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JUGOSLAWIEN Idealer Hirte

Nachdem der Kosovo-Aufstand niedergeschlagen ist, will Belgrad das Bundesland Kroatien befrieden: durch Verhaftungen. Unter dem Belastungsmaterial ist ein an den SPIEGEL gerichteter Verfolgungsbericht.
aus DER SPIEGEL 21/1981

Zora Heger ist blind, Zdenka Grkovic gelähmt. Dennoch lud die jugoslawische Geheimpolizei in Zagreb die beiden über 80 Jahre alten Damen gleich mehrmals vor -- die Sehende auf einer Bahre.

Sie sollen als Zeugen in einem Prozeß gegen den verhafteten Dr. Marko Veselica, 45, aussagen, dem die Anklage »feindselige Propaganda« vorwirft, betrieben in »ausländischen Presseorganen«. Gemeint sind ein Interview mit dem schwedischen Fernsehen und ein an den SPIEGEL adressierter, vom SPIEGEL nicht veröffentlichter Bericht.

Veselica, Sohn eines im Krieg gefallenen Tito-Partisanen, war 18 Jahre Mitglied der Partei, Gewerkschaftsfunktionär, zuletzt Abgeordneter der kroatischen Landeshauptstadt Zagreb im Belgrader Parlament.

Der Dozent für Wirtschaftswissenschaften stellte in den 60er Jahren die These auf, Jugoslawien müsse zugrunde gehen, wenn Belgrad den wirtschaftlich erfolgreichen Einzelrepubliken wie Kroatien ständig die Gewinne abnehme und sie in die unterentwickelten Regionen Jugoslawiens stecke.

Die noch produktiven Wirtschaftszweige Jugoslawiens könnten nicht mehr investieren, in den rückständigen Gebieten ohne Infrastruktur und ohne geschulte Industriearbeiter aber zahlten sich die Investitionen zu spät aus.

Wegen dieser Ansicht wurde Veselica 1972 als kroatischer »Nationalist« auf persönlichen Wunsch Titos verhaftet und zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Oktober 1977 ernannte ihn »Amnesty International« zum »Gefangenen des Monats«, kurz darauf kam er frei.

Veselica berichtete dem SPIEGEL über die Haftzeit: »Schätzungsweise wurden damals in Kroatien 32 000 Menschen direkt verfolgt, diskriminiert oder schikaniert. Im Gefängnis Stara Gradiska, in das man mich sperrte, setzte es Prügel in Menge.«

Das Aufsichtspersonal im »Straf- und Erziehungshaus« Stara Gradiska bestand zu 90 Prozent aus Serben, welche die eingesperrten Kroaten »unmäßig hassen«, obwohl die einzige Sünde ihrer Opfer darin bestehe, »in Kroatien zu leben, das bis heute kein Recht darauf hat, über sich selbst und seine Beziehungen zu den anderen zu sprechen und statt dessen passiv das Diktat der Partei und eines Staates akzeptieren muß, gegen das es keine Widerrede gibt.«

Das reichte den Machthabern, ihn im April wieder festzunehmen; ein Untersuchungsbeamter kündigte an, Veselica werde »nicht so billig davonkommen S.159 wie Tudjman": Ex-General Dr. Franjo Tudjman wurde im Februar zu drei Jahren Freiheitsentzug verurteilt, weil er mehreren westlichen Journalisten, darunter dem ARD-Korrespondenten Peter Miroschnikoff, Interviews gegeben hatte. Miroschnikoff wurde ausgewiesen.

Während die Kosovo-Region im Süden Jugoslawiens erst seit den schweren Unruhen der Albaner von ausländischen Journalisten nicht besichtigt werden darf, sieht sich die Opposition in Kroatien schon seit Titos Tod von der Weltöffentlichkeit abgeschnitten: Französische Korrespondenten, die mit haftentlassenen Anhängern des 1971 verblühten »Kroatischen Frühlings« sprechen möchten, werden als »Spione« bedroht, auf offener Straße abgefangen oder noch aus dem Flugzeug wieder herausgeholt, ihnen gegebene Interviews beschlagnahmt.

Gegen den Studenten Dobroslav Paraga fand vorige Woche der Prozeß statt, weil er eine (von der Partei verschwiegene) Petition von 43 führenden kroatischen Intellektuellen an den SPIEGEL weitergeleitet habe. Unterschrieben hatten auch ehemalige Partisanengenerale, Seite an Seite mit Männern der Kirche: Sie verlangten eine Amnestie für alle politischen Gefangenen.

