Zur Ausgabe
Artikel 35 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

CHINA Im Bademantel

Der Tod Tschiang Kai-scheks hat Hoffnungen auf Chinas Wiedervereinigung geweckt -- und Erinnerungen an die Zusammenarbeit zwischen Kuomintang und Kommunisten.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Ein Mordskerl« war er -- der bürgerliche Generalissimus Tschiang Kai-schek in den Augen des Kommunisten Mao Isetung, »ein Mordskerl«, so Mao zu Japans damaligem Premier Tanaka, »der niemals aufgibt«.

Von Chinas großem Revolutionär Sun Jat-sen, seinem Schwager, hatte Tschiang die Führung der Kuomintang-Partei geerbt, war Präsident der Republik geworden, hatte nach dem Sieg über Japan für die Weltmacht China einen ständigen Sitz im Uno-Sicherheitsrat erworben -- und verspielte mit Korruption und Bürgerkrieg sein Reich: Von den Amerikanern im Stich gelassen, flüchtete er mit zwei Millionen Anhängern vor Mao in Chinas kleinste Provinz, auf die Insel Taiwan.

Er hatte, als er vorletzten Samstag starb, nicht aufgegeben, sondern auch zustande gebracht, was ihm auf dem Festland nicht gelungen war: eine Bodenreform und ein Wirtschaftswunder unter einer gemäßigten Diktatur mit einem für Asien sehr hohen Lebensstandard und einem Export, der (bei 15 Millionen Einwohnern) etwa ebenso hoch ist wie der von Festland-China (750 Millionen Einwohner).

Und immer träumte er von einer Rückkehr aufs Festland und predigte die gewaltsame Wiedervereinigung -- auch noch, als Amerika 1971 Chinas Uno-Sitz seinem Urfeind Mao überließ: Tschiang glaubte weiterhin die Mehrheit aller Chinesen hinter sich. Immerhin hielt auch Mao es (1970) für möglich, daß nach seinem Tod Chinas Jugend »schlechte Dinge« tue und »die Überreste der Tschiang-Kai-schek-Clique« aufs Festland zurückhole.

Mit Tschiangs Tod belebten sich Gerüchte, die Festland-Kommunisten könnten Taiwans friedlichen Anschluß betreiben, als autonome Provinz. Demonstrativ hatte Peking vor wenigen Wochen ein Dutzend alter Kuamintang-Generale aus 26jähriger Haft entlassen -- mit der Erlaubnis, nach Taiwan zu gehen.

Taiwan hatte einen 1937 als Verräter zu zehn Jahren Haft verurteilten Kuomintang-General hervorgeholt, der noch heute (auf Taiwan) unter Hausarrest steht, und seine Memoiren veröffentlicht, um an die wechselhaften Beziehungen zwischen Maos kommunistischer Partei und Tschiangs bürgerlicher Kuomintang zu erinnern.

Kuomintang-Gründer Sun Jat-sen, auf Kooperation mit der Sowjet-Union bedacht, hatte 1923 Tschiang Kaischek nach Rußland geschickt. Tschiangs Sohn Tsching-kuo blieb 12 Jahre dort, lernte Russisch, heiratete eine Russin -- und ist heute Premier von Taiwan.

Vater Tschiang kehrte schon nach wenigen Monaten aus Moskau mit der Lehre zurück: »Trauen Sie nicht den sowjetischen Kommunisten.« Den chinesischen Kommunisten aber vertraute er: Als Chef der Militärakademie Whampoa ernannte er Tschou En-lai zu seinem Stellvertreter -- den heutigen Premier in Peking, dem das heute noch Arger einbringt: »Tschiang kam zur Macht«, so jetzt Mao, »indem er das ihm geschenkte Vertrauen Sun Jatsens mißbrauchte, die Kriegsakademie von Whampoa betrieb und einen Haufen Reaktionäre um sich scharte.«

Später ernannte Oberbefehlshaber Tschiang den Kommunisten Tschou sogar, zu seinem· Stabschef -- Chinas Rote gehörten korporativ der Kuomintang an. Zwei KP-Gründungsmitglieder traten in die Kuomintang-Führung ein: die beiden Grundbesitzersöhne und Lehrer Mao Tse-tung und Tung Pi-wu.

