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»Ich will ja nichts wegdiskutieren«

aus DER SPIEGEL 48/1973

SPIEGEL: Herr Katzer, mit dem Aushängeschild »paritätische Mitbestimmung« wollten Sie den Sozialdemokraten Arbeitnehmer abspenstig machen. Nun hat der Hamburger CDU-Parteitag Ihnen die Parität verweigert. Wie wollen Sie da noch vor den Arbeitnehmern bestehen?

KATZER: Wenn man die lange Reihe der Parteitage der Union, die sich mit der Mitbestimmung befaßt haben, verfolgt, wenn man den Düsseldorfer Parteitag vor zwei Jahren nimmt, wo Mitbestimmung noch als Sozialismus verschrien war, dann hat geistig die Union immerhin einen wichtigen Schritt nach vorn getan ...

SPIEGEL: ... aber faktisch die paritätische Mitbestimmung, die Sie durchsetzen wollten, abgelehnt.

KATZER; So ist es, und das bedauere ich. Einen Meter vor dem Ziel haben wir die letzte Hürde nicht genommen.

SPIEGEL: Noch einmal: Wie wollen Sie das den Arbeitnehmern in den Betrieben klarmachen?

KATZER: Wir werden unseren Freunden in den Betrieben sagen können, für die CDU ist die paritätische Mitbestimmung ein Ziel.

SPIEGEL: Ein schwacher Trost, zumal es dem CDU-Generalsekretär Biedenkopf gelungen ist, in Hamburg einen ersten Etappensieg auf seinem Wege zu erringen, die Sozialausschüsse überflüssig zu machen. Er hat sie zumindest auseinanderdividiert.

KATZER: Herr Biedenkopf hat alles andere im Kopf, als die Sozialausschüsse überflüssig zu machen.

SPIEGEL: Der Dissens in Ihren Reihen ist doch offenkundig. Ihr Vorstandskollege in den Sozialausschüssen, der rheinland-pfälzische Sozialminister Heinrich Geissler, ist vor dem Forum des Parteitages von der Linie der Sozialausschüsse demonstrativ abgewichen ...

KATZER: ... was ich sehr bedauere, zumal er im Bundesvorstand der Sozialausschüsse für unser Modell war.

SPIEGEL: Geht jetzt das Aufrechnen in Ihren Reihen los?

KATZER: Der Kollege Geissler hätte uns das vorher sagen müssen. Ich bedaure, daß er da aus der Geschlossenheit der Sozialausschüsse ausgebrochen ist.

SPIEGEL: War der Kämpfer und Streiter Katzer, an Niederlagen gewöhnt, nicht doch betroffener als bei früheren Abstimmungspleiten?

KATZER: Ja, da haben Sie recht. Mich hatten die Voten für die Parität auf den Landesparteitagen des Rheinlandes und Westfalens so optimistisch gestimmt, daß wir doch mit einer breiteren Basis gerechnet hatten. Das hat sich in dem Maße nicht gezeigt. Die ganz überwiegende Mehrzahl der Delegierten war der Meinung: Jetzt haben wir eine neue Führung, und der wollen wir jetzt nicht neuen Ärger an den Hals bringen.

SPIEGEL: Und das hat Ihr Parteivorsitzender geschickt zu lancieren gewußt.

KATZER: Das war die Situation.

SPIEGEL: Wie geht es weiter? Haben Sie die volle Parität jetzt abgeschrieben?

KATZER: Nein. Die gleichberechtigte Mitbestimmung steht für uns weiter zur Debatte, nicht zuletzt bei der Verwirklichung eines neuen Unternehmensrechts. Und das hat der Parteitag beschlossen.

SPIEGEL: Auch nach Hamburg wollen Sie die CDU noch zur Parität treiben?

KATZER: Ja, und die Junge Union wird uns dabei helfen. Die Begegnungen mit dem Jungen-Unions-Vorsitzenden Wißmann und seinen Freunden waren für mich -- unbeschadet aller Ergebnisse des Parteitages -- mein erfreulichstes Erlebnis. Die sagten: Ja, lieber Herr Katzer, was wollt ihr denn. Ihr müßtet doch voll Stolz durch das Gelände gehen, ihr habt doch die Union nach vorne getrieben.

SPIEGEL: Aber das Bündnis Junge Union / Sozialausschüsse hat in Hamburg eine Niederlage erlitten. Hat die CDU damit nicht wieder einmal die Chance verspielt, für junge Wähler und Arbeitnehmer attraktiver zu werden?

KATZER: Ich gehe davon aus, daß unsere Basis beim Wähler breiter geworden wäre, wenn die Sozialausschüsse und die Junge Union sich durchgesetzt hätten.

SPIEGEL: Müssen Sie jetzt nicht sogar befürchten, daß Ihnen Arbeitnehmer weglaufen?

KATZER: Ich will ja nichts wegdividieren, ich will ja nicht aus einer Sache einen Sieg machen, den ich nicht als solchen empfinde. Ich bin auch nicht der Meinung einiger Freunde, die sagen: Was ihr hier habt, das ist praktisch die Parität. Ich will aber auch nicht, daß man das andere vergißt, was positiv zu sehen ist.

SPIEGEL: Haben Sie sich nicht einmal in Hamburg gesagt: Jetzt schmeiße ich das Ganze hin?

KATZER: Nein, solche Momente gibt es bei mir nicht. Da muß ich alle, die darauf außerhalb oder innerhalb der CDU hoffen, enttäuschen.

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