Zur Ausgabe
Artikel 18 / 85
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Hochschulen Illusion zerstört

Die Hochschulreform ist gefährdet. An der Alma mater wird sie von rechts wie links attackiert. Die Parteien konnten sich noch nicht auf ein gemeinsames Uni-Konzept einigen.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Was ist an den Hochschulen los?«, fragte das Deutsche Fernsehen Ende des letzten Monats abendfüllend. Es antworteten Minister und Gewerkschaftler, Professoren und Studenten, industriesprecher und Universitätspräsidenten -- so unterschiedlich und vielfach so unvereinbar, daß selbst akademische Zuschauer vor lauter Antworten auf die Titel-Frage ratlos blieben.

Auch am Ende des Sommersemesters 1972 bietet die westdeutsche Alma mater, wie seit Jahren schon, ein Bild der Verwirrung. »Unsere Hochschulen sind leistungsfähiger denn je, rühmt Wissenschaftsminister Klaus von Dohnanyi -- genau das Gegenteil der Behauptung baden-württembergischer Hochschullehrer, die laut Zeitungsannonce »die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft, den Wohlstand aller, das Ansehen der deutschen Wissenschaft« durch Leistungsverfall »gefährdet« sehen.

In 21 (von rund 70) Studentenvertretungen sitzen Mitglieder des kommunistischen Spartakus, und der Karlsruher Informatik-Professor Karl Steinbuch sorgt sich, daß die »ideologische Potenz« der Linksextremisten heute größer sei als die der Nazis 1930 --

genau im Gegensatz zum FU-Vizepräsidenten Professor Uwe Wesel, der den Radikalismus für »maßlos übertrieben« hält und sogar meint, er sei »in letzter Zeit immer geringer geworden« -- Seit namentlich sozialdemokratisch regierte Bundesländer die Studentenrebellion der sechziger Jahre mit neuen Hochschulgesetzen beantwortet haben, wogt allenthalben, versteckt wie offen, der Kampf um Reform und »Gegenreformation« (Wesel). Es geht vor allem darum,

>ob die Hochschulgesetze mit ihren Bestimmungen über die Neustrukturierung der Universität (Fachbereiche statt Fakultäten) und über die Einführung der Mitbestimmung von Studenten und Assistenten (unterschiedlich je nach Gremium und Bundesland) die Hochschulen befrieden, das demokratische Selbstverständnis fördern und Forschung wie Lehre intensivieren können oder nicht;

* ob im Rahmen der von den Hochschulen seit jeher beanspruchten Freiheit von Forschung und Lehre marxistische Studienfächer als Bestandteile der Wissenschaftsvielfalt (Pluralismus) gang und gäbe sein sollen oder ob einer solchen Entwicklung dort, wo verfassungsfeindliche Tendenzen feststellbar oder womöglich nur zu vermuten sind, begegnet werden müsse.

Das eine ist mit dem anderen insofern verknüpft, als die studentische Mitbestimmung die Hinwendung zum Marxismus hervorkehrt. »Marx an die Uni«. Und da die Deutschen noch immer am liebsten hören, daß Gefahr von links kommt, reduziert sich das Hochschulproblem für viele auf die Revolutions-Exotik radikaler Studentengruppen.

Wo immer Genossen vom Kommunistischen Studentenverband (KSV) ein Seminar besetzen, wie jüngst an der FU, oder Mitglieder des »Spartakus« Vorlesungen stören, da nimmt es sich dann so aus, als stünden die Universitäten kurz vor dem Zusammenbruch. Der akademische Alltag aber sieht anders aus: Als das Bonner Wissenschaftsministerium im März dieses Jahres eine Statistik über die Störungen des Lehrbetriebs zusammenstellte, fanden die Beamten heraus: Auch »bei sehr weiter Auslegung des Störungsbegriffes« seien an den Universitäten nur zwischen null und 0,08 Prozent aller Lehr- und Lernstunden durch Studenten-Aktionen beeinträchtigt worden.

Daß der Störungsfaktor nur deshalb gegen null tendiere, weil die Roten halt schon alles unterwandert hätten, ist eine Fiktion der Angst. Zwar haben sich beispielsweise bei Politologen, Philosophen und Soziologen an der Freien Universität Berlin die Marx-Adepten fest etabliert; in diesen drei Uni-Enklayen ist, bedenklich genug, das Studium des Marxismus nahezu obligatorisch.

