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»Ich würde auch gern den Nobel kriegen«

SPIEGEL-Redakteur Fritjof Meyer über die Verleihung des Friedensnobelpreises an Lech Walesa *
Von Fritjof Meyer
aus DER SPIEGEL 41/1983

Recht ist es, ein Preiskomitee zu rühmen, das seine Liebesgabe nach Polen schickt; leicht ist es zu tadeln, weil die nordeuropäische Provinz ein Faible für Gescheiterte hat: Aus Oslo kommen meist Trostpreise für Verlierer.

In einer unfriedlichen Welt ist es nun einmal schwierig, gemäß dem Vermächtnis des reuigen Rüstungsindustriellen Alfred Nobel Friedfertigkeit zu honorieren. Hätte man die Bewohner des Jordan-Westufers befragt, sie würden dem gelernten Terroristen Begin die Palme nicht gegeben haben, und auch die Kambodschaner nicht dem Spät-Metternich Kissinger, die Boat-People nicht dem Guerillakrieger Le Duc Tho. Was für ein Frieden ist es, den das Komitee da dekoriert? Allein die Abwesenheit von Krieg?

Warum bekam dann Lenin nicht den Friedensnobelpreis, da er doch (um seine eigene Macht zu retten) mit einem Waffenstillstand der kaiserlich-deutschen Militärmacht den Rücken freihielt? Weil er kein Pazifist war? Lenin: »Die Sozialisten können nicht gegen jeden Krieg sein, ohne aufzuhören, Sozialisten zu sein.«

Oder, den Kommunisten unter den Friedenskämpfern zur Erinnerung: »Eine unterdrückte Klasse, die nicht danach strebt, Waffenkenntnis zu gewinnen, in Waffen geübt zu werden, Waffen zu besitzen, eine solche unterdrückte Klasse ist nur wert, unterdrückt, mißhandelt und als Sklave behandelt zu werden.« Man ahnt, daß Walesa den Preis bekam, weil er sich an diesen Ratschlag nicht gehalten hat.

Hatten dann die französischen Kommunisten den Preis verdient, die 1939, im Zeichen des Hitler-Stalin-Pakts, ihre Landsleute vom Widerstand gegen Hitler abhielten ("Mourir pour Dantzig?"), oder gleich jener Stalin selbst, der - im Glauben an Hitlers Vertragstreue - für einen Aufschub von 21 Monaten die deutsche Kriegsmaschine gegen Polen kehrte?

Hätte Truman ihn nicht bekommen müssen, der meinte, durch die 260 000 Toten der ersten Atombomben den Krieg mit Japan abzukürzen? Steht der Preis jenen zu, die das stabilisierende Gleichgewicht des Schreckens zwischen den Atommächten erfunden haben, oder jenen, die mit einseitiger Abrüstung dieses Gleichgewicht in Frage stellen?

Wie es, auf seine Weise, Lech Walesa tat. Es gibt gute Gründe, den vor gut drei Jahren unbekannten Elektriker aus jenem Danzig zu preisen, für das die Kommunisten nicht hatten sterben wollen. Als Wortführer seiner Klasse forderte er im ersten Anlauf mit Polens Partei-Bourgoisie gleich auch noch deren Schutzmacht und ihr ganzes System in die Schranken - ein kleiner, schnauzbärtiger Zivilist gegen vier Millionen Sowjetarmisten und 50 000 Panzer.

In der Geschichte des Kommunismus, des revolutionären wie des regierenden, hat es so etwas Verwegenes noch nicht gegeben. Mit einem Fingerzeig allein hat er wie der Knabe im Märchen die Nacktheit des Zaren offenbart, ein für allemal vorgeführt, wie die Kommunisten, sind sie erst an der Macht, über die Klassenorganisation der Arbeiter denken, die Gewerkschaft.

Dafür den Nobelpreis? Er gewährt einen gewissen persönlichen Schutz. Das Auge der Weltöffentlichkeit ruht angeblich auf der Unversehrtheit des Genobelten.

Doch seine Feinde haben Walesa ja nicht ermordet, nicht einmal so richtig eingesperrt - er saß in einer Art Ehrenhaft in einem Schloß und durfte angeln. Wären sie anders mit ihm verfahren, wäre Polen vollends unregierbar geworden. Den Schutzmantel aus Oslo braucht der nicht, um den sich zehn Millionen Polen scharen.

