Zur Ausgabe
Artikel 23 / 63
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ENGLAND / WÄHRUNG Im Dutzend teurer

aus DER SPIEGEL 49/1961

Als der britische Schriftsteller George Orwell nach Kriegsende seinen pessimistischen Zukunftsroman »1984« zu Papier brachte, ersann er für das triste England jener kommenden Tage ein besonderes Schrecknis: die Umstellung der britischen Währung vorn Zwölfer- auf das Dezimalsystem.

Die von Orwell düster prophezeite Dezimalwährung soll nun bereits vor dem Jahre 1984 Wirklichkeit werden. Schatzkanzler Selwyn Lloyd hat in der vorletzten Woche zugesagt, seine Regierung werde noch vor Weihnachten eine entsprechende Erklärung abgeben. Die konservative »Daily Mail« meinte, daß »Fachleute zuversichtlich einen Übergang zur Dezimalwährung erwarten«.

Die Insulaner hängen an ihrem ehrwürdigen Pfund, wiewohl ihnen diese Währung täglich nicht geringe rechnerische Pflichten auferlegt. Das Pfund Sterling (11,20 Mark) ist nämlich in 20 Schillinge unterteilt, von denen jeder wiederum aus zwölf Pence (Mehrzahl von Penny) besteht.

Dieses durch den Zwölf - Pence - Schilling gekennzeichnete sogenannte Duodezimalsystem macht den Briten seit Beginn der Industrialisierung Sorgen. Die Preise von höherwertigen Konsumgütern müssen in Pfund, Schilling und Pence angegeben werden. Nicht weniger lästig sind die Rechenoperationen, die etwa Tabakhändler vornehmen

müssen, wenn sie ihren Kunden sieben Packungen Zigaretten verkaufen, von denen jedes Päckchen einen Schilling und zehn Pence (etwa eine Mark) kostet.

Wenn beispielsweise die Rechnung eines Einzelhändlers 70 Pence ausmacht, müssen die Verkäufer diese Summe nachträglich durch zwölf teilen, um den Schillingbetrag zu erhalten. Höhere Schillingsummen müssen sie durch 20 teilen, bevor sie die Rechnung in Pfund ausstellen können. Häufig müssen beide Divisionsverfahren bei einem Verkaufsvorgang durchgeführt werden.

Da England seit mehr als 100 Jahren seine Währung nicht mehr reformiert hat, sind überdies zur Zeit noch Münzen aus der Victorianischen Ära in Umlauf. Der Kupfer-Penny (etwa fünf Pfennig) zum Beispiel ist größer als ein Fünf-Mark-Stück. Ein weiteres Kuriosum ist das Drei-Pence-Geldstück, das mit seinen zwölf Ecken jedem Münz-Panoptikum Ehre machen würde. Bei einer Reform würden die alten Pence-Stücke wegfallen.

Das Duodezimalsystem besitzt indes auch Vorteile. Während sich die Zehn nur durch zwei und die wenig brauchbare Fünf dividieren läßt, gehen in der Zwölf die weitaus nützlicheren Faktoren zwei, drei und vier auf. Man braucht mithin nicht 0,33 zu schreiben, wenn man den Schilling drittelt.

Dennoch ist das Zwölfersystem, das die Sumerer im dritten Jahrtausend vor Christi Geburt ausgeklügelt hatten, in den letzten 150 Jahren nur selten angewandt worden. Entsprechend der Zahl der Finger und Zehen zogen es die Völker meist vor, ihr Geld nach dem Dezimalsystem zu zählen. Das beginnende Industriezeitalter schließlich verdrängte die komplizierten Duodezimalwährungen nahezu vollständig.

»Es war ein unfreundlicher Witz der Natur«, quengelte der englische Geschichtsphilosoph Arnold Toynbee, »daß sie einerseits einigen Stämmen der Wirbeltiere je sechs Zehen für ihre Gliedmaßen bescherte, ohne die Besitzer dieser wunderbaren natürlichen Rechenmaschine mit der intellektuellen Fähigkeit zu mathematischen Berechnungen auszustatten, andererseits aber dem Genus Homo nur eine schäbige Reihe von Fingern und Zehen zubilligte, die nicht nach Dutzend und zwei Dutzend zählten, sondern nach zehn und zwanzig.«

England wurde nun allmählich, so erkannte der Philosoph, »zum letzten noch existierenden Monument eines unpraktischen genialen Einfalls der Sumerer«. Die Schulpflichtigen müssen nicht nur rechnen lernen, sondern auch »Geldrechnen« (money sums), ein Schulfach, das es sonst nirgends in der Welt gibt.

Dieses zweigleisige Rechensystem belastet die Hirne erheblich: In keinem anderen Land verrechnen sich Zigarettenhändler und Postbeamte so häufig und mit so viel Verlust wie in England. In Wirtschaft und Handel müssen kostspielige Buchungsmaschinen die notwendigen Umrechnungen vornehmen. Vor allem Englands ausländische Handelspartner beklagten sich immer wieder über die komplizierte Umrechnung.

