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»Ihr Junge, lebt der noch?«

aus DER SPIEGEL 43/1992

Die halbwüchsigen Mitglieder der berüchtigten Straßengangs von Los Angeles, bekannt wegen ihrer schrillen, Uniform-ähnlichen Kleidung und ihrer Vorliebe für Rap-Musik, fürchten so leicht niemanden: nicht ihre Altersgenossen von den Konkurrenzbanden, mit denen sie brutale Kämpfe austragen, und schon gar nicht die Polizei.

Stark und mutig wie ein Angehöriger der »Blacks«, »Reds« oder »Blues«, die er in Filmen gesehen hat, möchte auch Martin aus einer Hamburger Hochhaussiedlung sein. In seiner Clique, deren Erkennungszeichen rote Holzfällerhemden und schwarze Hosen sind, gilt er als Draufgänger. »Wenn mich einer blöd anmacht«, erklärt er, »bin ich nicht sehr zurückhaltend.«

Kommt es jedoch wirklich zu einer Rauferei, drängen die Cliquenmitglieder Martin schleunigst ab, stellen sich schützend vor ihn, schicken ihn nach Hause: »Los, verzieh dich, hau schon ab.«

Martin, der nicht als Feigling gelten will, haßt die Rücksichtnahme, doch er fügt sich. Er weiß, seine Freunde wollen verhindern, daß er Fausthiebe abkriegt oder stürzt. Sie wissen, daß er Bluter ist. Sie wissen, daß Verletzungen zu langwierigen Komplikationen führen können.

Sie wissen nicht, daß Martin Aids hat, schon als Kind durch verseuchtes Blutplasma mit dem Virus infiziert wurde.

»Ich kann mir vorstellen, daß mich die meisten dann blöde angucken würden«, befürchtet der heute 18jährige. Er hat Angst, die Cliquenmitglieder, deren Freundschaft für ihn so wichtig ist, könnten sich von ihm distanzieren, aus Angst vor Ansteckung den Kontakt abbrechen. »Als Aids-Kranker«, weiß er aus Erfahrung, »wirst du nicht akzeptiert.«

Als Martin 13 Jahre alt war und von seiner Krankheit noch nichts ahnte, wurde er erstmals mit Ablehnung konfrontiert. Weil er aus Gutmütigkeit seinen Pappbecher mit einem Schulkameraden teilen wollte, schrie ihn die Lehrerin entsetzt an: »Um Gottes willen, du trinkst allein aus deinem Becher.«

Martin, der die Reaktion nicht verstehen konnte, rannte nach Hause zu Mutter und Stiefvater und erklärte, er wolle nie mehr zur Schule gehen. Die Mutter nahm ihn beiseite. »Paß mal auf, die Lehrerin, die hat ein bißchen Angst vor dir.« Angst, wieso denn Angst?

Die Frau, die Martin bis dahin den Befund verschwiegen hatte, mußte ihrem Sohn die Wahrheit sagen. Dem SPIEGEL schilderte sie 1987 das schwierigste Gespräch ihres Lebens so: _____« Ich sagte, komm, setz dich mal hin. Die Lehrerin weiß » _____« doch, daß du Bluter bist, und dann hat sie bestimmt auch » _____« was gelesen und hat jetzt Angst. Na ja, ich sag' jetzt » _____« mal ganz offen zu dir, du bist auch positiv. Was heißt » _____« das denn, fragt er. Ich sag' ja, du hast den Aids-Erreger » _____« in dir. Das heißt also nicht, daß du krank werden mußt, » _____« nicht? Da fängt er an zu heulen: Ich will aber kein Aids. »

Ein Jahr später wurde Martin schwer krank. Wegen einer eitrigen, übel riechenden Pilzinfektion, die sich vom Rachen bis in den Magen ausbreitete, konnte er nichts mehr essen, magerte auf 43 Kilogramm ab. Martin mußte im Rollstuhl gefahren werden, war nicht mehr fähig, eine Tasse zum Mund zu führen.

Die Mutter, die jahrelang um Martins Überleben gekämpft hatte, resignierte zum erstenmal: »Ich dachte, wenn jetzt noch eine Kleinigkeit passiert, vielleicht nur ein Schnupfen, braucht nie mehr was zu passieren.« Auch der 14jährige rechnete mit dem Tod. »Wenn ich jetzt sterbe«, bat er seine Mutter, »läßt du mich aber nicht verbrennen.«

Die Krankheit, unberechenbar, wurde mit Medikamenten eingedämmt, die Infektion ging zurück. Martin versucht, sich gegen die allgegenwärtige Bedrohung durch das Virus mit Verdrängung und schnoddrigen Sprüchen zu wehren.

»Das Leben ist so geil, so schön, da kann man Besseres machen, als den ganzen Tag über Aids zu grübeln«, behauptet der 18jährige. Aufkommende Tristesse, in seiner Sprache »Depri-Phasen«, bekämpft er mittels greller Farben aus der Sprühdose.

