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Schnittstellen Hardware Hören und Sehen Kommunikation Im digitalen Labyrinth

Die weltgrößte Hightech-Messe Cebit präsentiert eine neue Generation vielseitiger Mobilgeräte: Handys spielen Musik und verwalten Termine, Fotokameras zeichnen Videos auf. In Zukunft soll jedes Gerät alles können. Doch für den Benutzer wird die Handhabung immer komplizierter.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Ich bin doch nicht blöd«, schäumt der Entwicklungsingenieur Roby Stancel. »Ich habe zwei Ingenieurdiplome.« Dem Faxgerät ist das egal. Er kriegt es nicht in Gang, findet die Sendetaste nicht, »weil das verdammte Ding derartig überladen ist mit Schnickschnack«. Das zugehörige Handbuch umfasst 119 Seiten.

Stancel, der sich bei der Einrichtung der Münchner Filiale der Designfirma Ideo über das widerspenstige Faxgerät erregt, spielt normalerweise nicht die Rolle des frustrierten Laien. Er steht - als maßgeblicher Entwickler der elektronischen Hand-

kalender »Palm V« und »Visor« - auf dem anderen Ufer des Flusses.

Sein Credo beim Entwerfen der beiden Geräte, so Stancel, sei immer nur das eine gewesen: »Keep it simple.« Die Rechenzwerge, »Personal Digital Assistants« (PDA) genannt, konnten anfangs nur wenig, das wenige aber gut: Adressen und Termine verwalten, fertig. Die Kunden zeigten sich dankbar dafür und belohnten die Produkte mit über 80 Prozent Marktanteil in dieser Gattung.

Ein deutliches Urteil. Dennoch galoppiert die Branche im Frühjahr 2001 großenteils in genau die entgegengesetzte Richtung: Jedes Gerät soll alles können. Die Handhabung wird immer komplizierter - und auf Seiten der Nutzer wächst der Unmut.

Am Donnerstag dieser Woche wird in der Expo-Stadt Hannover die Cebit eröffnet, die weltweit größte Leistungsschau der Computer- und Kommunikations-Branche. Eine Woche lang dürfen die Hightech-Propheten mit fast grenzenloser Aufmerksamkeit rechnen. Doch die eigentliche Neuheit wird dabei meist unter den Teppich gekehrt: Erstmals in ihrer 15-jährigen Geschichte als unabhängige Einzelmesse findet die Cebit diesmal während einer akuten Krise statt. Das Vertrauen in Hardware- und Software-Hersteller ist tief greifend gestört. Investoren wie Kunden sind mit ihrer Geduld, ihrer Neugier und ihrer Nachsicht fast am Ende.

Auch letzte Woche ging die Talfahrt der Hightech-Börsenwerte weiter: Gewinnwarnung beim Technologieriesen Siemens auf Grund einer Absatzkrise bei der Chip-Tochter Infineon. Gewinnwarnung bei Ericsson, dem viertgrößten Handy-Hersteller der Welt - befürchtete Verluste: rund eine Milliarde Mark im ersten Quartal. Die Wall Street fiel fast ins Koma und machte letzten Montag den fünftgrößten Tagesverlust ihrer Geschichte. Beim Handy-Hersteller Motorola glomm ein rabenschwarzer Hoffnungsschimmer: Zum dritten Mal seit Dezember wurde ein Stellenabbau angekündigt, 7000 Mitarbeiter müssen gehen - bei der Nachricht schnellte der Aktienkurs kurzzeitig in die Höhe.

Cebit-Chef Hubert Lange bekam das desaströse Dot.com-Sterben fast jeden Tag zu spüren: »Wenn wir eine Ausstellungshalle fertig geplant hatten«, so Lange, »kamen 10 oder 20 Absagen, und wir mussten wieder neu anfangen.«

Wie anfällig die neue Technik ist, merkten die Computer-Nutzer weltweit auch am eigenen Rechner, als im Mai der »I love you«-Virus Tausende von Netzen lahm legte und rund 20 Milliarden Mark Schaden anrichtete. Dann trudelte der visionäre Satellitentelefon-Anbieter Iridium in eine spektakuläre Pleite, der Dienst wurde billig vom US-Militär angemietet. Die Nachfrage nach Hightech-Produkten und Internet-Diensten war insgesamt enttäuschend.

