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Ihr müßt wachsamer sein

aus DER SPIEGEL 52/1949

An Mecklenburgs Ostseeküste hat die zweite Völkerwanderung begonnen. Von Wismar bis Wustrow trecken die Evakuierten der Badeorte und Hafenstädte ins Landesinnere. Rostock allein gibt 8000 Seelen ab. Alles Nichtarbeitsfähige.

Als in Malchin ein neuer Treck von 50 Umsiedlern anrückte, meuterte die CDU-Fraktion. »Ich verstehe nicht, warum Sie so aufgeregt sind«, lächelte der Sowjet-Kontrolleur. »Wir helfen die deutsche Handelsschiffahrt aufbauen.«

Was die Abnahmekommissare der sowjetischen Admiralität »Handelsschiffahrt« nennen, heißt in Mecklenburgs Arbeitsministerium »Fischereiindustrie«. Danach sind Arbeitsbummelanten, Saboteure und unwürdige Elemente ins Schweriner Ministerialpalais zu melden. »Es wird dafür Sorge getragen werden, daß diese Leute in Aue die richtige Arbeitsdisziplin kennen lernen«, schließt der Arbeitszwangs-Ukas.

Auf der Oktober-Geheimsitzung des Marine-Stabs der SMA im Berlin-Köpenicker Ortsteil Wendenschloß unter Vorsitz von Kapitän Gemaschenkoff wurde deutlicher gesprochen: SAG/Junkers in Dessau und SAG/Schäffer & Budenberg in Magdeburg bekamen höchste Dringlichkeitsorder für die neuen Hochleistungsmotoren der Sowjet-Kriegsmarine. Bis 30 9. 1950 sind 8000 Spezial-Dieselmotore abzuliefern.

Denn auf Befehl der Sowjetadmiralität wurde die gesamte Ostsee zum Rüstungsbecken Nr. 1. Ostelbiens Häfen Wismar, Warnemünde, Rostock und Stralsund werden in Tag- und Nachtschichten ausgebaggert, damit sie auch für Schiffe über 20000 BRT benutzbar sind. Im Schutz der Halbinsel Poel wird ein U-Boot-Bunker gebaut.

Wismars Volkswerft bekam 1949 80000 Tonnen Stahlblech aus dem Westen zum Serienbau stählerner 800-t-Heringslogger. Die Slipanlagen verlassen jedoch Nachbauten ehemaliger deutscher Zerstörer vom Typ Narvik: 2000 BRT Wasserverdrängung, fünf 12,7-Geschütze und acht Torpedorohre in Vierlingssätzen.

Im Bau des Torpedoboot-Typs T 1 (600 BRT) und der deutschen U-Boot-Typen U 21 (2000 BRT) und U 28 (2500 BRT) mit Walther-Motoren-Antrieb und zehn Torpedorohren teilt sich Wismar mit Warnemünde. Als das Konstruktionsbüro für Sonderaufgaben in Karlshorst befahl, bei Wismar auch einen Seeflughafen anzulegen, mußte Grotewohls Finanzministerium 80 Millionen Ostmark Sonderausgaben anweisen. Denn rings um Wismar müssen erst die Sümpfe trockengelegt werden.

Rostocks Neptun-Werft hat ihren alten Tarnanstrich vom Kriege her gleich behalten. Großdeutschlands ehemalige Kriegswerft modernisiert jetzt sowjetische Kriegsschiffe. Leichter Sowjet-Kreuzer »Komintern« (6338 BRT) und Minenkreuzer »Marty« (3600 BRT) sind bereits umgebaut und abgeliefert.

Sowjetkapitän Brunsinskij erläutert einem Sonderkommando der Neptunwerft den neuesten Hafenschutz der Sowjet-Admiralität: »Wir sind in der Lage, jeden Ueberraschungsangriff durch U-Boote wie auf Pearl Harbour zu verhindern. Unser Gerät ist acht Meter lang, an der Seite werden Minen befestigt. Durch bestimmte Vorrichtungen werden sich nähernde U-Boote registriert und das Gerät in die richtige Abwehrposition gebracht.«

Alle übrigen 12000 Henneckes von der Neptun-Werft haben nach »Feind hört mit« Sprechverbot. Als die Unfallziffern zu arg anstiegen, berief der Leiter des Inform-Dienstes für Produktionsüberwachung, SED-Bendig, eine Betriebsversammlung ein. So sprach er: »Ihr müßt wachsamer sein. Die Unfälle haben imperialistische Agenten herbeigeführt.« Worauf Stalins Geburtstagsgeschenk, eine Luxusyacht, nicht auslaufen konnte. Verbrecherische Buben hatten die Dekorationsstoffe zerschnitten, so daß sich aus den Polstern die Spiralen ringelten.