Mit Kumpels aus der Clique schleicht er sich zu Graffiti-Abenteuern in U-Bahn-Schächte und Autobahn-Unterführungen, sprüht bizarre Bilder oder geheimnisvolle Schriftzeichen, sogenannte tags, auf Wände, Bänke, Waggons. Genießt den Kitzel des Unerlaubten, die scheinbare Überwindung von Zwängen, die seine Existenz viel mehr bestimmen als das Leben der gleichaltrigen Freunde.

Negatives Denken hat sich Martin verboten: »Wenn man denkt, Scheiße, HIV ist tödlich, ich kratz' ja sowieso ab, hört man auf, sich irgendwie anzustrengen.« Und das, fürchtet er, wäre der Beginn der Selbstaufgabe.

Obwohl er zu 100 Prozent schwerbehindert ist, besucht Martin eine Fachhochschule und versucht, krankheitsbedingte Fehlzeiten durch Fleiß auszugleichen. Doch nach zwei Stunden an der Schreibmaschine bekommt der Hämophile Gelenkblutungen, tagelang kriegt er dann die Arme nicht wieder hoch.

Die Mutter, die ihn immer wieder anspornt, fragt sich häufig nach dem Sinn: »Ich sage mir dann, warum soll er sich eigentlich noch so quälen, für was, wozu?« Über seine Perspektiven nach dem Schulabschluß macht sie sich keine Illusionen: »Gehen Sie doch mal zu einem Arbeitgeber und sagen, mein Sohn ist Bluter, er hat Aids, haben Sie nicht vielleicht einen Ausbildungsplatz für ihn?«

Wovon Martin - wenn er nicht bald stirbt - später einmal existieren soll, ist offen. Sein leiblicher Vater, seit 14 Jahren von der Mutter geschieden, hat noch nie Unterhalt gezahlt, er wird das auch künftig nicht tun.

50 000 Mark Entschädigung hat Martin von der Versicherung des verantwortlichen Pharma-Unternehmens erhalten. »Eine Frechheit« nennt die Mutter die Höhe des Betrages. Das Sozialamt zahlt monatlich 300 Mark Pflegegeld, Diätzulage inklusive. Ein Behördenangestellter fragt die Mutter in regelmäßigen Abständen telefonisch, ob das Geld noch nötig sei: »Ihr Junge, lebt der überhaupt noch?«

Berührungsängste und Diskriminierungen ertragen Martin und seine Mutter seit Jahren. Als jedoch eine Ärztin vom Gesundheitsamt beim zufälligen Körperkontakt mit Martin vor Schreck zusammenzuckte und zurücksprang, wurde die Mutter wütend: »Was soll denn das? Der tut Ihnen doch nichts. Ich kann auch nicht zurückspringen.«

Als Mitbewohner im Hochhaus von Martins Krankheit erfuhren, reagierten sie aggressiv. Die Familie erhielt anonyme Briefe, deren Text aus herausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben bestand. Inhalt: »Wir wollen hier kein Aids.« Oder: »Aids-Pack raus.«

Leere Medikamentenschachteln des HIV-Patienten, die Martins Mutter weggeworfen hatte, kamen wieder zurück. Nachbarn fischten die Verpackungen aus der Mülltonne und stopften sie demonstrativ in den Hausbriefkasten.

Weil er fürchtet, als Aussätziger behandelt zu werden, verbirgt Martin seine Infektion nicht nur vor den Kumpels aus der Clique. Auch Mädchen, die den 1,87 Meter großen Jungen mit den blonden Haaren attraktiv finden, weiht er nicht ein. Höchstens verrät er, wenn ihn eine Freundin nach den Einstichstellen an seinen Armen fragt, daß er Bluter ist, sich Konzentrat spritzen muß.

Ein Mädchen, glaubt der HIV-Infizierte, könnte auf das Stichwort Aids womöglich »dumm reagieren, Tür zu, raus«. Ob er schon eine solche Erfahrung gemacht habe, fragt die Mutter. »Nein, aber so stelle ich es mir vor. Deshalb will ich es auch nicht ausprobieren.«

Zärtlichkeiten mit tödlichen Folgen schließt Martin trotzdem aus. Schon wenn er Symptome am Mund spüre, eine beginnende Herpes-Infektion etwa, »habe ich eine Ausrede, damit wir uns nicht küssen«. Und im Bett, sagt er, sei er besonders vorsichtig: »Auf jeden Fall Gummi rüber.«

Meist kommt es nicht soweit. Seine Mädchenbekanntschaften, klagt Martin, dauerten immer nur wenige Wochen, obwohl er sich so sehr nach einer festen Beziehung, nach Geborgenheit sehne. Doch die Mädchen, die ihn anfangs immer so nett fänden und sein Aussehen lobten, verließen ihn stets ganz schnell. Das Schlimmste daran: »Sie sagen mir nie, warum sie Schluß machen.«

Als Martin letztes Jahr einen kurzen Abschiedsbrief erhielt, war das womöglich anders. Der Jugendliche schloß sich tagelang in sein Zimmer ein, bekam Blutungen und redete davon, er werde »sowieso nicht mehr lange leben«.

Die Mutter glaubt, den Grund zu kennen: »Sie hat ihm geschrieben, daß sie sich wegen Aids von ihm trennt.«

»Wenn ich jetzt sterbe, läßt du mich aber nicht verbrennen«

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