Zur Ausgabe
Artikel 18 / 90
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

DDR Illegal verzogen

SED-Funktionäre überprüfen derzeit, in persönlichen Gesprächen, die Linientreue von mehr als zwei Millionen Parteimitgliedern. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Hauerbrigadier Rolf Rörig, Werktätiger im Wismut-Bergbaubetrieb Schmirchau, versprach den SED-Genossen besonderen Einsatz. Zwei Monate lang will er eine benachbarte Brigade anspornen, damit die Leistungsunterschiede zwischen den Kollektiven schwinden.

Die Abteilungs-Parteiorganisation im Berliner Glühlampenwerk machte sich Gedanken, wie das Niveau der SED-Propaganda gehoben werden kann.

Und Dietmar Gebhardt, Leiter eines Jugendschichtkollektivs im Ziehwerk Delitzsch, hat ganz stark die »Zusammengehörigkeit unseres Kampfbundes« erfühlt. Nun will er »komplizierte neue Aufgaben mit Freude und Tatkraft anpacken«.

Die SED bringt, ein gutes halbes Jahr vor dem nächsten Parteitag, ihre Genossen auf Trab. Während einer großen »Volksaussprache«, so SED-Generalsekretär Erich Honecker, nehmen sich die Funktionäre bis Mitte Oktober alle 2,2 Millionen Mitglieder und Kandidaten zur Brust: Sie werden, bei persönlichen Unterredungen »in kameradschaftlicher Atmosphäre« (ZK-Mitglied Siegfried Lorenz), ausgefragt - über rechte Gesinnung und Lebensführung, über Planerfüllung und Stimmung am Arbeitsplatz.

Die angedrohte Kameradschaft werden ein paar tausend Einheitssozialisten nicht unbeschadet überstehen. Es gehe, so der Berliner SED-Chef Konrad Naumann im Juni vor dem Plenum des SED-Zentralkomitees, um eine »realistische Beurteilung« der »politischen und fachlichen Fähigkeiten« jedes einzelnen - »sowohl durch Lob als auch durch Tadel«. Und Honecker kündigte dem offenbar müde gewordenen Fußvolk Ungemach an: »Wir werden uns deshalb von jenen Mitgliedern und Kandidaten der Partei trennen, die nicht bereit sind, die Normen des Parteistatuts unter allen Bedingungen zu erfüllen.«

Das neue Volksverhör, jeder fünfte erwachsene DDR-Bürger ist in der SED, erwischt die kleinen Genossen früher als erwartet. Erst 1980 ließ die SED-Spitze den ganzen Apparat gründlich durchleuchten. 3944 Mitglieder flogen damals aus der Partei. Davor hatten sich die Einheitssozialisten mit einer Überprüfung im Zehnjahresrhythmus begnügt. Nur einmal, 1951, gab es eine echte Säuberung: 150 696 Mitglieder, vor allem sogenannte Titoisten und des Sozialdemokratismus Verdächtige, mußten ihr Parteibuch abliefern.

Derzeit wird, fünf Jahre vor der Zeit, schon wieder ausgefegt. Der SED geht es nicht nur darum, Krücken in der Organisation und Westsympathisanten aufzuspüren. Vor allem will sie die schon lange verordnete Massenbewegung zum Parteitag im April 1986 beflügeln.

Ohnehin müssen sich die Volkseigenen Betriebe, vom Werkzeugmaschinenkombinat »Fritz Heckert« bis zum Plastverarbeitungswerk Schwerin, ständig neu selbst verpflichten, bis dahin den Plan zu übertreffen. Nun setzt die Partei jedem einzelnen Genossen die Faust in den Nacken, mit Fleiß und Sonderschichten die Volkswirtschaft weiter nach oben zu bringen.

Die Parteiorganisationen sollten, so ZK-Mitglied Lorenz, die Volksaussprache nutzen, »Konsequenzen für das persönliche Handeln des einzelnen herauszufordern«. Dabei werden auch zum ersten Mal jene mehr als 300 000 DDR-Bürger auf Linientreue geprüft, die seit dem letzten Parteitag 1981 in die SED aufgenommen wurden.

Zudem ist Honecker auf Talentsuche. Von Oktober bis Februar besetzt die SED bei den Parteiwahlen rund 580 000 untere Funktionen in Betrieben, Städten, Kreisen und Bezirken. Dafür wünscht sich der Generalsekretär vor allem »junge Genossinnen und Genossen, insbesondere aus der Arbeiterklasse«. Eine kampfkräftige und geschlossene Partei soll dann »noch wirksamer nach außen strahlen« (Lorenz) - wohl bis in das Moskau des Neuerers Michail Gorbatschow.

Es kostet die SED beträchtlichen Verwaltungsaufwand, ihren Grundwiderspruch zu bewältigen - daß sie zwar eine Massenorganisation, dem Charakter nach aber eine Kaderpartei ist. Alle Registraturen, von den Grundorganisationen bis zu den Kreisleitungen, werden laut Politbüro-Beschluß überprüft. Zusätzlich müssen rund 300 000 Funktionäre, die ihrerseits gecheckt werden, die Mitglieder persönlich ausquetschen.

Vorher haben alle Genossen noch einen umfangreichen Fragebogen auszufüllen - die Partei braucht ein lückenloses Persönlichkeitsprofil. Ob sie Fremdsprachen beherrschen oder vorbestraft sind, in die Kirche gehen oder vor 1945 schon mal ins Ausland reisten, ob sie Haus- und Grundbesitz haben oder Teilhaber eines Unternehmens waren, alles kommt in die Kaderakte.

Heimlichen Opponenten wird die SED damit freilich schwer auf die Spur kommen. Routinierte SED-Mitglieder bewahren sich eine Abschrift ihrer alten Fragebögen auf, damit sie bei den Überprüfungen immer dieselben Antworten geben können - ein Knick im Lebenslauf macht verdächtig.

Heikel für viele SED-Genossen sind Fragen nach den lieben Verwandten: Die Partei nutzt die Volksaussprache dazu, sich einen Überblick über Westkontakte zu verschaffen. Seit Anfang 1984 sind über 40 000 DDR-Bürger mit der Ausreisewelle in die Bundesrepublik gekommen, rund 500 000 Anträge, so schätzen Experten, liegen noch bei den DDR-Behörden vor - kaum eine Familie, die davon unberührt ist.

Die Parteimitglieder müssen deshalb beim großen Verhör Auskunft geben, wo Familienmitglieder, Eltern, Geschwister abgeblieben sind - »einschließlich der Verstorbenen«. Und eine weitere Frage nach Westwanderern in der Verwandtschaft soll potentielle Nachahmungstäter abschrecken: Die Funktionäre wollen wissen, so der Fragebogen, wer »illegal nach Westdeutschland oder West-Berlin verzogen« ist.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 18 / 90
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.