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Im Bett mit Plüschaffen

Axel Hacke über Öko-Essen, Hechelatmen und hysterische Schwangere
Von Axel Hacke
aus DER SPIEGEL 29/2001

Hacke, 45, lebt als freier Autor in München, hat drei Kinder und schrieb mit seinem Buch »Der kleine Erziehungsberater« einen Bestseller. -------------------------------------------------------------------

Ich habe mehrere Kinder aus zwei verschiedenen Ehen. Ich habe einst in einem schlecht gelüfteten Raum einer Mütterschule das Hechelatmen geübt, ich habe die Nabelschnüre meiner Töchter und Söhne durchtrennen dürfen, ich habe auch ins »Große Buch vom Stillen« reingeguckt. Ich hatte eine Vollwertphase, während der meine Frau und ich »Hirse-Möhren-Pfanne mit Petersiliensauce« und »Kartoffelklöße mit Sonnenblumenkernen« zubereiteten - Dinge, die nur ich aß, während die Kinder Nudeln mit Öko-Ketchup verschlangen und meine Frau nichts. Ich wurde sehr dick und litt unter Blähungen. Auch habe ich circa 800 000 Diskussionen über den Sinn des Zähneputzens geführt und alle deutschsprachigen Kinderbücher mindestens einmal vorgelesen.

Mir ist nichts Menschliches fremd. Trotzdem passieren mir noch die überraschendsten Geschichten.

Kurz nachdem ich meinen jüngsten Sohn, Luis, gezeugt hatte, besuchte ich mit meiner schwangeren Frau ein Wirtshaus auf dem Land. Als wir nach dem Essen zum Parkplatz gingen, huschte eine Katze von der Motorhaube unseres Wagens. Wir setzten uns ins Auto.

»Und was ist das da auf der Motorhaube?«, fragte Paola, meine Frau. »Katzenkot, scheint's«, antwortete ich.

Sie wurde blass. »Warte!«, sagte sie. »Warum?«, fragte ich. Ob ich nie gehört hätte, fragte sie, dass sich im Katzenkot Eier eines Parasiten befänden, die Toxoplasmose erzeugten - eine für Ungeborene hochgefährliche Krankheit. »Aber der Katzenkot ist draußen und wir drinnen«, sagte ich. »Dazwischen sind Lüftungsfilter. Und sie können nicht krabbeln, die Parasiten-Eier. Oder fliegen.«

»Und wenn doch?«, sagte sie leise.

»Unmöglich.«

»Mach es weg!«

Ich wurde selbst nervös. Ich bin hypochondrisch veranlagt, Angst vor Krankheiten wirkt ansteckend bei mir. Ich stieg aus, riss Blätter von einem Ahorn und wischte das Zeug von der Haube. Stieg wieder ein.

»Wasch dir die Hände!«, sagte sie.

Ich stieg wieder aus, ging ins Wirtshaus zurück und wusch mir die Hände. Dann konnten wir fahren. Aber noch den Rest des Tages spürte ich, wie sich Paola von mir fern hielt. Sich gegen Berührungen sperrte. Wir haben uns sogar gestritten. Idiot, du! Streitest dich mit einer Schwangeren, die deinen Sohn im Leib trägt! Weißt du nicht, dass jede Frau zur Hysterie neigt, in deren Leib ein solches Wunder geschieht? Wieso machst du alles so falsch?!

Das Schreckliche am Elternsein ist: Man wird das Gefühl nie los, alles falsch zu machen. Alle Kinder schlafen abends allein ein, nur eures will, dass einer neben ihm liegt. Alle Kinder sitzen still beim Essen, nur eures kriecht im Restaurant unter Tischen herum, während fremde Rentner dich mit kalten Augen mustern. Alle Kinder ... ach! Wir leben unter blankem Leistungsterror.

Luis, mein jüngster Sohn, ist nun fünf. Aber immer noch kommt er nachts oft ins Ehebett gekrochen, kuschelt sich an seine Mutter und legt seine Füße in mein Gesicht. Strampelt im Schlaf herum, tritt mich hier, tritt mich dort, bis ich's nicht mehr aushalte und mit dem Bettzeug unter dem Arm ins Kinderzimmer wanke. Da liege ich fluchend zwischen Teddybären und Plüschaffen und glotze auf fluoreszierende Plastiksterne, ein Mann von 45 Jahren, in der Blüte seiner Jahre sich ins Kinderbett krümmend.

Ödipus brachte seinen Vater noch ums Leben, bevor er die Mutter heiratete. Das ist nicht mehr üblich, danke schön. Aber richtig toll ist es so auch nicht.

Am Morgen nach einer solchen Nacht klage ich gern über Rückenschmerzen und dass ich müde einen harten Bürotag beginnen muss.

»Ach, du gehst einer interessanten Arbeit nach, trinkst zwischendurch Kaffee, triffst Leute«, sagt Paola. Ich antworte: »Du hast keine Ahnung, unter welchem Druck ich stehe. Das Arbeitsleben ist nicht so nett wie alles hier, mit einem kleinen Kind und Besuch zwischendurch.«

Dann gehe ich nicht nur müde ins Büro, sondern scheide im Streit, im Gefühl, eine Art Familienknecht zu sein oder ein Parasit, etwas Unwichtiges oder Überflüssiges jedenfalls.

Kann aber sein, dass du abends nach Hause kommst, und dein Sohn stürmt dir den Flur entlang entgegen, »Papa! Papa!« rufend, weil er dir was zeigen will, ein selbst gebasteltes Schiff oder einen neuen Playmobilmann. Und du fängst ihn auf und denkst: »Kann es sein, dass ich jetzt glücklich bin? Kann es sein, dass ich überhaupt sehr oft glücklich bin und es nicht merke?«

Was ich sagen wollte: Wenn du Kinder haben willst, stell dich darauf ein, dass du im Chaos leben wirst. Du wirst deine Frau nicht verstehen. Deine Frau wird dich nicht verstehen. Alle anderen Leute werden euch nicht verstehen. Ihr werdet langwierige, irre Auseinandersetzungen über die Konsistenz von Babystuhlgang, das Ausmaß von Müdigkeit und das Zuckern von Kindertee haben. Vielleicht werdet ihr zur Eheberatung gehen müssen. An manchen Tagen werdet ihr euch fühlen, als hätte Ionesco euch erfunden. An anderen Tagen wird sich Ionesco wünschen, ihm wären Gestalten wie ihr eingefallen. Ihr werdet in einem absurden Durcheinander leben.

Genießt es!

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