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»Ich würde immer wieder abhauen«

Wie Gutachter, Juristen und Eltern um Scheidungskinder kämpfen Wenn Gerichte über das Schicksal von Scheidungswaisen entscheiden, wird das gesetzlich geschützte »Wohl des Kindes« oft grob mißachtet. Eltern bekämpfen sich gegenseitig, Gutachter verfassen parteiische Expertisen. In einem Düsseldorfer Fall hat jetzt ein elfjähriger Junge seinen Willen gegen Richter und Psychologen durchgesetzt. *
aus DER SPIEGEL 35/1988

Ralph ist Scheidungskind und, was selten vorkommt, dennoch ein guter Schüler: aufgeweckt, wortgewandt, kritisch. Seine Willensstärke machte deutschen Familienrichtern zwei Jahre lang zu schaffen.

Es begann damit, daß der Sextaner im Juli 1986, damals elf Jahre alt, eine Entscheidung über sein künftiges Leben traf: »Heute geh'' ich zu meinem Vater.«

Was er seiner Englisch-Lehrerin in der letzten Stunde erzählte, war der Hinweis auf eine lange vorbereitete Flucht. Gerichte hatten bei der Scheidung der Eltern geurteilt, Ralph müsse bei der Mutter leben - sie erhielt das Sorgerecht.

Das Kind entschied anders. Seiner Mutter Erika Schlossarek _(Name der Familie von der Redaktion ) _(geändert. ) hinterließ Ralph einen Zettel: »Ich bin zu meinem Vater gezogen, ich habe vier Jahre bei Dir gelebt und will jetzt vier Jahre bei ihm leben.«

Erika Schlossarek, Hausfrau und Halbtagsangestellte, erwirkte bei Gericht einen »Herausgabebeschluß«. Doch alle »Vollstreckungsversuche« schlugen fehl. »Ich kann ohne meinen Vater nicht leben und umgekehrt auch«, erklärte Ralph amtlichen Besuchern, »ich würde immer wieder abhauen.«

Mit dem Entschluß, seinen Wohnsitz selbst zu bestimmen, demonstrierte Ralph, wie wenig Richter und Psychologen ausrichten können, wenn ein Kind bei der Aufteilung des Sorge- und Umgangsrecht nicht mitspielt.

Der Junge lebte nun mit seinem Vater in einem gemieteten Einfamilienhaus bei Düsseldorf, liebevoll betreut, ein bißchen verwöhnt, mit Kinderzimmer und eigenem Raum für die elektrische Eisenbahn.

Doch in dem Vororthäuschen gaben sich, von den Gerichten bemüht, Sachverständige die Klinke in die Hand. Die Gutachter mußten - wie in jedem streitigen Sorgerechtsfall - einem Elternteil den Zuschlag geben. Als erste sezierte die Diplompsychologin Monika Hermes, Mitarbeiterin eines privaten Bochumer Institutes, die Vater-Sohn-Beziehung. Das Institut, geleitet vom Psychologen Friedrich Arntzen, läßt Dutzende freier Mitarbeiterinnen bundesweit Sorgerechtsfälle begutachten. Institutschef Arntzen rühmt die »nahezu reibungslose Kooperation« mit den anfragenden Juristen.

Die Arntzen-Expertin, von der Mutter offenbar angetan, beurteilte den Junior unfreundlich, den Senior vernichtend. Frühpensionär Günter Schlossarek, 62, Graphiker und Bühnenbildner von Beruf, fand sich plötzlich in der Rolle eines Angeklagten. Er zeige »psychopathische Züge«, schrieb die Gutachterin in ihre Beurteilung, seine »erzieherische Eignung« sei stark eingeschränkt. Zum Beleg schilderte sie familiäre Episoden in Fülle und kritisierte, daß der Vater dem Kind eine eigene Persönlichkeit läßt.

Einmal zum Beispiel sollte Ralph die Erwachsenen einen Moment allein lassen. Schlossarek habe, so notierte die Sachverständige, dies nicht als »Forderung formuliert«, sondern nur die Bitte geäußert, der Junge möge ihm »den persönlichen Gefallen« tun.

