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JUGOSLAWIEN Im Denver-Stil

Unzufriedene Arbeiter in Bosnien, der Heimat von Premier Mikulic, haben eine neue Partei gegründet. *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Die ungewöhnliche Kündigung stand in der slowenischen Jugendzeitung »Mladina«.

Hüttenarbeiter aus dem bosnischen Stahlkombinat von Zenica - die genaue Zahl blieb Redaktionsgeheimnis - erklärten in einer Resolution, sie hätten die Zelle einer neuen kommunistischen Partei Jugoslawiens und einer unabhängigen Gewerkschaft gegründet. Denn: »Unsere derzeitige Führung ist eine Gangsterbande, die seit Jahren das Heimatland Jugoslawien bestohlen und betrogen hat.«

Der unmittelbare Anlaß für ihren Austritt aus der vorhandenen, maroden KP steht auch in dem öffentlichen Brief: »Unser Direktor Tomic, der sich wie ein General aufführt, steckt mit den Verbrechern von Agrokomerc unter einer Decke.« Er sei mitschuldig an der Not, die _(Aus der Belgrader Zeitschrift »Nin«. )

über die 13500 Entlassenen des pleite gegangenen staatlichen Lebensmittelkonzerns gekommen ist.

Der bosnische Firmenriese Agrokomerc, so war Ende August herausgekommen, hatte über Jahre ungedeckte Wechsel im Wert von fast zwei Milliarden Mark ausgestellt und war nach diesem »Jahrhundert-Skandal« in Konkurs gegangen (SPIEGEL 37/1987).

Firmenchef Fikret Abdic, den sein kroatischer Wirtschaftsberater noch heute für ein Genie wie den amerikanischen Topmanager Lee Iacocca hält, und über zwei Dutzend Agrokomerc-Mitarbeiter wurden verhaftet.

Etwa 20 bosnische Spitzenfunktionäre, allen voran Hamdija Pozderac der im Zuge der Rotation im nächsten Jahr jugoslawischer Staatschef werden sollte, verloren ihre Ämter und Pfründe, weil sie die betrügerischen Transaktionen von Agrokomerc gedeckt hatten. Hamdija-Bruder Hakija kam vorige Woche in Haft.

Aber den Arbeitern von Zenica reicht dieses überstürzte Saubermachen nicht aus.

Sie erheben den Vorwurf, ihr Direktor Stanko Tomic, 66, »eingesetzt von einer bosnischen Mafia«, Mitglied des ZK von Bosnien-Herzegowina und des Bundesparlaments, habe noch im August der Pleite-Firma Agrokomerc einen Finanzkredit des Hüttenkombinats in Höhe von acht Millionen Mark zugeschanzt - als der Konkurs längst zu erwarten war.

Mehr noch, dieser hemdsärmelige Herrenmensch habe sich in der bosnischen Landeshauptstadt Sarajevo eine Traumvilla im »Denver-Stil der Carringtons« gebaut, während die Löhne seiner Arbeiter wegen der weltweiten Stahlkrise nicht erhöht werden durften.

Empörte Kritik: an Filz und Korruption in der bosnischen Partei flackerte auch an anderen Stellen hoch. Im Dorf Mosevac, 300 Kilometer westlich von Belgrad, traten Mitte Dezember alle 750 erwachsenen Bewohner in den Hungerstreik, um so ihre Solidarität mit zwei Leitern der örtlichen Jugendorganisation zu beweisen.

Die beiden Jungkommunisten waren von einem bosnischen Gericht zu Haftstrafen verurteilt worden, weil sie die Republik Bosnien »eine Bastion des Stalinismus« genannt und die Funktionäre ihres Kreises der Korruption und Vetternwirtschaft beschuldigt hatten.

Mit einer schweren Prügelei, deren Opfer leitende Angestellte wurden, endete in den bosnischen Kreka-Kohlengruben ein Bergarbeiterstreik. 400 Kumpel setzten gegen die verschreckte Betriebsleitung eine Lohnerhöhung von 60 Prozent durch. Diese Firma ist gleichfalls praktisch pleite.

