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»Ihr nehmt alles viel zu ernst«

Trevor Kavanagh, Politikchef der »Sun«, über die Ausfälle seines Blattes gegen Oskar Lafontaine
aus DER SPIEGEL 50/1998

Die Boulevardzeitung »The Sun« gehört zum Medienimperium des australischamerikanischen Verlegers Rupert Murdoch und erscheint in London mit einer Auflage von 3,7 Millionen.

SPIEGEL: Wenn Herr Lafontaine Franzose wäre, hätten Sie ihm dann auch empfohlen, sich zu verpissen?

Kavanagh: Vermutlich ja.

SPIEGEL: Immerhin vertritt Lafontaines französischer Kollege Dominique Strauss-Kahn die gleichen Ideen. Im übrigen ist Ihr Blatt dafür bekannt, lustvoll auf die Deutschen einzuprügeln.

Kavanagh: Ihr nehmt das alles viel zu ernst. Dem damaligen französischen EU-Chef Jacques Delors haben wir auch empfohlen, sich seine Europa-Ideen sonstwo hinzustecken. Herrn Lafontaine haben wir uns vorgenommen, weil er so ehrlich war, uns zu sagen, was unsere Politiker uns jahrelang verschwiegen haben - daß nämlich die EU versuchen wird, die Steuern in Europa anzugleichen.

SPIEGEL: Diese Ehrlichkeit haben Sie ihm schlecht gedankt.

Kavanagh: Wir wollten in Großbritannien eine Debatte darüber entfachen. Das ist uns auch gelungen. In ganz Europa redet man darüber. Und wenn wir in Deutschland einige Gefühle verletzt haben sollten, ist das eben Pech.

SPIEGEL: Sie berichten immer unter Einsatz aller antideutschen Klischees. Wie viele Pickelhauben haben Sie eigentlich jemals in Deutschland gesehen?

Kavanagh: Habt euch doch nicht so! Deutschland hat eine Menge bewundernswerter Züge: Wie ihr die Wirtschaft organisiert habt, bis hin zur Einführung des Euro. Und der Euro wird nur funktionieren, wenn er dem deutschen Verständnis von wirtschaftlicher Disziplin unterworfen wird.

SPIEGEL: Es geht schon wieder los ...

Kavanagh: ... der eigentliche Adressat unserer Berichterstattung sind doch unsere Politiker. Sie haben stets unter den Teppich gekehrt, was besonders in Frankreich und Deutschland offenbar als unumgänglich hingenommen wird - daß nämlich das wirkliche Ziel der Europäischen Union die Schaffung eines Einheitsstaats ist. Das haben wir in Britannien nie erfahren, und deswegen sind wir Herrn Lafontaine in der Tat dankbar.

SPIEGEL: Glauben Ihre Leser wirklich, daß von Deutschland die gefährlichste Bedrohung britischer Lebensart ausgeht?

Kavanagh: Die »Sun« ist doch nicht allein. Die »Financial Times« hat auch einen Kommentar über die halbgaren Ideen Lafontaines veröffentlicht, ebenso der »Economist«. Es geht doch gar nicht um irgendwelche Vorurteile gegenüber den Deutschen.

SPIEGEL: Wundert es Sie, wenn es in Deutschland so aufgefaßt wurde?

Kavanagh: Seien Sie versichert, es war nicht ganz so beleidigend gemeint, wie Sie vielleicht denken.

SPIEGEL: Solche Schlagzeilen sind also keine Gefahr für die deutsch-britischen Beziehungen, sondern nur eine Art unterhaltsamer Sport?

Kavanagh: Ich wäre froh, wenn Sie es so sehen könnten.

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