Warnemünde ist als Badeort restlos abgetakelt. In die Kurpromenaden-Hotels sind 4000 Werftarbeiter eingezogen. Die bauen zur Zeit »Der Deutsche«, Robert Leys KDF-Dampfer, zum sowjetischen Truppentransporter »Asia« um.

Die 12-18000 Tonner »Cordillera«, »Oceana« und »Hansa« werden folgen. Wenn die Sowjet-Admiralität die bei Selbmann angeforderten 3000 t Zement und vier Millionen Ziegelsteine für Warnemündes Werftausbau geliefert hat, wird Großdeutschlands »Gneisenau« auf Warnemündes Karl-Liebknecht-Werft flottgemacht.

Auch Kühlungsborn, Graal-Müritz und das einsame Prerow existieren als Badeorte nicht mehr. An Prerows Darß-Strand steht jetzt ein Luftwarn-Kommando der Sowjets. In Kühlungsborn werden Volkspolizisten zu Marinern umgeschult. Jede Woche rollt eine Lkw.-Kolonne nach Usedom, wo die Polizisten auf Schnellbooten maritim gebimst werden.

Diese Schnellboote sind merkwürdigerweise mit Mongolen besetzt. So lernen die Volksmariner schneidige Anlegemanöver von Asiens Steppensöhnen. »Den Volkspolizisten geben sie kein Boot«, grinsen die Zinnowitzer und Koserower, »die türmen damit nach Schweden.«

Da der Greifswalder und Wolgaster Hafen zu klein sind, wird Peenemünde von Stralsund aus beschattet. Hier liegt Kapitän Moreff mit sechs U-Booten, drei Schnellbooten und 12 Motorkuttern. Diese Kutter baut Stralsunds Volkswerft. In Walter Ulbrichts Zweijahres-Plan stehen sie als »Fischkutter« getarnt. Die Kutter, mit Sechs-Zylinder-Diesel-Motoren, sind in Wirklichkeit Minensucher und die Logger mit Acht-Zylindermaschinen sind U-Bootjäger.

Neben der maritimen Rüstung werden auch Mecklenburgs Flugbasen wieder aufgebaut. General der Flieger Brandt und Eichenlaubträger Oberst Hartnack sind die Hauptbeauftragten zum Aufbau der künftigen Ostzonen-Luftwaffe.

In sowjetischer Kriegsgefangenschaft arbeitete Brandt freiwillig als Zimmermann, obwohl er es als General nicht brauchte. Darauf hieß er nur noch »Zimmermeister Brandt«. Aus Solidarität arbeitete er in einem besonders schmutzigen Kittel. Jetzt hat er den Flugplatz Rechlin vollkommen überholen und die Rollbahnen neu zementieren lassen.

Die in Rechlin stationierten 20 Sowjet-Düsenjäger fanden nicht Eichenlaubträger Hartnacks Beifall, als er den Platz besichtigte. »Es wird Zeit, daß wir diesen Laden wieder übernehmen, wenn man die Luderwirtschaft hier sieht. Welche Freude wird das für unsere Jungen sein, wenn sie hier wieder mit ihren Maschinen abbrausen können.«

Die Freude der Dorfbewohner um Rechlin ist gedämpfter: das alte Bomber-Versuchsgelände wird jetzt evakuiert. Ruppin und Priegnitz müssen die Wanderer ins Nichts aufnehmen. Auch Flugplatz Rerik wird wieder instand gesetzt.

Die Zubringerbasen für die Ostsee-Rüstung liegen oft tief gestaffelt im Binnenland. So ist das stille Boitzenburg an der Elbe heute ein Rüstungsvorort ersten Ranges. Hier werden die als Fischkutter getarnten Minensucher vorgearbeitet und in Stralsund dann fertig montiert. Der gleichen Aufgabe dient die Ernst Thälmann-Werft in Brandenburg/Havel.

Von Schwerin über Gollnow bis Stargard zieht sich ein Kranz neuaufgebauter Munitionsanstalten. Die Torpedo-Versuchsanstalt Madüsee wurde erst den Polen übergeben, dann von den Sowjets zurückgefordert.

Jenseits des Eisernen Vorhangs ist Stettin Mittelpunkt der Ostseerüstung. Die Stettiner Vulkanwerft ist völlig wiederhergestellt. 5000 Mann arbeiten in drei Schichten an der Erfüllung ihres Plansolls von monatlich vier U-Booten. Gebaut werden die deutschen Typen U 21 und U 28.

Unter den Vulkanarbeitern befinden sich 800 in Stettin verbliebene deutsche Facharbeiter, die in einem Wohnblock in der früheren Arndtstraße untergebracht sind. Stettin vorgelagert ist Swinemünde Hauptstützpunkt der Sowjetmarine. Swinemünde ist gleichzeitig Hauptersatzteil-Lager für die sowjetische Luftwaffe.

