Zur Ausgabe
Artikel 35 / 86
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Ich wollte auch leben wie Christiane F.« Die ehemalige

Drogenabhängige Dagmar über den Film »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo«
aus DER SPIEGEL 52/1988

SPIEGEL: Wann haben Sie »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« zum erstenmal gesehen?

DAGMAR: Das muß so vor sieben oder acht Jahren gewesen sein. Da war ich 17 Jahre alt.

SPIEGEL: Wie oft haben Sie sich den Film angeguckt?

DAGMAR: Dreimal kurz hintereinander.

SPIEGEL: Was hat Sie am stärksten beeindruckt?

DAGMAR: Diese Wahnsinnsmusik von David Bowie. Die hat in mir so eine unbestimmte Sehnsucht ausgelöst. Und dann die Bilder vom nächtlichen Berlin. Wie die Kids da rumgeflippt sind wie Stadtindianer, wie sie Fensterscheiben eingeschmissen oder auf dem Mercedes-Hochhaus tierisch Fez gemacht haben, das war total geil. So ein Gefühl von schrankenloser Freiheit.

SPIEGEL: Wie sind Sie aufgewachsen?

DAGMAR: In einer katholischen Kleinstadt. Alles total eng. Abends haben die Nachbarn hinter den Vorhängen gelauert, wann und mit wem man nach Hause kam. Und sonntags haben mich meine Eltern gezwungen, in die Kirche zu gehen. Das habe ich alles gehaßt, und auf die Schule hatte ich sowieso keinen Bock mehr. Ich wollte Abenteuer, Freiheit. Am liebsten wäre ich schon mit 14 ausgezogen.

SPIEGEL: Und wann sind Sie ausgezogen?

DAGMAR: Kurz nachdem ich den Film gesehen hatte. So wie diese Christiane F. wollte ich auch leben. Nachts in die Disco gehen, total gut drauf sein, niemandem Rechenschaft schuldig sein. Und natürlich Drogen ausprobieren und die Szene kennenlernen.

SPIEGEL: Hat Sie nicht abgeschreckt, wie sich Ihr Vorbild im Film das Geld für Heroin mit Prostitution verdienen mußte?

DAGMAR: Die Stelle, als die sich hinterher übergeben mußte, fand ich schon ekelhaft. Aber ich dachte, so etwas könne mir nie passieren. Wenn ich kein Geld hätte, würde ich keine Drogen nehmen.

SPIEGEL: Hatten Sie keine Angst vor Entzugserscheinungen? Immerhin ist in dem Film doch zu sehen, wie Christiane F. bei einem Entgiftungsversuch vor Schmerzen wimmert.

DAGMAR: Also mir gingen immer nur die Bilder von dem David-Bowie-Konzert durch den Kopf, wo Christiane heimlich hingegangen ist. Und, wie gesagt, diese Musik. An so was wie Entzug habe ich doch damals nicht gedacht. Höchstens, daß das wie eine Krankheit ist, die ich notfalls durchstehen könnte.

SPIEGEL: Sie sind abhängig geworden wie Christiane F.?

DAGMAR: Ich habe alles genommen: Haschisch, LSD, Heroin, Kokain, später Kodeintabletten. Sechs Jahre lang, bis ich selber wieder Schluß machte, ohne Therapie.

SPIEGEL: Haben Sie Ihre Sucht finanziert wie Christiane F.?

DAGMAR: Auf den Strich bin ich nie gegangen. Aber ich habe gedealt, zusammen mit meinem Freund. Statt unter dem Zwang, dem ich entfliehen wollte, stand ich nun unter dem Zwang, Geld für Gift zu besorgen. Das war meine neue Freiheit.

SPIEGEL: Wie würden Sie, wenn Sie Bilanz ziehen, diese Zeit heute einordnen?

DAGMAR: Es waren sechs Jahre Nichtleben.

SPIEGEL: Und wie realistisch war, aus Ihrer jetzigen Sicht, der Drogenalltag im Film dargestellt?

DAGMAR: Ich weiß heute, daß der Film keine wirkliche Vorstellung von Sucht vermittelt. Was beispielsweise seelische Abhängigkeit heißt, wird überhaupt nicht deutlich, das kann man nur an sich selber erfahren. Das Buch, das ich viel später gelesen habe, empfand ich dagegen eher als abschreckend.

SPIEGEL: Glauben Sie, daß Sie durch den Film zum Drogenkonsum gekommen sind?

DAGMAR: Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Auf jeden Fall hat er mich sehr auf den Geschmack gebracht.

Zur Ausgabe
Artikel 35 / 86
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel