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»Ich werde Deutschland wiedervereinigen, ob Sie es glauben oder nicht«

aus DER SPIEGEL 4/1968

2. Fortsetzung

Vorwärts mit dem Volk. Devise des »Daily Mirror«. Daß Bilder tausendmal schneller den Weg zum Gehirn des Menschen fänden und eine Nachricht eigentlich viel einfacher übermitteln müßten, war schon die Idee von August Sehen gewesen, dem ersten Genie der Anpassungspresse und Projektemacher, der nach dem Erwerb eines Kolportage-Verlages und dem Bau einer Rollschuhbahn in Köln 1883 mit der Gründung des »Berliner Lokal-Anzeigers« in der frisch ernannten Reichshauptstadt die Basis für einen der ersten deutschen Pressekonzerne geschaffen hatte.

Sehen begründete auf seiner Bild-Idee die illustrierte Zeitung »Die Woche«, die zum finanziellen Rückhalt seiner phantastischen und schwankenden Unternehmungen wurde. »Momentphotographien« retteten auch die mißglückte »Erste Tageszeitung für Damen höherer Stände« von Alfred Harmsworth, nachmals Lord Northcliff, und verwandelten sie in das erste Massenblatt mit Millionenauflage, den »Daily Mirror«.

Auch ein anderer Kenner meditierte gelegentlich über eine den Massen leicht eingängige Zeitung. Sie sollte »viel Bildwerk enthalten, so gesetzt sein, daß sie leicht zu lesen ist, und auch einen Roman bringen, damit die Dirndln was davon haben": Hitler in seinem Hauptquartier Wolfsschanze. Die Engländer täten sich leichter, was Bild- und Lesestoff angehe, aus aller Welt ströme er ihnen zu, »aber wir werden jetzt auch weiterkommen

Nicht die Ausdehnung des großdeutschen Imperiums durch Krieg brachte die Deutschen jedoch weiter, sondern die Perfektion und ungehinderte Ausbreitung des Bild- und Nachrichtenfunks. Der Plan, den täglichen Überschuß des »Hamburger Abendblatts« kommerziell besser zu verwerten, den neuen Journalismus auch auf einem überregionalen Markt zu erproben, brachte Axel Springer auf die Idee eines noch leichter eingängigen »Abendblattes«.

Sein Kinosinn« der die Ausbreitung des Fernsehens in bewegten Bildern gespannt verfolgte, verfiel dabei auf einen Gedanken, der den technischen Möglichkeiten allerdings zwanzig Jahre vorauseilte: auf ein Fernsehen in starren Bildern, eine Tageszeitung, die Nachrichten nur in Action-Photos mitteilte, eine »Tagesillustrierte«.

Im Rotationsdruck in Massenauflage hergestellt, konkurrenzlos billig, möglichst nur zehn Pfennig, würde sie den Händlern vom bilderhungrigen Massenpublikum aus den Händen gerissen werden. In der »magischen Welt zweiten Grades« -- so die von Hans Zehrer zugelieferte Theorie werde sich Lesen und Schreiben wieder »wie früher« nur auf eine schmale Schicht beschränken; es breite sich der »optische und akustische Mensch« aus, ein quicklebendiger moderner Analphabet, hungrig nach Bildern und Tönen. Einige sparsame seelsorgerische Ideen konnte man im Innern des neuen Pennypaper unterbringen.

Auch dieses Mal rieten die engeren Berater eher ab. Der väterliche Teilhaber-Freund Voss, kaufmännisch vorsichtig, schätzte die Aussichten des Unternehmens skeptisch ein. Auch dieses Mal blieb Axel Springer zäh bei seinem Entschluß.

»Heute kostenlos, ab morgen überall für zehn Pfennig« erschien am Dienstag, dem 24. Juni 1952, in Tabakläden, Schreibwarenhandlungen und an den Kiosken »Bild -- Deutschlands modernste Zeitung«. »Täglich aus Hamburg« ergossen sich fortan 220 000 Exemplare auf einen neuen Markt, den Markt der Kleinstadt-Boulevards.

Die Urfassung der »Bild-Zeitung« ist verblüffend weit von der heutigen Form entfernt, nicht nur äußerlich, sondern auch im Ton des Vortrags. Die Schauflächen vorn und hinten füllten die blickfängerischen Photos und drei Comic-strips-Serien: »Spione von der anderen Erde«, »Bei Lottchen geht es lustig zu«, »Zwei Jungs unterwegs in Afrika«. Die Bild-Legenden waren so knapp wie möglich gehalten, die Schlagzeilenandeutungen am oberen Rand angelsächsischen Mustern nachempfunden.

Innen jedoch herrschte das Biedermeier des »Hamburger Abendblatts«. Es begann mit einer gedruckten Morgenfeier links oben: Nach Goethes Rat »Jeden Tag ein gutes Bild betrachten« zeigte man das Gemälde »Mutter« von Heinrich Lehmann aus der Hamburger Kunsthalle, in den folgenden Nummern meist Romantiker-Bilder mit bürgerlich -- idyllischen Familien-Porträts.

Der Tagesspruch »Am Dienstag notieren Sie in Ihrem Herzen: »Ein Leben ohne Freude ist wie eine weite Reise ohne Gasthaus"«

stimmt auf die säkularisierte Morgenpredigt ein, mit der sich nun fortan über neun Jahre lang bis kurz nach dem Bau der Berliner Mauer Hans Zehrer, genannt »Hans im Bild«, an die »einfachen Menschen« wandte, biedermännisch, jovial, gemütvoll« angestrengt schlicht, der konservative Revolutionär nicht mehr als Volksführer, der »Krusten durchstößt«, »aufsprengt«, »Kräfte freisetzt« sondern als Prediger und Volksfreund: »Man muß das Volk lieben, dem man angehört! Nicht den kleinen Mann und nicht den großen Mann und nicht den reichen und nicht den armen Mann, sondern alle zusammen.«

Dieses Volk -- das müsse auch einmal gesagt werden -- sei ein großartiges Volk, das voreinander den Hut ziehen könne, »wir jedenfalls werden es jeden Morgen von neuem tun«.

Man kann vermuten, daß es vor allem Hans Zehrers Laienpredigten waren, die zu dem hartnäckigen Selbstverständnis der Zeitung führten, sie sei ein »Volks« -- und kein Massenblatt, auch noch zu einem Zeitpunkt, als sie längst die bewährten Anreißertechniken der großen Massenblätter adaptiert und lediglich mit dem Zuckerguß der neukonservativen Erbaulichkeit überzogen hatte, der den angelsächsischen Pennypapers, etwa dem »Daily Mirror«, fehlt.

Die Adaptation der angelsächsischen Techniken erwies sich als nötig. Zwar meldete bereits die zweite Nummer, ein »über die Maßen begeisterter Leser« habe sich schon in der Frühe. kaum sei das Blatt auf der Straße gewesen, in der Redaktion eingefunden und einen Langhaardackel überreicht -- »Nehmt ihn hin, er heißt »Rübezahl« und sei fortan euer Redaktionsdackel«. Aber sie verschwieg dabei, daß es der Verleger selber gewesen war, der den Hund gebracht hatte, und daß man Rübezahls feuchten Augen noch eine wohlberechnete Public-Relations-Funktion zugedacht hatte.

Die Auflage stagnierte bei der Zahl der am ersten Tag verschenkten Exemplare und war weit davon entfernt, rentabel zu werden.

Es begann die allen Springer-Objekten eigentümliche Phase der Anpassung an die Bedürfnisse des Marktes. Sie dauerte nicht, wie die Legende will, nur eine Woche, sondern ein gutes halbes Jahr und, endete erst, als sich einige bewährte Boulevard-Journalisten an der Mitarbeit beteiligten, unter anderem der dreißigjährige ehemalige Flakoberleutnant Hans Bluhm, der im Januar 1953 von der erfolgreichen sozialdemokratischen Boulevard-Zeitung »Hamburger Morgenpost« in die Redaktion der »Bild-Zeitung« überwechselte.

