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»Ich will tot sein, wenn das passiert«

SPIEGEL-Redakteurin Valeska von Roques an den Drehorten von »Am Tag danach« *
Von Valeska von Roques
aus DER SPIEGEL 48/1983

Zuerst waren es bedrückend wenige. Verloren standen sie herum am steinernen Mahnmal für die Toten des Ersten Weltkrieges in Kansas City, als seien sie selber Übriggebliebene des nuklearen Holocaust, der gerade über ihre Bildschirme getost war.

Frierende Gestalten, etliche in Decken Gehüllt wie die im Film, in den Händen flackernde Kerzen in Plastikbechern, aus denen rußiger Rauch aufstieg, zaghafter Gesang: »We are a gentle people, singing for our lives«, sanfte Menschen sind wir alle, wollen um unser Leben singen.

Aber dann wanderten immer mehr heran aus der Nacht.

Allein, zu zweit, in Grüppchen kamen sie an, schweigend oder in gedämpftem Gespräch, Alte, Junge, Weiße, Schwarze, Latinos, alle Schichten und Klassen Amerikas waren auszumachen. Gut 1000 Menschen waren schließlich vor dem hohen Sandstein-Obelisken versammelt.

Schma Israel, höre Israel, sang auf hebräisch der Kantor einer jüdischen Gemeinde; Dies irae, den Tag des Zorns, beschwor lateinisch ein katholischer Priester, ehe eine schwarze Gospelsängerin die zeitlose Klage der amerikanischen Sklaven vortrug: »Nobody knows the trouble I've seen.«

»Herr, erbarme dich unser«, respondierte die Menge.

»Trouble«, Menschenleid von besonders verstörender Art, hatten die Versammelten in der Tat gerade erlebt, vermittelt, wie meist in den USA, durch ein Hollywood-Spektakel: »The Day After«, »Am Tag danach«, ein Zwei-Stunden-Film, der die Auslöschung von Kansas City im Atomkrieg schildert - und das nicht überlebenswerte Überleben von ein paar Tausenden in der 50 Kilometer entfernten Kleinstadt Lawrence in Kansas.

Vom Obelisken war im Film nur ein wüster Haufen von Quadern geblieben, gleich den zentnerschweren Hagelbrocken

aus dem biblisch-apokalyptischen Armageddon, sowie ein Rest des Sockels mit der Inschrift »Für Frieden und unser Land«.

Rund 80 Millionen Amerikaner hatten am vorletzten Sonntag »The Day After« gesehen. Das war im Grunde eine typische Hollywood-Produktion, die den wahren Horror des Atomkriegs kosmetisch verschönt, wie amerikanische Bestattungsunternehmer ihre Leichen schminken. Gleichwohl gibt es, genauer bedacht, wohl nichts Schrecklicheres als schön herausgeputzte Tote. Und so stürzte der Film diese Nation in eine für sie noch nicht dagewesene, unerhörte Erfahrung: den endzeitlichen Krieg in ihrem eigenen Land.

Krieg kennen die Amerikaner, meist allerdings via TV. Zwar kommen manchmal sogar ihre eigenen Kinder darin vor, diese 20jährigen, die den pseudo-rationalen Wahn der Politiker und Militärs auszutragen haben, aber diese braven Jungs kämpfen dann in entfernten Dschungeln gegen nur menschenähnliche Exoten, sie schweben eindrucksvoll an Fallschirmen auf eine winzige tropische Insel, oder sie jagen sekundenschnell in futuristischen, fauchenden Apparaturen durch die Atmosphäre: aufregend, sicher, aber immer ganz weit weg.

Dieser Film indes, »The Day After«, traf ins Gemütszentrum der Amerikaner: Er detonierte gleichsam über ihrem eigenen Land, über dem ungestörten Frieden der Nation, über den endlosen Reihen kleiner, weißer Holzhäuser auf winzigen Rasenflecken, mit den Veranden und Schaukelstühlen und dem Basketballring an der Garage, über den Schulen, den Baseball-Stadien, den Supermärkten und Einkaufszentren. Er machte für sie, schrieb der Leitartikler Anthony Lewis in der »New York Times«, »abstraktes Wissen über nukleare Vernichtung konkret: persönlich, individuell, und daher schrecklich«.