Doch 1927 ließ Tschiang die Kommunisten plötzlich blutig verfolgen und trieb sie schließlich auf den langen Rückzugs-Marsch nach Jenan (Nordchina). Tschiang Kai-schek eilte 1936 nach Sian, der nächsten regimetreuen Provinzhauptstadt, um Befehle für den letzten Schlag gegen Maos Truppen zu erteilen.

Tschiangs Offiziere am Ort dachten darüber ganz anders: Sie wollten lieber mit den Kommunisten gegen die in Nordchina eingefallenen Japaner kämpfen. Garnisons-Chef Jang ließ sich von seinem Neffen (der in Deutschland studiert hatte und dessen deutsche Frau heute in Geesthacht lebt) beraten und empfahl dann, Tschiang zu verhaften.

In Sian hatte auch Tschiangs Vize im »Oberkommando zur Ausrottung des Banditenunwesens« seinen Standort: General Tschang Hsüeh-liang, genannt der »Junge Marschall«. Der enthüllte jetzt aus seinem Hausarrest in Taiwan die Hintergründe des »Sian-Zwischenfalls« von 1936.

Der Junge Marschall, seit einer Europa-Reise Befürworter eines Führerstaats wie NS-Deutschland, traf sich heimlich mit Tschou En-lai nachts in der katholischen Kirche von Jenan. Für eine gemeinsame Front gegen die Japaner bot Tschou an, die alte Koalition zwischen Kommunisten und Kuomintang wiederherzustellen, die Rote Armee unter anderem Namen Tschiangs Truppen anzugliedern sowie Klassenkampf und Propaganda einzustellen. Dafür sollten die Kommunisten

Anläßlich Tschiangs letztem Geburtstag 1974.

ihre Waffen behalten und nach dem gemeinsamen Sieg als legale Partei zugelassen werden.

Der Junge Marschall vereinbarte ein Disengagement der Truppen und stiftete Geld für warme Wintersachen der Maoisten. Kommunist Tung Pi-wu durfte in Sian ein »Verbindungsbüro« einrichten, das als Sammelpunkt für rote Kriegsfreiwillige diente und heute eine Gedenkstätte ist -- wie auch der Kurort »Heiße Quellen« bei Sian, wo Tschiang Kai-schek am 12. Dezember 1936 beim Sprint auf einen nahen Felsen im Bademantel von seinen eigenen Soldaten festgenommen wurde.

Kommunist Jeh Tschien-jing -- heute Pekings Verteidigungsminister -- riet, Tschiang zu erschießen. Die Sowjets behaupten, ein Telegramm Stalins habe Tschiang das Leben gerettet. In Wahrheit kam er frei, nachdem Tschou und Tung Pi-wu sein mündliches Einverständnis zu dem Kooperationsplan erhalten hatten.

Maos Rote Armee wurde als »Achte Armee« den nationalchinesischen Streitkräften eingegliedert; in den »Politischen Volksrat« der Kuomintang trat Verbindungsmann Tung Pi-wu ein, der auch -- als einziger Kommunist zur nationalchinesischen Delegation bei der Uno-Gründung 1945 gehörte.

Die geplanten Koalitionsverhandlungen in Tschungking scheiterten ebenso wie auch nur ein Waffenstillstand, den Tung Pi-wu und Tschiang mit Formulierungshilfe des US-Generals Marshall 1946 ausgehandelt hatten: Der Bürgerkrieg brach aus. Dem Sieger Mao schloß sich Tschiangs Schwägerin an, die Witwe Sun Jat-sens. Sie ist heute Vize-Staatspräsident der Volksrepublik. Den gleichen Posten erhielt Altgenosse Tung Pi-wu, zuletzt amtierender Staatschef. Er starb mit 89 am 2. April, 3 Tage vor Tschiang Kai-schek, 87.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 35 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.