Das spärliche Impressum der ersten Nummern nannte als »verantwortlich für den Inhalt« Rolf von Bargen, einen jungen »Abendblatt« -- Redakteur und blondlockigen früheren Oberleutnant zur See des U-Boot-Ostasienkommandos, der gern von seinen Erlebnissen auf Java schwärmte. Leiter der kleinen Redaktion, die im Hinterhaus der Alten Volksfürsorge, An der Alster 61, mit dem Verleger die ersten »Bild«-Nummern zusammenklebte, war jedoch ein Hamburger Zeitungsveteran, den das Impressum, aus welchen Gründen auch immer, erst am 7. Mai 1953 als Chefredakteur aufführte: Rudolf Michael.

Der stattlich-beleibte, 62jährige Michael, mit grauem Haar und Seehundsbart, Sohn eines Hamburger Kaufmanns, hatte die gutbürgerliche Hamburger Zeitungsschule durchlaufen: Volontär beim »Fremdenblatt«, danach Redakteur des nationalen »Hamburgischen Correspondenten«.

Wieder beim »Fremdenblatt«, Reisekorrespondent und Innenpolitiker des Blattes im Dritten Reich, schließlich beim »Hamburger Abendblatt«, dessen »neuer Stil«, wie man aus einer hausoffiziellen Biographie entnimmt, für Michaels Journalismus mit den Herztönen die ideale Basis abgab. Der politische Weg verlief parallel: liberal und national mit gelegentlichen lokalpolitischen Aktivitäten in Stresemanns Deutscher Volkspartei, deren rechter Flügel später in Hugenberg-Hitlers Harzburger Front abrutschte, ein kurzer bürgerlicher Ausflug in nationalsozialistisches Gedankengut, danach Enttäuschung und Ernüchterung, die nun zu Abstinenz rieten.

Sie war, solange Michael die »Bild-Zeitung« redigierte -- ein Zeitabschnitt, der vom Abschluß der Pariser Verträge über die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik bis zu Chruschtschows Berlin-Ultimatum reichte -,nahezu vollkommen.

Michael regierte die allmählich wachsende Redaktion väterlich-autoritär, ein ehrbarer Unterhaltungsmakler, der an die Stelle der Politik Gemüt und Tierliebe setzte.

Aus den knappen Legenden unter den Bildern wurden allmählich Meldungen, aus den Meldungen Kürzestberichte mit der Andeutung von Schlagzeilen und Fettungen. Endgültig mit der Nummer vom 12. Januar 1953 -- »Typhus in Stuttgart: bisher über 200 Kranke -- Kein Grund zur Panik -- Notkrankenhäuser eingerichtet« -- war man endlich bei der »Schlagzeile mit dem Holzhammer« angelangt, die Harry Guy Bartholomew 1934 mit Erfolg im »Daily Mirror eingeführt hatte.

Der neue Reiz-Journalismus bedingte allerdings variable Schlagzeilengrößen« eine auf maximalen Effekt zielende Dynamisierung des Umbruchs und die völlige Auflösung der herkömmlichen Sparten. der, nicht zum Schaden der Zeitung, allmählich auch das Heimelige zum Opfer fiel. Man handelte dafür eine ziemlich genaue Anpassung an das Leseverhalten des Normallesers ein, der eine Zeitung zunächst nach den »interessanten Stellen« absucht. Der Effekt stellte sich fast sofort ein, bereits Ende Januar 1953 begann das Blatt, auf eine ungewöhnliche Auflage-Steigerung loszusteuern.

Die hübschen Bikini-Mädchen, die zur Belebung schon verstohlen in die Tagesillustrierte eingedrungen waren, erschienen nun freizügig und unbekümmert, nach dem Vorbild der von Karikaturist Beuthin gezeichneten »Bild« -Lilli, einem weiblichen Wesen mit beachtlichen Beinen, ohne Zweifel eine legitime Schwester von Girl Jane im »Mirror«, dem Trost der Army, Royal Navy und Royal Air Force auf allen Kriegsschauplätzen.

Show-Geschäft und angelsächsischer »new look« brachten »Bild« den Durchbruch. Mit der wärmeren Witterung und dem ersten massierten Auftreten der weißuniformierten Sonderhändler im Straßengewühl kam es zu einer Auflage-Explosion, die in der deutschen Pressegeschichte ohne Beispiel ist: im März 1953 noch 400 000 Exemplare, im April 500 000, im Mai 600 000, im Juni 700 000 und so fort bis 1,2 Millionen Exemplaren im Dezember.

1955 überschritt das Blatt die Zweimillionengrenze, 1962 die »Traumgrenze« von vier Millionen Exemplaren, 1966 an 20 Tagen gar die Fünfmillionengrenze.

Der Massenerfolg des »Bild«-Journalismus blieb nicht ohne Eindruck auf Axel Springer, er reflektierte auf sein politisches Bewußtsein. Neben dem Austausch mit Hans Zehrer machte ihn die Resonanz, der Rückstrom der Leserbriefe -- zu wissen, was »das Volk« denkt und fühlt -, »politisch«. »Wenn Sie alle unsere Leserbriefe durchschauen könnten«, sagte er 1963 zu dem in Ascona lebenden Erfolgs-Autor Hans Habe, »wüßten Sie, wie ... das deutsche Volk heute reagiert.«

In die so genaue Erfühlung der Massenwünsche die eigenen politischen Vorstellungen einfließen zu lassen, war eine naheliegende Versuchung. Sie tauchte offenbar zum ersten Male 1956 auf, dem Jahr, in dem sich das Blatt der Dreimillionengrenze näherte und die Entscheidung für das Verlagsengagement in Berlin fiel. Nach der Moskau-Reise des Verlegers im Januar 1958 wurde das Blatt eindeutig zur Plattform der eigenen politischen Willensbekundungen« Manifeste« Dekrete und auf eigene Faust angestellten Plebiszite -- »,Bild' sagt, wie es ist!« lautet die Formel, die damals häufiger in Gebrauch kam.

Das erste spektakuläre Beispiel war eine Art letzte Note an den sowjetischen Ministerpräsidenten Chruschtschow und an die »Millionenschar der SED-Mitglieder«, am 28. Februar 1958 unter der Überschrift »Über die Elbe gesprochen«. In unerwartet staatsmännisch-gemessenem, »Bild"fremdem Ton faßte das bemerkenswerte Dokument die damals kursierenden Pläne zur Wiedervereinigung zusammen.

Immer mehr führende Männer in Westdeutschland machten sich Gedanken über eine Wiedervereinigung, »die nicht eine unzumutbare Überrollung der DDR mit wirtschaftswunderlichen Mitteln bedeutet«. Für den Fall der Ablehnung drohte die Zeitung in ihrer Mischung von Staatspolitik und astrologischem Hokuspokus allerdings schon Konsequenzen an: »13 Jahre sind seit Kriegsschluß vergangen! Im Laufe des Jahres 1958 wird sich zeigen, ob die 13 eine Glückszahl oder eine Unglückszahl für den Frieden der Welt ist.« Was dann werde, möge Gott verhüten.

Den Betroffenen blieb jedoch kaum Zeit, die »Note« zu beantworten. Bereits drei Tage später, am 3. März 1958, eröffnete die Zeitung mit einer düsteren Reportage über die »Nationale Volksarmee« ihren ersten Agitationsfeldzug gegen den Staat östlich der Elbe, der nun wieder »Sowjetzone« hieß. Er erhitzte sich im Sommer mit Zunahme der Fluchtbewegung, obwohl es den Flüchtlingsstrom in den Vorjahren längst und in viel stärkerem Maße gegeben hatte.