Gewiß: »The Day After« war Kino; aber, wichtiger, der Film war keine Utopie, kein Irgendwo, sondern erkennbares, lokalisierbares Zuhause, Kansas City eben, im Herzen Amerikas: America the Beautiful, es wurde zerstört und ausgelöscht.

Das entsetzte die ganze Nation, doch die Bewohner von Kansas City und Lawrence, den Schauplätzen des Films, wurden, wie sollte es anders sein, durch das Spektakel besonders gebeutelt.

Zwar konnten sie erleichtert aus dem Fenster sehen, und da stand sie noch, die schimmernde Skyline von Kansas City, Missouri. Doch für viele hatte sich, wie jemand am Mahnmal sagte, »auf den vertrauten Anblick eine bedrohliche Botschaft gelegt. Ein biblisches Menetekel,

das uns über den Untergang fragen läßt: nicht ob er stattfindet, sondern wann«.

In ihr fast ärmliches Heim hatte Sabrina Sojourner, 31, Verkäuferin in einer Buchhandlung und aktiv in der amerikanischen Friedensbewegung, zur Sendezeit zwei Dutzend ihrer Freunde geladen. Viele davon waren Schwarze, wie sie selbst, aber auch etliche junge Weiße und ein paar Latinos, die sich niederließen auf altgedienten, irgendwo eingesammelten Sofas und Sesseln oder sich auf dem abgeschabten Teppich lagerten.

Ein Tisch mit Selbstgekochtem war vorbereitet, es gab Cola und Tee und ein bißchen billigen Wein: eine von Tausenden von nachbarschaftlichen Gruppen, die überall in den USA an diesem Abend zusammenkamen, um »Am Tag danach« anzusehen. Zeitungen, die Fernsehgesellschaft ABC, Psychologen hatten wochenlang davor gewarnt, sich allein dem Schreckensereignis auszusetzen.

Die amerikanische Friedensbewegung hatte seit Monaten dazu aufgerufen, den Film in kleinen, kommunalen Gruppen zu erleben. In 300 000 Druckschriften verbreitete die Anti-Atomkrieg-Organisation »Ground Zero« Anleitungen zur sinnvollen Nutzung des Films in Diskussion und Aktion im Lande.

An den beiden Schauplätzen des Films, Kansas City und Lawrence, waren eigene, überaus rührige Organisationen entstanden. »Target Kansas City« hieß die eine, Ziel Kansas City, »Let Lawrence Live«, Laßt Lawrence leben, die andere. Es galt, die Wirkung des Films in zahlreichen Veranstaltungen unter ihren zögernden, unentschiedenen Mitbürgern nachdrücklich zu vertiefen. Von ihrem Einsatz für das Sieben-Millionen-Dollar-Projekt hatte sich die amerikanische Friedensbewegung neuen Zulauf erhofft - den sie braucht.

Nach ihrem raschen Anwachsen vor mehr als zwei Jahren und nach anfänglichen Erfolgen ist ihr Schwung erlahmt. Die Stimmung in den USA ist umgeschlagen. Ronald Reagans Politik scheint anzukommen: Die Amerikaner wollen wieder Flagge zeigen - und Raketen.

Ein Film wie der »Tag danach« stört die patriotischen Gefühle, die jetzt viele Amerikaner erfaßt haben. Zugleich fördert der Horror, mit dem der Film seine Zuschauer so schonungslos überfällt, eine Abwehrreaktion, die der bekannte amerikanische Psychologe Robert Jay Lifton ("Die Unsterblichkeit des Revolutionärs") »Psychic numbing« genannt hat: eine Narkotisierung der Seele, die vermeiden will, sich dem Grauen, dem sie ausgesetzt ist, wirklich zu stellen.

Für Zuschauer, die nach dem Ansehen von dem »Tag danach« vor Angst und Depression nicht mehr aus und ein wußten, war in Lawrence wie in vielen anderen amerikanischen Städten eine »Hot Line« zur Telephonseelsorge geschaffen worden. Nur sieben Bürger von Lawrence riefen am nächsten Tag diese Rettungsnummer an.

Hunderte von Anrufern dagegen erkundigten sich bei den zuständigen Stellen in Kansas City und Umgebung, wie es um den Zivilschutz in der Gegend stehe, und ob es genügend Bunker gäbe.

