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»Ich wollte Gleicher unter Gleichen sein«

Interview mit BMW-Betriebsrat Peter Vollmer über sein Doppelleben als Millionen-Erbe und Bandarbeiter *
aus DER SPIEGEL 36/1987

SPIEGEL: Herr Vollmer, obwohl Sie Architekt sind, in Harvard studiert und Anteile von Firmen mit 30 Millionen Mark Jahresumsatz geerbt haben, arbeiteten Sie unerkannt am Fließband. Wie lange dauert Ihr Doppelleben schon?

VOLLMER: 1972 habe ich bei der AEG als Elektrowickler angefangen. Seit 1980 bin ich bei BMW in Berlin.

SPIEGEL: Warum die Heimlichtuerei?

VOLLMER: Ich wollte Kollege sein wie jeder andere, Gleicher unter Gleichen, und natürlich ohne Distanz dadurch, daß ich im Hintergrund ein Vermögen habe.

SPIEGEL: Wieso ist das niemandem aufgefallen?

VOLLMER: Das wundert mich im nachhinein auch. Eigentlich müßte jeder gemerkt haben, daß ich eine andere Schulausbildung habe, daß ich studiert habe, daß meine Sprache anders ist.

SPIEGEL: Wollten Sie abtauchen wie der Schriftsteller Wallraff, um die Arbeitsbedingungen vor Ort auszuforschen?

VOLLMER: Vor allem wollte ich meine Situation, als Unternehmer und Kommanditist an einer Firma beteiligt zu sein, unbedingt loswerden. Ich wollte richtig einer von den Kollegen werden und die Arbeitswelt hautnah kennenlernen. Anders als Wallraff war ich nicht Beobachter, um irgendwas ans Tageslicht zu zerren, sondern ich hatte die Intention, mich selbst zu verändern, die Situation, aus der ich komme, zu überwinden.

SPIEGEL: Was war denn in Ihrem Vorleben so unerträglich?

VOLLMER: Ich komme aus einer strammen CDU-Familie, wohlsituiert im Reicheleuteviertel. Und da sind ja solche Widersprüche zu den Arbeits- und Lebensverhältnissen der anderen, daß ich eines Tages gesagt habe: Nee, das mach' ich nicht mehr.

SPIEGEL: Wie kommt der Millionärssohn am Fließband zurecht?

VOLLMER: Meine Erziehung war relativ stark handwerklich. Mit zehn Jahren schaffte mein Vater 'ne Hobelbank an und stellte mir die in mein Zimmer. Ich wollte sie da nicht haben, weil das Ding so schrecklich aussah. Aber mit einigen Tricks wurde ich drangebracht. Mein Architekturstudium hängt sicher auch mit diesen Geschichten zusammen. Ich arbeite gerne mit den Händen.

SPIEGEL: Zusammen mit Kollegen haben Sie jahrelang gegen Arbeitgeber-Eingriffe in die Betriebsratswahlen gestritten. BMW ist dabei letztendlich mit allen sieben Versuchen, Sie rauszuwerfen, gescheitert. Nun kam die achte Kündigung, weil Sie bei der Einstellung die Firma »arglistig« über Ihren persönlichen Hintergrund getäuscht haben sollen.

VOLLMER: Absurd. Ich hatte in dem Bewerbungsbogen korrekt ausgefüllt, daß ich eine Druckerlehre gemacht habe, und die Arbeitgeber der letzten fünf Jahre angegeben. Nur in der Spalte Studium oder weitergehende Ausbildung habe ich einen Strich gemacht. Der Arbeitgeber hat alle Informationen bekommen, die er braucht, um beurteilen zu können, ob ich als Maschinenarbeiter geeignet bin oder nicht.

SPIEGEL: BMW hält Ihnen jetzt vor, Sie hätten sich durch Verschweigen Ihrer wirklichen Qualifikation den Job »sittenwidrig erschlichen«.

VOLLMER: Ein Witz. Ich bin Mitglied der Akkordkommission im Betriebsrat. Bei der Einstellung kommt es nur darauf an, ob einer die Arbeit schafft, die er machen muß, oder nicht. Überqualifikation spielt überhaupt keine Rolle, egal ob einer als Arzt oder Professor ankommt.

SPIEGEL: Arbeitgeber, aber auch Kollegen werfen Ihnen jetzt vor, Sie hätten während Ihres Arbeitskampfes Solidaritätsspenden und Rechtsschutzmittel zu Unrecht erhalten.

VOLLMER: Wenn der Unternehmer gegen Teile der Belegschaft so vorgeht wie gegen uns Betriebsräte, ist es notwendig, die Solidarität herzustellen. Was da an Kosten entsteht, für Flugblätter oder andere Posten, muß gemeinsam getragen werden. Nehmen wir mal umgekehrt an, ich hätte dies alles selbst bezahlt, dann hätte ich doch nur bewirkt, daß die Solidarität verpufft.

SPIEGEL: Gewerkschafter halten Ihnen vor, daß Sie neben Rechtsschutz auch eine Notlage-Unterstützung bekommen haben, für die nach der IG-Metall-Satzung die Bedürftigkeit belegt werden muß . ..

VOLLMER: . . , aber nur, weil die Gemaßregelten-Unterstützung abgelehnt wurde, auf die ich, wie jeder andere, der den Kopf hinhält, Anspruch gehabt hätte.

SPIEGEL: Aber zum Beleg Ihrer angeblichen Notlage müssen Sie dann doch falsche Angaben gemacht haben.

VOLLMER: Ich habe meine Lage bei BMW geschildert, vom Vermögen war nicht die Rede. Gut, so wie ich das jetzt sehe, war das falsch. Im übrigen habe ich die 500 Mark natürlich längst zurückgezahlt.

SPIEGEL: Ihr Arbeitgeber will den heimlichen Millionär loswerden, aber auch Metaller hängen Ihnen jetzt ein Verfahren wegen gewerkschaftsschädigenden Verhaltens an. Nun sitzen Sie zwischen allen Stühlen.

VOLLMER: Finde ich gar nicht. Ich war jetzt wieder vor dem Werk, habe Flugblätter verteilt und bekam laufend Zuspruch. Ständig kommen Anrufe gerade von ausländischen Kollegen, die sagen: Ich finde das ganz toll, du hast es nicht nötig. Du könntest dich in die Sonne legen und machst trotzdem diese Arbeit. Wer dagegen meine Rolle vorher auch schon nicht akzeptiert hat, sieht mich heute noch ein Stück schlechter.

SPIEGEL: Überrascht Sie das allseitige Mißtrauen gegenüber einem Millionenerben, der einfach nur arbeiten will?

VOLLMER: Nein. Millionär ist ja sowieso mehr oder weniger ein Schimpfwort.

SPIEGEL: Mit Ihrem Millionenerbe waren Sie für den Streit im Betrieb gut abgesichert.

VOLLMER: Ich muß einfach hinnehmen, daß Kritiker sagen, mit dem Hintergrund reißt sich die Schnauze besser auf als ohne.

SPIEGEL: Stimmt das nicht auch?

VOLLMER: Immerhin reißen die mit mir gefeuerten Betriebsratskollegen die Schnauze genauso auf und organisieren diesen Kampf. Und die haben nicht den Hintergrund.

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