Am 28. November 1958 prallte die Fortsetzung der Politik mit Public-Relations-Mitteln zum ersten Male mit einer bösen Realität zusammen. In der gleichen Nummer, die den Start der Abzeichenaktion »Macht das Tor auf« verkündete, einer entwaffnenden Lieblingsidee Axel Springers wie die Frühlingssträuße am Jungfernstieg« meldete die Hauptschlagzeile Chruschtschows Berlin-Ultimatum. Während die Regierungskanzleien allen Verstand aufboten, die lebensgefährliche Koppelung von nuklearer Bedrohung und Berlin-Krise zu meistern, rüstete die Zeitung zum zweiten, noch heftigeren Agitationsfeldzug.

Er blieb zunächst ohne Feldherrn. Die erste Phase der Politisierung hatte schon unter Michael begonnen, aber der tierliebe alte Herr war für so politische Dinge nicht mehr der geeignete Redaktionsführer. Es folgte das Übergangsregiment Bezold, das nach Auskunft des Impressums vom 2. Dezember 1958 bis zum 30. November 1960 dauerte.

Oskar Bezold, ehemaliger Marineoffizier. korrekt und formell die Damen in der Redaktion mit »gnädige Frau« und »gnädiges Fräulein« anredend und in wohlabgemessenen Abständen zu kleinen Drinks einladend, war mehr ein begabter Organisator als ein ideensprühender Journalist. Er kam von der »Westdeutschen Allgemeinen Zeitung« in Essen, einem großstädtisch orientierten, auflagenstarken Regionalblatt des Ruhrgebiets, das wenig von Michaels heiligem »Abendblatt«-Biedermeier hatte.

Bezold setzte zwar die von seinem Vorgänger begonnene Aktion »Macht das Tor auf« in der »Bild«-Zeitung fort, doch dem neuen »Bild«-Chef fehlten die durchgreifenden Ideen und wohl auch der Rückhalt in der Redaktion. Er beschränkte sich auf die organisatorische Konsolidierung der Redaktion, die mit ihrem dichten Netz von Außenredaktionen und Informanten sowie der komplizierten Apparatur der fernsatzverbundenen Außendruckorte schon die Umrisse der späteren Mammutorganisation annahm. Die verkaufte Auflage stagnierte dicht bei der Dreimillionengrenze.

Ende 1960 traf man in beiderseitigem Einvernehmen ein Arrangement, das Oskar Bezold zur neu erworbenen Ullstein-Gruppe nach Berlin versetzte.

Der neue Chefredakteur Karl-Heinz Hagen hatte politischen Ehrgeiz, und seine Zeitungsideen kamen der neukonservativen Theorie vom Volk erstaunlich nahe.

Journalistisch war der kleine, geschmeidig-elegante, .schnurrbärtige Mann mit dem rasch ergrauenden Bürstenhaar und dem Nasser-Profil, Nichtautofahrer und Großneffe jenes jüdischen Bankiers Louis Hagen aus Köln, der 1913 den Scherl-Verlag vor dem »jüdischen Zugriff« durch den Zeitungsverleger Rudolf Mosse gerettet hatte, eine beachtliche Potenz. Ullsteins neualte »BZ«, von Hagen geleitet, machte der Berlin-Ausgabe der »Bild-Zeitung« heftig Konkurrenz; auch nach dem Erwerb der Ullstein-Majorität durch Axel Springer dauerte der scharfe Konkurrenzkampf fort. Der Erfolg empfahl den »BZ«-Chef für das größere Objekt.

Nach dem Motto »Hier ist lange genug geschlafen worden« setzte der damals 40jährige Hagen sogleich ein gründliches Revirement in der »Bild-Redaktion in Bewegung. Langerworbene Privilegien schwanden dahin« in die meisten Schlüsselstellungen rückten »Hagen-Leute« ein.

Seite eins, das »Schaufenster« der Zeitung, wurde von »Schmonzetten« -- Roman-Anreißer. Sportkasten und so fort -- entrümpelt, noch großflächiger« noch effektvoller gemacht. Auch im Innern des Blattes wurden die Gemütsreste eingeschränkt, lediglich »Hans im Bilds« Predigerkanzel, von der nun mitunter auch andere predigten die Hilfspredigerstelle rangierte hoch in der Redaktionshierarchie -, blieb noch ein Jahr unangetastet.

Gelegentlich erschienen nun zwei politische Aufmacher auf Seite eins. Während weltpolitisch Sturm aufzog, setzte die »Bild-Zeitung« alle Segel und drehte schäumend auf Agitationskurs.

Schon 1958 hatten Axel Springer und Hans Zehrer in der agitatorischen Auswertung der Fluchtbewegung offenbar den geeigneten Hebel gesehen, die erstarrte Deutschlandpolitik wieder in Bewegung zu bringen; jetzt griff »Bild« das Thema mit Hagenscher Effektivität auf.

Am 13. August 1961 um 1.11 Uhr morgens prallte der Agitationsfeldzug der »Bild-Zeitung« zum zweiten Male gegen eine Realität, gegen die »Maßnahmen zur Sperrung der Sektorengrenzen« des Ministerrats der DDR, später Stein geworden in einer Preßbetonmauer von beispielloser Gräßlichkeit quer durch die Stadt.

Über die Frontseiten des Blattes rollten nun Panzer, spannte sich Stacheldraht, marschierten maschinenpistolenbehangene Rotarmisten. Die Politisierung erreichte einen bisher nicht gekannten Grad: Mindestens optisch übertraf sie zum Teil, was man von vergleichbaren Blättern im Dritten Reich kannte.

An politischen Aufmachern findet man in der Zeitung, die Politik jahrelang kaum in Splittermeldungen gebracht hatte,

* am 30. August 1961: »Von der Vopo erschossen! Der zweite Fall in sechs Tagen. Moskau: Rekruten bleiben unter Waffen. Brandt über Adenauers Zustand: »Der alte Herr' ... Lübke in Berlin. So starb Grenzgänger G. Litfin«;

* am 31. August 1961: »Kreml droht mit Super-Bomben. Kennedy schickt General Clay nach Berlin. US-Panzer brachten Vopos zur Vernunft. Mord! Gesucht wird dieser Mann«; -- die auf einen DDR-Grenzer umgemodelte, nicht sehr originelle Nachahmung des berühmten »Mirror« -Steckbriefes vom 4. September 1939: »Wanted! For Murder. Adolf Hitler alias Adolf Schicklegruber, Adolf Hittler or Hidler«;

* am 1. September 1961: »Moskau -- Wieder Versuche mit Atom-Bomben. Schüsse gegen Hamburger Küstenfrachter. Spalter-Flagge über Stacheldraht. Lübke: »Wir müssen Opfer bringen. Keulenschlag für Neutrale. Die Welt ist über Moskau empört«;

* am 8. September 1961: »Ulbrichts Hitler-Jugend droht jetzt offen: Wir werden auf Deutsche schießen. Bonn: mehr Soldaten, mehr Geld. Chruschtschow prahlt mit seinen Bomben, aber der Westen ist stärker. Atom-Faust aus dem Güterzug«;

* am 9. September 1961: »Es gibt wieder KZs in der Zone. Ost-Berlin: Schon die ersten Urteile. Wie 33: Selbstmordserie in Ost-Berlin. Notfalls mit Jagdschutz« -- umrahmt vom »Stacheldraht-Umbruch«;

Theater-Intendanten, die weiter Stücke von Bertolt Brecht spielten, wurden mit Leserbriefbeschimpfungen überschüttet und dem Ausdruck »nützliche Idioten« bedacht. Als westdeutsche Aussteller trotz der angespannten Situation zur Leipziger Herbstmesse fuhren, entfachte die Zeitung am 6. September 1961 ein empörtes Leserbrief-Plebiszit: »Was die 380 Firmen tun, ist Landesverrat. Geschäft bleibt eben Geschäft. Und ein Schwein bleibt ein Schwein, auch wenn es sauber gewaschen Ist.«

Das war nun schon die Sprache des »Stürmer« und des »Schwarzen Korps«; neben den vertrauten Stereotypen drang jetzt auch das alte Vokabular in die neue Propagandamaschine ein, die im Nebeneffekt gleichzeitig ein riesiges Alibi produzierte. In der Analogie von Vopos und »dem barbarischen Menschenhaß der SS-Vernichtungskommandos« von Zone und KZ, von Mauer 1961 und Machtergreifung 1933 schuf sie das Bild eines zweimal unterdrückten Volkes, beide Male Opfer einer winzigen Minderheit, selber unbeteiligt an Unterdrückung und Terror, unschuldig an seinem Schicksal damals wie heute.