An den meisten der fast 6000 Institute in den 72 westdeutschen Hochschulen aber tun sich die Radikalen jeglicher Schattierung schwerer, als ihr Wort-Radikalismus vermuten läßt. Die pauschalen Attacken der Polit-Aktivisten gegen »das Kapital« und »die Gesellschaft« sind vielen Studenten denn doch zu simpel -- auch wenn die ganz Linken sich allenthalben darauf kaprizieren, die Kommilitonen durch Studienberatung und in Tutorengruppen auf ihren Kurs einzuschwören. Im normalen Stundenplan ist Marx kaum vertreten, marxistische Professoren sind noch immer eine Rarität.

Denn wo immer ein Marxist Professor und mithin Beamter auf Lebenszeit werden will, begutachten die Kultusminister, denen die Rechtsaufsicht über die Universitäten zusteht, den Kandidaten mit besonderer Akribie. Die Folge: Linksaußen wie der Philosoph Hans-Heinz Holz, der Soziologe Horst Holzer und der Politökonom Ernest Mandel durften nicht Professor werden; sozialdemokratische Kultusminister waren dagegen.

Ausschlaggebend für derlei Absagen war zumeist nicht das Urteil über die wissenschaftliche Qualität. Die sollte, so jedenfalls befand der West-Berliner Wissenschafts-Senator Werner Stein im Fall Mandel, keineswegs bezweifelt werden; die Mehrheit der Professoren im FU-Fachbereich Wirtschaftswissenschaft hatte für die Berufung des Marxisten plädiert.

Stein begründete Mandels Ablehnung politisch. Er hatte im OEuvre des Ökonomen Passagen entdeckt, die eine »Eliminierung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung« und der »für die staatliche Willensbildung festgelegten Organe« bezweckten. »Ein solcher Mann«, befand Stein, »darf bei uns nicht Professor werden.«

Diese Begründung ist exemplarisch für die gegenwärtige Hochschulsituation. Die Kultusminister -- auch die von der SPD -- suchen die Universitäten auf einen politischen Minimalkonsens mit der Gesellschaft und den etablierten Parteien festzulegen. Dabei müssen sie freilich manchmal erfahren, daß das Grundgesetz mehr Raum für linke Lehrmeinungen läßt, als ihnen recht ist.

Als der West-Berliner Wissenschaftssenator drei germanistische Lehrveranstaltungen (unter anderem: »Literatur zur Restauration des Kapitals in Westdeutschland") verbieten wollte, kassierte das Oberverwaltungsgericht den Senatsbeschluß. Begründung: Den Seminarleitern stehe »das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit zur Seite«, zudem sei die »historisch-materialistische Methode der Literaturanalyse« nicht unwissenschaftlich (wie die Senatsjuristen gemeint hatten).

Mit diesem Urteilsspruch wurde gerichtsnotorisch die Illusion zerstört, daß die Hochschulen Idyllen wertfreier Wissenschaft bleiben müßten, während rundum in der Gesellschaft politische und soziale Konflikte immer heftiger aufbranden. So hat sich die Universität für neue, nicht nur akademische Probleme geöffnet -- und läuft freilich dabei die neue Gefahr, in Selbstüberschätzung Konflikte lösen zu wollen, die nur Politiker lösen können.

Kein Zweifel, daß künftig sich mehr noch als heute Kontroversen, mit denen Jusos und Judos die Etablierten verschrecken, wie in einem Brennpunkt an den Universitäten bündeln werden. Der herkömmliche Konsens der Gesellschaft, daß Eigentum heilig und Bildung etwas für Privilegierte sei, wird dort am stärksten in Frage gestellt, wo künftige Ökonomen und Lehrer, Richter und Ärzte studieren,

Jede studentische Stimme mehr in den akademischen Entscheidungsgremien, so fürchten denn auch Politiker. könnte denen zugute kommen, die Universität wie Staat und Wirtschaftsordnung grundsätzlich in Frage stellen. Aus Gründen der Staatsräson werden den Jungakademikern in den Hochschulgesetzentwürfen christlich-demokratischer und christlich-sozialer Provenienz darum kaum noch wesentliche Mitbestimmungsrechte zugestanden. In Bayern etwa, wo ein Hochschulgesetz erst jetzt vorbereitet wird, sollen in den Fachbereichsräten jeweils nur zwei Studenten und ein Assistent mit sieben Professoren stimmen: auch in Schleswig-Holstein sollen nur zwei Studenten mitentscheiden dürfen.