Das Verblüffende an der diesjährigen Krisen-Cebit ist, wie sehr die Branche ihre Probleme verdrängt. Die meisten Hersteller, soweit sie noch existieren, machen genau so weiter wie bisher. Dabei haben die meisten ihre Hausaufgaben noch nicht erledigt: Einheitliche Speicherstandards fehlen, Strom sparende Prozessoren, ausdauernde Akkus, einfache Menüs. Doch statt umzudenken versuchen viele Firmen einfach, den alten Überbietungsmarathon weiterzurennen: Immer schneller, immer billiger - immer mehr Technikspielereien werden lieblos in hässliche Gehäuse gestopft.

Nach E-Commerce, M-Commerce (mobilem Handel) und Wap (mobilen InfoDiensten) setzt die Branche wieder auf eine neue magische Verheißung: das Zusammenwachsen von Fernsehen und Internet und Video und Foto und Musik und Telefon zu neuen Vielzweckgeräten - ein Vorgang, der im Branchenjargon »Konvergenz« genannt wird.

Dabei divergieren die Meinungen zwischen Herstellern und Kunden bisweilen gewaltig: Als die beiden Firmen Tivo und Replay ihre digitalen Videorecorder 1999 auf dem US-Markt einführten, hieß es, jeder Zuschauer werde fortan sein eigener Programmdirektor sein. Doch die Geräte fielen beim Publikum durch, anscheinend wollen die Couchpotatoes doch lieber berieselt werden: Bis Ende des vergangenen Jahres konnten nicht einmal 400 000 Geräte verkauft werden, Replay entließ mehr als ein Drittel seiner Mitarbeiter.

Dieses Jahr wuchern vor allem bei kleinen, mobilen Geräten die - mehr oder minder sinnvollen oder sinnlosen - Zusatzfunktionen:

* Handy und Walkman vereinigen sich, ein MP3-Player wird häufig ins Telefon integriert.

* Das Handy wird zur Spielkonsole - das schwedische Unternehmen Picofun hat das Action-Spiel »Fight Arena« herausgebracht, das per GPRS-Mobiltelefon gegen andere Telefonierer gespielt wird.

* Digitalkameras und Videorecorder verschmelzen miteinander - beide Geräte können beides.

* Fernseher und Rechner werden vermählt - Digitalvideorecorder organisieren interaktiv die Programmauswahl.

* Minirechner (PDA) werden zu Multimediamaschinen - die neueste Generation soll auch zum Telefonieren, Internet-Surfen und Musikhören geeignet sein, mit entsprechenden Joystick-Ergänzungen werden die Geräte spieltauglich.

Kurz: Alles verschmilzt mit allem. Auch das Überflüssige mit dem Umständlichen.

Das Prinzip der Konvergenz könnte in der Tat manches vereinfachen - wenn die-

selben Standards, Kabel, Programme und Treiber für viele Geräte passen würden, wenn die Jagd nach passenden Steckern überflüssig würde, wenn dieselben Akkus in verschiedene Geräte passten, wenn man nur noch ein Speichermedium brauchte für Video, Fotos und Musik. Doch weil gerade diese Form der branchenübergreifenden Konvergenz nicht klappt, stopfen immer mehr Hersteller einfach mehrere Geräte in ein Gehäuse, nur so lässt sich ihr Zusammenspiel garantieren.

Meist jedoch erschöpft sich die Konvergenz einfach darin, in jedes beliebige Gerät einen MP3-Player einzubauen. Viel mehr als drei Songs passen allerdings oft nicht in den Speicher, der bisweilen gerade mal für eine Viertelstunde Sound ausreicht, und das obendrein in schlechter Qualität. Wer länger Musik hören will, muss draufzahlen. Speicherkarten für eine Stunde Musik kosten mitunter 300 Mark - mehr als das Hundertfache einer wieder beschreibbaren CD oder einer Audiokassette.