Daß England trotz dieser Widrigkeiten so lange an seinem Währungssystem festgehalten hat, geht zum Teil auf politische Erfordernisse, zum Teil auf die verbreitete Vorliebe für Traditionen und nicht zuletzt auf bloße Trägheit zurück. ImVerlauf des vergangenen Jahrhunderts hatten unter dem Einfluß der Napoleonischen Verwaltung der Franc, die Mark und die Lira ihr dezimales Grundschema erhalten. Gerade die Tatsache, daß der Erzfeind Napoleon für die Dezimalwährung verantwortlich war, machte den Briten dieses System verdächtig.

So scheiterten bereits im vergangenen Jahrhundert mehrere Versuche, das Pfund den Währungssystemen Europas anzupassen. Mehrere Kommissionen von Parlament und Regierung empfahlen seit 1838 vergebens den Übergang zum Dezimalsystem.

Erst 1955, als der seherische George Orwell bereits das Zeitliche gesegnet hatte, regte sich in England erneut der Wunsch nach einer Dezimalwährung. Zugleich wurde die Forderung laut, man solle die britischen Maße und Gewichte, die gleichfalls auf dem Zwölfersystem fußen, reformieren. Als das Massenblatt »Daily Mirror« Anfang dieses Jahres eine Umfrage unter seinen Lesern veranstaltete, sprachen sich 54 Prozent für die Reform aus.

Dieser Sinneswandel hatte mehrere Ursachen. Der Hauptgrund war, daß sich England anschickt, dem Gemeinsamen Markt beizutreten, dessen Mitglieder alle nach dem Dezimalsystem fakturieren. Obendrein sind in den letzten Jahren die wichtigsten Commonwealth-Länder vom Zwölfersystem abgefallen. Den Anfang machten Englands karibische Besitzungen bereits im Jahre 1948; Aden folgte 1951, Indien und Pakistan gingen 1957 zur Dezimalwährung über. In diesem Jahr schloß sich auch Südafrika diesem Schritt an, und endlich entschieden sich sogar die anhänglichsten Commonwealth-Mitglieder, Australien und Neuseeland, für den Anschluß an die Neuzeit.

Besonders die Erfahrungen Südafrikas erwiesen sich für die Engländer als lehrreich. Dort wurde zu Beginn dieses Jahres der »Rand«, so genannt nach dem Goldminenbezirk bei Johannesburg, zur offiziellen Währungseinheit erklärt Er entspricht der Hälfte eines Pfundes, nämlich zehn Schillingen, und wurde in 100 Cent unterteilt. Jeder südafrikanische Cent ist ein wenig mehr wert als ein alter Penny.

Die befürchteten Schwierigkeiten bei der Währungsumstellung blieben in Südafrika aus. Lediglich die Pfarrer murrten: Da neuerdings keine Geldstücke zu 25 Cent geprägt werden, legen die Gläubigen bei der Sonntagskollekte statt der einst üblichen »Half a crown« (zweieinhalb Schilling) nur noch 20 Cent in den Klingelbeutel, wodurch die Kirche nur noch vier Fünftel ihrer bisherigen Kollekte erhält.

Nach den guten Erfahrungen der Südafrikaner mit der Währungsumstellung haben neuerdings auch streng konservative Briten den alten Duodez -Komplex kompensiert. Sogar die Beaverbrook-Presse, die sonst den konservativen Spießer mit Vorurteilen versorgt, stimmte in die Penny-Serenade ein. Auf die Revolte im Commonwealth anspielend, schrieb der »Sunday Express": »Viele Exporteure spüren bereits, daß europäische Kunden nicht verstehen, wovon die Vertreter reden. Es wäre katastrophal, wenn unsere Freunde im Commonwealth beginnen würden, diese Verwirrung zu teilen.«

Die britische Regierung ist zu der radikalen Änderung bereit. Nur über die Methode ist man sich noch nicht einig. Während der britische Handelskammer-Verband den »überwältigenden Wunsch« festgestellt haben will, »aus Prestige- und Gefühlsgründen« das Pfund, lediglich in 100 Cent oder tausend Mils unterteilt, in seinem Wert zu erhalten, möchte Macmillan das Pfund zunächst auf zehn Schilling (5,60 Mark) halbieren. Jeder Schilling soll dann in zehn statt bisher zwölf Pence unterteilt werden. Dieser Pfund -Kurs nämlich, so ließ sich Macmillan vernehmen, läge in der Nähe des Dollar-Kurses (vier Mark).

Mit den geplanten Pfund-Reformen wird es nicht sein Bewenden haben. Fortschrittliche Wirtschaftszweige wie die Chemie-Industrie und die Fluggesellschaften sind bereits stillschweigend dazu übergegangen, die britischen Maß- und Gewichtseinheiten durch Zentimeter und Gramm zu ersetzen.

Paris-Presse

»Kommen Sie rein, Mac - aber ohne den Plunder!«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 23 / 63
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.