Der bosnische Arbeiterzorn hat auch die Belgrader Parteizentrale alarmiert. Direktor Tomic wurde kurzerhand gefeuert, die Traumvilla in Sarajevo ihm weggenommen.

Mit der erprobten Taktik von Zuckerbrot und Peitsche bemühte sich die Partei, der drohenden Spaltung zuvorzukommen.

Zuerst wurde der Generalstaatsanwalt an die Front geschickt, der im Fernsehen markig erklärte, die Neugründung sei ein Verfassungsverstoß; er werde gegen alle, die namhaft gemacht werden könnten, Anklage wegen Hochverrats erheben.

Zvonimir Hrabar, Chef des jugoslawischen Gewerkschaftsbundes, warnte die Rebellen vor der »Einführung eines Mehrparteien-Systems durch die Hintertür«, schlug sich in der Sache aber auf die Seite der Dissidenten: »Es ist ein Skandal, daß vor dem Parlament in Belgrad die neuesten Mercedes-Modelle stehen, während unsere Kranken sterben müssen, weil wir keine Devisen mehr für Medikamente haben.«

Die Reaktion des abgehalfterten bosnischen Spitzenfunktionärs Hamdija Pozderac sprach nicht für Einsicht: »Moral heißt: Man schwimmt im Meer, aber es gibt keine Küste.«

Inzwischen zielen die Angriffe, von serbischen Zeitungen vorgetragen, auch auf die Mächtigsten im bosnischen Clan. Die serbische Partei, die auf eine Verfassungsänderung zugunsten eines mächtigen Groß-Serbien drängt, hält die bosnischen Genossen schon seit langem für Parteigänger muselmanischer Separatisten.

Die Bevölkerung der Republik Bosnien-Herzegowina hingegen, die zur Hälfte aus Moslems besteht, mißtraut den serbischen Hegemonie-Ansprüchen und pocht auf ihre nationale Selbständigkeit.

So kommt der politische Skandal der bosnischen Führung den Serben sehr gelegen. Kürzlich hat die Belgrader Zeitschrift »Nin«, inzwischen gewaltsam auf die großserbische Linie gebracht, eine Artikelserie über jene Bosnier veröffentlicht, die im Zweiten Weltkrieg in der SS-Division »Handschar« dienten.

In einem Teil dieser Serie erschien auch ein Photo, das laut »Nin« jugendliche Angehörige der bosnischen Familie Dizdarevic in SS-Uniformen zeigt. Das prominenteste Mitglied dieser einflußreichen Sippe aber ist Raif Dizdarevic, der Außenminister, der soeben an Stelle von Pozderac zum Vize-Staatschef ernannt wurde.

Der hat zwar sofort dementiert, daß die Abgebildeten zu seiner Familie gehörten - die bosnische KP-Führung zeigte sich gleichwohl über den neuen Schlag entsetzt.

Zur Seilschaft der Bosnier aber zählt auch der ohnehin angeschlagene jugoslawische Gesamtstaats-Premier Branko Mikulic. Er hat bisher wenig Geschick gezeigt, aus der jugoslawischen Dauerkrise herauszukommen.

Auch er, der Arbeitern den Lohn stoppt und sich vergebens bemüht, die Inflation einzudämmen, die unterdessen bei 170 Prozent liegt, hat eine für die bosnische Parteiführung typische Vergangenheit.

Seine Villa in Sarajevo, so schrieben es alle Zeitungen, nicht weit entfernt vom bisherigen Denver-Domizil des Genossen Tomic, mußte er wegen »Unregelmäßigkeiten beim Bau« wieder räumen - darin residieren jetzt Revolutions-Diplomaten des Libyers Gaddafi.

Aus der Belgrader Zeitschrift »Nin«.

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