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Ihr einziges Wort: »Adieu«

aus DER SPIEGEL 6/1949

Der Film über eines der berühmtesten »Adieu« hatte in Paris Galapremiere. Es ist das Adieu aus Vercors' Resistance-Novelle »Le Silence de la Mer« (Schweigen des Meeres). Die junge Französin der Novelle spricht es, das einzige Wort, das sie für den deutschen Offizier hat.

Sie und ihr Onkel schweigen, wenn der deutsche Offizier, Quartiergast in ihrem Hause, von seiner Liebe zu Frankreich und seinem Glauben an eine Freundschaft der Völker spricht. Als er enttäuscht gestehen muß, er habe die wahren rücksichtslosen Ziele der deutschen Politik erkannt, und innerlich zerbrochen und besiegt Abschied nimmt, spricht die Französin kaum hörbar ihr einziges Wort zu ihm: »Adieu«.

Die Uraufführung war ein Ereignis in großer Toilette und Frack. Was sie einbrachte, kam den Opfern der Widerstandsbewegung zugute. Staatspräsident Vincent Auriol selbst war gekommen.

Vercors hatte der Verfilmung seiner Novelle, die in 22 Sprachen übersetzt wurde, ohne die flinke Begeisterung zugestimmt, die die Autoren im allgemeinen bei solchen Anlässen an den Tag legen. Er willigte nur unter der Bedingung ein, daß eine Jury, aus Widerstandskämpfern gebildet, nach Beendigung der Aufnahmen entscheiden solle, ob der Film in der Oeffentlichkeit gezeigt werden solle oder nicht.

Bei einer so herben Bedingung war es ein Wagnis, den Film zu drehen. Der Regisseur Jean-Pierre Melville nahm es auf sich. Es war sein erster eigener Film. Bisher hat er bei dem avantgardistischen amerikanischer Regisseur Albert Hitchcoock assistiert.

Keine Bank wollte Melville die Kredite geben, angesichts des Risikos, daß vielleicht am Ende alles vertan sei. Melville mußte sich das Geld von guten Freunden leihen.

Der Film durfte also nicht viel kosten. »Le Silence de la Mer« wurde mit nur vier technischen Assistenten fertiggestellt, in der Rekordzeit von 35 Tagen. Er wurde in dem Haus Vercors' in Villers-sur-Morin gedreht, in dem Vercors während der Besetzung versteckt und heimlich sein Buch schrieb.

Melville, der nur die Novelle und Notizzettel, aber kein Drehbuch zur Vorlage hatte, ließ die Nichte von einer jungen Anfängerin spielen, von der 19jährigen Nicole Stéphane. Für den Onkel fand er Jean-Marie Robin, einen Maler, der genug künstlerisches Verständnis und Einfühlungsvermögen besitzt, um Melvilles Regieanweisungen zu folgen.

Für die Rolle des Offiziers engagierte Melville einen professionellen Deutschen-Darsteller: Howard Vernon, den Sohn eines Schweizers und einer Engländerin. Vernon wurde als Star für deutsche Offiziere gerade nicht gebraucht. Er tat den Schwur, dies sei das letzte Mal, daß er die Rolle eines Deutschen spiele.

Als der fertige Film der Jury vorgeführt wurde, sagte nur einer nein: Pierre Brinon, Direktor des »Figaro«. Das Gutachten der Jury besagt, der Film gebe die Stimmung, die Gedanken und die Moral der Novelle getreu wieder.

Bis auf einige Kleinigkeiten entspricht der Film dem Originalwerk. An einigen neuen Szenen hat Vercors mitgearbeitet. Er hat auch einige Dialoge dazu geschrieben, die für eine Filmfassung nötig waren.

Aber es gab dennoch Schwierigkeiten für Jean-Pierre Melville. Man spricht von 30 eingeschriebenen Briefen von wenig freundlichem Inhalt, die vor der Uraufführung zwischen Vercors und dem Regisseur gewechselt sein sollen.

Auch gegen das Datum der Gala-Uraufführung opponierte Vercors. Es ist Boulevard-Geheimnis, daß Vercors, der in nächster Zeit in Paris »Le Silence de la Mer« im Théê}tre Edouard VII herausbringen will (mit Pierre Blanchar als Offizier), befürchte, der Film könne dem Bühnenstück Abbruch tun.

Der Film ist in der Tat seit der Premiere noch nicht wieder gezeigt worden. Aber Vercors, der zur Uraufführung nicht kam, hat Jean-Pierre Melville das Kompliment gemacht, daß der Regisseur das Werk gegen den Autor verteidigt habe.

Es war von Anfang an als schwierig erkannt worden, diese Novelle zu verfilmen, in der Hauptsache also einen Monolog. Aber Melville hat die Schwierigkeit mit feinen Mitteln bewältigt. Man kann vielleicht nicht sagen, daß es Mittel sind, die man filmisch zu nennen pflegt, wenn man darunter ähnliches wie eine »entfesselte Kamera« verstehen will.

Melville hat nicht den Ehrgeiz, in Bildeffekten sagen zu wollen, was durch nichts besser als durch das Wort auszudrücken ist. Die Kamera läßt es im allgemeinen bewenden sich in einem kleinen Zimmer aufzuhalten. Aber in ihren Bildern ist wirklich die schwere Stimmung des abwartenden Schweigens.

Als die Premiere zu Ende war, herrschte in der Salle Pleyel das Schweigen der Ergriffenheit. Präsident Vincent Auriol gab allen, die am Film beteiligt waren, dankbar die Hand. Jean Cocteau umarmte Nicole Stéphane zärtlich und beglückwünschte sie. Sie war sehr bewegt.

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