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Briefe

Illusionen zerplatzt
aus DER SPIEGEL 33/1981

Illusionen zerplatzt

(Nr. 30/1981, SPIEGEL-Titel: »Bonn schlägt zu")

Würden alle Steuerschulden so unnachsichtig eingezogen wie Forderungen an Arbeitnehmer aus Lohnsteuer-Jahresausgleich/Einkommensteuer-Erklärung, dürfte dem Bundesfinanzminister wohler sein.

Berlin BERND REINHARDT

Ich kann für viele Politiker und Beamte nur noch tiefste Verachtung empfinden, da man sich zusehends von ihnen verarscht fühlt. Ich möchte am liebsten in diesem Land nicht mehr leben. Hätte man hier nicht einen guten Job und gäbe es anderenortes keine Einreisebeschränkungen -- die USA, Kanada, Neuseeland oder Australien wären mein.

Bielefeld HANS-JOACHIM HEUEL

In unserem Lande existieren weiterhin schreiende Gegensätze. Man braucht dabei nur an die Frauen zu denken, die in den Fabriken 40 Stunden in der Woche arbeiten und nicht mehr als 1000 Mark im Monat nach Hause bringen.

Der Wohlfahrtsstaat sieht im Bürger nur den Raffke, den man mit Sozialleistungen den Mund stopfen muß, um ihn bei der Stange zu halten. Zugleich wird der Bürger mit politischem Mißtrauen betrachtet, dessen Aktivitäten man mit einer Flut von Erlassen und Gesetzen einschränkte, um ihn kalkulierbar und kontrollierbar zu machen:

Die Palette der Gängelungen reicht dabei vom Berufsverbot bis zur einfachen Bauvorschrift. Das Resultat: Viele Bürger mißtrauen ihren eigenen Fähigkeiten und sind auf Gängelungen angewiesen. Und nun, wo alle Illusionen wie Seifenblasen zerplatzen, die Wachstumsfeitschisten das Feld räumen, gewinnen die Propheten einer angeblichen besseren Vergangenheit an Boden.

Frankfurt ERICH S. NITZLING Mitglied des Hessischen Landtags (SPD)

Ein bißchen pikant ist es schon, wenn ausgerechnet ein sozialdemokratischer Finanzminister sich den Forderungen aus seiner eigenen Partei nach Kappung des Ehegattensplittings bei Gutverdienenden widersetzt, während andererseits einige liberale Abgeordnete nicht nur eine solche Kappung dulden würden, sondern offen für eine weitgehende Abschaffung eintreten und selbst einige CDU/CSU-Abgeordnete nicht sehr glücklich über diese Form der Steuervergünstigung sind.

Menschlich ist das freilich nur allzu verständlich. Minister und andere Spitzenpolitiker gehören zu den Spitzenverdienern. Da spielt auch das Kindergeld keine Rolle mehr. Darum geht ihnen hier das Kürzen so leicht von der Hand.

Aachen PROF. DR. RER. NAT. GEORG RIEDER

Hauptsekretär (A8), Nettogehalt 1650 Mark einschließlich Zulagen, Sozialmiete 800 Mark, ein Kind, sucht zur Aufteilung seines »Gehalts« arme Mitbürger. Bevorzugt werden Minister, Bundestagsabgeordnete, Fernsehmoderatoren und Redakteure.

Hattingen (Nrdrh.-Westf.) KLAUS MEIER

Sie weisen auf die erhöhten Versorgungsansprüche der knappschaftlich Versicherten hin. Dabei haben Sie jedoch übersehen, daß diese Ansprüche sich aus erhöhten Versicherungsbeiträgen der knappschaftlich Versicherten S.8 ableiten. (Allgemeiner Beitragssatz: 18,5 Prozent, knappschaftlicher Beitragssatz: 23,5 Prozent.)

Ein beträchtlicher Teil der Übertagebelegschaft in den Bergbaubetrieben setzt sich aus Berginvaliden, beziehungsweise aus dem Untertagebereich ausgegliederten Mitarbeitern zusammen.

Bildstock (Saar) RICHARD BRESSELSCHMIDT und weitere 16 knappschaftlich versicherte Mitarbeiter der Saarbergwerke AG

Zwei Drittel der Landwirtschaft hat den Beruf aufgeben müssen, und von den Verbliebenen hat nur noch ein Drittel bescheidene Einkommen. Wie wäre es denn mal, wenn die Hälfte der Bürokraten ausscheiden würden.

Gucken Sie sich doch mal auf dem Lande richtig um. Wer soviel gearbeitet hat wie ein normaler Arbeitnehmer, ist schon vor Jahren vor die Hunde gegangen. Wer heute nicht so viel schafft wie zwei andere, wird auf der Strecke bleiben. So sieht die Demokratie in Wirklichkeit auf dem Lande aus.

Ahausen (Nieders.) BERNHARD HASSELDORF

Vor den Bundestagswahlen wies Kardinal Höffner auf die hohe Staatsverschuldung hin, und der Bundeskanzler tat dies als »Wahlkampfmache« und »Einmischung in die Angelegenheiten des Staates« ab. Ich fühle mich als Wähler an der Nase herumgeführt!

Koblenz ERNST MÜLLER

Die Chance für jede Opposition ist jetzt da, wenn sie nur ein Konzept ohne nachfolgenden Pferdefuß vorlegen würde. Da sich aber unsere einzige große Oppositionspartei selber dazu verdonnert hat, nichts zu sagen und keine Alternativen aufzuzeigen, hat der Bürger keine Alternative.

Berlin JÜRGEN F. SCHMIDT

Sozialausgaben müssen von da finanziert werden, wo die dicksten Profite anfallen.

Mainz HUBERT STEINMACHER

Vom SPIEGEL hätte man eine frühere Darstellung und Kritik erwarten müssen. Es kamen nur gelegentlich einzelne Teilausschnitte. Eine Gesamtübersicht über die groben steuerlichen Ungerechtigkeiten erst jetzt zu bringen, ist eine schwer vorwerfbare Unterlassung, von der der SPIEGEL sich nicht entschuldigen kann.

Wenn möglich, gute Besserung!

Würzburg J. KLINGLER

Die Regierung hatte die Chance, durch den Vorschlag der Minister Matthöfer und Lambsdorff den Mißbrauch der Lohnfortzahlung durch drei Karenztage einzudämmen. Es ist bedauerlich, daß sich die Ressortchefs nicht durchsetzen konnten, nur weil im Nebenzimmer der Verhandlungen Interessenvertreter sitzen, die die Mehrheit des Kabinetts jeweils so umpolen, daß unser S.9 Kabinett handlungsunfähig wird. Das heißt, unser Staat wird unregierbar.

Altdorf (Bayern) RAINER MÜLLER Bundesverband Junger Unternehmer der ASU e. V.

Es ist eine Schande, notwendige Einsparungen erst einmal bei Arbeitslosen, Rentnern, am Kindergeld und durch indirekte Steuerbelastung vornehmlich des kleinen Verbrauchers vorzunehmen.

Keine Tabus, verkünden lautstark die Herren Matthöfer, Genscher und Kohl. Dann sollen sie erst einmal drangehen, völlig unverantwortliche Privilegien einzelner Berufsgruppen und Institutionen abzubauen. Erst dann würde sich das moralische Recht ergeben, an die Renten und Arbeitslosengelder ihrer Landsleute zu denken.

Bad Mergentheim (Bad.-Württ.) HELMUT OSTHOF

»Bonn schlägt zu« (SPIEGEL-Titel) -ich auch (bei der nächsten Wahl)!

München KARLHEINZ BÖHM

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