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Bundeswehr »Im Angriff vernichtet«

Schwere taktische Fehler und »Persönlichkeitsdefizite« bescheinigt ein interner Bericht den Offizieren und Unteroffizieren des Heeres. Bei simulierten Attacken werden fast alle Soldaten auf dem Gefechtsfeld geopfert.
aus DER SPIEGEL 48/1996

Selbstbewußt sei der Soldat und »stolz auf die eigene Leistung« - so stellt sich Heeresinspekteur Helmut Willmann, 56, seine Männer vor. »Ein gutes Führerkorps und eine gut ausgebildete Truppe«, lautet das »persönliche Credo« des schneidigen Generals, »verkraften jede Veränderung.«

Seit der Vereinigung mit der Nationalen Volksarmee im Jahr 1990 hat sich die Bundeswehr allerdings permanent verändert: Die Truppenstärke, angeschwollen auf 650 000 Soldaten, wurde fast halbiert; Dutzende Garnisonen sind aufgelöst; immer wieder läßt Kanzler Helmut Kohl den Etat des Wehrministers Volker Rühe kürzen.

»Fünf Jahre lang«, so Willmann, »haben wir die Armee durch den Wolf gedreht.« Jetzt geht ihr die Luft aus. Wollte der General das Gros seiner Truppe auch nur »bedingt einsatzbereit« melden - es wäre geprahlt.

Denn tatsächlich steckt das Heer in einer tiefen Krise. Während ein kleines Kontingent beim Ifor-Einsatz im ehemaligen Jugoslawien »tadellose Leistungen« (Rühe) erbringt, verharrt der Rest der Truppe in desolatem Zustand:

* Etwa die Hälfte aller Panzer und anderer »Gefechtsfahrzeuge« ist pannengeschädigt und wäre im Ernstfall kaum fahr- und feuerbereit: Ersatzteilmangel lähmt den täglichen Betrieb der Truppe.

* Bei simulierten Gefechten ist das Versagen der Soldaten nach dem Urteil von Militärexperten oft »niederschmetternd«. So führten die Offiziere, wie ein interner Bericht vom Übungsplatz Hohenfels ergibt, ihre Panzer und Grenadiere zwar ziemlich tapfer - aber allzuoft ins Verderben: unter das Feuer der eigenen Artillerie oder in Minenfelder der eigenen Pioniertruppe.

* Die »taktischen und operativen Fähigkeiten«, die den Kampftruppen nach den »Substanzverlusten« der letzten Jahre noch verbleiben, sind begrenzt - »überschaubar« nennt sie voller Ironie Willmann, der dem Heer seit neun Monaten vorsteht.

* »Erfahrungsverluste bei der realitätsnahen Ausbildung« attestiert ein weiterer vertraulicher Report den seit Jahren von größeren Manövern entwöhnten Truppenführern. Der Chef der 10. Panzerdivision und frühere Kommandeur der Panzertruppenschule, Generalmajor Rüdiger Drews, schickte den Bericht am 29. Oktober als »Verschlußsache« auf die Bonner Hardthöhe.

Da oben, im Ministerium, geben indes die Schönfärber den Ton an: Die Bundeswehr »nimmt die Herausforderungen der Zukunft an und blickt mit Optimismus nach vorn«, lautet die Propaganda-Parole einer neuen Broschüre der Hardthöhe, die mit schnieken Action-Fotos auf 90 Hochglanzseiten um Freiwillige wirbt: »Wir sind da.«

»Wir sind am Ende« wäre zumindest für die Logistik treffender. Weil Geld fehlte und die Umstellung auf ein neues Nachschubsystem nicht klappte, wurden im Heer zwei Jahre lang die Ersatzteildepots ausgekämmt. Nun sind die Lager leer. Willmann mußte kürzlich ein Viertel der für den »Ernstfall« eingemotteten Panzer und Schützenpanzer zum Ausschlachten »freigeben«.

Um bei den Heeresfliegern wenigstens noch 120 Transporthubschrauber des Typs Bell UH-1D einsatzklar zu halten, werden jetzt gut 50 andere vorzeitig stillgelegt und »kannibalisiert« (SPIEGEL 44/1996).

Nächstes Jahr darf der Heereschef zwar 70 Millionen Mark zusätzlich für Ersatzteile ausgeben. Doch die schleppende Bürokratie des Bundeswehr-Beschaffungsamts und die geschrumpfte Rüstungsindustrie tun sich schwer damit, die Produktion wieder anzukurbeln. »Mindestens zwei Jahre«, fürchtet das Heeresführungskommando, die zentrale Schaltstelle des Heeres in Koblenz, würden vergehen, bis sich die »besorgniserregende« Lage in den Reparaturwerkstätten wieder »normalisiert« habe.