Walesas Feinde haben deshalb nur versucht, ihn zu desavouieren: Er sei ein Maulheld, ein Weiberheld, ein Geldkratz, ein ungetreuer Sohn seiner Kirche - als ob das seine Anhänger stören könnte. Die Regierenden in Polen, denen Gott zu ihrem usurpierten Amt den Verstand nicht gab, kennen ihr eigenes Volk nicht.

Die arbeitende Klasse produziert keine Märchenprinzen für die Illustrierten. Lech Walesa, und nur das hat ihn nach vorn gebracht, ist ein ganz normaler polnischer, also katholischer Arbeiter von jenem Schlage, der andernorts das Ruhrgebiet aufgebaut hat. Sein Beichtvater Henryk Jankowski, auch er Haßobjekt der Herrschenden, ist sein nächster Vertrauter, der gewiß oftmals einem tapferen Sünder den Rosenkranz verordnet hat: Nach dieser Religion darf einer, der sieben Kinder zeugt, auch mal fünfe gerade sein lassen.

Und wenn er im Ausland herumreiste, sich wie ein Fußballstar feiern ließ mit eitlen Gesten, sich womöglich auch jene

Briefumschläge zustecken ließ, die für die Parteioberen daheim eine Selbstverständlichkeit, mehr noch: Anlaß ihrer Tätigkeit sind - niemand, der malochen muß, verargt ihm das. Vom SPIEGEL erbat er sich einmal als bescheidenes Honorar für ein Interview ein Luxus-Frühstück im Kollegenkreis, mit Sekt.

Der Brave hat das Tonband, das sich die Chargen des Generals Jaruzelski rechtswidrig besorgten oder montierten, als Fälschung erklärt. Walesa sagte darauf angeblich seinem Bruder:

»Die haben die Absicht, alle Konten im Westen zu blockieren« (vorige Woche haben sie es getan). »Gleichzeitig wollen sie mich von meinen familiären Quellen abschneiden. Ich kann nicht dran, weil ich gesellschaftlich aktiv bin. Ich kann was für die Familie nehmen, aber dann würde ich auch gern den Nobel kriegen, obwohl die Kirche dagegen ist, zur Hölle mit ihr. Wenn die Kirche nicht wäre, würde ich ihn bekommen, aber die Kirche fängt an, unangenehm zu werden. Die Kirche verfolgt eine andere Politik, auf weite Sicht, sogar der Papst ist vorgeschoben worden ... Ich bin mit dem Papst auf Kollisionskurs.«

Man möchte schon glauben, daß er so dahergeredet hat, auch wenn die Staatssicherheit was dazutat. »Den Nobel« hat er nun bekommen, sechs Tage nach seinem 40. Geburtstag - und die Kirche ist gewiß nicht glücklich, weil sie, sub specie aeternitatis, den Frieden auch mit Tyrannen schließt: Landsmann Wojtyla hätte allemal den Preis verdient.

Aber Walesa? Das Tonband: »Ich sollte zugunsten des Papstes darauf verzichten. Auf der anderen Seite kann ich nicht darauf verzichten, weil ich ihn wirklich gern haben würde. Es geht nicht um die 200 000 Dollar, weißt du, wichtig ist der politische Aspekt. Wenn ich ihn bekäme - dann sagen, daß ich ihn nicht will, das wäre vielleicht etwas anderes. Als ich neulich (beim Kloster) in Tschenstochau war, habe ich darüber gesprochen, und sie waren sehr beeindruckt, daß ihr Lech so eine Haltung einnimmt. Das wäre sogar noch stärker: Ich sollte ihn ablehnen.«

Er hat ihn nicht abgelehnt, sondern dem kirchlichen Landwirtschaftsfonds zur Unterstützung privater Betriebe zugesagt. Wieso eigentlich? Seine Anhänger würden ihm nicht einmal verübeln, wenn er ihn - was doch wohl der Sinn der Zuwendung ist - für sich selbst verwendete: Ein Auto zu polnischen Inflationspreisen, ein Landhaus, nur halb so schön, wie es der korrupte Gierek hatte, Rücklagen fürs Alter, nicht gerade in wertlosen Zloty, und für die vielen Kinder und Kindeskinder - wenn so etwas ginge in der Volksrepublik Polen:

»Heute bin ich ganz oben, aber in zehn Jahren wird der General mich an der Nase haben, das ist klar.« Folgt eine undeutliche Passage, wonach er wohl das Geld bei der Vatikan-Bank anlegen würde. Weiter: »Es wird nötig sein, es hundert Jahre lang liegen zu lassen oder vielleicht fünfzig. Sollen doch deine oder meine Enkel etwas damit machen, aber sie sollen es haben. Ich denke so: Den Vatikan-Staat wird es ewig geben ...«

Das polnische Fernsehen hat dieses Tonband gesendet, um Walesa bloßzustellen. Doch nirgends hat je das Proletariat seinen Führern, die bis dato alle aus der Bourgeoisie gekommen sind, den Drang nach ihrem eigenen besseren Leben verübelt: nicht die Ball-Roben für die Töchter Marxens (wenn der einmal Geld bekam), nicht die Vergnügungsreisen des Fabrikdirektors Friedrich Engels, das Stadtschloß Lassalles oder den Ruhesitz Ledebours in der Schweiz, das handgestickte Monogramm in Liebknechts Hemd oder die Jagdhandschuhe aus englischem Leder für den nach Sibirien verbannten Lenin, den Rolls-Royce des Ministerpräsidenten Lenin.

Freilich, dieser Walesa ist ein Arbeiter. Das macht ihn ja so außergewöhnlich, wer kennt noch die wirklich proletarischen Revolutionäre? Die deutschen November-Rebellen Richard Müller und Ernst Däumig oder die Bolschewiki Roman Malinowski und Alexander Schljapnikow? Ein proletarischer Revolutionär, der statt der Macht im Lande den Nobelpreis erhält, ist fast schon eine komische Figur - aber auch die »Solidarität«, die da beim Streit fürs Arbeiterrecht die Jungfrau Maria vorantrug, verwirrte Andersgläubige.

Dabei vollzog sich diese erste wirkliche Selbstbefreiung des Proletariats exakter nach dem Marx-Lehrbuch als alles, was sich bislang dafür ausgegeben hat: in einem Industriestaat, ohne Bevormundung durch bürgerliche Intellektuelle, getragen von der Mehrheit der Bevölkerung, also friedlich, fern dem Putschismus des Rechtsanwaltes Lenin im Entwicklungsland.

Walesa bekam den Preis, weil er, so das Komitee, die Probleme seines Landes »durch Verhandeln und Kooperation« lösen wollte, »ohne Gewalt«. Das freilich gelang auch deshalb, weil Polen vor dem Äußersten, der sowjetischen Gewaltanwendung, bewahrt blieb: durch das Kriegsrecht des Generals Jaruzelski.

Walesa wurde laut Osloer Komitee prämiiert, weil er für das Recht der Arbeiter kämpfte, ihre eigene Organisation zu etablieren. Wo aber fördert die Koalitionsfreiheit je den internationalen Frieden? Kein Arbeitskampf in den westlichen Industriestaaten hat die Raketenproduktion behindert; das Vorhandensein einer Gewerkschaft keinen Staat davor bewahrt, einen Krieg zu beginnen.

Träten morgen Rußlands Arbeiter in den Generalstreik, sagen wir: gegen die herrschende Klasse und für eine eigene Gewerkschaft oder auch nur gegen die systembedingte Mangelwirtschaft - wir müßten eher um den Frieden fürchten. Rußlands Zaren jedenfalls hatten Erfahrung, soziale Konflikte in einen kleinen Krieg zu wenden.

Hätte aber in Rußlands Glacis Walesa gesiegt, wäre Moskaus europäische Machtposition, der Papst weiß es, nicht zu halten gewesen, hätte der Entschluß zur Intervention ganz nahegelegen.

Das bedachte der Elektriker nie, der Revolutionär brauchte sich auch darum nicht zu scheren. Den Frieden aber, ein höheres Gut als die Gewerkschaft, rettete mithin der Konterrevolutionär Jaruzelski, ihm würde demnach der Preis aus Oslo gebühren. Die Freiheit, den Landsleuten Lech Walesas womöglich mehr wert als der Frieden, hatte Nobel zu honorieren nicht im Sinn.

Laut Marlowes »Faustus« ist es tröstlich, »im Leid Gefährten zu haben« - wenn nicht in Rom, dann eben in Oslo.

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