Präsident Kennedy, mit der Sportpalast-Schlagzeile »Ein Wille! Ein Weg! Ein Ziel!« im Juli noch stürmisch als großer Führer des Westens gefeiert, wurde nun heftig geschmäht: am 16. August 1961 mit der Schlagzeile: »Der Westen tut nichts«; am 25. September 1961 mit dem riesigen Hauptaufmacher: »Wird Deutschland jetzt verkauft?«.

Man hat diese zweite Schlagzeile später mit Hagens Abberufung in Zusammenhang gebracht. Da aber ziemlich feststeht, daß der Verleger sich selber an der Formulierung beteiligt hatte -- Hagen soll die Fassung »Verhandelt, aber verkauft uns nicht« vorgeschlagen haben -, wird man andere Differenzpunkte für den überraschenden Wechsel im »Bild«-Oberbefehl suchen müssen, der in der ersten Dezemberhälfte abrupt vollzogen wurde.

Der eine lag vermutlich in Hagens innenpolitischer Ambition, die mit einer Grundregel des Massenkonsumblattes in Kollision geraten war: daß es sich wohl einen äußeren Feind leisten dürfe, niemals aber für länger einen innenpolitischen, der es in Widerspruch zu den herrschenden Trends brachte. Hagen war nach der Bundestagswahl 1961 für ein starkes Allparteienkabinett gewesen, notfalls gegen Adenauer. »Die Furcht eines großen alten Mannes gegen die Hoffnung von 70 Millionen Deutschen in Ost und West -- was wiegt schwerer?« schrieb »Bild« am 12. Oktober 1961. »Das Kabinettchen«, höhnte die Schlagzeile am 8. November 1961 über die neue Regierung der Kleinen Koalition unter Adenauers Führung. Und man kann sich vorstellen, daß sie dem Verleger nun doch peinlich war; zu oft hatte er Briefe mit dem alten Kanzler getauscht und ihn seines Respekts versichert, sich in der hohen Politik auch mit ihm abzustimmen gesucht.

Der zweite Differenzpunkt« vermutlich eher ausschlaggebend, hing mit dem ersten indirekt zusammen. Die in der Ahnung der Massenwünsche selten fehlgehende Intuition mochte Axel Springer sagen, daß die übertriebene Politisierung dem Absatz der Zeitung auf die Dauer schaden würde. Der Zuckerguß an Unterhaltung und human interest sei dem Verleger zu dünn geworden, erklärte Hagen nach einer Aussprache am 9. Dezember 1961 im 12. Stock des Verlagshochhauses, in der Axel Springer dem kurz vorher noch hochgelobten Chefredakteur die Trennung vorgeschlagen hatte.

So verließ Karl-Heinz Hagen nach vierzehn Monaten im Januar 1962 ohne Arbeitsgericht, aber mit einer guten Abfindung das Haus, In das er vier Jahre später, nach dem großen Illustrierten-Revirement, als Chefredakteur »zur besonderen Verwendung« zurückkehrte, diesmal nur noch mit einem Unzertrennlichen, seinem »Quick«-Stellvertreter Prinz.

Die Wahl des Nachfolgers, von Hagen vorgeschlagen, von Axel Springer sogleich akzeptiert oder auch schon selber erwogen, war immerhin ungewöhnlich: Sie brachte den jüngsten der möglichen Kandidaten auf den Posten, der im redaktionellen Bereich nun zum wichtigsten des Hauses geworden war. Es war ein Generationenwechsel, wie sich herausstellen sollte.

Peter Boenisch« Sohn einer Russin und eines Deutschen, war, 1927 geboren, in Berlin aufgewachsen. Im Spätsommer 1945 geriet der Achtzehnjährige in Berlin an einen früheren Freund der Familie, der gerade Aushilfsreporter für die »Allgemeine Zeitung« suchte, die Berlin-Vorläuferin der amerikanischen »Neuen Zeitung«.

Das beifällig aufgenommene Probestück war ein Artikel über die erste Nachkriegsmodenschau mit Modefrisuren, da die Stadt nach einem Befehl des amerikanischen Kommandanten General Barker »normalisiert« darzustellen war. Für 250 Reichsmark und ein warmes Essen am Tag begann die Reporterlehre.

Nächste Stationen waren die Münchner Zentralredaktion der »Neuen Zeitung« und das platte schleswig-holsteinische Land: Bei der »Schleswig-Holsteinischen Tagespost«, nachmals »Schleswig-Holsteinische Landeszeitung«, einem konservativen Lokalblatt in Rendsburg mit 22 000 Exemplaren Auflage, bewarb sich der Zweiundzwanzigjährige 1949 erfolgreich als »politischer Schriftleiter«.

Im Kleinstadtmilieu von Gustav Freytags »Journalisten« begann er seine ersten publizistischen Feldzüge auf eigene Faust, gegen die »Cliqueokatrie« der großen Parteien und gegen Mißstände in der Lokalpolitik, aber auch für eine ernsthafte Prüfung der sowjetischen Deutschlandnote von 1952.

1955 erschien Boenisch zum ersten Male bei Axel Springer; in der »Bild«-Redaktion erinnerte man sich später an einen freundlichen jungen Mann, der Zuckerstückchen verteilte und Sekt ausschenkte, vom Redaktionspatriarchen Michael aber wenig freundlich aufgenommen wurde. Zu einer festen Anstellung kam es jedoch noch nicht; der Verleger fand ihn, entnimmt man einer Journalistenkorrespondenz« noch »zu jung und zu impulsiv«.

Boenisch, Im Dezember 1961 34jährig, hatte zuletzt Kindlers auf Linkskurs steuernde Illustrierte »Revue« geleitet und im gleichen Verlag ein Kind eigener Art großgezogen, die Teenager-Zeitschrift »Bravo«.

Im Sommer 1959 war er zu Axel Springer übergewechselt, wo er zunächst Probenummern für die geplante europäische Super-Illustrierte »Capitol« herstellte, ein Prouvost-Mondadori-Springer -- Lord -- Drogheda-Projekt, das nach einem schon gedruckten Prospekt den »seit der Götterdämmerung der Cäsaren« geträumten Traum eines geeinigten Europa viersprachig verwirklichen sollte und schließlich an britisch-französischen Differenzen scheiterte.

Das nächste Projekt war ein englisch-sprachiges Berlin-Heft der früher Ullsteinischen, nun Springerschen »Berliner Illustrierten«, ein politisch gemeintes Public-Relations-Produkt im technisch perfekten Bilderbuchstil des Hauses, das teils der Bekräftigung des Titelbesitzes, teils der Deutschlandpropaganda in den Vereinigten Staaten dienen sollte.

Heute stets taylormade nach letztem Schnitt exklusiver Herrenjournale gekleidet, dirigiert Boenisch die riesige Redaktionsmaschine der »Bild -- Zeitung« inzwischen mit leichter Hand. Auf seinem mahagonidunklen Diplomatenschreibtisch aus dem englischen 18. Jahrhundert stehen Widmungs-Photos von Konrad Adenauer, John F. Kennedy im Händedruck mit Peter Boenisch, Axel Springer und meist. eine Rose.