Zwei Jahre, das ist auch der Zeitraum, den Willmann (Spitzname: »Tiger Willi") seiner Truppe vorgibt, um eine »neue Qualität der Ausbildung« zu erreichen. Für die Out-of-area-Aufgaben über die Nato hinaus brauche das Heer bis 1998 »robuste Soldaten, die durch regelmäßiges Training physisch und psychisch an Belastung gewöhnt sind«; dazu vorbildliche »Vorgesetzte, die sich durch eigene Leistung Selbstvertrauen erworben haben«. Willmann forsch: »Wir müssen wieder antreten.«

Das ist leichter befohlen als getan. Seit Wochen sorgt vor allem der vertrauliche Mängelbericht aus dem Hohenfelser Gefechts-Simulationszentrum für Unruhe in den Stäben. Auf 22 Seiten bietet sich ein düsteres Bild von der tatsächlichen Kampfkraft der Truppe.

Das Ergebnis gilt als repräsentativ, denn die in Hohenfels trainierenden Einheiten kommen aus allen Teilen der Republik. Die Details der Studie sind minutiös in Computern gespeichert, auf Ton- und Videobändern aufgezeichnet.

Hohenfels ist kein gewöhnlicher Übungsplatz. Hier entscheiden nicht Schiedsrichter zu Fuß ("Sie sind jetzt tot") über Erfolg und Mißerfolg. Vielmehr schießen Panzer mit Laser-Kanonen aufeinander, werden Infanteristen und Fahrzeuge von Sensoren kontrolliert, die jeden »Treffer« an zentrale Rechner melden. So entsteht eine strenge Kampfbilanz.

Per Satellit wird die Position jedes Panzers oder Jeeps, jedes Geschützes metergenau vermessen. Videokameras überwachen die Bewegungen der Truppe. Jeder Befehl, der gesamte Funkverkehr, wird aufgezeichnet. Im zentralen Gefechtsstand kann die Manöverleitung das aktuelle Geschehen auf PC-Bildschirmen überwachen: »Big brother« in Uniform.

Durchmogeln gelingt nicht. Immer wieder rollen geländegängige Kinofahrzeuge zur Truppe. Akribisch wird auf der Projektionsleinwand jeder Fehler vorgeführt, jeder simulierte Abschuß aufgezeichnet.

Das High-Tech-Gerät gehört der U.S. Army. Sie nennt die Einrichtung, an der Golfkriegstruppen ebenso trainierten wie Ifor-Einheiten, Combat Maneuver Training Center - CMTC.

Seit sechs Jahren darf die Bundeswehr das CMTC benutzen. Die Auswertung von Manövern der beiden vergangenen Jahre ergab ein verheerendes Fazit: Der Ausbildungsstand der Bataillonskommandeure und Kompaniechefs reiche »generell nicht aus«. Die »allgemeinen Aufgaben im Einsatz werden nicht beherrscht«. Die überprüften 16 Bataillone hätten »an keinem Gefechtstag den jeweils gegebenen Auftrag« erfüllen können. Grund: »mangelhaftes Führungsverhalten der Offiziere und Unteroffiziere«.

Statt Vorbildfunktion offenbarten Offiziere im Manöverstreß schwere »Persönlichkeitsdefizite« und mangelnden Kontakt zur Wirklichkeit - eine »echte Derealisation«.

Ein Beispiel aus dem Hohenfels-Report: Der Chef einer Panzerkompanie meldet nach einer Geländeerkundung dem Bataillonskommandeur, der befohlene Frontalangriff sei wegen überlegener Feindkräfte aussichtslos. Der Kommandeur, weitab hinter der Front, »verfolgt auf seiner Landkarte die Angaben des Kompaniechefs, befiehlt ihm, den Mund zu halten und seinen Angriffsbefehl auszuführen«. Zehn Minuten später, so die Auswertung, »ist die Kompanie im Angriff völlig vernichtet«.

»Kein Einzelbeispiel«, bedauert Oberstleutnant Hergen Koglin, der die Bundeswehr in dem Hohenfelser Übungscamp vertritt. Statt »von vorne« zu führen, planen die Kommandeure weit hinten am grünen Tisch. Ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Gegebenheiten im Gelände malen sie Angriffspfeile in die Landkarten. Daß sich Grenadiere bisweilen im Wald verlaufen und der schöne Angriffsplan zwischen den Bäumen zerrinnt, kann die schneidigen Befehlshaber nicht beirren.

»Die machen aus ihrem Führungspanzer ein eisernes Büro«, schimpft der Generalmajor Drews über die Schreibtisch-Angreifer auf dem Gefechtsfeld: Wie daheim in der Kaserne herrschten bei den verbürokratisierten Stabsoffizieren »Vorsicht und Absicherungsdenken«. Ihnen fehle der Mut, flexibel Entscheidungen zu treffen und Schwerpunkte zu setzen. Ein großes Manko beim »Gestaltungs- und Durchsetzungswillen im Gefecht« beklagt auch Troupier Willmann, der bis Ende Januar das deutsch-französische Eurokorps befehligte.

Der Bericht aus Hohenfels rügt, daß sich die militärischen Führer nicht mal Defizite eingestehen oder Vorgesetzte um Rat und Hilfe bitten. Sie wissen wohl, warum: »Es wird auch kein Vertrauen deutlich, daß der Vorgesetzte Rat wüßte oder ihn zu geben bereit sei.« Innere Führung? Vorbilder? Fehlanzeige.

