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»Ich will nur mein Volk schützen«

aus DER SPIEGEL 42/1992

SPIEGEL: Herr Csurka, Sie haben mit Ihrem Manifest zur Lage Ungarns zwei Jahre nach der Wende eine gewaltige Stinkbombe aus faschistischem und nazistischem Vokabular gezündet. Wollen Sie ein totalitäres Ungarn?

CSURKA: Auf meine Studie gibt es zweierlei Reaktionen: Diejenigen, die sie wirklich gelesen haben, sind dafür oder dagegen. Die anderen kennen nur einen Aufguß der mir feindlich gesinnten Medien. Die verpassen mir solche Etiketten, wie Sie sie nannten.

SPIEGEL: Wir sind selbst zu diesem Urteil gekommen - wie auch Ihr eigener Parteifreund Joszef Debreczeni, der Sie einen Faschisten nennt. Sie sprechen da beispielsweise von »Lebensraum« für das ungarische Volk.

CSURKA: Der Begriff Lebensraum hat in Ungarn nicht jene Bedeutung, die er im Völkischen Beobachter der Nazis hatte.

SPIEGEL: Ungarns Nachbarn haben es aber genauso verstanden: als territorialen Anspruch.

CSURKA: Ich verstehe den Begriff Lebensraum nicht expansionistisch. Ich will nur den bestehenden Lebensraum der Ungarn schützen. Und der wird bedroht. Die Slowakei hat eine Verfassung verabschiedet, die der ungarischen Bevölkerung dort keinen echten Minderheitenstatus zubilligt. Ich will keine früher ungarischen Gebiete zurückerobern, nur die dort lebenden Ungarn verteidigen.

SPIEGEL: Das liest sich aber bei Ihnen anders. Da schreiben Sie vom bevorstehenden Ende der Jalta-Verträge über die Aufteilung Europas und von den Ungerechtigkeiten des Friedensvertrages von Trianon, der Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg zwei Drittel seines Territoriums kostete. Dahinter steht doch zweifellos der Wunsch nach Grenzrevision.

CSURKA: Na ja. Auch die Serben sind ja dabei, dieses oder jenes zu korrigieren. Sie rotten Zehntausende aus, sperren sie in Konzentrationslager, treiben Hunderttausende in die Flucht - unter anderem nach Ungarn, wo wir nun für sie sorgen müssen.

SPIEGEL: Mit jener Art von Rhetorik und Hetze, die Ihr Manifest auszeichnet, fing es dort doch an.

CSURKA: Die Serben greifen an, ich denke nur nach. Ungarn ist nicht Serbien. Wenn aber das Ungartum außerhalb der Landesgrenzen nicht mehr darauf bauen kann, daß sich das Mutterland um seine Belange kümmert, dann ist es verloren.

SPIEGEL: Mit Ihren aggressiven Tönen erreichen Sie das genaue Gegenteil: Die Regierungen der Nachbarn mißtrauen ihrer ungarischen Minderheit nur noch mehr.

CSURKA: Das tun diese Regierungen nicht erst seit meiner Studie, sondern schon seit 40 Jahren. Nicht wir haben territoriale Ansprüche. Denken Sie an das geplante Donaukraftwerk bei Nagymaros. Da sind wir ausgestiegen, und nun wollen die Slowaken allein weitermachen. Das heißt aber, daß sie eigenmächtig und willkürlich die Grenzen verändern. Denn die verläuft in der Mitte des Flusses. Ist aber die Staustufe erst fertig, wird die Donau zu einem Rinnsal. Das bedeutet, daß die Grenze zu unseren Ungunsten verschoben wird.

SPIEGEL: Was sicher durch Verhandlungen bereinigt werden könnte.

CSURKA: Ich bin durchaus für Verhandlungen - übrigens auch über Jalta, gerade weil ich die nationalistischen Gefahren in diesem Raum sehe. Das neue Nachdenken über Europa hat doch längst begonnen - spätestens seit der Wiedervereinigung Deutschlands.

SPIEGEL: Richtig. Sie aber hetzen die Nationalitäten innerhalb des einstigen Ostblocks aufeinander. Und andere, etwa die faschistische Vatra Romaneasca in Rumänien, tun das gleiche. Wohin soll das führen?

CSURKA: Da vermengen Sie etwas, was überhaupt nichts miteinander zu tun hat. Ich hetze nicht gegen ein anderes Volk, wie die Vatra es tut. Ich will nur mein Volk schützen. Dazu zählen auch Slowaken, Juden und Zigeuner, die immer schon zu Ungarn gehörten.

SPIEGEL: Juden und Zigeuner sehen das ganz anders, die fühlen sich nicht von Ihnen beschützt, sondern bedroht. In Ihrem Manifest sagen Sie, in Ungarn lebten mehrfach gehandikapte Volksschichten, bei denen die Strenge der natürlichen Selektion nicht funktioniert. Was sind denn das für Gruppen?

CSURKA: Nicht die Zigeuner, es tut mir leid, daß dieser Eindruck entstanden ist. Ich gehe übrigens nicht davon aus, daß von den 700 000 ungarischen Zigeunern allzu viele meine Studie gelesen haben.

SPIEGEL: Sie greifen besonders die ungarischen Juden an. Die gehören nach Ihren Worten im Verbund mit der alten Nomenklatura und der internationalen Finanz- und Bankenwelt zu den ewigen Verschwörern gegen das Ungartum.

CSURKA: Das habe nicht ich erfunden, das sind Tatsachen. Es gibt Gruppen, die immer im Umkreis der Macht bleiben, ihren Einfluß auch über die Wende hinweggerettet haben.

SPIEGEL: Diesen Einfluß sehen Sie vor allem in den Medien. Geht es der Regierung nicht einfach darum, die zu beherrschen, um die nächsten Wahlen zu gewinnen?

CSURKA: Tatsache ist, daß der Rundfunk und das Fernsehen die Öffentlichkeit gegen die Regierung aufhetzen.

SPIEGEL: Weil sie kritisch sind.

CSURKA: Nein, es ist mal offene, mal kaum verhüllte Wühlarbeit.

SPIEGEL: Zügelloser Terror, der die Regierung jeden Tag verbluten läßt, wie Sie es ausdrückten. Sie marschieren mit Zehntausenden von Anhängern zum Rundfunk. Wer macht denn da Terror?

CSURKA: Diese Demonstration entsprang der Unzufriedenheit der Ungarn.

SPIEGEL: In der Verfassung wird die Pressefreiheit garantiert. Mit der haben Sie wohl nichts im Sinn.

CSURKA: Ich hoffe, daß wir in Ungarn einmal eine richtige Pressefreiheit haben werden. Für mich ist es keine Pressefreiheit, wenn alle ungarischen Zeitungen oder zumindest 85 bis 90 Prozent tagtäglich im gleichen Ton für die gleichen Ziele kämpfen.

SPIEGEL: Sie haben Ministerpräsident Antall aufgefordert, wegen seiner angegriffenen Gesundheit einen Nachfolger zu benennen. Wollen Sie das werden?

CSURKA: Das ist eine gemeine Verleumdung. Daß Antall krank ist, ist bekannt. Mich leitet nur ängstliche Fürsorge um ihn.

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