Peter Boenischs Stereotypen -- Repertoire ist reichhaltig und rasch in Schlagworte umgemünzt, die in Berlinismen brillieren, von der »,Bild« ist ein Volksblatt«-These über die »Partei des gesunden Menschenverstands« bis »zur Politik der radikalen Mitte«.

In dem ausgeprägten Sinn für Macht, der Neigung, persönlich auf sie zu reagieren, liegt offenbar auch die Affinität zu einem anderen intelligenten Pragmatiker, dem die persönlichen Vorlieben und Animositäten die Mittel gelegentlich unbedenklich machen. zu Franz-Josef Strauß, der als Verteidigungsminister den jungen »Revue«-Chefredakteur Boenisch nach einer Kontroverse nicht verärgert abgekanzelt, sondern in kluger Praxis zum Essen eingeladen und ihm seine Politik erläutert hatte. Die Begegnung begründete eine dauerhafte Beziehung, die für Franz-Josef Strauß gewiß interessant war und später zu einer Duzfreundschaft wurde.

Der neue »Bild«-Chef, laut Impressum seit 12. Februar 1962 in der Kommandozentrale, tatsächlich aber schon einige Wochen früher, führte den von Hagen begonnenen Feldzug gegen die Mauer zunächst weiter und eröffnete noch einen zweiten auf einem innenpolitischen Kriegsschauplatz, der dem Verleger um diese Zeit wichtig wurde, auf dem Felde der Fernsehpolitik.

Der Feldzug gegen die Mauer, in der Reihenfolge der »Bild«-Feldzüge der dritte, fand seinen Höhepunkt im August nach der Erschießung des Ost-Berliner Bauarbeiters Peter Fechter und damit auch schon sein abruptes Ende.

Der Fernsehfeldzug dagegen wurde zum Musterbeispiel ad hoc geschaffener Öffentlichkeit. Man wird kaum annehmen können, daß der eigentliche Kern von Axel Springers Forderung -- ein privates Fernsehen auf der Grundlage von lukrativer Werbung plus gängiger Unterhaltung plus verstärkter Wiedervereinigungspropaganda -- die Masse der Fernseher ernstlich interessiert oder gar zu spontaner Aktion angeregt hätte: Keine der Organisationen und Kommunikations-Apparaturen, die Massenstimmungen sonst registrieren, fing ein solches »Volksbegehren« auf.

Der in den tieferen Schichten des sozialen Ressentiments latent vorhandene Unmut gegen »die da oben«, der unartikulierte Ärger gegen diese oder jene Sendung ließ sich jedoch, wie die Kampagne zeigte, mit einem Masseninstrument wie »Bild« leicht in eine Akklamation für die Ziele des Verlegers umleiten und zu einer Art Plebiszit verdichten.

Suggestive Fragestellungen und Kommentar-Untermalungen öffneten die Schleusen des Volkszorns: »Schämt Euch!«, »Der größte Käse«, »Man müßte das Fernsehen wegen Betrugs verklagen«, »... selbst unser Hund lief aus dem Zimmer und erschien erst, als die Sendung vorüber war«, »Bild' soll das Sprachrohr enttäuschter Fernseher werden«, »wenn der Pfarrer Heß und andere sogenannte Programmgestalter meinen, sie brauchen auf die Massen keine Rücksicht zu nehmen dann sind sie für die sogenannten Massen untragbar«, lauten Kostproben dieses Leserbriefplebiszits, das am 23. September 1963 in der Schlagzeile auf Seite 1 gipfelte: »Deutsche werden fernsehmüde«. Darunter war eine großzügige Interpretation einer Infratest-Untersuchung über die Zuschauerhäufigkeit bei verschiedenen Sendungen abgedruckt, die völlig normale Zahlen ergeben hatte.

Neben dem Fernsehfeldzug focht die Zeitung noch eine Privatfehde mit dem »Panorama«-Chef Gert von Paczensky aus, der »Bild« in einer Fernsehsendung nicht sonderlich sanft, aber wirkungsvoll angegriffen hatte. Sein wohlgestutzter Kinnbart erlaubte die Vermischung der Aggressionen: »Der Spitzbart muß weg«, hieß es im Leserjargon in Anspielung auf Ulbricht, Beispiel jener Assoziationstechnik, die in diesem Falle »intellektuell« mit »kommunistisch« assoziierte.

Die Ad-hoc-Plebiszite verpufften jedoch. Sie beruhten auf der gleichen Verkennung der Entscheidungsmechanismen in einer pluralistischen Massendemokratie, die Axel Springer später noch so häufig unterlief.

Für den neuen »Bild«-Chefredakteur war die Vergeblichkeit eine Lehre, die Verhältnismäßigkeit der Mittel in der Führung eines Massenblattes noch schärfer zu erkennen. Sein Konzept war von Anfang an »demoskopischer": Man könne sich den großen Trends wohl anpassen und sie verstärken, nicht aber sie »umdrehen« oder verursachen. Andererseits dürfe eine Zeitung den Massenemotionen auch nicht bloß nachlaufen, sondern müsse ihnen immer um eine Nasenlänge voraus bleiben.

»Demoskopischer« bedeutete im übrigen auch, daß die Zeitung sich stärker auf den treuesten Teil ihrer Leserschaft einstellte, die Leserinnen. Unter Hagen war die Zeitung zu »männlich« geworden, Boenisch gab ihr sogleich eine »weiblichere Note«. »Jeder zweite Leser ist eine Leserin«, mahnte fortan ein Plakat von den Wänden der Redaktion.

Die neue »Bild«-Theorie brachte auch sogleich Erfolg. Die Zeitung geriet wieder in Bewegung, sie machte den zweiten großen Sprung ihrer Geschichte nach vorn. Nach sechs Monaten stieg die Auflage auf vier Millionen Exemplare, alsbald näherte sie sich der Fünfmillionen-Grenze, die sie drei Tage nach der Ermordung Präsident Kennedys am 25. November 1963 zum erstenmal, nach Chruschtschows Sturz im Oktober 1964 zum zweitenmal, nach der Wahl zum Bundestag im September 1965 zum drittenmal, nach der Fußball-Weltmeisterschaft im August 1966 gleich zwanzigmal überschritt.

im Schutze der neuen Erfolgskurve wagte man nun auch, ein bis dahin absolutes Tabu anzugreifen: den Groschenpreis. Taste man ihn an, werde der Erfolgsmythos sogleich zerfallen. lautete ein Vertriebsdogma.

Der Glaube an die Zauberkraft der einen Münze trieb so seltsame Blüten wie die lobbyistische Anregung der Bonner Konzernvertretung an die Bundesregierung, die Prägung eines Fünfzehnpfennigstücks zu erwägen.

Hinter einer Nebelwand von Dementis vollzog sich die Vorbereitung massierter vertriebspsychologischer und redaktioneller Mittel, um den 6. Oktober 1965, den »schweren, aber auch stolzen Tag für »Bild"«, erfolgreich zu bestehen und über 100 Grossisten, 68000 Einzelhändler und vier Millionen »Bild«-Käufer auf den neuen Preis von 15 Pfennig umzusteuern.

Schwerste Geschütze wurden in dieser bisher kostspieligsten Werbekampagne einer Nachkriegszeitung aufgefahren: riesige Farbplakate in allen Städten, großflächige Anzeigen in fast allen Zeitungen und Illustrierten. Preisausschreiben, eine Flut von Rundschreiben, Anweisungen und Verkaufshilfen für den vertreibenden Handel; über Verlag und Redaktion wurde »Urlaubssperre« verhängt.

Für die Masse seiner Leser beschwor das Blatt die alte Gemeinschaftsideologie: »Die »Bild«-Familie hilft sich selbst.« Mit Tausenden von bereitgehaltenen Fünfern werde sie den »Bild«-Verkäufern »Leben und Arbeit« leichter machen.