Damit die Universität sich nicht politisch vom Staat absentiert, wollen die Regierungen in München und Kiel auch das Finanzgebaren der Hochschulen genau überwachen. So könnten die Politiker etwa verhindern, daß bestimmte Forschungs- und Lehrprogramme gefördert werden, die ihnen mißfallen.

tion. Die Kultusminister --- auch die von der SPD -- suchen die Universitäten auf einen politischen Minimalkonsens mit der Gesellschaft und den etablierten Parteien festzulegen. Dabei müssen sie freilich manchmal erfahren, daß das Grundgesetz mehr Raum für linke Lehrmeinungen läßt, als ihnen recht ist.

Mehr Staatseinfluß und weniger Mitbestimmung -- dieser Trend kennzeichnet allenthalben die jüngste Kurskorrektur in der westdeutschen Hochschulpolitik. Selbst diese Entwicklung läßt noch Raum für verblüffende Gegensätze: In Berlin plädiert Professor Alexander Schwan, Sozialdemokrat und FU-Reformer der ersten Stunde. für eine Novellierung des Berliner Hochschulgesetzes -- »um der Unterwanderung durch die Linken Einhalt zu bieten«. In Konstanz kämpft Professor Gerhard Hess, parteilos und in den Augen seiner Kollegen »alles andere als ein Revolutionär«, um das von seiner Universität entwickelte weit gehende Mitbestimmungsmodell, das CDU-Kultusminister Hahn rückgängig machen möchte.

Daß die Reform vielerorts in Verruf oder gar in Gefahr geriet, ist freilich in erster Linie den Hochschulen selber anzulasten: Professoren suchen ihre Privilegien zu retten, linke Studenten lassen nicht ab vom Alles-oder-nichts-Gehabe. Für Kompromisse scheint wenig Raum an den akademischen Ausbildungsstätten. wo die Nation ihre klügsten Köpfe wähnt.

Der West-Berliner Wissenschaftssenator Werner Stein, seit acht Jahren von Amts wegen mit der Hochschulmisere befaßt, hat immer wieder die »traurige Erfahrung« gemacht, daß -- die »Extreme sich gegenseitig die Argumente liefern und sich somit ungewollt unterstützen«.

Die neueste Variante in dieser heimlichen Hochschulkoalition: Maoistische Studenten wie konservative Professoren boykottieren die Mitbestimmungsgremien oder suchen sie doch zumindest funktionsunfähig zu machen. Selbst in Bremen, der einzigen westdeutschen Universität mit durchgängiger Drittelparität, diffamierte der Kommunistische Studentenbund (KSB) die Mitbestimmung als »Gremienscheiße« (KSB-Flugblatt).

In Marburg und West-Berlin dagegen zogen sich Professoren -- einmal gewählt -- ohne plausible Gründe wieder aus den Mitbestimmungsgremien zurück. Anderswo, wie in Heidelberg, zermürben sich Rechte wie Linke mit stundenlangen Geschäftsordnungsfehden und ideologischen Kleinkrämereien.

»Der Fraktionszwang«, urteilt der Heidelberger Religionsphilosoph Georg Picht, hat dabei »die Bereitschaft zum Nachdenken ausgeschaltet«. Während die verschiedenen Parteien in diesem Gerangel »insgesamt unter falschen Voraussetzungen und in falschen Alternativen über falsche Fragestellungen streiten«, fürchtet der Wissenschaftler, würden »die realen Probleme, die heute die Existenz der Universitäten bedrohen, nicht mehr erkannt« (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 56).

Picht. der einst »die deutsche Bildungskatastrophe« vorausgesagt hatte, mag nicht mehr ausschließen, daß es zum Reformieren nach altem Schema schon zu spät sei und daß das gesamte Bildungssystem in absehbarer Zeit »kollabiert«. Die steil ansteigende Kurve der Zulassungsbeschränkungen könnte ein Indiz sein: Allein in diesem Sommersemester konnten 17 700 Studienbewerber an den überfüllten Universitäten keine Arbeitsplätze mehr finden.

An der Hamburger Universität soll der Numerus clausus über sämtliche Fachbereiche verhängt werden -- ein Novum in der Geschichte der westdeutschen Alma mater, die sich innen zu demokratisieren versucht, aber nach außen die Schotten dicht machen muß.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 18 / 85
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.