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»Ihr seid nicht mehr die Prinzen«

aus DER SPIEGEL 42/1993

Andersch, 38, ist Managementtrainer in Detmold. Seine Spezialität sind Bewerbungskurse für Berufseinsteiger.

SPIEGEL: Herr Andersch, was stört die Unternehmer an den Jung-Akademikern, die sich bei ihnen um eine Stelle bewerben?

Andersch: Viele Studenten sind einfach zu konservativ, zu spießig. Sie denken stromlinienförmig, sind fixiert auf materielle Werte und haben ein furchtbar eitles Statusdenken.

SPIEGEL: Sind die Studenten verwöhnt?

Andersch: Richtig, zumindest die Ingenieure, Betriebswirtschaftler, Informatiker oder Mediziner. Aber die materiellen Ansprüche sind nur ein Teil. Viel ärgerlicher ist, daß die meisten in eine völlig verkehrte Richtung getrimmt sind: Sie haben nur ihre Karriere im Sinn. Dieser Egoismus schreckt viele Chefs, weil ein solches Denken in ihren Unternehmen nicht mehr gefragt ist.

SPIEGEL: An den Massen-Unis hat sich das offenbar noch nicht herumgesprochen.

Andersch: Genau das ist das Problem. Der klassische Student rollt mit dem Auto an, zieht sich die Vorlesung rein, rollt zurück und büffelt zu Hause allein an seinem Schreibtisch. Häufig fehlen ihm dann die einfachsten Grundsätze des Sozialverhaltens. Etliche Studenten haben nie gelernt, andere Meinungen gelten zu lassen und auch einmal eigene Forderungen zurückzustecken.

SPIEGEL: Schule und auch Wirtschaft haben solchen Egoismus bisher stets gefördert. Nun soll in den Unternehmen dieses Prinzip plötzlich nicht mehr gelten?

Andersch: Die heutige Studentengeneration hat tatsächlich das Pech, in einer Zeit aufgewachsen zu sein, in der Einzelgängertum und egoistische Selbstverwirklichung als das Maß aller Dinge gepredigt wurden. Nun drängen sie mit ihren Ansprüchen in Unternehmen, deren Chefs inzwischen ganz anders denken müssen. Die verlangen Teamgeist, weil sie nur so die Zukunft meistern können.

SPIEGEL: Ist das nicht nur eine Modediskussion?

Andersch: Nein, in vielen Betrieben werden Hierarchien abgebaut, Tausende von Führungspositionen werden gestrichen. Die klassische Karriere wird es dort nicht mehr geben. Nur haben das viele Studenten noch nicht begriffen.

SPIEGEL: Bilden die Hochschulen zu viele Akademiker aus?

Andersch: Nicht unbedingt. Aber zu viele, die den Anspruch auf eine Führungsposition erheben. Die Masse dieser mit elitären Ansprüchen herangezogenen, hochqualifizierten Theoretiker wird in der Wirtschaft von morgen nicht mehr den Platz finden, den sie sich erhofft hat.

Der statusbewußte Akademiker, der im weißen Kragen durchs Unternehmen läuft und sich zu fein ist, an der Basis mit anzupacken, ist nicht mehr gefragt. Man muß den Studenten immer wieder sagen: Ihr seid nicht mehr die Prinzen und Prinzessinnen.

SPIEGEL: Also Studenten als Arztgehilfen oder Sachbearbeiter?

Andersch: Das muß nicht sein, es gibt genug interessante Tätigkeiten, die akademisch geschultes Denken verlangen. In der Vergangenheit waren sich viele Studenten zu fein für den Mittelstand oder das Handwerk. Hier ließen sich heute viel mehr Absolventen unterbringen, wenn sie nicht diese Ansprüche hätten.

Auch für Selbständige und Freiberufler gibt es noch riesige Chancen. In Deutschland leben genug Leute, die im Geld schwimmen. Das könnte man mit neuen Dienstleistungen leicht lockermachen. Amerikanische Studenten sind da kreativer. Die haben keine Hemmungen, auch mal einen Frühstücksservice aufzuziehen und Brötchen auszufahren.

SPIEGEL: Was ändert sich auf dem Arbeitsmarkt für Akademiker, wenn die Rezession vorbei ist?

Andersch: Wir werden mehr und mehr amerikanische Verhältnisse bekommen: Die Achtung vor akademischen Titeln wird schwinden. Die größten Chancen werden Leute haben, die Begeisterung für ihre Arbeit zeigen und Pioniergeist entwickeln. Für die Masse der Verlegenheitsstudenten, die auf einen bequemen Job mit sicherem Einkommen spekulieren, sind die Aussichten dagegen schlecht.

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