Weil seit dem Ende des Kalten Kriegs keine großen Übungen mehr stattfinden, leidet die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Truppengattungen. Das »Gefecht der verbundenen Waffen« - Panzer, Infanterie, Artillerie plus Unterstützung aus der Luft - galt früher als Spezialität der Bundeswehr.

Jetzt führt es bloß noch ins Fiasko. »Feuer und Bewegung« werden in der Hitze des Gefechts kaum noch koordiniert. Folglich fallen vorgepreschte Panzer dem Beschuß durch eigene Artillerie zum Opfer.

»Wer Täler nutzen will, muß auch die Höhen beherrschen«, lautet ein militärischer Grundsatz, der aber »nicht beachtet wird«. Wie im Western könnten die Gegner vom Geländerücken herunterstürmen. In Hohenfels passiert das nur deshalb nicht, vermerkt der Bericht süffisant, weil sich beide Seiten - Blau und Gold - »in gleicher Weise an die Nichtbeachtung des Grundsatzes halten«.

Das Beobachtungsfahrzeug der Artillerie, ein Uraltpanzer vom Typ M 113, »kann im schweren Gelände mit den schnellen Truppen nicht mithalten«, seine »Navigationsanlage versagt nach kurzer Zeit«. So gefährden die Kanoniere die eigene Infanterie. Die besten Trefferquoten werden erzielt, wenn »abgesessene Beobachter, die sich allen technischen Fortschritts begeben haben«, Zielanweisungen geben - wie einst im Ersten Weltkrieg.

Auch im laufenden Gefecht unkoordiniert angelegte Minensperren »führen häufiger zu Ausfällen bei der eigenen Truppe, als daß sie dem Feinde schaden«.

Die Pioniere selbst sind vor Fehlern nicht gefeit: Auf einer Straße werden eindeutig identifizierte Minen, die erst bei einer Belastung von mindestens 75 Kilogramm explodieren, nicht etwa gefahrlos beiseite geschoben. Statt dessen lassen die Pioniere die Panzer stundenlang warten - bis jede Mine einzeln gesprengt ist.

Als »wesentliche Leistung« eines Truppenführers gilt, möglichst alle Soldaten heil nach Hause zu bringen und zugleich dem Gegner möglichst großen Schaden zuzufügen. Auch das haben die Heeresoffiziere offenbar verlernt.

Der Bericht verweist auf »abstruse Vorstellungen« über hinnehmbare Verluste: »So werden Angriffe auf Zwischenziele, die 60 Prozent Verluste auf eigener Seite zur Folge haben, durchaus als Erfolg bewertet.«

Schöner Sieg: Von 1000 Mann eines Bataillons wären gerade noch 400 übrig - für den Angriff auf das nächste von vier oder fünf »Zwischenzielen«, die sich im hügeligen Manövergelände über eine Strecke von vielleicht 20 Kilometern verteilen. Der Rest der Truppe: tot oder verwundet. Früher galt eine Verlustrate von höchstens zehn Prozent für den gesamten Angriff als akzeptabler Durchschnitt.

Die Überlebenschancen der Verwundeten sind noch dazu gering: »Die spektakulärste Kritik gilt den mangelhaften Leistungen des Truppensanitätsdienstes.« Denn, so der Bericht aus dem CMTC: »Die Sanitätssoldaten können sich nicht orientieren, ihre zudem besonders anfälligen Fahrzeuge nicht fahren und Mängel nicht ohne fremde Hilfe abstellen.«

Zu Beginn einer Übungsrunde im Hohenfelser Manöverareal, heißt es im Militärdeutsch, »können nur 20 Prozent der Verwundeten überhaupt einer Versorgung zugeführt werden«. Soll heißen: Die übrigen 80 Prozent verbluten auf dem Schlachtfeld.

Die katastrophalen Meldungen aus Hohenfels haben selbst Rühes Berufsoptimisten erschreckt. Doch alles soll sich rasch zum Guten wenden. Jeder Soldat, befahl Willmann, wird zum Helfer im Sanitätsdienst ausgebildet. Längere »Stehzeiten«, drei Jahre in der gleichen Funktion statt 18 bis 24 Monate, sollen Kommandeuren und Kompaniechefs mehr Gelegenheit zum Üben verschaffen.

Die Offiziere will Willmann ("Ich fordere den ganzen Mann") wieder »Leadership« lehren. Die sollen dann dafür sorgen, daß die Rekruten eine »fordernde und erlebnisorientierte Ausbildung« mit Geländemärschen und Biwakübungen bekommen.

Daß dann manche Ausbilder gleich wieder über das Ziel hinausschießen und in alte Schinder-Manieren zurückfallen könnten, schwant auch dem Haudegen Willmann. Die Wehrbeauftragte des Bundestages, Claire Marienfeld, hat er schon vorgewarnt: Womöglich kämen bald mehr Beschwerden, weil übereifrige Ausbilder seinen Ruf nach »robusten« Soldaten als Aufforderung zum Schleifen »mißverstehen«.

Die Zivilistin Marienfeld möge dann, bitte, gleich Alarm schlagen, »damit wir das korrigieren können«.

* Beim Manöver »Spessart 95«.

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