Der Traum von der einen, allumfassenden Universalmaschine ist nahezu ein Jahrhundert alt. »Phonokinemato-Projekto-Epidiasko-Periskopograph« nannte der Science-Fiction-Autor Friedrich Thieme 1909 ein utopisches Gerät, das alle Bildwelten der Kaiserzeit in sich vereinen sollte. Die kaiserliche Konvergenzmaschine wurde nie gebaut. Aber der Wahn, die omnipotente Maschine lasse sich realisieren, scheint immer noch ungebrochen.

»Die Industrie ist einem Technikfieber erlegen«, schreibt Donald Norman in seinem Buch »The Invisible Computer«, »die Krankheit heißt Featuritis« - der unstillbare Hang, Geräte mit immer neuen Funktionen auszustatten, auf die Gefahr hin, dass sie dann nicht mehr zu bedienen sind. »Die meisten Frustrationen«, klagt Norman, »kommen dadurch zu Stande, dass einfach viel zu viele Funktionen in ein einziges Gehäuse gepackt werden« - der Nutzer gefangen im digitalen Labyrinth.

Anfälle von akuter Featuritis wird es auch auf dieser Cebit wieder in großer Zahl zu bestaunen geben. Und wieder wird der Versuch unternommen werden, die Messebesucher damit von den grundlegenden, ältesten und banalsten Herausforderungen der Branche abzulenken:

* Systemabstürze gehören zum Computer-Alltag. In einer Studie des Computer-Herstellers Compaq klagte jeder zweite Nutzer über dieses Problem. Auch gutes Design schützt nicht vor fehleranfälligen Prozessoren: Mitarbeiter des Visor-Herstellers Handspring warnen beim Telefon-Notdienst unverblümt: »Bei manchen Wetterlagen kann der Betrieb gestört sein, wenn die Luft elektrostatisch aufgeladen ist. Das ist der Föhn-Effekt.« Bei der Bewertung von Leistungsmerkmalen bleibt die Absturzgefährdung gleichwohl immer noch unbeachtet.

* Wichtigster Grund für die Anfälligkeit ist die schiere Größe vieler Programme - Windows 2000 zum Beispiel umfasst 29 Millionen Zeilen Code, ausgedruckt ergäbe das einen Papierstapel höher als ein 20stöckiges Hochhaus. Niemand vermag zu überblicken, ob sich eine Zeile im Erdgeschoss mit einer Zeile in Traufhöhe widerspricht. Auch die neue Version des Netscape-Browsers ist, mit 29,6 Megabyte Download-Umfang und 18 Megabyte belegtem Arbeitsspeicher, noch bevor überhaupt die erste Seite angezeigt wird, ein typisches Beispiel für monströse »Bläh-ware«.

* Die Prozessoren und Farbbildschirme vieler Kleingeräte schlucken zu viel Strom für den mobilen Betrieb. Brennstoffzellen sollen - in einigen Jahren - das Problem lösen.

* Der Informationsgesellschaft droht eine Datenvernichtung gigantischen Ausmaßes: Festplatten, Datenbänder und CDs bleiben oft nur wenige Jahre lesbar.

* Nach kaum zwei Jahren Benutzung gelten Rechner als veraltet, neue, noch größere Software-Pakete laufen nicht mehr, ein Wirrwarr von nicht zueinander passenden Steckern und Buchsen macht den Usern das Leben zur Qual.

»Die Hightech-Industrie verdrängt einfach eine Tatsache, die jedem klar ist, der ein Handy oder einen Rechner besitzt: Unsere computerisierten Werkzeuge sind zu kompliziert«, klagt Alan Cooper, Vater der verbreiteten Programmiersprache Visual Basic. »Es sind nicht die Manager, welche die Hightech-Industrie prägen«, schreibt er, »sondern die Ingenieure. In unserem Übereifer, die Möglichkeiten des Siliziums zu nutzen, haben wir die Verantwortung aufgegeben. Die Verrückten leiten die Anstalt.« Doch es gibt Anzeichen, dass die Insassen anfangen sich aufzulehnen.

»Dau«, »dümmster anzunehmender User«, so nannten sich noch vor wenigen Jahren schuldbewusst die armen Irren, die nicht in der Lage waren, einen neuen Drucker-Treiber zu installieren. Doch die Dumm-User von einst sind heute in der Mehrheit, und sie beginnen, gegen den Machbarkeitswahn der Technik-Fetischisten zu revoltieren (ironischerweise oft im Internet, auf Sites wie epinions.com, auf denen Produkterfahrungen aus der Praxis ausgetauscht werden).

