechter Massenpublizistik und »Nationalisierung der Massen« erspart.

Es liegt auf der Hand, daß eine konzernorganisierte Presse, die sich so machtbewußt und machtbezogen zum Partner der öffentlichen Gewalten macht und nicht zu ihrem verfassungsmäßigen Gegenüber, ihre Kontrollfunktionen gegenüber diesen Gewalten einbüßen muß. So war folgerichtig, daß die Konzernpresse in den beiden tiefgreifendsten innenpolitischen Krisen, in der die Presse jenseits ihres politischen Standorts auf ihre Fähigkeit zu unabhängiger Kritik und Kontrolle befragt war, versagte: in der SPIEGEL-Krise und bei den Berliner Studentenunruhen.

Mit zwanzig Zeilen wollte Hans Zehrer, der Chefredakteur der »Weit«, zunächst über die Staatsaktion gegen das Nachrichtenmagazin hinweggehen, weil »in acht Tagen ohnehin kein Mensch mehr davon spricht«; nur hartnäckiger Protest in der Redaktion sorgte schließlich für ausführliche Berichte. Am Ende diente die Technik der falschen Analogie dazu -- ein Leitartikel in sechs Kapiteln über das »Wilhelminische, Farcenhafte« der Krise mit dem Titel »Wie Anno dazumal« -,das Versagen der Konzernblätter bei der Aufklärung der Affäre notdürftig zu verdecken und die alten Rezepte anzubringen: Um so nötiger sei nun die apolitische Mitarbeit der breiten Massen« und eine »neue Form der Autorität und Führung«, die sich auf die »Identifizierung mit dem Staat« hinlenke.

Wie die Massen in einer solchen Krise zu lenken waren, demonstrierte die »Bild-Zeitung«, die den Kern des politischen Skandals und seinen Protagonisten Strauß mit einem Nebel vieldeutiger Worte bemäntelte, solange es eben ging, und erst umschwenkte, als sich auch die Mehrheit der öffentlichen Meinung gegen die Regierung wandte -- »Landesverrat ist ein gefährliches Verbrechen. Wer unter diesem Verdacht steht, verdient keine Beweihräucherungen, »Bild' wird immer verlangen, daß Unkorrektheiten, ganz gleich, von wem sie begangen werden, geahndet werden müssen, »Bild' wird nie vergessen: Unsere Freiheit wird nicht vom Bundesgericht in Karlsruhe bedroht, sondern von Chruschtschow, Ulbricht und seinen Helfershelfern.«

Abweichend tat sich nur der Chefredakteur von »Bild am Sonntag«, Hans Bluhm, hervor, der dem Kurs gegen den wenig geliebten, nun scheinbar getroffenen Aufklärungsjournalismus nicht folgte und in seinem Blatt strikt dabei blieb, die Presse werde ihre Macht einsetzen, »auch die dunklen Teile dieser Affäre ans Licht zu ziehen«. Es handle sich nicht um eine Krise der Presse, sondern um eine der Staatsautorität.

Die einzig spontane Geste unabhängiger Gesinnung in der Konzernspitze machte eine Intervention des Verlegers wieder rückgängig. Der Generalbevollmächtigte Kracht hatte dem SPIEGEL jede technische Hilfe angeboten und blieb wohl auch dabei. Aus der Rede des SPIEGEL-Verlagsdirektors Becker vor der SPIEGEL-Betriebsversammlung wurde der im Protokoll stehende Satz »Herr Kracht, der engste Mitarbeiter von Herrn Axel Springer, hat mich unterrichtet, daß jede Hilfe, die das Verlagshaus uns gewähren kann, uns gewährt wird« auf Wunsch des Konzerns in der später gedruckten und veröffentlichten Fassung jedoch wieder gestrichen.

Die Aktion gegen die störende intellektuelle Minderheit der Studenten, »Rowdies«, »akademische Gammler«, »Neurotiker«, »Kommunisten«, »geistige Halbstarke«, »eine Handvoll Rabauken«, kündigte sich in den Spalten der Mehrheitspresse lange an, ehe sie in Aufforderung zur Gewalt und Gewalt selbst umschlug.

Paradoxerweise wurde das Intelligenzblatt des Konzerns, »Die Welt« -- eigentlich dazu ausersehen, zu verstehen, was in der Intelligenz vorgeht -, zur Wortführerin der Kampagne. Ihre jungen Rechtsideologen Sander, Zehm, Waiden, auch noch der alte Zehrer, solange er die Feder führte, hatten seit Jahren die Stereotypen geprägt, mit denen der Bürger sich beruhigte und die differenzierten Ursachen der studentischen Unruhen vom Leibe hielt, tief verquickt mit der publizistischen Unmoral, den Vietnamkrieg nicht als eine Sache hilfloser, gewalttätiger Macht, sondern des Rechts auszulegen und auch der Minderheit zu bestreiten, gegen die Public-Relations-Verfälschung zu protestieren.

