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»Im Fall der Fälle eine Große Koalition«

SPIEGEL-Interview mit dem nordrhein-westfälischen Oppositionsführer Bernhard Worms (CDU) *
aus DER SPIEGEL 34/1984

SPIEGEL: Herr Worms, in neun Monaten wird in Nordrhein-Westfalen gewählt. Wenn Sie die regierende SPD ablösen wollen, läßt sich das nach den voraussichtlichen Mehrheitsverhältnissen nur machen, wenn die FDP Ihnen als Koalitionspartner zur Verfügung steht. Derzeit krebst sie, sagen Demoskopen, bei höchstens dreieinhalb Prozent herum.

WORMS: Wir dürfen und wir werden nicht für die FDP die Totenglocke läuten. Aber die Freien Demokraten müssen sich im klaren darüber sein, daß es bei den beiden kommenden Wahlen - Kommunalwahlen im September, Landtagswahlen im Mai - im bevölkerungsreichsten Bundesland um ihre allerletzte Chance geht. Ganz gleich, mit wem sie antreten.

SPIEGEL: Sie treten an mit Jürgen Möllemann, dem FDP-Landesvorsitzenden. Der hat sich als Wahlschlager Erstaunliches einfallen lassen: ein mit fünf Themen bestücktes Volksbegehren. Was halten Sie davon?

WORMS: Das hab' ich morgens beim Frühstück in der Zeitung gelesen. Verdammt noch mal, hab' ich gedacht, wie soll denn so was gehen?

SPIEGEL: Möllemann will durch Plebiszit entscheiden lassen, ob in den Schulen und Universitäten mehr Leistung gebracht werden soll ...

WORMS: Ein Entscheid des Volkes wird rechtswirksam, wenn 2,5 Millionen Unterschriften und ein fertig formuliertes Gesetz vorliegen. Wie will man denn Leistung in der Schule kodifizieren? Man kann morgens früher aufstehen und abends einen Kursus besuchen. Leistung kann doch nicht plebiszitär befohlen werden.

SPIEGEL: Zwei Möllemann-Themen, die immerhin in Gesetzesform gekleidet werden könnten, sind die Korrektur der kommunalen Neuordnung von 1975 und die Zulassung von privatem Rundfunk.

WORMS: Zur Gebietsreform: Es gibt sicher Bürger, die immer noch unzufrieden sind, da muß man sich was einfallen lassen. Ich denke da an eine neutrale Prüfungskommission. Eine grundlegende Neuauflage der Neuordnung halte ich für undenkbar.

SPIEGEL: Und der Privatfunk?

WORMS: Ja nun, das ist doch in unserem Lande auf dem Wege zum Gesetz. Die FDP kann stolz darauf sein, daß sie das damals durch ihre Volksbegehren-Drohung außerparlamentarisch mit angestoßen hat.

SPIEGEL: Also ein Gag des PR-Spezialisten Möllemann, bei dem nur ein Referendum übers schöne Wetter im Sommer fehlt und das Verbot, im Rhein Hochwasser zu führen?

WORMS: Herr Möllemann hat sich bestimmt dabei etwas gedacht, obgleich ich mich frage, wer eigentlich seine Berater waren.

SPIEGEL: Sein Landesvorstand hat von dem Projekt nichts gewußt.

WORMS: Ich halte das Ganze aus pragmatischen, gesetzgeberischen und allgemeinpolitischen Gründen für nicht machbar. Wer für Privatfunk ist, muß der gleichzeitig gegen Gebietsreform sein?

SPIEGEL: War das vielleicht Möllemanns letzter Coup? In Bonn und in Düsseldorf lautet die Frage doch nur noch, ob Möllemann seinen Platz als Spitzenkandidat in einem Monat oder in vier Monaten räumen muß.

WORMS: Ich mische mich prinzipiell nicht in die Personalangelegenheiten der FDP ein.

SPIEGEL: Aber es kann Ihnen doch nicht egal sein, ob die FDP mit einem Kandidaten weiterzieht, der nur noch um das eigene Überleben kämpft. Wäre es aus Ihrer Sicht nicht besser, wenn die FDP Möllemann austauschen würde, etwa gegen Irmgard Adam-Schwaetzer?

WORMS: Frau Adam-Schwaetzer wäre sicher keine schlechte Wahl, aber das muß die FDP entscheiden. Für mich ist Herr Möllemann der Spitzenkandidat der FDP.

SPIEGEL: Kommt die FDP nicht in den Landtag, schaffen es aber die Grünen, was so gut wie sicher ist, dann kann es an Rhein und Ruhr zu hessischen Verhältnissen kommen - vorausgesetzt, die SPD erreicht nicht die absolute Mehrheit. Was dann?

WORMS: Daß die SPD das nicht mehr schafft, ist sicher. Nehmen wir das schlechteste aller denkbaren Modelle: Wenn sie dann gegen uns koalieren will, werden wir uns was einfallen lassen.

SPIEGEL: Auch eine Große Koalition?

WORMS: Ja. Aber nur für diesen theoretischen Fall der Fälle, im Notstand sozusagen und befristet.

SPIEGEL: Worms als Minister in einem Kabinett Rau?

WORMS: Warum sagen Sie nicht: Rau als Minister in einem Kabinett Worms? Aber solche Fragen können erst nach einer Wahl geklärt werden. Ich kann mir auch ganz gut vorstellen, daß ich, wenn es wider Erwarten so kommt, Fraktionschef bleibe.

SPIEGEL: Oder gehen Sie dann nach Bonn, zu Ihrem Duzfreund Helmut Kohl ins Kabinett?

WORMS: Die Möglichkeit, einen Kabinettsposten zu bekleiden, war 1982/83 schon da. Ich bleibe im Lande, auch wenn ich die Wahl verlieren sollte. Ich bin hier seit 30 Jahren tätig und will auch meine weitere politische Laufbahn hier verbringen, ich gehe davon aus: als Regierungschef.

SPIEGEL: Meinungsforscher geben der SPD in NRW zur Zeit 46 Prozent und der CDU knapp über 40.

WORMS: Da haben wir aber ganz andere Zahlen.

SPIEGEL: Welche denn?

WORMS: Denken Sie an den letzten Infas-Bericht, der uns wachsende Popularität in NRW bescheinigt. Und die Bundestags- und Europawahlen haben uns bestätigt. Von solcher Rechnerei halte ich, wie Helmut Kohl, überhaupt nichts.

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