Unterzeichner Ernest Brajder wurde voriges Jahr verhaftet und starb im Gefängnis. Mithäftling Paraga, 20, sollte aussagen, Brajder habe Selbstmord begangen.

In seiner Weihnachtsbotschaft nahm sich Kroatiens Erzbischof Dr. Franjo Kuharic der neuen politischen Gefangenen an: »Ist es denn zulässig, wenn man jemanden mitten im Winter in eine kalte Einzelzelle aus Beton wirft?«

Da auch der Chefredakteur des Kirchenblatts »Glas Koncila« ("Die Stimme des Konzils«, Auflage 105 000), Kustic, die Petition unterzeichnet hatte, sieht die Partei in Kroatiens katholischer Kirche einen Sammelpunkt des Widerstands und fürchtet polnische Zustände.

Tatsächlich ist sie für viele Kroaten zur letzten Fluchtstätte geworden. Zum Grab des von den Kommunisten nach Kriegsende ins Zuchthaus gesteckten Erzbischofs (später: Kardinal) Stepinac in der Krypta der Kathedrale in Zagreb pilgern Kroaten wie zu einem Nationaldenkmal. Häftling Veselica, lange Jahre kommunistischer Funktionär, bekennt sich heute zum Christentum.

Der polnische Papst Wojtyla stammt aus der Gegend bei Krakau, die nach der Überlieferung Weiß-Kroatien heißt -- weil hier vor 1300 Jahren jene Slawen siedelten, die dann an die Adria gewandert sind. Der slawische Papst betonte gern diese ferne Verwandtschaft, empfing Erzbischof Kuharic und Chefredakteur Kustic und wollte noch dieses Jahr Kroatien besuchen. Sein aus S.162 Kroatien stammender Kurien-Kardinal Seper erklärte, Amtsvorgänger Stepinac sei ein »idealer Hirte« gewesen, der von den Kommunisten »ungerecht angeklagt und verurteilt wurde: ein Vorbild für die heutige Welt«.

Der Ankläger des Antikommunisten Stepinac im Jahre 1946, Blazevic, ist heute Präsident des Bundeslandes Kroatien. Unter dem Alptraum, der Papst könne als Besucher, wie in Polen, Millionen Kroaten auf die Märkte und Straßen und sogar vor das Grabmal des Kardinals Stepinac locken, hatte die Partei den Kampf gegen den längst in der Verbannung verstorbenen Stepinac noch einmal eröffnet:

Er wurde in der Presse als Verbrecher und Volksverräter geschildert, die Kirche aber, die den Seligsprechungsprozeß einleiten möchte, wurde beschuldigt, den latenten kroatischen Nationalismus für sich einzuspannen.

Jugoslawiens Premier Djuranovic bezichtigte bei seinem Besuch in der Bundesrepublik im Februar sogar die Caritas, Sitz einer »kroatischen Exilregierung« zu sein -- weil sie Gastarbeiter und politische Flüchtlinge aus Kroatien gleichermaßen versorgt.

Wie im Kosovo-Gebiet beklagen sich Studenten und Lehrer auch in Kroatien über ihre wirtschaftliche und geistige Situation: Studenten verlassen den Saal, wenn Kroatiens Kultur-Minister Suvar spricht; zwanzigmal in den ersten drei Monaten dieses Jahres traten kroatische Arbeiter in den Streik, weil der »Lebensstandard in Jugoslawien 1980 um neun Prozent gesunken ist und die Schwierigkeiten in der Wirtschaft noch größer werden können« -- so gestand es Jure Bilic, Parlamentspräsident Kroatiens.

Die Partei reagiert wie im Kosovo-Gebiet (wo nun der Parteichef abgesetzt wurde): mit Desinformation und Gewalt. Doch vorerst hält man sich an einstige Genossen: an Tudjman, Veselica und demnächst auch an den kroatischen Schriftsteller Vlado Gotovac, dem gleichfalls ein Interview vorgeworfen wird, das er schon vor Jahren dem schwedischen Fernsehen gab.

Gotovac, nachdem er von der Vorbereitung einer Anklage gegen ihn erfuhr, in einem offenen Brief an die Partei: Solche Anklagen seien nun einmal das »traditionelle Privileg aller eigenmächtigen Herrscher: Solange sie regieren, sind sie auch im Recht«.

S.162Vor kroatischen nationalen Symbolen.*

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