Um die Jahreswende 1967 rief Walden in einem Aritkel »Links vom Geist« in der »Welt« offen dazu auf, gegen die »geistige Ungewaschenheit« der »Roten Garde, Abziehbild des häßlichen Pekinger Originals«, den »immatrikulierten, mobilisierten Mob« endlich einzuschreiten: »Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.«

Schon bei der ersten Zuspitzung im April, der gescheiterten Puddingdemonstration einer kleinen, mehr unbeholfenen als gefährlichen Gruppe von Happening-Anarchisten gegen den amerikanischen Vizepräsidenten Humphrey, hatte die Konzernpresse einhellig den ungeprüften Polizeibericht veröffentlicht und das Ereignis zum »Attentatsversuch"' zum »Anschlag auf Leib und Leben des hohen Gastes« aufgebauscht.

In der Nacht vom 2. Juni 1967 versagte sie völlig. Auf Abwehr und das Stereotyp von »Ruhe und Ordnung« eingestellt, der Obrigkeit beflissen, weil sie Obrigkeit war, unfähig, sich wieder auf unabhängige journalistische Wahrnehmungen einzustellen, trug der riesige Presseapparat zur Aufklärung des blutigen Ereignisses nichts bei.

Auch in den nächsten Tagen reproduzierten die verwirrten, nur auf den äußeren Feind eingestellten Redaktionen In der Hauptsache kaum mehr als die amtlichen Halbwahrheiten und Dementis und einen Strom der Leserbriefempörung zu ihrer Rechtfertigung, der ihre Identität mit der Mehrheit des Volkes beweisen sollte.

»Wäre ich in meinen jungen Jahren von einem solchen Gesindel angegriffen worden wie der Polizeibeamte, der den Warnschuß abgab, dann hätte es anders geknallt«, ließ »Bild am Sonn-

* Am 9. Februar 1968, aufgenommen aus der Rotation.

tag« ihren Leser Emil Raudazus sagen. An allem sei sicher die »weiche Welle in der Erziehung unserer Kinder« schuld, schrieb Leserin Ruth Sch. in der »BZ«.

Da der Konzern siebzig Prozent der gedruckten Öffentlichkeit in Berlin produzierte, schuf sich die majorisierte Minderheit der Studenten eine eigene Öffentlichkeit buchstäblich auf der Straße: Diskussionstrupps sollten die Bevölkerung über die tatsächlichen Vorgänge und Motive aufklären. Der Übereifer, die Ungeübtheit, die Neigung, in Gegenagitation statt Aufklärung zu verfallen, minderte nicht das Bedeutsame des Vorgangs. Er deutete auf eine neue Phase in der Auseinandersetzung, ob die Kommunikationsapparate der Aufklärung oder der gesellschaftlichen Anpassung dienen sollen, in dem alten erbitterten Streit zwischen Aufklärungsjournalismus und Anpassungsjournalismus' den Axel Springers Geschäftsgenie und Adaptation der alten Mythen von Glück und guter Herrschaft 20 Jahre lang zu seinen Gunsten entschieden hatten.

Es ist eine blutige Pointe, daß sich der offene Konflikt zwischen engagierter Intelligenz und Mehrheitspresse gerade an der Gestalt entzündete, die dem Politik in Märchen verwandelnden neuen Journalismus seit seiner Erfindung den reichsten Stoff geliefert hat -- am persischen Kaiser und an der Entfaltung eines üppigen Staatsgepränges um das »Herrscherpaar auf dem Pfauenthron«.

Die Schahbanu habe Lippenstift und Puderdose in Lübeck vergessen, ein Hubschrauber der Bundeswehr habe sie ihr nachgebracht, lasen die »Bild«-Leser noch drei Tage später in ihrem Blatt, als die Erregung über die Berliner Ereignisse längst auf die westdeutschen Universitäten übergegriffen hatte und sich in der Solidarisierung breiter Schichten der akademischen Intelligenz eine tiefe innenpolitische Krise ankündigte, von der nur der Ausbruch des Israel-Konflikts willkommen ablenkte.

Dem Eigentümer der großen Traum- und Anpassungsmaschine, dem sich im gerechten Krieg Israels gerade ein neues Feld selbstloser Träume auftat, der doch immer nur das Gute, das Glück, die Harmonie aller gewollt hatte, blieben die Ursachen des Konflikts unverständlich.

Nun, da die politischen Träume mi widerstandslosen Medium der Massenkommunikation, die politische Begabung ohne angemessene politische Ziele ihn in eine konkrete politische Auseinandersetzung verstrickt haben, erweist er sich tatsächlich als hilflos, unpolitisch, ohne andere Argumente als das Recht auf Besitz und die exekutive Gewalt: Schlagstock und Pistole, kurzgeschlossene Polizeikontakte müssen das Traumreich schützen, das die blinde Staatsautorität so lange mit den alten Mythen verklärt und die usurpierte Macht verschleiert hat.

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