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EUROPA / COUDENHOVE Im Banne des Pan

aus DER SPIEGEL 44/1965

Von ihren acht Ehrenpräsidenten verlor die »Europäische Bewegung« in den letzten Jahren vier durch den Tod*. Der fünfte Ehren-Europäer wurde am Mittwoch vorletzter Woche vom gaullistischen Bazillus hinweggerafft:

Richard Graf Coudenhove-Kalergi, 70, der »erste Europäer« ("Industrie-Kurier"), verließ als erster Prominenter die Bewegung. Sein neuer Prophet ist jener Mann, der nur Frankreichs Vormacht meint, wenn er vom künftigen Europa spricht: General de Gaulle.

Coudenhoves Wandlung kam nicht zufällig. Der böhmische Baron mit französischem Paß und Schweizer Wohnsitz teilt mit dem französischen Staats -General die Neigung, Außenseiter -Positionen zu beziehen. Coudenhove plädierte in den letzten Jahren für Deinen »zweiten Wiener Kongreß« zur Beendigung des Kalten Krieges;

- eine Uno-Treuhandverwaltung Berlins;

- die Anerkennung Pankows.

Zum Außenseiter wurde Coudenhove schließlich auch in jener Bewegung, deren Pionier er ursprünglich war. Er hatte schon 1924 mit seinem »Paneuropäischen Manifest« dem Krisen-Kontinent eine neue Hoffnung gegeben; Stresemann, Churchill, Ortega y Gasset und Briand stießen zu seiner Fahne. Und 1955, im zweiten Europa-Frühling, nahm er »mit Stolz« die Ehrenpräsidentschaft der Unions-Bewegung an.

Aber seit de Gaulle die - den Vorstellungen der Europa-Schaffer widersprechende - Parole vom »Europa der Vaterländer« ausgab, geriet der Paneuropäer Coudenhove immer mehr in den Bann des großen Pan im Elysee.

Zum Bruch kam es nach dem Kongreß der Europäischen Bewegung Anfang Oktober in Cannes. Die Delegierten forderten, die römischen EWG-Verträge müßten verwirklicht werden. Dagegen aber steht das starre Veto des Franzosen.

Graf Coudenhove-Kalergi hielt zum General. Europa, so schrieb er dem Bewegungs-Präsidenten Maurice Faure, könne weder gegen noch ohne de Gaulle vereinigt werden. Wie es mit de Gaulle zu schaffen sei, verriet er seinen Freunden nicht. Er trat einfach aus.

* Die »Europäische Bewegung« ("Mouvement Européen") umfaßt eine Reihe von Organisationen, deren Ziel die Vereinigten Staaten von Europa sind. Ehrenpräsidenten sind oder waren: Konrad Adenauer, Jean Monnet, Paul -Henri Spaak, Graf Coudenhove-Kalergi, Leon Blum, Sir Winston Churchill, Alcide de Gasperi und Robert Schuman.

Europäer Coudenhove-Kalergi

Einem neuen Propheten gefolgt

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