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AFFÄREN »Ich will Krieger«

Ein Ex-Kneipenwirt hat den insolventen Regionalsender B.TV übernommen. Noch fragwürdiger als die ersten Auftritte des neuen Chefs sind dessen Kontakte zu einer Allgäuer Sekte.
aus DER SPIEGEL 11/2003

Vor drei Wochen rief Thomas Hornauer die Belegschaft des Ludwigsburger Fernsehsenders B.TV zusammen, um sich als ihr neuer Chef vorzustellen. Auf seine Art.

Der 42-Jährige brüllte: »Kommt raus aus den Löchern, ihr Feiglinge.« Er sprang auf einen Schreibtisch, schüttelte sein fisseliges blondes Haar und schrie: »Ich will Krieger, mit denen ich Millionen verdiene.« Zum Schluss pries er sich als schwäbischer Zauberer: Er kenne die Formel für das Glück: »Ich kann's euch lerne.«

Der gelernte Gießer fand sich an diesem Tag offenbar so unwiderstehlich, dass er seinen Ausbruch auch noch filmen ließ, um ihn zur besten Sendezeit im eigenen Programm auszustrahlen. Chefredakteur Michael Lindenau widersetzte sich. Kurz darauf wurde ihm fristlos gekündigt. Da bereits ein paar Tage später Szenen des Mitschnitts in anderen Medien kursierten, stellte Hornauer das Video kurzerhand auf die B.TV-Homepage. Dort kann sich nun jeder ein Bild davon machen, was er unter »interaktivem Mitmachfernsehen« versteht. »Das war perfekte Arbeit«, glaubt Hornauer noch immer.

Das skurrile Motivationsvideo hat in Baden-Württemberg zu allerhand Entsetzen darüber geführt, wie wenig fachliche Qualifikation jemand braucht, um einen Fernsehsender zu führen. Angeführt von »Bild« ("Keine Lizenz für den Irren von B.TV") warnen inzwischen SPD, FDP und Grüne vor einer Sendeerlaubnis, während die CDU vor einer Diskussion abtaucht.

Die evangelische und die katholische Landeskirche zogen ihre eigenen TV-Magazine aus dem Programm zurück, nachdem Hornauer Kontakte zur Füssener Wankmiller-Sekte eingeräumt hatte, einer Gemeinschaft von etwa 130 Anhängern, die dort unter neuen Namen und mit eigener Zeitrechnung, Währung und kruder Philosophie von freier Liebe leben, die auch den Kindern des Clans nicht verschlossen sein soll.

Thomas Hirschle hält die Aufregung für übertrieben. Der Präsident der Landesanstalt für Kommunikation (LfK), die im April über die endgültige Vergabe der TV-Lizenz entscheidet, erinnert an die geringen Voraussetzungen für eine Zulassung: Ein polizeiliches Führungszeugnis und die »begründete Annahme, dass die medienrechtlichen Vorschriften eingehalten werden«, reichten aus. Ein Videomitschnitt und Sektengerüchte genügten jedenfalls nicht, um Hornauer die verfassungsrechtlich gesicherte Rundfunkfreiheit zu versagen. »Das wäre Berufsverbot.« Außerdem, so Hirschle, sei Hornauer der Einzige gewesen, der bis zuletzt ernsthaft für den insolventen Sender B.TV geboten habe.

Nachdem mehrere Interessenten abgesprungen waren, konnte Hornauer Ende Januar zum Schnäppchenpreis von 1,6 Millionen Euro zugreifen. Geld hatte er genug: Die 0190-Nummern seiner Firma Telekontor hatten so viel abgeworfen, dass er sogar die Auffahrt seiner knapp vier Millionen Euro teuren Villa beheizen lassen konnte. Seine Corvettes, der Porsche und die Lincoln-Stretch-Limousine sollten an dem Hang nicht ins Rutschen geraten.

Die Flirt- und Erotik-Hotlines von Telekontor summiert Hornauer gern unter dem Titel »Unterhaltungsbereich« - in dem er selbst bislang nur mäßigen Erfolg hatte. Weder als tingelnder Sänger noch als Kneipenwirt oder T-Shirt-Bedrucker kam er über lokale Prominenz hinaus.

Nun will er das deutsche Privatfernsehen revolutionieren, als Inhaber, Geschäftsführer und Programmdirektor eines der größten Regionalfernsehsender der Republik. Dabei stört ihn nicht, dass kaum einer seiner 50 Mitarbeiter über eine journalistische Ausbildung verfügt.