Nicht einmal das Internet vermag die Leute noch uneingeschränkt in Bann zu schlagen. Rund 30 Millionen Menschen in Großbritannien und den USA haben sich aus dem Netz wieder verabschiedet, nachdem sie es ausgiebig getestet hatten. Zu diesem erstaunlichen Ergebnis kommt eine Umfrage der Soziologin Sally Wyatt unter dem Titel »They came, they surfed, they went back to the beach«. Der Sog des Internet, so Wyatt, sei weit überschätzt worden, gerade Jugendliche fänden häufig nicht, was sie suchten, und wendeten sich dann wieder verstärkt anderen Aktivitäten zu.

Dass die Computerisierung bei denen, die darüber verfügen, den Lebensstandard heben kann, ist inzwischen Konsens. Ob aber die Feature-Fülle und die Ästhetik des barocken Überschwangs, die auch in Hannover wieder zu sehen sein werden, der derzeitigen Katerstimmung in der Branche angemessen sind, erscheint zweifelhaft. Werte wie Einfachheit, Klarheit und Sparsamkeit könnten an Bedeutung gewinnen.

Die Ausstellung »workspheres« im New Yorker Museum of Modern Art zum Beispiel proklamiert für die Computer-Welt eine Art Update der kargen Bauhaus-Ästhetik: Gut gelungene, einfach und klar entworfene Geräte sind dort zusammengetragen, darunter Klassiker von Nokia, Apple und Palm, die alle dem Ideal »Die Form folgt der Funktion« gehorchen. Sie dokumentieren auch: Zu viele Funktionen führen zu Formlosigkeit und Verwirrung.

»Die Situation ist sehr ernst«, warnte Bill Buxton, Professor in Toronto, auf der internationalen Konferenz des Verbandes der Computerwissenschaftler, die letzten Mittwoch zu Ende ging. Die Krise der PC-Industrie sei selbst verschuldet, weil viele Geräte an den Alltagsbedürfnissen der Kunden vorbeigeplant sind. Auch Michael Dertouzos, Leiter des Laboratory for Computer Science am MIT bei Boston, fordert ein Umdenken hin zu »menschenzentrierten Rechnern": »Ohne einen komplett neuen Ansatz in der Computerei wird die Verwirrung immer schlimmer werden - die Informationsrevolution bliebe unvollendet.«

Normalerweise befinde sich die Gesellschaft »in einer Koevolution mit der Technik«, sagt Klaus Schrape vom Prognos Institut in Basel. Gegenwärtig sei der daraus resultierende Selektionsmechanismus jedoch gestört, »weil der Regelkreislauf der Ingenieure abgekoppelt ist vom Regelkreislauf des Marktes«. Die Hast, mit der Neuentwicklungen auf den Markt geworfen werden, führe dazu, »dass sich nichts Grundlegendes ändert« - der Verbraucher wird von Neuerungen überrollt.

In den Wirren dieser halbgaren Revolution fällt so den Nutzern die Rolle zu, misslungene, schlecht handhabbare Geräte auszusondern und damit den Weg frei zu machen für bessere Nachfolger. Offenbar machen sie neuerdings von diesem Privileg mehr und mehr Gebrauch: Sie bringen Iridium ins Trudeln und lassen unausgegorene Digitalradios eiskalt im Regal stehen. »Just say no« könnte so zur prägenden Kraft der Technik-Evolution werden.

»Es wächst eine Bewegung der ,freiwilligen Einfachheit''«, konstatiert der US-Autor David Shenk in seinem Buch »Datenmüll und Infosmog«. Und er beugt auch gleich dem Missverständnis vor, es handle sich dabei um Maschinenstürmerei und blinde Technikfeindlichkeit.

Es gehe darum, so Shenk, »der Technik zwar nicht abzuschwören, aber die einfachsten Mittel einzusetzen, die jeweils möglich sind - bevorzugt solche, deren Arbeitsweise jeder begreifen kann«.

HILMAR SCHMUNDT

* Installation »500 Channel Network« in Los Angeles.* Experiment an der University of North Carolina in ChapelHill.

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