Vorgeworfen wird dem Vater auch, er wolle Ralph zeigen, »daß er dessen Willen respektiert«. Als der Junge sich weigerte, die Gutachterin zu einem Treffen mit der Mutter zu begleiten, vermerkte sie pikiert, der Vater habe, anstatt Order zu erteilen, lediglich an die Einsicht seines Sohnes appelliert: »Willst du wirklich nicht? Warum nicht? Du mußt doch Gründe haben.«

Fortan mußte sich Schlossarek gegen den Vorwurf verteidigen, er sei zu weich. Gutachterin Monika Hermes verlangte Auskunft über die Grenzen seiner Geduld, Schlossareks Antwort: Bei »Lügen und Klauen« zum Beispiel werde er »unerbittlich« reagieren.

Die Gutachterin hielt ihm jedoch vor: Ralph habe einmal, wie sie wisse, auf einem Feld »einige Möhren entwendet«. Daraufhin habe der Vater »bagatellisierend und amüsiert« von einem »Kläuchen« gesprochen. Diese »Inkonsequenz seines Verhaltens« ließ sie daran

zweifeln, ob Schlossarek »dem Kind überhaupt einen klaren Orientierungsrahmen zu vermitteln vermag«.

Sohn Ralph kam bei Monika Hermes nicht besser weg: »Die Steuerungsfähigkeit des Kindes stellte sich als recht inkonsistent dar.« Mal habe er sich »sehr diszipliniert und eher überangepaßt« gezeigt, mal »impulsiv, unkontrolliert und unflexibel«.

Vieles spricht dafür, daß dies die normale Reaktion eines Elfjährigen auf die lästige Gutachterei gewesen sein könnte. Immerhin hat der Junge die Erfahrungen mit der Psychologin witzig verarbeitet. Als ihn später eine andere Gutachterin fragte, ob er wisse, warum sie da sei, antwortete er schlagfertig: »Sie wollen rauskriegen, ob Vater und ich nicht alle Tassen im Schrank haben.«

Monika Hermes aber riet zu drakonischen Maßnahmen: Da Ralph nicht zur Mutter wolle und, wie die Sachverständige meinte, nicht zum Vater solle, müsse er eben in fremde Hände - in eine »neutrale« Umgebung, etwa ins »Internat« oder sonstwohin, »wohl eher zwei Jahre als weniger«, bei weitgehender Kontaktsperre zum Vater.

Die zuständige Richterin Inge Meyer vom Familiengericht in Neuss fand das alles plausibel: Die Gutachterin habe in ihren »einleuchtenden Ausführungen« dargelegt, daß der Vater seinem Sohn gegenüber »unkritisch« sei. Er entwerfe ein »ungetrübt positives Bild von ihm« und wisse »Negatives nicht zu nennen«.

»Ganz offensichtlich«, rügte die Richterin, vertrete Schlossarek »das Erziehungsprinzip, es dem Kinde möglichst schön zu machen und ihm eine vorzügliche schulische Entwicklung und Berufsausbildung zu wünschen«. Auch sei der Vater Ralphs »irriger Ansicht«, daß die »Anordnungen des Gerichts schlecht seien«, nicht entgegengetreten. Sie sah daher nur eine »Lösung": für Ralph »einen Vormund zu bestellen«, der die Ansichten der Sachverständigen Hermes »durchsetzt«, die Trennung von Vater und Sohn exekutiert.

Das Jugendamt, üblicherweise zuständig, komme dafür, so die Richterin, nicht in Betracht. Die Fürsorger hatten gefordert, »daß der so häufig und eindeutig erklärte Wille des Kindes nicht übergangen werden« dürfe.

Die Richterin, einmal festgelegt, ignorierte auch das Bürgerliche Gesetzbuch, dem zufolge eine Trennung des Kindes von seinen Eltern nur »zulässig« ist, »wenn der Gefahr nicht auf andere Weise« begegnet werden kann.

Nach der Entscheidung des Familiengerichts hatten Vater und Sohn die Hoffnung fast aufgegeben. Doch ein glücklicher Zufall kam ihnen zu Hilfe. Uwe-Jörg Jopt, Psychologieprofessor an der Uni Bielefeld, stieß bei einer vom Land Nordrhein-Westfalen geförderten Untersuchung auf das Machwerk der Sachverständigen Monika Hermes. Es verschlug ihm »zunächst einmal die Sprache«. Dann formulierte er aus freien Stücken einen Verriß zur Vorlage bei Gericht.