Fachwissen scheint auch gar nicht nötig: »Niemand außer mir kann im Moment das Programm bauen«, so Hornauer. »Ich bin ein Fernsehvisionär und der Entwicklung um zwei Jahre voraus.«

Tatsächlich sieht das neue B.TV-Programm nach einer hausbackenen Mischung aus Neun Live und ödem Verkaufsfernsehen aus. Mit Astrologiesendungen und dreistündigen Datingshows will Hornauer die Zuschauer ans Telefon locken, um sein stagnierendes Geschäft mit den teuren 0190-Nummern zu beleben.

Was seinen Aufstieg zum Medienfürsten im Ländle allerdings noch ausbremsen könnte, ist sein Kontakt zu dem schwergewichtigen Wolfgang Wankmiller in Füssen. Denn dessen »Stamm Füssen Eins« scheint weit merkwürdiger zu sein als jene »nicht sonderlich auffällige Lebensgemeinschaft«, als die sie LfK-Chef Hirschle beschreibt.

Wankmiller, 45, gründete seine Kommune 1974. Als Währung führte er »Piepen« ein, organisierte nächtliche Treffen auf Schloss Neuschwanstein und hielt sich bald für die Reinkarnation von Jesus Christus und König Ludwig II. Irgendwann wurde aus Spaß Ernst, und Wankmiller plante den »Totalausstieg aus einem Irrweg der Menschheit« - zunächst mit irdischen Mitteln: Er schleuste seine Leute bei CSU und SPD ein.

Als das aufflog, ging er dazu über, Altstadt-Immobilien aufzukaufen. Geld hatte er genug, denn seine etwa 25 engsten »Schwurmenschen« - darunter Ärzte und Juristen - brachten ihr gesamtes Vermögen in den Stamm ein, wirtschaften bis heute relativ erfolgreich im Devotionalienhandel mit geistlosem Nippes und organisieren »Esoterik Tage« in der ganzen Republik.

»Über jedes Mitglied führt Wankmiller Tagebuch«, sagt Robert Michael Schlittenbauer, der vor drei Jahren einen Verein für Sektenaussteiger im Allgäu gründete. »Es ist eine Art Begattungsliste - von der ersten Menstruation bis zu den Geschlechtskontakten bei den Orgien steht da alles drin.«

Vor gut zwei Jahren half Schlittenbauer einer Frau beim Clan-Ausstieg - ihre Kinder waren von einem Mitglied sexuell belästigt worden.

Bereits 1995 lag der Kripo in Kempten die Zeugenaussage einer leiblichen Tochter Wankmillers vor, die ihren Vater sexuell befriedigt haben soll. Die Tochter widerrief die Aussage allerdings später vor dem Jugendamt.

B.TV-Chef Hornauer sagt, er wisse von alldem nichts. Sein Kontakt zur Gruppe sei nur »lose«. Bernd Schumacher erinnert sich anders. Der B.TV-Gründer war bis zur Pleite des Senders Geschäftsführer und einer der Gesellschafter. Für seinen Plan einer landesweiten Senderkette versenkte er in nur zwei Jahren einen zweistelligen Millionenbetrag. Als Schumacher im Herbst vor den Trümmern seines Traums stand, sah er in Hornauer einen möglichen Retter - bis der ihm von Wankmiller erzählte.

In einem Brief an die Gesellschafter schreibt Schumacher nun, dass Hornauer »die Wankmiller-Sekte in Füssen finanziell unterstütze und engsten Kontakt zu deren Guru pflege, der für ihn eine vorbildliche Persönlichkeit sei«.

In einem Brief an die LfK bestätigte Hornauer mittlerweile, dass seine Firma Telekontor von Wankmiller-Leuten »Grafikleistungen« bezieht. Zudem arbeiten sie in einem Haus, das Eigentümer Hornauer an sie vermietet - angeblich zu »marktüblichen Konditionen«.

Ein Wankmiller-Aussteiger berichtet, Hornauer lasse mittlerweile sogar einige seiner 0190-Nummern aus Füssen bedienen. Auch seine Corvette sei öfter in Füssen gesehen worden.

Vielleicht lässt sich Hornauer von Wankmiller auch ein wenig in Sachen Gelassenheit schulen. Denn während den Füssener so leicht nichts aus der Bahn zu werfen scheint, beschleichen Hornauer mitunter Selbstzweifel: »Glaubt eigentlich jemand, dass ich ein Spinner bin?«, fragt er in seinem Motivationsvideo. NILS KLAWITTER

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