Die Einbuße betrug in den ersten Monaten zwischen drei und siebeneinhalb Prozent der Auflage, hatte sich nach einem halben Jahr aber bereits wieder ausgependelt. Sie hinderte nicht den bis 1967 absoluten Auflagenrekord am 1. August 1966 bei Rückkehr der deutschen Mannschaft von der Fußball-Weltmeisterschaft mit 5 316 500 gedruckten Exemplaren.

Seitdem fließen neun Pfennig des Verkaufspreises statt sechs an den Verlag zurück. Zusammen mit den Anzeigeneinnahmen -- der Seitenpreis der Bundesausgabe liegt gegenwärtig bei 134 000 Mark für den einfarbigen, bei 280 000 Mark für den mehrfarbigen Druck, die Belegung pro sechsseitiger Nummer bei durchschnittlich fünfundzwanzig Prozent -- bilden sie die ökonomische Basis für eine neue Phase der Zeitung.

Heute gibt es rund 70 000 »Bild«-Einzelverkaufsstellen im Gebiet der Bundesrepublik. 4,5 Millionen Bürger gleich neun Prozent der Gesamtbevölkerung kaufen das Blatt täglich, 14,5 Millionen gleich 34 Prozent lesen es, 41 Millionen gleich 98 Prozent kennen es.

Eine Spezialleistung des »Bild«-Verlagsapparates war die Improvisation d<"s »Bild am Sonntag«-Vertriebs« der mit zusammengestoppelten, zeitungsunkundigen Hilfstruppen buchstäblich aus dem Boden gestampft werden mußte.

Heute verkaufen die zum Offenhalten ermunterten Kioske und die Armee der Feiertagsausträger am Sonntag 2,6 Millionen Exemplare des Wochenend-Pendants zu »Bild«.

Heftig und wirkungslos war die Kritik, die den Erfolg von »Bild« von Anfang an begleitete. Die täglich demonstrierte Niveaulosigkeit erlaubte den Kulturkritikern, aus dem vollen zu schöpfen, Schlagzeilenmontagen wurden das bevorzugte Beweismittel. »Bildersprache von der Primitivität der Trommelsignale afrikanischer Buschneger«, »Produkte der heutigen Massenseele«, »unausgesetzter Lähmungsprozeß des Denkens«, »demagogisch verbrämter Betrug«, »entfesselter Journalismus«, »lesendes Analphabetentum«, »Selbstbestätigung der kleinen Geister«, »Bösartigkeit des Banalen«, »roher Kitzel"«, Zynismus«, »Sozialschnulze«, »Wiedervereinigungsschnulze«, »Hetzschnulze« sind einige der Urteile.

In der Masse der »Bild«-Leser hinterließen die Argumente der Kritik jedoch keine Spur, bei den »Bild«-Machern nur einen trotzigen Korpsgeist.

Scharf ablehnend mit Marktfolgen bleiben jedoch zwei große gesellschaftliche Gruppen, die sich mit den Tröstungen und Retuschen der »Bild« -- Ideologie aus tieferem Grunde nicht abfinden wollen: die katholische Kirche und die Gewerkschaften. Der pseudo-seelsorgerische Anspruch der Zeitung und das Auftreten vom »Pfarrer im Bild« täuschen die katholischen Kritiker nicht darüber hinweg, daß der »Bewußtseinsausverkauf« des neuen Journalismus mit der christlichen Auffassung vom Bewußtsein, von Sünde, Beichte und Lossprechung nicht vereinbar ist. Der einzelne ist unmittelbar zu Gott, vermittelt nur durch den geweihten Priester. Insofern sind »Menschlich gesehen« und »Seid nett zueinander«, wenn sie seelsorgerischmissionarischen Anspruch erheben, widerchristliche Formeln.

Obwohl sich die Zahlen heute etwas verschoben, haben, zeigt noch die Erhebung der »Bild«-Dichte pro Hundert Einwohner von 1964, daß »Bild«-arme und katholische Gegenden sich nahezu decken: Münster-Land (2,4), und Würzburg-Land (0,8), Rottenburg (1,1), Meppen (1,6), Landshut-Land (0,6) und St. Ingbert (1,3), Trier-Land (1,8), Regensburg-Land (1,7) und Saarlouis (1,9).

Bestreitet die Kirche Axel Springer die Herrschaft über die Seelen, so bestreiten ihm die Gewerkschaften die Usurpation der Interessen der Massen, des »Volkes«, wie »Bild« sagen würde. Daß ein eindeutig unternehmerisch orientiertes Blatt sich Zugang zur Masse der Arbeitnehmer verschafft hat und, ihre Sprache sprechend, sich zu ihrem Fürsprecher aufwerfen konnte, erscheint ihnen als reines Rattenfängerkunststück.

Der Frankfurter Soziologe Wilke Thomssen hat die gesellschaftliche Scheinbewegung des neuen Journalismus rechter Observanz in einer Studie »Über die Öffentlichkeit der »Bild-Zeitung"« präzis umrissen: »Mit der Vorliebe für sogenanntes »blühendes Leben«, Jugend, Glücks- und Aufstiegsspekulationen setzt sich die Massenpresse an die Stelle einer besseren Welt und reproduziert blind die Ungleichheit der hierarchischen Ordnung, deren Stufenleiter durch Fleiß und Arbeit zu erklimmen sei. Indem sie die Tendenzen der verhärteten Welt unreflektiert beschwört, Trost und Hilfe verspricht und unvermittelt Nächstenliebe predigt, ohne einzugestehen, daß die herrschenden gesellschaftlichen Zustände einen auf Vernunft sich gründenden Lebenszusammenhang verhindern, befriedigt die »Bild-Zeitung« die Leser mit Surrogaten. Damit verschleiert sie die Struktur der Gesellschaft und verfestigt die Verhältnisse, in denen sie lebt.«

Weitaus vorsichtiger als Kirche und Gewerkschaften verhalten sich die politischen Parteien. Unter ihnen geht das Gespenst der Sorge um, das Massenblatt könne die Gunst der Wähler entscheidend beeinflussen. So wirkt »Bild« bereits politisch, bevor es überhaupt einen belegbaren politischen Einfluß ausgeübt bat: durch die pure Furcht der Politiker, es könnte politisch wirken.

Indizien deuten darauf hin, daß es die einzige politische Wirkung des Blattes ist. Sie gewinnt jedoch beträchtliche Bedeutung in Fragen, die dem parlamentarischen Entscheidungsmechanismus unterworfen sind, wie etwa die Frage des privaten Fernsehens oder der Pressekonzentration. »Ich werde mich doch nicht mit Peter Boenisch anlegen«, legen Ohrenzeugen dem parlamentarischen Geschäftsführer der CDU Will Rasner in den Mund, und von den sozialdemokratischen Führern weiß man, daß sie sich von der Gunst der Massenzeitung eine Weile »etwas erhofften«.

Eine Analyse der fünf Bundestagswahlkämpfe hätte ihnen allerdings sagen können, daß sich die Blätter des Konzerns vor bundespolitischen Entscheidungen stets auf ihre bürgerlich-konservative Grundhaltung zurückziehen und die »Linke« stereotyp auf den zweiten Platz verweisen, schulterklopfend und jovial, wie man arme Verwandte zu behandeln pflegt, aber in deutlicher Übereinstimmung mit der Privatmeinung des Verlegers, daß Sozialdemokraten zwar rechtschaffene, kommunalpolitisch sogar recht tüchtige Leute seien, daß man sie aber nicht gleich regieren lassen müsse, jedenfalls nicht allein.