Damit hatten die Friedensfreunde nicht gerechnet. Ihr Umgang mit dem Film war zuweilen reichlich naiv. Das zeigte sich schon im Wohnzimmer von Sabrina Sojourner:

Gewiß: da gab es niemanden in der Wohnung der Sabrina Sojourner, der sich der Macht dieser Bilder vom Tag danach entziehen konnte.

In den ersten 45 Minuten der Sendung, die in sympathischen, zuweilen komischen Details Alltäglichkeiten aus Kansas City und Umgebung beschreiben, flackerte dann und wann Heiterkeit im Raum auf.

Das heimische Football-Team »Eagle Scouts« wurde freudig beklatscht, Kinder wetteiferten wie im Heimatkunde-Unterricht, die gefilmten Lokalitäten von Kansas City zu benennen, die sie auf dem TV-Schirm wiedererkannten.

Doch dann ging sekundenlang der blendende Blitz über den Bildschirm, braunorange stiegen die Pilzwolken auf, und ein Inferno brach los, das trotz aller Vorausbeschreibungen, die alle gelesen hatten, jedermann überwältigte.

Es gab kein Geräusch, kaum mehr Bewegung im Raum, niemand goß Cola nach, Zigaretten blieben unangezündet; wie verängstigte Tierchen krochen Kinder in die Arme ihrer Eltern und wollten ganz fest gehalten werden.

»Ich will tot sein, wenn das alles passiert«, sagte der elfjährige Cliff, Sohn der Friedensaktivistin Sabrina, und er war auch nicht davon zu überzeugen, daß es zu verhindern sei, wenn alle im Raum hier nur tüchtig für den Frieden arbeiteten.

Bringen Bunker die Rettung?

Eine Farmersfamilie im Film, die ihren Keller zum Bunker umgebaut hatte, überlebte in der Betonkammer - zunächst. Ungewollt sicher von den Machern des Films, sogar widerlegt durch den Umstand, daß auch von dieser Familie nur ein geblendetes Kind mitsamt der Mutter übrigbleibt, deren Schicksal nicht mitgeteilt wird, vermittelt diese Bunkersequenz dem Zuschauer doch die zweifelhafte Botschaft: Zivilschutz rettet.

Was die Friedensaktivisten von Kansas City dem entgegenzuhalten hatten, nahm sich dürftig aus.

»Wir sind nicht machtlos«, beteuerten Sabrina und ihre Freunde von der Initiative »Target Kansas City«, »wir haben eine lebendige Demokratie, die wir nur nutzen müssen. Also schreibt euren Kongreßabgeordneten, ruft sie an, laßt sie wissen, was ihr denkt.«

»Das wird doch allenfalls seine Sekretärin erfahren, bevor sie den Brief in den Papierkorb schmeißt«, murmelte jemand. Antwort: »Nein, ihre Karriere hängt von unseren Stimmen ab.«

Und so schritt die Gruppe - nach dem Plan der Organisation von »Target Kansas City« - doch noch zur Tat. Eine Polaroid-Kamera kam zum Einsatz, um die Anwesenden in Grüppchen von dreien und vieren in Sofortbildern festzuhalten. Die wurden dann mitgenommen zur Mahnwache am Obelisken und zusammen mit Hunderten von Polaroid-Photos aus anderen Zuschauergruppen auf ein

großes Friedensbanner geheftet. Es sollte nach Washington geschickt werden - mit einem Brief für Ronald Reagan: »Wir alle haben 'The Day After' gesehen. Sie auch?«

Er hatte. -

Lawrence, Kansas, am Tag nach dem »Tag danach": Der Campus der Universität von Kansas liegt idyllisch und abgeschieden auf den Hügeln über dem Städtchen. Im riesigen Stadion der Universität, in dem sich im Film sterbende Elendsfiguren drängen, trainieren heute Langstreckenläufer und Hochspringer. Auf der Terrasse der Kneipe »Blockhouse« sitzen sorglos schwatzende Studenten in der Sonne und trinken Bier. Vom »Day after« wird nicht gesprochen. Aus dem Lautsprecher kommt »Eleanor Rigby«. »So ist das bei uns in Lawrence«, scherzt einer, »die Beatles sind gerade unter die ersten zehn der Hitparade gelangt.«