Die Leuchttürme von Swinemünde und dem gegenüberliegenden Osternothafen sind auf eine Sichtweite von 12 km gebracht worden. Die Greifswalder Oie beherbergt eine Fernsteuerungsanlage für V-Waffen und modernstes Radar-Gerät. Die Oie gehört zum Radar-Schirm von Neu-Ruppin.

Alle deutschen Seefliegerhorste von Rügen bis Dievenow sind wieder voll belegt. In Dievenow-West schulen schwerste Flugboote.

Der Ostseestrand von Kolberger Deep bis Henkenhagen ist hermetisch abgeschlossenes Sperrgebiet. Deutsche Kz-Häftlinge aus dem Lager Neubrandenburg-Nord bauen hier die Abschußbasen für Raketengeschosse aus. Als sachverständige Berater sind alte Peenemünder dabei.

Raketenziel ist die restlos evakuierte Insel Oesel. Wenn man jedoch die Kolberger Abschußbasen in umgekehrter Richtung einschießt, dann entspricht die Entfernung Kolberg-Oesel genau der Entfernung Kolberg-Ruhrgebiet.

Weder den Kolberger Strand noch den von Misdroy betritt ein Badegast. Meilenweit stehen Stacheldrahtsperren von Polens Wehrmacht bewacht. Hinter dem Stacheldraht entsteht nach Atlantikmuster der Baltikwall. Der setzt sich über ein dichtes Radarnetz und die beiden vollaufgerüsteten Marineflughäfen Leba-See und Garder-See bis zur Samlandküste als neuem Mittelpunkt fort. Hier wird Brüsterort zur V-Waffen-Abschußbasis erstellt. Die Samlandbahn Königsberg nach Warnicken ist mit Materialtransporten überlastet.

Ostpreußens sowjetischer Besatzungsteil gleicht einer Festung. Der Pillauer Kanal wird neu ausgebaggert und für Schiffe mit hohem Tiefgang fahrbar gemacht. Zwischen Pillau und Memel befinden sich 20 Schwerpunkte mit Panzerverbänden und Fallschirmjägern. Wehlau und Labiau sind Standorte einer sowjetischen Garde-Panzerdivision.

Insterburg, jetzt Tschernjachowsk, ist Versuchsplatz für neue Geheimwaffen. Memel fiel unzerstört in sowjetische Hände und ist heute der stärkste rote U-Boot-Stützpunkt. (Insgesamt hat die Sowjet-Admiralität in der Ostsee 200 U-Boote stationiert).

Die Sperrnetze für den U-Boot-Stützpunkt Memel sind aus Ruhrstahl. Der Stahl wurde in Selbmanns Volksbetrieben verarbeitet und von Sowjetfrachtern in Rostock für Memel übernommen.

Obwohl die Sowjetunion im Funkmeßwesen des zweiten Weltkrieges eine völlig untergeordnete Rolle spielte, hat sie jetzt ein bemerkenswert gut funktionierendes Radar-System von Wismar bis Memel und weiter darüberhinaus bis Libau, Windau und Pernau entwickelt. Dieses Radarnetz überwacht die Raketenflugbahnen.

Inzwischen haben die Sowjets ihre Besatzungszone an das russische Kartennetz angeschlossen. Moskau hat sich von der Ostzone eigene Karten anfertigen lassen, damit sich schwerfällige Richtkanoniere und Batterieoffiziere nicht an die deutschen Generalstabskarten umgewöhnen müssen. Die Vermarkung der Ostzone haben die Sowjets nicht nach auffallenden Gebäuden, Kirchtürmen oder trigonometrischen Punkten durchgeführt, sondern nach östlichem Muster.

In einem rechteckigen Betonklotz wird ein starker Eisenpfahl eingelassen. Die Pfahlspitze ragt 15 cm über die Erdoberfläche. In das sichtbare Ende ist die Nummer einer Koordinate eingemeißelt. Der Sowjetsoldat braucht nur die Koordinate auf seiner Karte zu suchen und über vier oder mehr Kartenblätter hinweg beginnt der Artillerieeinsatz.

[Grafiktext]

WESTDEUTSCHLAND

MARINEWERFT
BOIZENBURG

MUNITIONSLAGER
SCHWERIN

U-BOOTBUNKER
INSEL POEL

SOWJ. NACHSCHUBHAFEN
ROSTOCK

FLUGWARNSTELLE
PREROW

RAKEIENBASIS
PEENEMÜNDE

MARINEWERFT
STETTIN

RADARSTATION
MISDROY

RADARSTATION
HENKENHAGEN

MARINEFLUGPLATZ
DEEP

RAKETENBASIS
KOLBERG

SWINEMÜNDE

[GrafiktextEnde]

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