Furcht oder Hoffnung oder eine Mischung aus beidem verführte die sozialdemokratischen Führer im Wahljahr 1965 gleichwohl zu einem Akt des Konformismus, der für das Verhalten der Parteien gegenüber dem Besitzer der größten Massenzeitung symptomatisch ist. Das Blatt des Sozialdemokratischen Hochschulbundes« »Frontal«, hatte in seiner Juni-Nummer einen ebenso heftigen wie ungeschickten Artikel gegen Axel Springer veröffentlicht, mit den üblichen handfesten Klischees arbeitend: »Bild« gleich »Stürmer«, Griff nach dem Meinungsmonopol« Ermahnung des demokratischen Gewissens und so fort.

Eine abgewogene Distanzierung der Partei wäre in dieser delikaten Situation verständlich gewesen. Statt dessen ergoß sich jedoch ein Strom von Entschuldigungs- und Ergebenheitsadressen an den Verleger, deren Beflissenheit peinlich zu lesen ist.

Der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete Emil Gross von der Bielefelder Presse-Druck GmbH, Drucker des Blattes, in einem Fernschreiben: »Auf die Redaktion dieser Zeitschrift habe ich leider keinerlei Einfluß, ich bin nur der Drucker. Ich bin in der Ablehnung dieser Sorte Zeitschriften von Studenten mit vielen meiner Freunde in unserem Parteivorstand völlig einig.«

Das damalige Präsidiumsmitglied Alex Möller: »Die Empörung war einhellig.« Der damalige Sprecher des SPD-Vorstandes, Franz Barsig, in einem Brief: »Ich habe, als ich diesen Artikel bei seinem Erscheinen las, überall den Standpunkt vertreten, daß er in hohem Maße sachunkundig, beleidigend und unverschämt ist. Nicht wenigen gegenüber habe ich gesagt, daß die Schnösel, die ihn verfaßt haben, wahrscheinlich in ihrem ganzen Leben weder Julius Streicher noch den »Stürmer« jemals gesehen haben ... Auf dem Gebiet, Ärger mit Studenten-Organisationen zu haben, stehen wir allerdings nicht allein. Sie werden mir sicherlich abnehmen, daß ich den Artikel, seine Form und seine Ungehörigkeiten in tiefem Maße bedauere.«

Willy Brandt: »Mir liegt daran, Sie in Übereinstimmung mit meinen Freunden vom Präsidium und der Regierungsmannschaft wissen zu lassen, daß die SPD damit nichts zu tun hat.«

Herbert Wehner: »Anmaßend und dumm.« Zur Bekräftigung fügte er auch noch gleich den Durchschlag. seiner Abkanzelung der »Frontal«-Redakteure bei: »Ihre Art, sich mit einer so ernsten Sache zu befassen, ist eine Form groben Unfugs, die schaffe Zurückweisung verdient.«

Der Verleger hing die Fernschreiben und Briefe in seinem Hausblatt »Springer-Post« stolz als Trophäen auf und erteilte dafür huldvoll das Prädikat, es habe ihn erleichtert, wie die »wirklich urteilsfähigen Menschen in unserem Lande über Angriffe dieser und ähnlicher Art auf unser Haus denken«.

Auch die FDP, als Minderheitenpartei von »Bild« meist nur erbarmungslos gezaust, macht Angriffe von Parteifreunden, etwa auf die Lieblingsidee des Verlegers, das Verlegerfernsehen, möglichst eilig ungeschehen. »Zu meinem Entsetzen werde ich von einem Parteifreund darauf hingewiesen, daß »Das freie Wort' am 13. 6. 64 unter der Überschrift »Kahage am Bildschirm« eine Stellungnahme zu der Ausstrahlung eines Dritten Programms

veröffentlicht hat«, schreibt der FDP-Bundesgeschäftsführer Genscher am 19. Juni 1964 tödlich erschrocken an seinen FDP-Parteifreund, den Chefjustitiar des Springer-Konzerns Herman F. Arning.

»Ich bedauere ... kann Ihnen versichern ... Ausräumung verschiedener Mißverständnisse ... positiv gegenüberstehen ... vor allem Herr Dr. Mende noch ich selbst Kenntnis hatten von der Absicht, geschweige denn von dem Inhalt«, überstürzen sich die Beteuerungen, bis zu der Schlußfloskel, die in ihrem komischen Effekt wie erfunden klingt:

»Ich möchte auf jeden Fall vermeiden, daß durch diese Veröffentlichung in einer der letzten Ausgaben des »Freien Wortes«, die Zeitung wird am Ende des Monats Juni 1964 ihr Erscheinen einstellen, eine neuerliche Belastung unseres Verhältnisses zu dem Hause Springer eintritt. Aus diesem Grunde stelle ich Ihnen gerne anheim. meinen Brief Herrn Springer zur Kenntnis zu bringen.«

Analysiert man die Sprache dieser Schriftstücke, so enthüllt sie genau das, was die Politiker in den Debatten über die politischen Gefahren der Pressekonzentration so wortreich zu bagatellisieren suchen, um einer parlamentarischen Entscheidung auszuweichen: daß sie im Eigentümer des Konzerns einen Mann vermuten, der über die zentrale Steuerung seiner Blätter politischen Einfluß ausübt, der Wahlen schlechthin entscheidet.

Lohnen die Verbeugungen vor dem Eigentümer des Massenblattes? Wer ist die gefürchtete Sphinx, der »Bild«-Leser?

Über seine sozialen Merkmale haben eine Serie vorbildlicher Untersuchungen, von der Zeitung mit den großen Marktforschungsinstituten Divo, Contest und Infratest veranstaltet, eine Fülle zuverlässiger Daten zusammengetragen. Setzt man daraus den durchschnittlichen männlichen »Bild«-Leser zusammen, so ist es ein junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, der Volksschule und Lehre absolviert hat, als Arbeiter in der Industrie zwischen 400 und 600 Mark netto verdient und in der Regel schon verheiratet ist.

Die Soziologen stufen ihn in die »obere Unterschicht« mit aufstrebender Tendenz ein. Er rasiert sich meist schon elektrisch und benutzt Gesichtswasser, die Hersteller von Haarwasser und desodorierenden Mitteln verdienen aber noch wenig an ihm. Er bewohnt die kleinen Städte zwischen 2000 und 20 000 Einwohnern, vorzugsweise in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, dort wiederum eher die protestantischen als die katholischen Gegenden. Zur Fortbewegung benutzt er die öffentlichen Verkehrsmittel oder ein Moped. In der Haupt-

* Bei der Grundsteinlegung für das Berliner Verlags-Gebäude am 25. Mai 1959.

sache liest er nur »Bild«, das allerdings aufmerksam von vorn bis hinten, entweder schon am Arbeitsplatz oder erst zu Hause, sehr viel weniger unterwegs im Pendelverkehr.

Die durchschnittliche »Bild«-Leserin ist eine knapp vierzigjährige Hausfrau, die nach der Volksschule nicht ausgelernt und früh geheiratet hat und nun mit zwei heranwachsenden Kindern zu Hause sitzt. Sie wäscht die Wäsche noch selber mit der Hand und muß mit den 400 und 600 Mark netto auskommen, die der Mann nach Hause bringt, wenn nicht eines der Kinder dazuverdient.

Die Soziologen rechnen sie zur unteren Unterschicht, sie wäre aber auch gern mehr in ihrem Leben geworden. Gelegentlich benutzt sie schon einen Lippenstift; Nagellack, Make-up und andere körperliche Verschönerungsmittel sind ihr aber »noch fremd.

In der Küche oder guten Stube der »Bild«-Familie, meist in einer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung eines großen Wohnblocks, steht eine hand- oder fußbetriebene Nähmaschine, auf der die »Bild«-Leserin aber nicht mehr näht. Ein Staubsauger ist in Gebrauch, auch ein Kühlschrank, in einem Sparbuch werden bescheidene Rücklagen gebucht. Das Hauptvergnügen ist das Fernsehen, photographiert wird nur für das Familienalbum, noch nicht für das gehobene bürgerliche Vergnügen, Dias an die Wand zu werfen und Verwandte und Nachbarn damit zu langweilen. Das Telephon benutzt der »Bild«-Leser selten, er besitzt keines.