Ganz so verschlafen ist die Stadt dann doch wieder nicht: Lawrence hat eine progressive Tradition. Im blutigen amerikanischen Bruderkrieg stand die Stadt auf der Seite derer, die Sklaverei abschaffen wollten; 1863 brach eine Bande von Anhängern der Reaktion über die Stadt herein, brannte sie nieder und ermordete 150 Bürger. In den 60er Jahren dieses Jahrhunderts war Lawrence eine Bastion der Bürgerrechtsbewegung und ein Zentrum der Studentenrevolte gegen den Krieg in Vietnam. Die Aktivisten von damals sind jetzt führende Politiker und Professoren in der Stadt.

Nur: Die Studenten von heute versinken in »Apathie und Desinteresse« - so Annette Kuhlmann, eine deutsche Doktorandin an der Universität. Die Kenntnis der jungen Amerikaner von der Außenwelt sei erschreckend gering. Oft genug sei sie gefragt worden, wo sie herkomme: aus Ostdeutschland, Westdeutschland oder aus Nazi-Deutschland? Ihre Freunde, ein Häuflein anderer junger Deutscher, die an der Universität Kansas studieren, nicken bestätigend. Wo denn Hitler jetzt lebe, wollte neulich ein US-Kommilitone wissen.

In Lawrence wurde im vorigen Sommer ein großer Teil von »The Day After« gedreht - 3000 Bewohner der Stadt, die meisten von ihnen Studenten, spielten als Komparsen mit, und für viele von ihnen wurde das zu einer viel stärkeren Erfahrung als der fertige Film.

Die Maskenbildner von ABC waren gründlich vorgegangen, um gesunde Zeitgenossen in die entsetzlich entstellten Opfer eines Atomschlags zu verwandeln. An langen, heißen Drehtagen im August vorigen Jahres, wenn die Statisten, hergerichtet als Verstümmelte, auf ihre Aufnahmen warteten, verloren manche von ihnen das Vermögen, zwischen der Fiktion, an der sie mitwirkten, und der Wirklichkeit zu unterscheiden.

Die 24jährige Studentin Mo Groninger: »Für mich war das alles plötzlich

ganz real. Die Bombe war gefallen, und ich saß stundenlang fast bewegungslos in der brennenden Sonne und betrauerte das Ende der Menschheit.«

Haben diese Erfahrungen die Studenten verändert? Allan Hanson, Gründer der Initiative »Let Lawrence Live«, meint »ja": Vor den Dreharbeiten im vorigen Jahr seien zwei Dutzend der 20 000 Studenten Mitglieder einer studentischen Friedensgruppe gewesen. Jetzt machen immerhin fast doppelt so viele Kommilitonen mit: Das ist kümmerlich genug.

Hansons Frau Loise, die auch als Komparsin bei den Dreharbeiten mitgewirkt hat, fand sich von der gespielten Wirklichkeit wie viele andere so überwältigt, daß ihr Gedanken kamen, die sie als Friedensaktivistin ablehnt und für die sie sich heute schuldig fühlt: »Ich dachte eine kurze Zeit lang, daß wir für die College-Ausbildung unserer Tochter ruhig einen großen Kredit aufnehmen können. Zurückzahlen müssen wir den doch nicht mehr.«

Doch dann gab es auch solche, die nach dem Ende des Films auf sehr amerikanische Art Tröstung suchten und fanden.

Mary Allen Armstrong, Hausfrau aus Lawrence, hatte während die Bilder der nuklearen Katastrophe vor ihr abliefen, immer wieder überlegt, woher sie die Titelmusik vom »Tag danach« wohl kenne.

Schließlich fiel es ihr ein. Sie holte ihr Gesangbuch und fand darin den Choral »Wie sicher ist doch unser Fundament«. Und als der Abspann des Films lief, als die Fernsehgesellschaft darauf hinwies, daß ein wirklicher Atomkrieg wahrscheinlich sehr viel schlimmer sein würde als der gerade gezeigte - da versammelte sich die Familie Armstrong um das Klavier im Wohnzimmer und stärkte sich an dem Gottvertrauen, das das fromme Lied verhieß.

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