So wie seine Kollegin, schrieb der Professor, dürfe kein Gutachter verfahren, wenn die »Maxime vom Kindeswohl nicht zur zynischen Worthülse verkommen soll«. In ihrem Endurteil bleibe unklar, »warum die Fremdunterbringung des Kindes als einzige Lösungsmöglichkeit angesehen wird«.

Jopt stellte die Frage, »auf die kein wissenschaftlich solides Gutachten verzichtet hätte": Warum Ralph »überhaupt abgehauen« sei. Der Junge war, so stellte sich heraus, durch Auseinandersetzungen zwischen dem Freund der Mutter und seinem Vater verstört worden. Erika Schlossarek hatte ihren neuen Lebensgefährten dazu ausersehen, Ralph an Besuchstagen seinem Vater zu übergeben. Dabei kam es zu häßlichen Szenen, einmal sogar zu Tätlichkeiten.

Zwischenzeitlich war auch das Oberlandesgericht Düsseldorf, das der Vater angerufen hatte, tätig geworden. Zunächst hoben die Richter die verfügte Trennung von Vater und Sohn auf. Dann bestellten sie ein zweites Gutachten bei dem Essener Klinikdirektor Christian Eggers, der seine Mitarbeiterin Erdmuthe Riegels mit dem Fall betraute.

Die neue Sachverständige attestierte dem Vater, er habe sich vom Inhalt »zweier diffamierender Begutachtungen« gekränkt fühlen dürfen, »seine mißtrauisch-empfindlich ablehnende Haltung« sei verständlich. Mehr noch: Sie fand »keine Hinweise auf Psychopathie«.

Die Obergutachterin versuchte allen Seiten gerecht zu werden. Bei der Mutter registrierte sie Enttäuschung: Erika Schlossarek habe den Eindruck, Ralph sei »manipulierbar« und »von materiellen Bedürfnissen abhängig«. Deshalb mache sie Kontakte zu ihm »von seiner Initiative abhängig«.

Der Sohn wiederum, so ihr Urteil, setze das Verhalten der Mutter »einem Beziehungsabbruch gleich«. Er müsse dies als »einen Akt der Verstoßung auffassen«. Schon Jopt hatte erkannt, der Junge sehne nicht »weniger Mutter«, sondern »mehr Vater« herbei. Es gebe keine zwingenden Gründe, so das Riegels-Gutachten, Vater und Sohn zu trennen. Zwar sei denkbar, daß die »Entwicklung des Jungen zu einer eigenständigen Persönlichkeit im Umfeld von Herrn Schlossarek erschwert« sein könnte. Doch Ralph fühle sich beim Vater »sichtlich wohl«; die Beziehung sei »warm und herzlich«, geprägt »von gegenseitiger Bewunderung« und der »Abhängigkeit von den Gefühlen des anderen«.

Den Jungen selbst beschrieb die zweite Sachverständige feinfühlig: Im Umgang mit seinen Eltern und den Gutachtern wirke er »übermäßig wach und aufmerksam, in unkindlicher Weise verantwortungsbewußt«. Ralph könne aber auch »sehr aufgeschlossen fröhlich sein«. Doch bleibe »eine ständige Gespanntheit bestehen, wie sie Kindern aus gescheiterten Ehen häufig anhaftet«.

In Wahrheit brauche Ralph, wie alle Kinder, Vater und Mutter. Die Schlußfolgerung der Erstgutachterin Monika Hermes, ihm gleich beide Eltern zu nehmen, machte sich Erdmuthe Riegels nicht zu eigen. Solches sei »nur unter Gewaltanwendung durchführbar« und stehe »dem Kindeswohl entgegen«.

Sie empfahl dem Gericht daher, Ralph in der Obhut des Vaters zu belassen. Dies sei »die am wenigsten schädliche Alternative« - gemäß der Erkenntnis der Psychoanalytikerin Anna Freud und ihrer Schüler: Bei Scheidungswaisen, die durch den Konflikt ihrer Eltern bereits deformiert worden sind, könne von Kindeswohl ohnehin kaum noch die Rede sein.

Im Januar dieses Jahres hatten die Anwälte der Mutter »die Einholung eines neuen familienpsychologischen Gutachtens« beantragt. Doch die Düsseldorfer Oberlandesrichter ersparten Vater und Sohn einen neuen Leidensweg.

Zum Sommeranfang erhielt Schlossarek endgültig das Sorgerecht.

Name der Familie von der Redaktion geändert.

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