Dieses beiläufige Faktum, entnommen der quantitativen »Bild« -- Leseranalyse 1963, liefert bereits ein Indiz, wie sich die dramatischen Ad-hoc-Aktionen des Blattes zur Masse seiner Leserschaft verhalten. Die bisher erfolgreichste, die eine ängstliche Regierung und ein ängstliches Parlament im Juli 1964 aus den Sommerferien trieb, die spektakuläre Schlagzeilen-Kampagne gegen die Erhöhung der Telephongebühren, muß sie unbewegt gelassen haben.

Schwer erkennbar ist auch die Reaktion der 14 Millionen »Bild«-Leser auf erklärte Ziele der Zeitung, von denen sich durchaus ein Katalog aufstellen ließe: pro de Gaulle, pro Strauß, pro Große Koalition, pro Notstandsgesetze, pro Scheidungserleichterung, pro frühzeitige sexuelle Aufklärung, pro Gastarbeiter, pro Rücksicht beim Autofahren, pro Beatles, kontra DDR, kontra »linken« Sozialismus, kontra Mende, kontra Todesstrafe, kontra »antideutsche Hetzfilme« und .so fort.

Man kann vermuten, daß die vielzitierten Leserbriefe, auffällig anschwellend nur bei Human-touch-Geschichten wie Tierquälerei« Grausamkeit gegen Kinder, Mißständen in Krankenhäusern, Faulheit oder Fleiß von Gastarbeitern; die informelle »öffentliche Meinung« der Millionenleserschaft nur ungenügend repräsentieren; allein das Zahlenverhältnis -- zwischen 50 und 500 Zuschriften bei 14 Millionen Lesern -- deutet schon darauf hin.

Betrachtet man die soziale Schichtung der »Bild«-Leserschaft, so erscheint zweifelhaft, ob auch nur die Summe der politischen Zwecke der Zeitung eher für eine konservative bürgerliche Regierung als für eine linke nichtbürgerliche Regierung -- einen nachhaltigen Einfluß auf die Masse der Leser ausübt, etwa derart, daß ihre Mehrheit CDU wählt. Nach den sozialen Merkmalen kann man eher vermuten, daß etwas mehr als die Hälfte SPD wählt, mit Verschiebung zugunsten der CDU bei den Leserinnen.

Eine Aufschlüsselung der Wahlkreise nach »Bild«-Dichte bestätigt diese Vermutung: SPD-sichere Kreise sind in der Regel auch »Bild«-starke Kreise, ausgesprochene CDU/CSU-Gegenden, in denen die konfessionelle Bindung stark Ist, sind fast Immer auch »Bild«-arme Gegenden.

Vor allem für den katholischen Bevölkerungsanteil wird im übertragenen Sinne gelten, was der Freiburger Soziologe Erhard Blankenburg in einer Studie über den Zusammenhang von »kirchlicher Bindung und Wahlverhalten« allgemein herausgefunden hat: Wo die kirchlichen Bindungen noch stark sind, wird CDU gewählt und eine Massenpresse wie »Bild« nicht gelesen; wo sie sich lockern, in den Städten und verstädternden ländlichen Gebieten, wird »Bild« gelesen, aber nach den nächstwirksamen sozialen Faktoren, Beruf, Schichtzugehörigkeit, Familientradition, gewählt.

Das sind grobe Schätzungen, die im Einzelfalle Abweichungen zeigen werden; eine Sonderuntersuchung wäre zum Beispiel wert, ob die -- konfessionell gesehen -- »auflösenden Tendenzen« unter den »Bild«-Lesern auch dem bedenkenlosen Ideologie-Angebot der NPD zugute kämen. Die klare Überrepräsentation der SPD-wählenden Schichten in der Leserschaft des Blattes erlaubt jedoch den Schluß, daß seine aktuelle politische Wirkung überschätzt wird.

Offen bleibt jedoch, wie sich die verdeckte autoritäre Fixierung im vorpolitischen Raum auf das Verhalten der Massen auswirken wird, wenn Krisen sie zur Radikalisierung drängen und nach einem neuen Messias schreien lassen. Daß sich im Verhältnis zwischen der »Bild-Zeitung« und ihrer Leserschaft unterderhand autoritäre Strukturen herausgebildet haben, gibt der für den internen Hausgebrauch bestimmte Expertenband der letzten »Qualitativen Analyse der Bild-Zeitung« von 1965/66 auch offen zu: Die Image-Tester hätten einen starken Instanzcharakter des Blattes festgestellt, es verkörpere für viele vor allen Dingen »Macht und Autorität«. Das Verlangen der »Bild«-Leser nach einer geordneten, durchschaubaren und begreifbaren Welt »beinhaltet auch Angst vor dieser ohne Hilfe zumeist nicht verstehbaren Welt. Diese Ängste fängt »Bild« auf:... in der Funktion von »Bild« als ordnende und richtende Instanz. Dank ihrer Autorität nimmt die Zeitung dem Leser das Ordnen, Sichten und Bewerten der Ereignisse, welche die gegenwärtige Welt repräsentieren, ab«.

»Bild« verschaffe »die beruhigende Gewißheit, daß man dieser Welt doch begegnen und sie fassen könne«. Ein wesentliches Mittel, um die Angst und daraus sich ergebenden Aggressionen zu verarbeiten, sei »die aggressive Haltung, die »Bild« oft an den Tag legt. Einfluß und Macht der Zeitung, Mut und Entschlossenheit, die teilweise als rücksichtslos und brutal erlebte Härte und Durchschlagskraft, geben dem Leser die Möglichkeit, sich mit diesem überlegenen Angreifer zu identifizieren, in »Bild« die Realisierung dessen zu erleben, was ihm selbst Immer unmöglich sein wird zu verwirklichen«.

In der Koppelung von provozierter und zugleich aufgefangener Angst enthüllt die Analyse das eigentliche Erfolgsgeheimnis des Massenjournalismus und die Ursache der starken Leserbindung an seine Produkte: »Zwangsläufig wird durch die Berichterstattung über aktuelle Ereignisse Angst vor der undurchschaubaren gesellschaftlichen Situation provoziert. Aber gleichzeitig werden auch die Entlastungsmechanismen geliefert, die das Ausmaß der auftretenden Spannungen reduzieren.«

Die möglichen politischen Folgen, für das Verhalten von Wählermassen durchaus relevant, hat Wilke Thomssen In seiner schon zitierten Studie umrissen: »Der historisch und gesellschaftlich bedingte Gegensatz zwischen Ost und West regrediert zum starren Schema von ingroup und outgroup, das allen Problemen den gleichen Stempel aufdrückt. Das Gefühl der Zugehörigkeit zum eigenen, mit allen positiven Qualitäten geschmückten Kollektiv läßt die andere Seite als die undurchdringliche, böse Welt erscheinen.«

Erst die Krise in der Konfrontation mit der »undurchdringlichen, bösen Welt« kann enthüllen, ob Axel Springers Theorie vom Volk demokratischer Natur ist oder, unter dem Vorwand eines demokratisch verbrämten Antikommunismus, auf das faschistische Muster zurückfällt, das in den neo-konservativen Schwärmereien vom Volk im Kern ohne Zweifel enthalten ist.

IM NÄCHSTEN HEFT

Axel Springers Verlag wird zum Konzern: Der Kauf der »Welt«-Gruppe -- Das Regime Zehrer und die Notizzettel des Verlegers -- Die »Welt«-Stiftung verliert die Kontrolle -- Ein neuer Nationalismus: Ruck nach rechts

Hans Dieter Müller
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